mini|Die chinesische Mauer, der längste und besterhaltene historische Kordon der Welt
Kordon (auch Grenzbefestigung) bezeichnet hier die bauliche, technische oder landschaftliche Gestaltung einer Grenze oder eines Grenzhinterlandes. Das kann ein sich in die Länge erstreckendes System von Festungen oder Befestigungsanlagen (Mauern, Zäune, Wälle etc.) sein, das meistens entlang einer politischen Grenze eines Staatsterritoriums errichtet wird. Dies kann Schutz-, Verwahrungs- oder Verteidigungsfunktionen für die äußere Sicherheit oder auch nur symbolischen Wert besitzen. Zur Sicherung der Winterquartiere von militärischen Verbänden bzw. Truppenteilen wurden ebenfalls Kordonsysteme eingesetzt.
Grundlagen mini|Historische Karte mit Verlauf der Braunschweiger Landwehr (1608) Die Bandbreite der Möglichkeiten ist groß und reicht von frühgeschichtlichen Bepflanzungen mit Sträuchern oder Hecken über Zäune, Mauern, Gräben und Wälle bis hin zu Großbauwerken auch mit Wasserhindernissen, Minengürteln oder modernen elektrisch oder elektronisch gesicherten Anlagen.
Das Wort stammt von franz. cordon „Schnur“ und bezeichnet allgemein eine Reihe unter sich in Verbindung stehender Militärposten oder eine Postenkette zur Grenzbewachung, zur Absperrung von Ortschaften und größeren Gebietsteilen bei Seuchen und Ähnlichem.
Teil einer Kordonbildung konnte es auch sein, im zu sichernden Raum gezielt bestimmte Bevölkerungsgruppen anzusiedeln, die im Fall eines Einmarsches oder einer Infiltration rasch Truppen gegen den eindringenden Feind stellen konnten. Diesen „Wehrsiedlern“ wurden oft Privilegien (z. B. Steuervorteile, Religionsfreiheit, Freistellung von sonstiger Heeresfolge, verbilligtes oder kostenloses Land) zur Sicherung und Erhöhung der Loyalität gewährt. Beispiele sind die österreichisch-ungarischen Grenzer, Teile der Kosaken oder die ersten israelischen Siedlungen, die zunächst bewusst entlang der Grenze zu Jordanien errichtet wurden.
Geschichtliche Entwicklung mini|Der römische Hadrianswall in Nordengland aus dem 2. Jh. mini|Victoria Lines auf Malta mini|Spezial-Grenzzaun für Wüstengebiete, der an die sich verändernden Sanddünen angepasst werden kann.Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko, Algodones-Dünen, Kalifornien Schutzwälle gegen eindringende Feinde sind seit der Vorgeschichte bekannt. Beispiele sind die große Chinesische Mauer und der römische Limes. In Europa ist die Methode als Landwehr bis in die frühe Neuzeit verbreitet.
Durch die Ausbreitung in die Länge zieht diese Form der Befestigung eine Zersplitterung eventuell angreifender militärischer Kräfte nach sich, die oftmals in keinem Verhältnis zum geplanten bzw. zu erzielenden militärischen Nutzen steht. Der Kordon eignet sich daher eher zur Abschreckung eines potenziellen Aggressors.
Im 18. Jahrhundert wurden Kordons besonders vom österreichischen Generalfeldzeugmeister Franz Moritz Graf von Lacy im Bayerischen Erbfolgekrieg genutzt. Während sich die preußischen Festungen bereits im Feldzug von 1807 als weitgehend nutzlos gegen Napoleons mobile Kriegsführung erwiesen, konnte Wellington im Halbinselkrieg 1811 von den Linien von Torres Vedras effektiven Gebrauch machen und so Frankreich eine empfindliche Niederlage zufügen. Nach dem Ende der Kabinettskriege senkten aber die auf Wehrpflicht beruhenden Massenarmeen und eine zunehmend mobile Kriegsführung allgemein die Vorteile von Kordons, so dass man ab Mitte des 19. Jahrhunderts auf das Kordonsystem zunehmend verzichtete, zumal es bei einem Durchbruch Gelegenheit zum Aufrollen der Verteidigungslinie bot. Zudem senkte moderne Belagerungsartillerie mit Geschützrohren aus Stahl den Wert von Befestigungsmauern drastisch. Stattdessen sorgte man für eine genaue Beobachtung der zu schützenden Gebiete, sammelte die Truppen an zentralen Punkten und trat dem Gegner dann im Einsatzraum mit Übermacht entgegen.
