Als Olympia-Eichen werden die Eichen bezeichnet, die den Siegern der Olympischen Sommerspiele 1936 zusätzlich zur Goldmedaille überreicht wurden.
In den sportlichen Disziplinen wurden mit 130 Goldmedaillen ebenso viele Olympia-Eichen an siegreiche Einzelsportler und Mannschaften vergeben; zusätzlich gab es elf Medaillen und Eichen in den olympischen Kunstwettbewerben. Einige dieser Olympia-Eichen wurden nach der Rückkehr der Gewinner in deren Ländern gepflanzt und sind bis heute erhalten. mini|Speerwerferin Tilly Fleischer mit ihrer Olympia-Eiche bei den Olympischen Spielen 1936
Geschichte Bei den Olympischen Sommerspielen in Berlin 1936 erhielt jeder Sieger einer bestimmten Disziplin neben der Goldmedaille eine Urkunde, einen Eichenkranz und einen etwa 50 bis 70 Zentimeter großen einjährigen Setzling einer deutschen Stieleiche („Quercus pedunculata“). Dieser befand sich in einem braunen Keramiktopf mit der Aufschrift „Wachse zur Ehre des Sieges – rufe zur weiteren Tat“. Während der Spiele wurden in 19 verschiedenen Sportarten mit 129 Disziplinen 130 Goldmedaillen verliehen,Im Gewichtheben (Leichtgewicht) erhielten sowohl der Österreicher Robert Fein als auch der Ägypter Anwar Misbah bei identischer Leistung eine Goldmedaille; eine Silbermedaille in diesem Wettbewerb wurde nicht vergeben. mit den Kunstwettbewerben kamen weitere 11 Goldmedaillen hinzu, was eine Gesamtzahl von 141 Goldmedaillensiegern und -siegerinnen ergab (auch bei Mannschaftswettbewerben wurde nur eine Eiche pro Team vergeben).
Die Idee zu der bis heute einmaligen Aktion hatte ein Zehlendorfer Gärtner namens Hermann Rothe, der auch einen „bequem zu handhabenden Karton […] mit genauer Anweisung für die Pflege“ vorsah.Eichbäumchen an die Olympischen Sieger, Deutsche Zeitung, Celje, 4. Juni 1936, S. 4 Nr. 45 Das Organisationskomitee sah darin ein „schönes Sinnbild deutschen Wesens, deutscher Kraft, deutscher Stärke und deutscher Gastfreundschaft“ und stimmte zu.
Symbolik Die Symbolik der Olympia-Eichen, deren Standorte nur noch bei wenigen Exemplaren bekannt sind, kann zwiespältig wahrgenommen werden: Einerseits missbrauchten die regierenden Nationalsozialisten die Spiele erfolgreich als Propagandaforum, um sich gegenüber dem In- und Ausland positiv darzustellen (wozu auch der Symbolgehalt der Eiche für „deutsches Wesen, deutsche Kraft und Stärke und deutsche Gastfreundschaft“ gehörte und diesen Eichen im englischsprachigen Raum unter anderem die Bezeichnung Hitler's tree, canada.com, 18. August 2008 einbrachte), andererseits wurde die Eiche zur „Ehre des Sieges“ verliehen und sollte mit ihrer langjährigen Präsenz an die erfolgreichen Olympioniken erinnern.
Rabbi Marvin Hier, der Vorstand und Gründer des Simon Wiesenthal Centers, äußerte sich, dass er und seine Organisation so lange keinen Einwand gegen diese olympischen Bäume hätten, so lange sie nicht als Verehrungsstätten für Hitler oder den Nationalsozialismus missbraucht würden: „Es kommt darauf an, was auf der Plakette steht. Aber ich würde den Baum nicht fällen lassen wollen, wenn er für einen Olympiasieger gepflanzt wurde.“Jerry Crowe: To protect and preserve a tree rooted in Games, Los Angeles Times, 20. August 2007
Im Vorfeld der Olympischen Spiele 2000 in Sydney schlug der australische Schwimmolympiasieger von 1964, Kevin Berry, vor, die Übergabe von Baumsetzlingen auch in Sydney zu praktizieren: „I wished I had been given such a memento from my victory in 1964.“ (frei übersetzt: „Ich hätte mir ein solches Erinnerungsstück an meinen Sieg 1964 gewünscht.“) Er erinnerte an die ursprünglich mit der Eiche verbundene Mystik und Tradition, wollte der Symbolik aber einen anderen Gehalt geben: „We are continually being told to plant more trees and if only a few seedlings make it into the ground after an Olympic Games then we will be making a contribution to the greening of our planet.“ (frei übersetzt: „Uns wird regelmäßig gesagt, mehr Bäume zu pflanzen, und wenn nur ein paar Setzlinge nach Olympischen Spielen gepflanzt werden, tragen wir zur Begrünung unseres Planeten bei.“) Seine Anregung wurde allerdings nicht aufgenommen.
