mini|hochkant|Werner Berg, 1934
Werner Berg (* 11. April 1904 Elberfeld; † 7. September 1981 in Gallizien, Kärnten) war ein deutsch-österreichischer Maler. 1931 ließ er sich auf einem entlegenen Bauernhof in Kärnten nieder. Auf seinem Rutarhof im Grenzgebiet zu Slowenien suchte Werner Berg eine Existenz „nahe den Dingen“. Werner Berg gelang es, die Alltagswirklichkeit seiner Umgebung zu eindringlichen Zeichen zu verdichten. Bei allem formalen Anspruch sind die Bilder Werner Bergs zugleich Dokumente: Sie geben Zeugnis von einem Menschenschlag an der Grenze zwischen deutschem und slawischem Sprachraum und sie halten eine sich nur zögernd und allmählich aus alten agrarischen Bindungen lösende Lebensform fest.
Leben Hans Werner Berg war das jüngste von vier Kindern. Sein Vater Josef Berg war von Beruf Techniker. Die bestimmende Kraft des wohlhabenden elterlichen Hauses war die Mutter, Mathilde Clara Berg, geb. an der Heiden. Sie hatte bereits in den 1890er Jahren, kurz nach ihrer Vermählung, in Eigeninitiative eine erfolgreiche Spielwarenhandlung gegründet. Bald konnte das Wohn- und Geschäftshaus der Familie in Elberfeld in der Schwanenstraße 52–54, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Von der Heydt-Museum, zu einem ansehnlichen Haus mit zwei Geschäfts- und Wohnetagen umgebaut werden. Werner Berg besuchte das Realgymnasium Elberfeld. In seiner Freizeit hielt er sich gerne auf den Bauernhöfen in der ländlichen Umgebung Elberfelds auf. Der Erste Weltkrieg erschütterte das geordnete Familienleben. Werner Bergs Bruder Alfred fiel in einer der Marne-Schlachten, ebenso der Verlobte der Schwester. Auch sein Bruder Walter wurde verwundet und galt monatelang als vermisst. Gebrochen durch diese Verluste, starb 1917 der Vater. Werner Berg musste sich seinen ursprünglichen Traum, Maler zu werden, vorerst versagen. Nach dem Abitur begann er 1922 eine Handelslehre in einem Industriebetrieb. Wegen seiner Fremdsprachenkenntnisse sollte er die Leitung einer Auslandsfiliale in Südamerika übernehmen. 1923 begann Werner Berg jedoch ein Studium der Handelswissenschaften und ging 1924 nach Wien, wo er bei Othmar Spann Volkswirtschaft und Gesellschaftslehre inskribierte. Nachdem er 1927 mit Auszeichnung promoviert worden war, wurde ihm eine Assistentenstelle an der Universität angeboten.
Nun konnte er den seit der Kindheit gehegten Wunsch, Maler zu werden, verwirklichen. Bereits 1924 hatte Werner Berg auf der Universität seine Studienkollegin und Gefährtin Amalie „Mauki“ Kuster kennengelernt. Mauki, im selben Jahr wie Werner Berg promoviert, unterstützte die Ideen des Gefährten rückhaltlos. Gemeinsam beschloss das junge Paar, sich später als Bauern auf dem Land anzusiedeln. Im Herbst 1927 wurde Werner Berg an der Wiener Akademie Schüler von Karl Sterrer. Doch er war von Sterrers sturer Strenge bald abgestoßen und wechselte 1929 als Meisterschüler zu Karl Caspar an die Münchner Akademie. Viele Reisen prägten die Studienzeit Werner Bergs. Im Oktober 1928 wurde in Salzburg Werner Bergs erste Tochter Ursula geboren.
