Stadtmorphologie ist ein Forschungsgebiet der Stadtplanung, des Städtebaus und der Stadtgeographie.
Die Stadtmorphologie befasst sich mit den Siedlungs- und Stadtformen sowie mit den physischen Formungsprozessen innerhalb der Siedlungskörper. Gegenstand ist somit die Struktur der Bebauung, die Parzellenbildung als Grundlage für Bauten, die Gebäudetypologie und die Netze der Erschließung.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt in der historischen Analyse der Entwicklung und der Transformation von Stadtstrukturen. Fragen wie „Welche Bauformen haben eine lange Lebensdauer und warum?“ oder „Wie elastisch ist das vorhandene Gefüge zur Anpassung an neue Bedürfnisse?“ und „Sind die Merkmale des vorhandenen Bautengefüges auch ein Maßstab für Neubauten?“ sind nur einige Aspekte, mit denen sich Stadtmorphologen befassen.
Der dabei aufgegriffene Begriff der „Morphologie“ (Gestaltlehre) ist ein genetischer Begriff, der auf Johann Wolfgang von Goethe zurückgeht, der ihn für die Lehre von der Genese der Formen einführte. In der Sprache bedeutet Morphologie die Formenlehre, die, vom Wort ausgehend, die Analyse der Flexionsformen und der Wortarten umfasst und auch die Wortbildung einbeziehen kann. Im Bereich der physischen Geographie behandelt die Geomorphologie Formen und formbildende Prozesse der Oberfläche von Erde und Himmelskörpern. miniatur|Radial konzentrisch angelegte Straßen in Washington, D.C.
Weitere Erläuterung Begriff Stadtmorphologie Die morphologische Betrachtungsweise von Siedlungen und Städten ist ein altes Tätigkeitsfeld der Stadtgeschichtsforschung und der Geographie. 1997 hat sich mit der Zeitschrift Urban MorphologyContents of different volumes of the journal Urban Morphology ein wissenschaftliches Dialogzentrum entwickelt. Sie wird herausgegeben vom International Seminar on Urban Form (ISUF)International Seminar on Urban Form Homepage an der Universität Washington, Seattle. Neben der jährlich zwei Mal erscheinenden Zeitschrift sind jährliche Konferenzen in verschiedenen Ländern Treffpunkte für Wissenschaftler aus vielen Ländern, die Studien vorstellen und Methode diskutieren. Das Wissenschaftsgebiet Stadtmorphologie ist in Deutschland wenig entwickelt. Starke Forschergruppen finden sich in England, USA, Frankreich und Italien.
Unter Stadtmorphologie versteht man somit die Formprinzipien, nach denen Stadtgrundrisse aufgebaut und nach denen sie entstanden sind. Wichtige Aspekte sind die Entstehungsbedingungen und die räumlichen Eigenarten. Die Gestalt der Stadt wird bestimmt durch politische, soziale, wirtschaftliche und technische Bedingungen der jeweiligen Zeit. Häufig werden dabei ältere Strukturen beibehalten und dabei überformt. Ein möglicher Zugang zum Städtebau ist eine Betrachtung der Stadt durch die Zeit.
Die Formen können regelmäßig oder unregelmäßig sein: Regelmäßige Formen deuten eher auf geplante, unregelmäßige eher auf Strukturen hin, die in kleinen Schritten oder auch ungeplant entstanden sind. Eine unregelmäßige Stadtmorphologie findet sich oft bei bewegter Topographie, weil regelmäßige Straßennetze dort oft zu unmäßigen Steigungen führen würden.
In alten Stadtgrundrissen sind häufig Informationen aus der Entstehungszeit der Stadt und aus Zeiten markanter Veränderungen enthalten. Diese sind erkennbar an Veränderungen in der Geometrie der Stadtanlage, in veränderten Führungen von Straßen und Hausfronten und in der Ausrichtung und Größe von Parzellen. In der materiellen Struktur von Stadtgrundrissen sind daher wertvolle stadthistorische Informationen enthalten, die zusätzlich zu den literarischen und bildhaften Überlieferungen Grundlage einer räumlichen, technischen und sozialen Stadtgeschichte sind.
