mini|rechts|200px|Canon Communicator, ein in den 1980er und frühen 1990er Jahren bei Gestützter Kommunikation häufig eingesetztes Gerät

Gestützte Kommunikation (, kurz FC) ist ein seit Mitte der 1990er Jahre widerlegtes pseudowissenschaftliches Verfahren„FC is widely acknowledged to be a pseudoscientific, unsafe, and unethical treatment for people with autism.“, das verspricht, nicht- oder minimal sprechenden Personen Kommunikation per Textform zu ermöglichen, indem eine anwesende Person (Facilitator) den Kommunikationsprozess durch physische oder andere Unterstützung begleitet. Sie richtet sich vorwiegend an nicht oder minimal sprechende Autisten. FC ist nicht zu verwechseln mit der Unterstützten Kommunikation (Augmentative and Alternative Communication, AAC), die ein evidenzbasiertes anerkanntes Fachgebiet ist.

James Todd, Psychologe an der Eastern Michigan University, nannte FC „die wissenschaftlich am gründlichsten widerlegte Intervention im gesamten Bereich der Entwicklungsstörungen“. Die S3-Leitlinie „Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter“ der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie rät von FC strikt ab.„Die sog. „Gestützte Kommunikation“ soll nicht zur Förderung der Sprachentwicklung oder Kommunikation bei Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung eingesetzt werden, da hierfür keine Evidenz besteht.“ Auch amerikanische Fachverbände warnen einhellig vor dem Einsatz von FC. Klinische Studien und kontrollierte Doppelblindtests belegen übereinstimmend, dass die erzeugten Botschaften nicht vom „Nutzer“ selbst, sondern unbewusst von der stützenden Person (Facilitator) stammen. Zu diesen Botschaften gehörten zahlreiche Anschuldigungen sexuellen Missbrauchs, die teils juristische Konsequenzen hatten.

Obwohl die Methode bereits Mitte der 1990er Jahre in wissenschaftlichen Studien für unwirksam und schädlich befunden wurde, wird sie weiterhin praktiziert. In den USA ist das ursprüngliche FC weitgehend verschwunden, stattdessen gibt es Nachfolger unter Bezeichnungen wie „Rapid Prompting Method“, „Spelling to Communicate“ und einige andere, die aber ebenfalls von den Fachverbänden einhellig zurückgewiesen werden.

Methode mini|Verschiedene Formen der physischen Unterstützung während einer FC-Sitzung. Der „Stützer“ bleibt stets anwesend. Bei der gestützten Kommunikation werden Buchstaben von der kommunikationsbeeinträchtigten Person (von den Befürwortern als Schreiber oder Nutzer bezeichnet) unter Hilfestellung einer zweiten Person, des sogenannten Stützers, angesteuert. Der Stützer soll dem Schreiber das Zeigen auf die Buchstaben bzw. das Tippen auf der Tastatur erleichtern, indem er die Hand oder einen anderen Körperteil des Schreibers berührt und leichten Gegendruck ausübt. Weiterhin soll er „die Auswahl offensichtlich falscher Tasten verhindern“ und emotionalen Zuspruch und Ermutigung geben. Mit diesen Interventionen steuert der „Stützer“ die Buchstabenauswahl unbewusst, sodass keine echte Kommunikation stattfindet. Befürworter betonen das Prinzip der Minimalstützung: Um eine unabhängige Kommunikation zu ermöglichen, sei die physische Stütze von Hand bis Schulter immer weiter zurückzunehmen. Allerdings zeigen wissenschaftliche Studien übereinstimmend, dass die „Stützer“ durch ihre Anwesenheit weiterhin unbewusst Einfluss ausüben und so die eigentlichen Autoren der Botschaften sind. Weiterhin beeinflusst nicht nur der Körperkontakt das Verhalten der Nutzer, auch Blickkontakt und verbaler Zuspruch haben erheblichen Einfluss.

