mini|Temperantia von Jacques de Gheyn, 1587, Quelle: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Die Mäßigung oder das Maß bzw. die Maße, die Mäßigkeit (, ) ist eine der vier platonischen Kardinaltugenden.
Terminologie mini|hochkant|Temperantia-Darstellung, Gerechtigkeitsbrunnen (Frankfurt am Main) mini|hochkant|Temperantia-Darstellung, Anna-Seiler-Brunnen, Bern Der von Platon in die Tugendethik eingeführte griechische Ausdruck wurde im Lateinischen mit temperantia (und auch moderatio) übersetzt.
Im Deutschen hat sich keine einheitliche Übersetzung von sophrosyne bzw. temperantia herausgebildet, so dass sich verschiedene Namen mit unterschiedlichen Bedeutungen und Konnotationen finden. Die deutsche Sprache hat kein geeignetes Wort, um „auch nur einigermaßen den Kern und den Umfang des Begriffes temperantia widerzuspiegeln“.Josef Pieper: Zucht und Maß., in: Josef Pieper: Werke. Bd. 4: Schriften zur Philosophischen Anthropologie und Ethik: Das Menschenbild der Tugendlehre. Meiner, Hamburg 1996, ISBN 3-7873-1224-2, S. 137 (138)
Sophrosyne wird im Deutschen direkt unter anderem mit „Besonnenheit“Olog Gigon in seiner Übersetzung von Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. III. Buch, 13, 117b, Artemis & Winkler, Düsseldorf, Zürich 2001, S. 131; ebd., S. 141 auch mit „Mäßigkeit“ übersetzend, „Mäßigkeit“Alfred Dunshirn: Griechisch für das Philosophiestudium. - Wien: Facultas.wuv, 2008, S. 131 oder „Beherrschung“So Nicolai Hartmann: Ethik. - 3. Auflage. - Walter de Gruyter, Berlin 1949, S. 436 übersetzt. Temperantia als Übersetzung von sophrosyne kommt von , dessen erster Sinn sein soll, „aus verschiedenartigen Teilen ein einiges geordnetes Ganzes fügen“ (vergleiche auch ).Josef Pieper: Zucht und Maß., in: Josef Pieper: Werke. Bd. 4: Schriften zur Philosophischen Anthropologie und Ethik: Das Menschenbild der Tugendlehre. Meiner, Hamburg 1996, ISBN 3-7873-1224-2, S. 137 (138)
Dies betont Josef Pieper, um den bejahenden und ganzheitlichen Sinn der Tugend herauszustellen.
Im Deutschen konkurrieren die Ausdrücke „Besonnenheit“ (Olof Gigon), „Beherrschung“ (Nicolai Hartmann), „Selbstbeherrschung“ (Hügli), „Maß“ bzw. „Tugend des Maßes“, „Maßhaltung“ (Arthur F. Utz), „Mäßigkeit“, „Mäßigung“, „Zucht und Maß“ (Josef Pieper) bzw. „Tugend von Zucht und Maß“. Nicolai Hartmann hält durch die Übersetzung mit „Besonnenheit“ die Tugend der sophrosyne „ins falsche Licht gerückt“So Nicolai Hartmann: Ethik. 3. Auflage, Walter de Gruyter, Berlin 1949, S. 436 und zieht den Ausdruck „Beherrschung“ vor. Dieser hat sich aber nicht durchgesetzt. Josef Pieper hält der Übersetzung mit „Mäßigung“ entgegen, dass dieser Ausdruck in einer zu großen Nähe zum Zorn (Mäßigung des Zorns) als bloßer Teilaspekt, eine „fatale […] Nachbarschaft mit der Angst vor jeglichem Überschwang“ und einen „verneinenden Klang“ und Assoziationen wie „Einschränkung, […], Zurückdämmung, […], Zügelung“ mit sich führe.Josef Pieper: Zucht und Maß., in: Josef Pieper: Werke. Bd. 4: Schriften zur Philosophischen Anthropologie und Ethik: Das Menschenbild der Tugendlehre. Meiner, Hamburg 1996, ISBN 3-7873-1224-2, S. 137 (139) Pieper schlägt stattdessen „Zucht und Maß“ vor, hat sich damit aber kaum durchgesetzt.
Positionen Platon Platon postulierte drei Seelenteile (Vernunft, Mut, Begierde) und ordnete jedem Seelenteil eine bestimmte Tugend zu (Vernunft – Weisheit; Mut – Tapferkeit; Begierde [Begehren] – sophrosyne, Besonnenheit/Mäßigung). Diesen drei Tugenden war bei Platon die Gerechtigkeit übergeordnet.Vgl. P. Kunzmann; F.-P. Burkard; F. Wiedemann: dtv-Atlas Philosophie München, dtv, 13. Aufl. 2007, S. 43 Für Platon war die sophrosyne „das harmonische Zusammenspiel zwischen den verschiedenen Ebenen der Seele, genauer zwischen Begierde, Mut und Vernunft“.Hügli, Anton; Poul Lübcke (Hrsg.): Philosophielexikon. - 5. Auflage. - Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2003: sophrosyne.
