alt=Schwarzweißfoto, Kopfporträt vor tiefschwarzem Hintergrund. Louise Bourgeois trägt eine Mütze. Mit gesenktem Blick drückt sie die Zeigefinger unterhalb des Kiefergelenks an ihren Hals.|mini|Louise Bourgeois fotografiert von Oliver Mark, New York 1996
Louise Joséphine Bourgeois (* 25. Dezember 1911 in Paris; † 31. Mai 2010 in New York City) war eine französisch-US-amerikanische Künstlerin. Bekannt ist sie vor allem als Bildhauerin, die sich sehr früh mit Installationen auseinandersetzte. Neben Skulptur, Malerei und Grafik umfasst Louise Bourgeois’ Werk auch Installationen, Textilarbeiten, raumgreifende Environments sowie performative und psychoanalytisch geprägte Texte, die sie auf Kalendern, losen Blättern, Wänden und Alltagsobjekten festhielt.Louise Bourgeois: The Return of the Repressed. Freud Museum London, 2012. Themen, die sie mehrfach behandelte, sind die weibliche und männliche Geschlechtlichkeit, das Verhältnis von Geborgenheit und Abhängigkeit, das Unbewusste und der Tod. Spinnen, Zellen und Phalli treten als wiederkehrende Motive in ihrem Werk auf. Bourgeois lebte und arbeitete seit 1938 in New York City.
Leben Aufgewachsen ist Louise Bourgeois in Choisy-le Roi bei Paris, wo ihre Familie eine Galerie für historische Textilien betrieb. Die Familie unterhielt dort auch eine Werkstatt zum Restaurieren von alten Stoffen. Schon als Kind fertigte Bourgeois in der elterlichen Werkstatt Zeichnungen zur Ergänzung fehlender Teile an. In Paris erwarb sie in den Jahren 1936 bis 1938, unter anderem an der École des beaux-arts, die für ihre Arbeit als Bildhauerin notwendigen Grundkenntnisse und Fertigkeiten. Da sie ein Mädchen war, schenkte man ihr in ihrer Kindheit sehr wenig Beachtung, was sie später wie folgt kommentierte:
Zu ihrem Vater Louis hatte Louise ein zutiefst ambivalentes Verhältnis. Er betrog ihre Mutter Joséphine Bourgeois zehn Jahre im eigenen Haus mit dem britischen Au-pair-Mädchen Sadie Gordon Richmond, das Louise die englische Sprache beibrachte. Auf Louise nahm der Vater ebenfalls sehr wenig Rücksicht, machte sich über sie lustig und stellte sie am Esstisch bloß. Um sich abzulenken, begann sie daher aus Brot ihre ersten Skulpturen zu formen, die ihren Vater darstellten, die sie dann am Esstisch heimlich zerstörte. Dies drückte sie in einem Interview folgendermaßen aus: "To help herself through these charades Louise would make little bread sculptures, effigies or her father that she would dismember to assuage her repressed anger – bread for the hunger no one sees. She began keeping a diary at this time, a practice that she would continue over her lifetime."Louise Bourgeois: The Art of Memory, Irish Museum of Modern Art (IMMA), 2007.
Ihre Schule beschrieb sie als einen Ort der Zuflucht, an dem sie sehr glücklich war und der sie von ihrem Zuhause isolierte. In gleicher Weise bot ihre Mutter ihr einen Ort der Zuflucht vor ihrem Vater. Daher beschrieb Bourgeois ihre Mutter als die beste Freundin ihrer Kindheit. In ihren Kunstwerken wird sie oft durch eine Spinne symbolisiert, da sie Weberin war. Ekel empfindet Bourgeois bei diesem Vergleich jedoch nicht, sondern sie sieht die Spinne als wohlgesinnte Behüterin.Alles ist möglich in New York Kulturzeit extra: Louise Bourgeois – ein Porträt; Teil 2. 3sat.de Als ihre Mutter im Sterben lag, kümmerte sich Louise Bourgeois um sie. Nach deren Tod, 1932, unternahm Bourgeois einen Suizidversuch.Philip Larratt-Smith: The Case of LB, in: Louise Bourgeois. The Return of the Repressed, Ausst.-Kat., London 2012, S. 113.
Etwa zur selben Zeit hatte Louise Bourgeois ein Mathematikstudium an der Pariser Sorbonne aufgenommen. Bereits einige Jahre später wechselte sie jedoch zur Kunst und Kunstgeschichte. Sie besuchte öffentliche und private Kunsthochschulen in Paris: die École des beaux-arts, die Académie de la grande chaumière, die École du Louvre sowie das Atelier von Fernand Léger, der sie ermutigt haben soll, bildhauerisch zu arbeiten.