Carl von Clausewitz schreibt in seinem Werk Vom Kriege:
Wiederbelebt wurde das System im Stellungskrieg des Ersten, den Festungswerken der Zwischenkriegszeit, und den deutschen Wallprojekten des Zweiten Weltkriegs. Während es im waffentechnisch schon modernen, in Bezug auf die motorisierte Mobilität aber noch unentwickelten ersten großen Krieg zu entsetzlichen Verlusten an Soldaten ohne sonderlichen Landgewinn führte, sind die Projekte des zweiten großen Krieges – in der falschen Vermutung, der kommende Krieg würde dem ersten gleichen – der Clausewitzschen Analyse entsprechend weitgehend wirkungslos geblieben.
Im Lauf des 20. Jahrhunderts kehrte sich der Zweck des Kordons um: Er dient nun primär zivilen Aspekten zur Verhinderung von unkontrollierten Fluchten bzw. der Migration (-> Illegale Migration, z. B. Eiserner Vorhang mit Berliner Mauer, Grenze Nord-/Südkorea, Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko). Das umfasst auch den Kontext des „Kriegs gegen den Terrorismus“ seit Beginn des 21. Jahrhunderts.
Beispiele (Auswahl) mini|Die Berliner Mauer (1961–1989) miniatur|Von israelischer Sperranlage auf drei Seiten eingeschlossenes palästinensisches Haus in Bethlehem miniatur|Ungarischer Grenzzaun mini|Grenzzaun bei Ceuta mini|Die türkisch-syrische Mauer (links Mazra at'Blah (Syrien), rechts Cizre (Türkei), 2018) Bekannte Kordons in der politisch-geographischen und Militärgeschichte:
Antike Chinesische Mauer: Längster und besterhaltener historischer Kordon weltweit Große Mauer von Gorgan: Die älteste und längste Mauer im Iran und nach der Chinesischen Mauer die zweitlängste Mauer Asiens Hadrianswall Obergermanisch-Raetischer Limes
Mittelalter Franzensfeste Danewerk
Neuzeit Barrièrefestungen (Niederlande/Frankreich, 1709 / 1713 / 1715–1781) Düppeler Schanzen Fossa Eugeniana Linien von Torres Vedras Landesfestung Ingolstadt (klassizistischen Festungsanlage, 1828–1849 errichtet) Militärgrenze und Husarenkordon (Österreich, Ungarn/Osmanisches Reich), Barrière de fer (nach dem Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) in Frankreich errichtet) Victoria Lines
Erster Weltkrieg „Westfront“: Verdun, Somme, Chemin des Dames u. v. m. „Siegfriedstellung“ „Südfront“ (Alpenkrieg)
1919–1945 Atlantikwall (1942–1944 gebaut) Maginot-Linie (1930–1940 gebaut) „Ostwall“ (1934–1939 gebaut) Tschechoslowakischer Wall (1933–1938 gebaut) „Westwall“ (entspricht „Siegfried-Linie“, 1938 bis 1940 gebaut)
Nach dem Zweiten Weltkrieg „Eiserner Vorhang“, siehe auch „Berliner Mauer“ und „Grenzbefestigungen der Tschechoslowakei im Kalten Krieg“ Kaschmir-Konflikt
Aktuell
Ägyptische Sperranlagen zum Gazastreifen „Friedenslinien“ in Nordirland Grenze zwischen Belarus und Polen Grenze Nordkorea/Südkorea Grenze Republik Zypern/Türkische Republik Nordzypern Grenze zwischen dem Irak und Saudi-Arabien Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko Griechischer Grenzzaun zur Türkei Grenze zwischen Südafrika und Mosambik Grenze zwischen Südafrika und Simbabwe Grenzzaun bei Ceuta Israelische Sperranlagen zum Gazastreifen und zum Westjordanland Marokkanischer Wall in der Westsahara Türkisch-iranische Grenzmauer Türkisch-syrische Grenzmauer Ungarischer Grenzzaun
Siehe auch Demarkation Entmilitarisierte Zone Grenzanlage (Sachenrecht) Grenzbefestigungen Bulgariens, Grenzbefestigungen der Schweiz, Grenzbefestigungen der Tschechoslowakei im Kalten Krieg „Tear down this wall!“ Wallanlage Wildschweinzaun
Literatur Steffen Mau: Sortiermaschinen – Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert. Verlag C. H. Beck Paperback, Edition Mercator 2021, ISBN 978-3-406-77570-3 Delphine Papin, Bruno Tertrais; aus dem Französischen von Birgit Lamerz-Beckschäfer: Atlas der Unordnung – 60 Karten über sichtbare, unsichtbare und sonderbare Grenzen. wbg Theiss Darmstadt 2022, ISBN 978-3-8062-4427-4
Weblinks
Einzelnachweise
! Kategorie:Befestigungstyp Kategorie:Festungsbau