Jahre des Beginnens auf dem Rutarhof hochkant|mini|Rutarhof (2015) hochkant|mini|Von Werner Berg gestalteter Bildstock an der Einfahrt zum Rutarhof In den Sommermonaten 1929 fuhr Werner Berg erstmals nach Kärnten. 1930 heiratete er Mauki Kuster in München, doch die junge Familie hielt sich bereits den Großteil des Jahres in Kärnten auf. Ein Bauernhof wurde zum Kauf gesucht und erworben. Der Rutarhof war mit 22 Hektar eine kleine Landwirtschaft, auf kargen Konglomerat- und Schotterterrassen hoch über dem Tal im Ortsteil UnterkrainWieland Schmied: Auf dem Rutarhof. In: Die Furche, 19. Dezember 1957. Abgerufen am 29. Oktober 2024. der Gemeinde Gallizien gelegen. Das mit Holzschindeln gedeckte Haus war bis in die 1960er Jahre ohne elektrischen Strom und Fließwasser, die landwirtschaftlichen Produktionsbedingungen unterschieden sich kaum von denen der zurückliegenden Jahrhunderte. Doch Werner Berg suchte ein Leben voll unmittelbarer Anschauung, das in sich Sinn haben sollte. Er wollte das Leben eines Bauern leben, trotz all der damit verbundenen zeitlichen Beschränkungen für seine Malerei. Die Erträge der Landwirtschaft sollten ihn auch unabhängig von allen Zwängen des Kunstbetriebes machen. Im März 1931 zog Werner Berg mit seiner Familie und seinem Freund Kurt Sachsse in den Rutarhof ein. Über einem alten Schafstall baute er sich ein Atelier mit großem nordseitigen Fenster. Die zweite Tochter Klara wurde geboren. Bei seiner Ansiedlung auf dem Rutarhof brach Werner Berg auch radikal mit allem an den Akademien bisher Erlernten. Unter dem Einfluss Emil Noldes, mit dem er in Briefkontakt trat, suchte er eine flächige, bewusst primitive Malweise. Ausgangspunkt seiner Bilder waren nun kleinformatige Skizzen, unterwegs bei den vielen Gelegenheiten, wo die Bauern zusammentrafen, entstanden, in denen bereits die wesentliche Bildidee formuliert war.
Im Jänner 1932 fuhr Werner Berg auf Einladung Emil Noldes nach Berlin. Emil und Ada Nolde nahmen ihn gastlich auf und machten ihn auch mit dem Maler Werner Scholz bekannt. Zu Pfingsten 1933 besuchten Ursel und Werner Scholz den Rutarhof. Auch 1933 suchte Werner Berg Emil Nolde in Berlin auf. Dieser begegnete Werner Berg mit Wertschätzung und war gleichzeitig bedacht, den jungen Künstler nicht zu sehr zu beeinflussen. Im Jänner 1934 zeigte – auf Vermittlung Emil Noldes – die renommierte Galerie Von der Heyde am Schöneberger Ufer in Berlin eine Einzelausstellung Werner Bergs, die in der Folge von mehreren deutschen Kunsthäusern übernommen wurde. In einem Zustand starker Nervenanspannung brach Werner Berg jedoch die Beziehung zu seinem „väterlichen Freund“ Emil Nolde ab. Was ihn dazu veranlasst hatte, ist bis heute unklar. Auch die Freundschaft zu Ursel und Werner Scholz zerbrach. Auf dem Rutarhof wurde Werner Bergs Sohn Veit geboren. Im Herbst 1934 trat Werner Berg in Briefkontakt mit Herbert Boeckl.
Die kargen Erträge des Hofes hatten die Familie in arge wirtschaftliche Bedrängnis gebracht. Die ursprüngliche Idee, das Projekt Rutarhof auch durch Bildverkäufe zu finanzieren, wurde aufgrund der immer stärker eingeschränkten Verkaufsmöglichkeiten in Deutschland unmöglich. Eine polizeiliche Sperre der Einzelausstellung Werner Bergs im Kölner Kunstverein als „nicht dem gesunden Volksempfinden entsprechend“ sollte erster Hinweis auf die spätere Beurteilung als entarteter Künstler sein. Im selben Jahr 1935 erhielt Werner Berg jedoch noch den begehrten Nürnberger Albrecht-Dürer-Preis. Herbert Boeckl versuchte eine Beteiligung Werner Bergs auf der Brüsseler Weltausstellung durchzusetzen. Den Sommer 1935 verbrachte Herbert Boeckl in unmittelbarer Nachbarschaft zum Rutarhof in Unterkrain. Dort wurde Boeckls Tochter Eleonore geboren, auch Werner Bergs Tochter Hildegard kam auf dem Rutarhof zur Welt. Anfang Herbst, bevor Boeckl als Akademieprofessor nach Wien ging, entzweiten sich jedoch die beiden Künstler. Wiederum bleibt unklar, was zum Bruch der zuvor emphatisch von beiden bekräftigten Freundschaft geführt hatte.