Standorte und Verbleib einzelner Eichen Ägypten Zwei Goldmedaillen; der Verbleib der beiden Eichen ist ungeklärt. Anwar Misbah gewann das Gewichtheben im Leichtgewicht und Khadr Sayed El Touni im Mittelgewicht. Es gibt weder Information, ob ihre Eichen Ägypten erreichten, noch, ob sie gepflanzt wurden.
Argentinien Drei Goldmedaillen; eine Eiche (von der es mittlerweile mehrere Ableger gibt) steht in Buenos Aires; der Verbleib der zweiten Eiche ist ungeklärt. Argentinisches Polo-Team: Auf Vorschlag von Juan Diego „Jack“ Nelson y Duggan (1891–1985), einem Goldmedaillengewinner des Polo-Teams der Olympischen Sommerspiele 1924 in Paris, wurde die Eiche des 1936 siegreichen argentinischen Polo-Teams auf dem Campo Argentino de Polo im Stadtteil Palermo der Hauptstadt Buenos Aires zwischen zwei Spielfeldern gepflanzt.
50 Jahre später, 1986, wurde je ein Ableger dieser Eiche an die beiden letzten noch lebenden Mitglieder des 1936er-Polo-Teams, Roberto Cavanagh (1914–2002) und Luis Duggan (1906–1987), überreicht. Es soll in Argentinien weitere Ableger dieser Eiche geben, die sich die dortigen Fans des Polo-Sports aus Eicheln des Baumes gezogen haben.
Britisch-Indien Eine Goldmedaille; der Verbleib der Eiche ist ungeklärt.Bestätigung nach Anfrage beim National Hockey Museum, Dartford, UK, im Februar 2014Auch in seiner Autobiografie Goal! (veröffentlicht von Sport & Pastime, Chennai, 1952) erwähnt Dhyan Chand die Olympia-Eiche nicht. Nach dem Finale am 15. August 1936 ging das Team auf Tour durch Europa und hatte schließlich eine Woche Ferien in London. Danach nahm das Team ein Dampfschiff zurück nach Indien und kam dort am 29. September – 6 Wochen nach dem Finale – in Bombay an. Auch der abschließende Bericht des Team-Managers erwähnt die Olympia-Eiche nicht. Die Indische Hockeynationalmannschaft der Herren errang – nach 1928 und 1932 – ihre dritte Goldmedaille in Folge. Die Übergabe der Eiche an den Kapitän Dhyan Chand Singh beschrieb der Spieler Mirza Nasiruddin MasudMirza Nasiruddin Masud bei The Wisdom Fund mit den Worten: „Gegenüber den Ehrenlogen marschierten wir in das Stadion ein und Dhyan Chand erhielt im Namen der Mannschaft und des Landes von einem blonden, deutschen Mädchen eine 28 Zoll hohe Eiche in einem speziellen Topf, der mit der Olympiaglocke geschmückt war.“Auszug aus der Beschreibung von M. N. Masud
Deutschland 38 Goldmedaillen; Eichen befinden sich in Berlin, Frankfurt am Main (ersetzt), Freyburg an der Unstrut, Gladbeck, Hamburg, Köln, Mannheim, München, Warendorf, Wuppertal, …; der Verbleib von einigen Eichen ist ungeklärt. Auf der Insel Kälberwerder in Berlin wurde die Eiche gepflanzt, die der Männer-Zweier mit Steuermann (Dieter Arend, Herbert Adamski und Gerhard Gustmann) des Ruderklubs am Wannsee erhalten hatte. Die Eiche, die Tilly Fleischer für ihren Sieg im Speerwurf erhalten hatte, wurde auf der linken Seite des Haupteingangs des Waldstadions in Frankfurt am Main gepflanzt. Nachdem der Baum gefällt werden musste, hat Tilly Fleischer im November 1998 die jetzige Nachfolgereiche gepflanzt. Ein Schild erinnert an den Olympiasieg.Eintracht Frankfurt Die beiden Eichen für die Mannschaftssiege im Turnen der Herren (errungen von Alfred Schwarzmann, Konrad Frey, Matthias Volz, Willi Stadel, Franz Beckert, Walter Steffens, Innozenz Stangl und Ernst Winter) und der Damen (errungen von Gertrud Meyer, Erna Bürger, Käte Sohnemann, Isolde Frölian, Anita Bärwirth, Paula Pöhlsen, Friedl Iby und Julie Schmitt) wurden am Grab von Friedrich Ludwig Jahn im Hof von dessen einstigem Wohnhaus in Freyburg an der Unstrut gepflanzt. Willy Kaiser, Fliegengewichtsolympiasieger im Boxen, pflanzte seine Olympia-Eiche nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft im Jahre 1949 am Stadion Gladbeck in Gladbeck. 