Die Erinnerungen und traumatischen Erfahrungen ihrer Kindheit und Jugend beeinflussten ihr Leben und Werk und führten zu Kunstwerken wie den Rauminstallationen „The Destruction of the Father“ (deutsch: die Vernichtung des Vaters)Rachel Cooke: She'll put a spell on you. In: The Guardian. 14. Oktober 2007. (englisch) und „The Reticent Child“ (deutsch: Das verschlossene Kind).artcritical.com (englisch)Elke von Radziewsky: Die alte Dame als Folterknecht. In: Die Zeit. Nr. 38, 1994. „Die Kestnergesellschaft in Hannover zeigt das Werk der amerikanischen Bildhauerin Louise Bourgeois.“ Ihre Kunst stellt somit eine Aufarbeitung ihrer Kindheit dar, was sie selbst als Privileg zu sublimieren bezeichnet. Im Jahr 1938 ging sie nach New York, gemeinsam mit ihrem Mann Robert Goldwater, der dort einen Lehrauftrag als Kunsthistoriker annahm, während sie ihr Kunststudium an der Art Students League fortsetzte. 1939 kehrten beide für kurze Zeit nach Paris zurück, um 1940 ihren ersten Sohn, Michel, zu adoptieren. 1940 gebar sie selbst den Sohn Jean-Louis und 1941 den Sohn Alain.Kunsthalle Bielefeld: Biografie
Ihre Wohnung, genauer ihr Bibliothekszimmer, im New Yorker Stadtteil Chelsea wurde 1996 für viele Jahre zum allsonntäglichen Salon für angemeldete Künstler aller Sparten aus aller Welt, die Kostproben ihres Schaffens geben wollten. Louise Bourgeois starb im Alter von 98 Jahren in Chelsea.
Bourgeois’ Werk ist tief in der Psychoanalyse verwurzelt. Sie unterzog sich über drei Jahrzehnte lang einer Analyse und dokumentierte diese akribisch. Ein Teil ihrer persönlichen Schriften wurden erstmals in der Ausstellung "The Return of the Repressed" im Freud Museum London im Jahr 2012 öffentlich gezeigt und verdeutlichten die Verbindung zwischen ihrem inneren Erleben und ihrem Werk.
Werk mini|Eye benches, Olympic Sculpture Park mini|Feuerspiegel, Hexenmahnmal, Vardø mini|Maman vor der National Gallery of Canada
Louise Bourgeois hat sich im Laufe ihres künstlerischen Schaffens mit den unterschiedlichsten Materialien und Techniken auseinandergesetzt. Dabei nimmt sie in einigen Bereichen eine Pionierrolle ein: So ist sie eine der ersten Künstlerinnen, die installativ arbeitete, indem sie ihre Skulpturen als zusammenhängende Teile in einem räumlichen Kontext arrangierte. Ihre Experimentierfreudigkeit führt sie immer wieder zu neuen Verarbeitungsmöglichkeiten und Materialkombinationen. Beispielsweise dienen bei einigen der seit Mitte der 1990er Jahre entstandenen Stofffiguren die verarbeiteten Kleidungsstücke aus Kindheit und Jugend als Füllung sowie als Umhüllung – sie sind Material und Thema, Inhalt und Form. Ein Spätwerk ist die Umgestaltung des ehemaligen Rekollektenklosters Le Couvent d’Ô in Bonnieux, Frankreich, zu einem kleinen Museum, der Église Louise Bourgeois, in das sie eigene Arbeiten integriert hat. Ergänzend und in nächster Nähe zu Peter Zumthors Hexenmahnmal in Vardø, Norwegen, entwarf die Künstlerin einen Pavillon – ein die Themen Aggression und Endgültigkeit der Verbrennung behandelndes Mahnmal, und eine Hommage an die 91 dokumentierten Opfer.
In den 1940er Jahren arbeitete Bourgeois mit Farbe auf Papier. In diesen Werken treten bereits Elemente auf, die später in größerem Maßstab ihr Werk bestimmten. Darunter war bereits die Spinne. Dieses Tier ist bei Bourgeois immer positiv besetzt und steht für ihre Mutter, die mit Fäden an den Wandteppichen arbeitete und für das Kind beschützend wirkte. Die Spinne (Mutter) wurde zum Freund, mit vielfältigen Fähigkeiten und unverzichtbar.Tate Modern: Work of the week: Maman by Louise Bourgeois, 4. März 2013.