Die aktuelle Diskussion wird stark von der englischen Denkschule beeinflusst, die sich auf eine eher kleinräumige Betrachtung von Stadtquartieren oder Kleinstädten konzentriert. Drei Theorieansätze dominieren diese Diskussion:
Figur und Grund Gefügetheorie oder Theorie des räumlichen Zusammenhangs Theorie des Ortes
Die Figur-Grund-Theorie untersucht den Zusammenhang der überbauten Flächen (Figur) mit den von Bauten freigelassenen Flächen (Grund). Die Gefügetheorie leitet sich von den Linien oder Verbindungen ab, die die einzelnen baulichen Elemente miteinander verknüpfen (Straßen, Wege, offener Raum), und von den Verbindungen, die die vorherrschenden Formen miteinander eingehen. Dazu gehören auch „Resträume“ als Vermittler zwischen nicht verbindbaren Formen. In der Stadtplanung wird dafür auch der Begriff des „Schwarzplanes“ benutzt. Neuerdings wurde von einem Architektenteam, u. a. angeregt durch diesen Artikel, mit der Methode der Schwarzpläne ein „Atlas urbaner Strukturen“ mit dem Titel Die DNA der Stadt für zahlreiche deutsche Städte herausgebracht.
Die Theorie des Ortes bezieht sich u. a. auf den „bewussten Umgang mit konkreten Orten“, ihren „kulturellen Ladungen“ und ihren Entwicklungspotenzialen (E. Raith). In diesem Zusammenhang hat sich im Verlauf der 1990er Jahre in der Humangeographie eine Denkrichtung herausgebildet, die die Kulturlandschaft als „Text“ betrachtet. Hierbei wird davon ausgegangen, dass in der gebauten Umwelt eine Bedeutung eingeschrieben ist, die in einer wissenschaftlichen Analyse herausgelesen werden kann: In diesem Verständnis kann eine Stadt auch als Text gelesen werden: „Stadt als Text“.
Ein an die Stadtmorphologie angelehntes jüngeres Forschungsfeld ist die Stadtraumgeschichte, die die Entwicklung des urbanen Raumes im jeweiligen sozioökonomischen und kulturellen Kontext untersucht und dabei den Stadtraum als Hauptquelle betrachtet.Karsten Ley: Positionen zu einer Stadtraumgeschichte und Spatium Urbis Genuae. In: Klaus Theo Brenner, Uwe Schröder (Hrsg.): Strada Nuova. Typologische Studien zur Architektur der Stadt Genua. Wasmuth, Tübingen/Berlin 2015, S. 20–33.
Begriff und Phänomen der Stadt Städte gibt es seit über 5000 Jahren (Mesopotamien, Indusregion Mohenjo-Daro). Im Mittelmeerraum entwickelte sich die Stadtbildung zunächst von Osten nach Westen (Zweistromland, Jordansenke (Jericho), Ägypten, heutiger türkischer Raum, Griechenland, Italien, Spanien) und dann vom europäischen Festland nach Norden (Frankreich, Deutschland, britische Inseln, Skandinavien). Ab etwa 1150 begann eine planmäßige Ausdehnung des Städtesystems – vorwiegend getragen von Lokatoren (Stadtgründern) und Handelsgesellschaften (Hanse) sowie durch den Deutschen Ritterorden nach Osten entlang der Ostsee und in die Bereiche des heutigen Ostdeutschlands, Polens, Tschechiens, Österreichs und Ungarns.
Die ersten Städte waren regelmäßig angelegte „Planstädte“. Auch die römischen Städte folgten einem festen Planschema. Im Mittelalter entwickelte sich ein zweiter Stadttyp: die „unregelmäßige Stadt“, deren Grundriss man oft deutlich die Entwicklungsgeschichte von einem älteren Kern zu mehreren Ringen oder Erweiterungen ansieht. Die Unregelmäßigkeit begründet sich aus der Topografie (z. B. Bergstädte in Italien), oder aus dem allmählichen Wachstum um Burgen, Flüsse und Täler, aber auch aus den häufig runden Mauerringen und der Begrenzung der Anzahl der Tore auf das notwendige Minimum. Dadurch wurden Krümmungen und Gabelungen von inneren Straßen erforderlich, die über die Tore auf die Hauptstraßen in das Umland zugeführt werden mussten.
Städte sind von Anfang an verbunden mit zivilisatorischen Merkmalen wie Sicherheit (Stadtbefestigung), Zahlungsmitteln (regionale, lokale Münzwährungen), Rechtssystem (Stadtrecht) und mit Pflichten für die Bewohner bzw. Stadtbürger: Verteidigung, Steuern, Dienstleistungen für die Allgemeinheit.