Nachdem das traditionelle FC aufgrund der eindeutigen Testergebnisse rasch in Misskredit geraten war, wurden neue Varianten entwickelt, die auf direkte körperliche Berührung verzichten, so die von Soma Mukhopadhyay ursprünglich für ihren Sohn Tito entwickelte Rapid Prompting Method, bei der der „Stützer“ eine Buchstabentafel in der Luft hält und der „Nutzer“ buchstabiert, indem er auf diese mit einem Stift oder dem Finger zeigt. Zusätzlich wird auch hier verbale Unterstützung gegeben. Auch hier ist die ständige Anwesenheit des „Stützers“ erforderlich, auch hier scheint der „Stützer“ durch das Halten der Buchstabentafel und durch häufige verbale Äußerungen die Buchstabenauswahl zu steuern, und korrekte Antworten scheinen auch hier nur dann gegeben zu werden, wenn der „Stützer“ die Antwort kennt. Da Mukhopadhyay Tests zur Überprüfung der Echtheit der Kommunikation entschieden ablehnt, ist diese Methode im Gegensatz zum traditionellen FC kaum untersucht. Portia Iversen nennt solche Tests gar ein „Verbrechen“. Auch wenn Anhänger dieser und anderer Varianten argumentieren, dass durch das Fehlen direkter körperlicher Berührung eine Steuerung durch den „Stützer“ ausgeschlossen sei, wirkt auch hier wahrscheinlich der "Kluger Hans"-Effekt, also eine Steuerung über audiovisuelle Reize, deren sich die „Stützer“ meist nicht bewusst sind.

Grundannahmen und behauptete Funktionsweise

Funktionaler Geist in dysfunktionalem Körper Anhänger von FC bestreiten das Vorhandensein intellektueller Defizite bei nicht oder minimal sprechenden Autisten mit hohem Unterstützungsbedarf. Dass sie eigenständig keine oder nur sehr einfache Sprache produzieren, liege nicht an kognitiven Defiziten, sondern an motorischen Störungen (Apraxie). Ihr Argument beruht dabei, so Amy Lutz, auf zirkulärem Denken: Beweis für normale bis überdurchschnittliche kognitive Kompetenz sind die per FC produzierten Texte, deren Authentizität gleichzeitig mit Verweis auf die angenommene normale bis überdurchschnittliche Intelligenz behauptet wird („Presume competence“). Für das gehäufte Auftreten solcher motorischen Defizite bei nonverbalen Autisten gibt es jedoch keine Evidenz. Tatsächlich verfügen Personen mit schwerem Autismus häufig über erhebliche motorische Fertigkeiten, z.b. Klavierspielen oder Skifahren. Gleichzeitig kommunizieren Personen, die z. B. aufgrund von Cerebralparese oder Parkinson auf Kommunikationshilfsmittel angewiesen sind so gut wie immer selbstständig, da sie dazu lediglich in der Lage sein müssen, irgendeine kontrollierte Bewegung auszuführen, etwa das Blinken mit den Augen oder das Blasen durch einen Strohhalm. Gleichzeitig zeigt die Forschung, dass die sprachlichen Einschränkung weit über das Produzieren bestimmter Laute hinausgehen, sondern die Informationsverarbeitung an sich betreffen. So sind die Betroffenen etwa meist nicht in der Lage, abstrakte Konzepte oder Symbole zu verstehen, was sich auch jenseits von Sprache bestätigt, wenn etwa die Aufgabe darin besteht, Bildkärtchen so anzuordnen, dass sie eine Geschichte ergeben.

Ablehnung kontrollierter Tests Die angenommenen kommunikativen Kompetenzen des „Nutzers“ anzuzweifeln, zu hinterfragen oder testen zu wollen wird als „epistemologische Gewalt“ oder Zeichen von Ableismus abgelehnt, Kontrollierte Tests werden verweigert. Für diese Ablehnung werden unterschiedliche Gründe vorgebracht, etwa dass Tests bei den Probanden Anspannung und Stress auslösen oder dass sie spezifische Wortfindungsstörungen hätten, weshalb sie an den Tests scheiterten. So argumentierte bereits Douglas Biklen, als er zu Beginn der 1990er Jahre FC in den USA ohne kontrollierte Tests einführte. FC-Anhänger schreiben die Autorenschaft an den Mitteilungen a priori dem Nutzer zu. Der Stützer sei lediglich Katalysator bei der Umsetzung von Gedanken des Schreibers in Tippbewegungen; die Stütze sei „krankengymnastische Hilfestellung“Vgl. Bundschuh 1998., eine Interpretation, die allerdings von der Fachliteratur einhellig zurückgewiesen wird.