Werner Berg sah sich nun zunehmend isoliert, die letzten Möglichkeiten, in größerem Rahmen mit seiner Kunst aufzutreten, wurden 1936 zunichte. Werner Berg wurde aus der Reichskammer der bildenden Künste ausgeschlossen, was die Untersagung der Berufsausübung mit Mal- und Ausstellungsverbot in Deutschland bedeutete. 1937 wurden in der Nazi-Aktion „Entartete Kunst“ nachweislich aus der Städtischen Bildergalerie Wuppertal-Elberfeld sein Ölgemälde Nächtliche Scheune (75 × 95 cm, 1931) und das Aquarell Geburtstag (1932) und aus der Städtischen Galerie Nürnberg das Tafelbild Der Rutarhof im Winter (1931) beschlagnahmt und vernichtet.Datenbank zum Beschlagnahmeinventar der Aktion „Entartete Kunst“, Forschungsstelle „Entartete Kunst“, FU Berlin
Um die Wiederaufnahme in die Reichskunstkammer zu ermöglichen und gegen fortgesetzte Anfeindungen geschützt zu sein, trat Werner Berg zum 1. Dezember 1936 der Auslandsorganisation der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 3.065.831).Bundesarchiv R 9361-VIII KARTEI/1911398
Anfang 1936 hatte der Freund Kurt Sachsse nach zunehmenden Spannungen den Rutarhof verlassen. Haltlos verbrachte er mehrere Monate in Deutschland, bevor er sich in Freiburg im Breisgau am Todestag Heinrich von Kleists erschoss. Schwere Schatten hatten sich nun auf das so enthusiastisch begonnene Projekt auf dem Rutarhof gelegt. Mauki Berg sah sich zeitweise außerstande, mit all den Beschwerden des Wirtschaftens und der Aufziehung von vier Kindern zurechtzukommen. Sie, die auch ein Studium abgeschlossen hatte, war eingespannt wie eine Magd in die Fährnisse des bäuerlichen Alltags. Auch künstlerisch war Werner Berg verunsichert. Das Programm eines betonten Primitivismus hatte er schon 1935 zur Zeit des Aufenthaltes Herbert Boeckls verlassen, ab 1936 wandte er sich einer zunehmend naturnäheren Darstellungsweise zu. Der Themenkreis seiner Bilder war nun immer mehr die Familie, der Hof und dessen unmittelbare Umgebung. Anstelle der ursprünglichen Faszination einer primitiven, exotischen Archaik suchte Werner Berg nun eine eher nüchterne, sachliche Darstellung des Landlebens.
1937 reiste Werner Berg zur Weltausstellung nach Paris. 1939 wurde die Wanderausstellung Entartete Kunst auch im vom Deutschen Reich annektierten Wien gezeigt. Werner Berg war mit dem Bild Nächtliche Scheune diffamierend vertreten.
Kriegszeit in Skandinavien Nach Ausbruch des Krieges absolvierte Werner Berg eine Ausbildung zum Rot-Kreuz-Sanitäter in Klagenfurt, um den Waffendienst im Falle einer möglichen Einberufung vermeiden zu können. Am 3. Mai 1940 wurde Annette, das jüngste von den fünf Kindern geboren. Im März 1941 wurde Werner Berg als Heeressanitäter einberufen, Ende April 1941 jedoch als Kriegsmaler nach Norwegen abkommandiert. Verantwortlich dafür war der von Werner Bergs Bildern beeindruckte Oberstleutnant im Generalstab, Walter Schmidt. Schmidt gehörte dem XXXVI. Gebirgskorps an, welches 1941 in Norwegen aufgestellt wurde, und befehligte von 1943 bis 1945 dessen Generalstab. Er war Werner Berg aufgrund seiner einflussreichen Stellung in den folgenden Kriegsjahren ständiger Protektor. Auf seine Veranlassung wurde Werner Berg ein unter den gegebenen Umständen doch erstaunlicher Freiraum zugestanden. So konnte er sich auf die gestellte Aufgabe der Landschaftsdokumentation beschränken und jede Propagandamalerei vermeiden. Werner Berg erkannte nach seiner Ankunft an der Front, welch ungeheure Schuld die deutschen Verbände auf sich luden. Er zeichnete die Gefallenen und Verwundeten und fertigte einfühlsame Porträts der russischen Kriegsgefangenen, etwa eines mongolischen Arztes.
Die junge Kunstjournalistin Trude Polley setzte sich seit 1941 für Werner Berg in Kärnten ein. Auch eine Teilnahme an der großen Präsentation der Kärntner Künstler in Salzburg war vorgesehen, letztlich fand Werner Bergs darstellerische Konzentration auf die slowenischsprachigen „Windischen“ das Missfallen von Helmut Bradaczek, dem für die Ausstellungskonzeption verantwortlichen Leiter der Kärntner Landesgalerie. Werner Berg war wiederum zu keinen Konzessionen in der Motivwahl bereit. Auch 1943, als Werner Bergs Förderer Erwin Bauer und Wilhelm Rüdiger seine Bilder vom Rutarhof in einer Ausstellung junger deutscher Kunst im Goethe-Museum in Weimar zeigen wollten, verhinderte dies der Einspruch einer aus Berlin eigens angeforderten Sittenkommission. Unter dem Schutz der Wehrmacht konnte Werner Berg jedoch 1943 eine Ausstellung seiner „Bilder von der Eismeerfront und aus Nordkarrelien“ im Klagenfurter Kunstverein eröffnen.