1993 wurde am Fuß der Eiche eine Gedenktafel angebracht. Die Olympia-Eiche des Hammerwerfers Karl Hein befindet sich auf dessen Privatgrundstück in Hamburg-Alsterdorf. Toni Merkens war Olympiasieger im Bahnrad-Sprint. Seine Eiche wurde von ihm selber beim Radstadion in Köln angepflanzt.Kölner Sportstätten Die Eiche, die der Vierer mit Steuermann (Hans Maier, Walter Volle, Ernst Gaber, Paul Söllner und Fritz Bauer) für seinen Olympiasieg erhielt, befindet sich im Garten des Clubhauses des Mannheimer Rudervereins Amicitia in Mannheim. Die Olympia-Eiche, die die Diskuswerferin Gisela Mauermayer erhielt, wurde am 3. September 1936 im Eichenhain des Alten Botanischen Gartens in München gepflanzt.Stadtchronik München 1936 Im Reitsport gewannen die deutschen Athleten alle sechs Goldmedaillen, die vergeben wurden: Heinz Pollay gewann in der Dressur die Einzelwertung und gemeinsam mit Friedrich Gerhard und Hermann von Oppeln-Bronikowski die Mannschaftswertung, Ludwig Stubbendorff gewann die Einzelwertung und gemeinsam mit Rudolf Lippert und Konrad von Wangenheim auch die Mannschaftswertung im Military und Kurt Hasse war beim Springen sowohl im Einzel, als auch in der Mannschaft mit Marten von Barnekow und Heinz Brandt erfolgreich. Alle sechs Eichen wurden zunächst auf dem Gelände der Kavallerieschule der Reichswehr in Hannover gepflanzt und später in die Heeres-Reitschule nach Krampnitz bei Potsdam versetzt. Einer der Bäume wurde nochmals umgesetzt auf den Turnierplatz des Bundesleistungszentrums des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei (DOKR) in Warendorf. Herbert Runge ist der bisher einzige deutsche Schwergewichtsolympiasieger im Boxen. Seine Olympia-Eiche befindet sich auf der Südostseite des Stadions am Zoo in Wuppertal, wo sie als einzige Eiche in einem Birken- und Buchenwald auffällt. Eine Gedenktafel am Zaun, der das Waldstück vom Gästebereich des Stadions trennt, erinnert an den verstorbenen Boxer.
Estland Zwei Goldmedaillen; zwei Eichen in Tallinn, die heute nicht mehr existieren. Kristjan Palusalu gewann sowohl die Goldmedaille im Freistilringen als auch die im griechisch-römischen Stil, jeweils in der höchsten Gewichtsklasse. Er war der einzige estnische Olympiasieger 1936. Palusalu wurde bei seiner Rückkehr nach Estland als Nationalheld gefeiert. Zu seinen Ehren wurden zahlreiche Eichen im ganzen Land gepflanzt. Die Eichensetzlinge aus Berlin wurden am 23. August 1936 im Kadrioru staadion von Tallinn gepflanzt.Filmbericht der estnischen Wochenschau (Um das Video zu sehen, auf das dortige Link Vaata videoklippe klicken.) Beide Bäume fielen dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer.Kadrioru staadionile istutatakse olümpiatammed, uudised.err.ee, 8. September 2004
Finnland Acht Goldmedaillen; eine Eiche überstand die Reise nicht; der Verbleib einer Eiche in Helsinki ist ungeklärt; die Eichen in Kerava, Tali/Helsinki, Viipuri und Tervalampi/Vihti gingen ein; diejenige in Lapua steht heute noch dort; in Joutseno steht der Ableger einer Olympia-Eiche. Gunnar Höckert war Olympiasieger im 5000-Meter-Lauf. Seine Eiche wurde in der Nähe des damals gerade in Bau befindlichen Olympiastadions in Helsinki gepflanzt. Es liegt keine weitere Information vor und es wird vermutet, dass diese Eiche einging.Diese Information wurde von der Abteilung Arkistoinfo (Archivinformation) des Suomen Urheiluarkisto (Finnisches Sportarchiv) im Suomen Urheilumuseosäättö (Sportmuseum von Finnland), am 24. Februar 2014 mitgeteilt und ist auch hier dokumentiert. Volmari Iso-Hollo gewann 1936 das 3000-Meter-Hindernisrennen und pflanzte seine Eiche in seinem Garten in Kerava. In den frühen 1950er Jahren ging diese Eiche ein. mini|Gedenktafel an der Eiche in Lapua Lauri Koskela errang den Sieg im Ringen im griechisch-römischen Stil; seine Eiche wurde 1939 im Garten des Rathauses von Lapua gepflanzt und steht dort heute noch. (finnisch)