In den 1980er Jahren entstanden zunächst Statuen, dann Installationen, die bereits auf die nächste Phase ihres Werkes verwiesen. Ab 1991 nannte sie ihre Installationen Cells (Zellen).Private Wunderkammern. In: Neue Zürcher Zeitung. 8. Juni 2015. Sie schuf umschlossene Räume in den Dimensionen kleiner Zimmer. Diese bestanden teils aus eigens angefertigten Elementen, teils verwendete sie aber auch Dinge aus ihrer Umgebung, etwa Wandschirme oder Türen eines abgerissenen New Yorker Justizgebäudes. In diesen Räumen platzierte sie Gegenstände und Objekte mit autobiographischer Bedeutung. Später ließ sie Käfige aus Drahtgitter anfertigen, in denen sie ihre Installationen aufbaute. Bis kurz vor ihrem Tod schuf Bourgeois 60 Cells, darunter Cell (The Last Climb) 2008, zwei Jahre vor ihrem Tod.
Ihre Kunst wird als feministisch eingeordnet, immer wiederkehrende Themen sind Patriarchat, Sexualität und Weiblichkeit.Guardian: The striking feminist art of Louise Bourgeois, 22. September 2017
Zu den immer wieder vorkommenden Objekten in den Cells gehören Holzkugeln, die für sie Personen symbolisieren, Spinnen aus Draht und Metall, die wieder für ihre Mutter stehen, und amorphe, an Fäden hängende Gebilde verschiedener Materialien und Farben, mit denen Bourgeois sich selbst als Teil des Werkes darstellte. Am Anfang und am Ende der Cells stehen Treppen, eine hölzerne in No Exit von 1988, die sie später wie ein anderes Werk vor 1991 als die ersten Cells ansah, und The Last Climb (2008) mit einer Wendeltreppe aus ihrem eigenen Ateliergebäude.
In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre schuf Bourgeois ihre Mamans, gigantische Spinnenfiguren.Tate Modern: Louise Bourgeois Maman 1999
Ausstellungen Der internationale Kunstbetrieb wurde erst spät auf Louise Bourgeois aufmerksam, wobei ihre Werke zunächst ausschließlich in den Vereinigten Staaten Beachtung fanden, insbesondere in New York. 1945 war sie Teilnehmerin der Ausstellung The Women in Peggy Guggenheims Galerie Art of This Century in New York. In New York wurden in Einzelausstellungen erstmals ihre Zeichnungen (1945) und die in der Zeit von 1941 bis 1953 geschaffenen Skulpturen (1979) der Öffentlichkeit gezeigt. 1980 folgte die Ausstellung ihrer Skulpturen aus den Jahren 1955 bis 1970. Nachdem das New Yorker Museum of Modern Art Louise Bourgeois 1982 eine Retrospektive gewidmet hatte, folgten weitere US-amerikanische Museen. Ab 1989 waren ihre Werke auch in verschiedenen europäischen Ländern zu sehen. Die Städtische Galerie im Lenbachhaus München zeigte 1990 eine Wanderausstellung, die gemeinsam mit dem Frankfurter Kunstverein produziert wurde.
Die Japan Art Association würdigte Louise Bourgeois’ Lebensleistung 1999 mit der Verleihung des Praemium Imperiale, des bedeutendsten Preises für Zeitgenössische Kunst. Beim Kunstkompass 2005 belegte sie den fünften Platz, 2009 war sie mit dem dreizehnten Platz die erfolgreichste Frau im Ranking. Kunstkompass 09: Die wichtigsten Künstler. In: Kurier. 29. Mai 2009.
Internationales Interesse erweckte Louise Bourgeois mit der Teilnahme an der documenta IX in Kassel (1992) und der Biennale in Venedig (1993). 1994 zeigte die Kestnergesellschaft in Hannover das Werk der amerikanischen Bildhauerin. Im Jahr 1996 widmeten die Deichtorhallen in Hamburg ihrem Werk eine große Retrospektive. Im Frühjahr 1999 fand die Ausstellung Spinnen, Einzelgänger, Paare in der Kunsthalle Bielefeld statt. Gezeigt wurden ihre Werke unter anderem auch auf der Melbourne International Biennial 1999, auf der Documenta 11 (2002), sowie in Ausstellungen in Berlin (Akademie der Künste, 2003), Dublin (Irish Museum of Modern Art, 2003/04), Augsburg (Neue Galerie im Höhmannhaus, 2005), Kunsthalle Bielefeld (2006), Kunsthalle Wien (2006), und Philadelphia Museum of Art.