Aristoteles Bei Aristoteles ist die sophrosyne die Mitte (Mesotes) – im Sinn eines Optimums – hinsichtlich der Lust (hedoné): sie steht zwischen Empfindungslosigkeit (Stumpfheit) und Zügellosigkeit (Unmäßigkeit, Zuchtlosigkeit). Das Mitte-Halten ist hier, genau wie in Bezug auf den Mut in der Tapferkeit, das Ziel ethischen Verhaltens.
Judentum Das Wort »Zedek« (Gerechtigkeit) kommt im 5. Buch Mose 18-mal vor, das Wort »Mischpat« (Recht) 48-mal. Gerechtigkeit ist ein zentrales Anliegen. Es beinhaltet das Streben, das auserwählte Volk zu bleiben. Daher sind viele jüdische Bürger Anwälte geworden.
Christentum Das Christentum hat sich in seinem Gedankengut stark an die antike Philosophie angelehnt und die Mäßigungsphilosophie der Stoiker in die christliche Ethik übernommen. Mäßigung wird nicht nur als Verzicht verstanden. Die richtige Balance zu finden ist wichtig.
Wichtigkeit In der Antike galt und in der christlichen Tugendethik gilt die Mäßigung als eine grundlegende menschliche Tugend. Die genaue Bedeutung hängt von dem zugrundegelegten Menschenbild ab. Sie gilt einerseits als bloße „Mindestanforderung“, die dem Charakter eine „moralische[.] Grundlage“ verleihe. Fehle sie, bestehe im Ethos eines Menschen aber „eine Lücke“.Nicolai Hartmann: Ethik. - 3. Auflage. - Walter de Gruyter, Berlin 1949, S. 436
Im Mittelalter sieht Hildegard von Bingen im rechten Maß (lateinisch ) die „Mutter aller Tugenden“.Vgl. G. Gresser:
Anderenorts wird betont, dass „Zucht“ nicht mit der Sittlichkeit überhaupt gleichgesetzt werden dürfe.Nicolai Hartmann: Ethik. - 3. Auflage. - Walter de Gruyter, Berlin 1949, S. 438
Zitate Die Mäßigung ist jene sittliche Tugend, welche die Neigung zu verschiedenen Vergnügungen zügelt und im Gebrauch geschaffener Güter das rechte Maß einhalten läßt. (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1809.) Aus Mäßigkeit entspringt ein reines Glück. (Johann Wolfgang von Goethe, Die natürliche Tochter, 1803. 2. Akt, 5. Szene, Hofmeisterin zu Eugenie) Eher alltagssprachlich weise: „Das Maß halten“, statt zu zerreden etc.
Siehe auch Bescheidenheit Keuschheit
Literatur Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. III. Buch, 13-15 - 117b - 119b (, z. B. übersetzt von Olog Gigon. Artemis & Winkler, Düsseldorf, Zürich 2001, S. 131–139 (σωφροσύνη mit "Besonnenheit" übersetzend)) Thomas von Aquin: Summa Theologica II-II q. 141-170. (lateinisch, englisch) ("temperantia" und ihre Gegensätze - in Anlehnung an Aristoteles) Nicolai Hartmann: Ethik. - 3. Auflage. - Walter de Gruyter, Berlin 1949, S. 435–439, 443 (in Auseinandersetzung mit Aristoteles) Otto Friedrich Bollnow: Wesen und Wandel der Tugenden. Ullstein, Frankfurt, 1958, S. 89–98 (den Ausdruck "Besonnenheit" bevorzugend) Josef Pieper: Zucht und Maß: Über die vierte Kardinaltugend. 9. Aufl. Kösel, München 1964 = auch in: Josef Pieper: Werke. Bd. 4: Schriften zur Philosophischen Anthropologie und Ethik: Das Menschenbild der Tugendlehre. Meiner, Hamburg 1996, ISBN 3-7873-1224-2, S. 137–197 (Ausführungen in Anlehnung an Thomas von Aquin) Josef Pieper: Das Viergespann – Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß. München 1998, ISBN 3-466-40171-2 (Kurzfassung der Tugenden-Tetralogie, d. h. auch Kurzfassung von Zucht und Maß) Thomas Vogel: Mäßigung. Was wir von einer alten Tugend lernen können. oekom, München 2018, ISBN 978-3-96238-065-6.
Weblinks
Katechismus der katholischen Kirche (1997), Nr. 1809 , 1838 (Kurzdefinition) , 2341 (i. V. m. Keuschheit) , 2535–2540 (i. V. m. 10. Gebot - "Ungeordnetheit der Begierden").
Einzelnachweise
Kategorie:Tugend