Zwischen Stadt und Land hatte sich ab dem Mittelalter eine räumliche Arbeitsteilung herausgebildet: Das umgebende Land versorgte die Stadt mit Lebensmitteln, Baumaterial und Brennstoff, im Gegenzug versorgte die Stadt das Umland mit spezialisierten Waren und Diensten.
Auch innerhalb der Städte bildeten sich arbeitsteilige Spezialisierungen der Raumnutzung heraus: Verwaltung und Handel besetzten die Stadtmitte, Handwerker konzentrierten sich in Zunftstraßen, störende Gewerbe waren am Rand oder außerhalb der Mauern lokalisiert. Dennoch bestand bis zum Beginn der Industrialisierung eine deutliche Grenze zwischen Stadt und Land durch die Stadtmauer, deren trennende Wirkung auch nach Wegfall der Zölle und dem Abbruch der Mauern zumeist noch lange erhalten blieb. Seit der Entwicklung der Massenverkehrsmittel endet die Stadt aber nicht mehr an ihren politischen Grenzen. Je nach regionaler Siedlungsstruktur erstreckt sich die soziale und ökonomische Einflusszone der Stadt weit in das Umland, auch über Nachbarstädte hinaus. Eine wichtige Aufgabe von Städten ist es daher, für die (lokale und regionale) Arbeitsteilung und deren Veränderungen eine passende räumliche Organisationsform bereitzustellen.
Städte sind komplexe Phänomene. Keine Theorie oder noch so komplexe Kombination von analytischen Methoden können die Vielfalt dessen, was sich in einer größeren Stadt abspielt, vollständig abbilden. Städte lassen sich über ihre Geschichte, Merkmale ihrer Gegenwart, die Nutzungs- und Realstruktur, über statistische Daten, Unfälle und Verbrechen, Impressionen, die Darstellung von Erlebnissen und Schicksalen oder über den Wandel bestimmter Teile der Stadt beschreiben – wie dies Nik CohnNik Cohn: Das Herz der Welt. München/Wien 1992. über den Wandel des Broadway am Beispiel von Menschen getan hat. In allen Fällen handelt es sich jedoch um die Darstellung von Ausschnitten verschiedener Facetten der Wirklichkeit. Selbst wenn ein Heer von „Stadtschreibern“ alle Ereignisse festhalten wollte, würden die auffälligen ein unzulässiges Übergewicht gegenüber den unauffälligen erhalten, die öffentlichen Vorgänge eine Dominanz gegenüber den privaten bekommen. Dabei sind es häufig die kleinen alltäglichen Verhaltensweisen und Werte, die die Entwicklung der Siedlungssysteme massenhaft beeinflussen, etwa das Bedürfnis nach großzügigen Wohnungen, nach dem Wohnen im Grünen, nach individuellen Verkehrsmitteln. Trends können zwar lokal beeinflusst, kaum aber erzeugt oder zum Ende gebracht werden. Dafür geschieht Wertbildung und Orientierung viel zu überlokal, teilweise in einem weltumspannenden Prozess. Öffentliche Steuerung und Planung kann daher an herrschenden Bewegungen bestenfalls gewisse Ausprägungen beeinflussen.
Dies war auch zu früheren Zeiten der Stadtgeschichte nicht wesentlich anders. Ein Beispiel hierfür ist, dass im Mittelalter Städte in ihrer Entwicklung maßgeblich von außen bestimmt wurden – etwa durch die Verwendung nahezu identischer Stadtgrundrisse bei den ostelbischen Stadtgründungen oder durch die Verpflichtung bekannter Baumeister aus anderen Orten zum Bau von Kirchen, Rathäusern und Stadterweiterungen. Auch im Zuge der großen Stadterweiterungen des letzten Jahrhunderts wurde stets zur Lösung lokaler Probleme versucht, das Wissen der jeweiligen Zeit – und nicht nur das Wissen am Ort – in den Dienst der Aufgabe zu stellen.
Insofern sind und waren Städte einerseits immer Brennpunkte einer Zivilisation und zugleich Orte ihrer Entwicklung und Weiterentwicklung. Dieser Doppelcharakter, zugleich Motor zu sein und durch äußere Kräfte bewegt zu werden, führt zu immer neuen Anforderungen an die räumliche Organisation der Nutzungen in der Stadt und ihrem Umland.
Die Entwicklung von Stadtgrundrissen Stadtmorphologische Struktur