Passiver Schriftspracherwerb durch „Osmose“ Da viele „Nutzer“ nicht formal beschult wurden, wird damit implizit vorausgesetzt, dass sie sich die Beherrschung der Schriftsprache durch reines Beobachten angeeignet hätten. Das Vorhandensein extremer Inselbegabungen bei manchen Autisten mache diese Annahme plausibel. Ein solcher rein passiver Schriftspracherwerb ist jedoch nicht dokumentiert. Schriftspracherwerb wird in der Fachliteratur als komplexe mehrstufige kognitive Leistung beschrieben, die aktives Lernen erfordert.Klaus B. Günther: Ein Stufenmodell der Entwicklung kindlicher Lese- und Schreibstrategien. In: H. Balhorn, H. Brügelmann (Hrsg.): Rätsel des Schriftspracherwerbs. Lengwil 1995, S. 98–121.

„Vertrauensband“ zwischen „Nutzer“ und „Stützer“ Während die Unterstützten Kommunikation stets darauf abzielt, dass Klienten nach Training die Kommunikationshilfsmittel eigenständig benutzen können, bleibt der Stützer bei FC stets anwesend, teilweise über Jahre oder Jahrzehnte, meist in ein und derselben Person. FC-Befürworter rechtfertigen diese Kontinuität mit der einem besonderen Vertrauensband zwischen „Nutzer“ und „Stützer“. Ob dieses tatsächlich existiert, lässt sich, da die Klienten nicht sprachlich kommunizieren können, kaum überprüfen. Janyce Boynton berichtet davon, dass diese besondere Beziehung auf Seiten der Klientin, mit der sie arbeitete, bis durch FC falsche Anschuldigungen sexuellen Missbrauchs gegen die Familie entstanden, offensichtlich nicht bestand.

Wissenschaftlicher Status

Bereits in der ersten Hälfte der 90er Jahre wurde die Gestützte Kommunikation wissenschaftlich eindeutig widerlegt. Trotzdem wird sie weiterhin praktiziert. Mark Mostert konstatiert einen zunehmenden Widerspruch zwischen empirisch gezeigter Wirkungslosigkeit und breitem Einsatz in der Praxis:I suggest that FC is one of the best exemplars of how practice can become absolutely dissociated from empirical research.Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass die Hilfsperson dem FC-Nutzer – unbewusst und unbeabsichtigt – zeigt, welche Tasten gedrückt werden müssen, womit die Hilfsperson selbst Urheber des entstehenden Textes ist.Übersicht in: Im Experiment von Wheeler und Kollegen (1993) wurden den Stützern und den Gestützten unterschiedliche Bilder von Gegenständen gezeigt, die die Gestützten benennen sollten. Die gestützten Probanden tippten jedoch nie den Namen des Gegenstandes ein, den sie selbst gesehen hatten, sondern entweder andere Wörter oder den Namen des Gegenstands, den nur der Stützer gesehen hatte.D. L. Wheeler, J. W. Jacobson, R. A. Paglieri und A. A. Schwartz (1993). An experimental assessment of facilitated communication. Mental Retardation, 31, S. 49–59 In einem anderen experimentellen Paradigma wurde den FC-Klienten in Abwesenheit des Unterstützers eine Information gegeben. Sie waren unfähig, diese Information per gestützter Kommunikation weiterzugeben.z. B. Cabay, M. (1994). A controlled evaluation of facilitated communication using open-ended and fill-in questions. Journal of Autism & Developmental Disorders, 24, S. 517–527

Gestützte Kommunikation kann als Ausprägung des Kluger-Hans-Effekts bzw. des Carpenter-Effekts gesehen werden, auf dem das spiritistische Ouija beruht.s. Dillon 1993; Spitz 1997 Vertreter der gestützten Kommunikation räumten zwar ein, dass ein Teil der entstandenen schriftlichen Ergebnisse möglicherweise auf einem „Ouija-Effekt“ beruhe, behaupteten jedoch, dies könne durch verbessertes Training der Stützer verhindert werden.s. Donnellan/Leary 1997; Biklen 1993

Ab den 1990er Jahren wurde die Frage nach der Autorenschaft der mit der Gestützten Kommunikation produzierten Texte von verschiedenen Forschungsgruppen untersucht. Nach einer Vergleichsuntersuchung von Biermann (1999) über sämtliche 44 bis dahin publizierten Studien konnten ca. 80 % der untersuchten FC-Schreiber keinerlei authentische Kommunikation produzieren, hingegen war bei 77 % der untersuchten Schreiber Stützereinfluss nachweisbar. Bei den 20 % der FC-Schreiber, die zumindest eine authentische Kommunikation produzierten, entsprach allerdings das Niveau der FC-Kommunikation in der Regel dem der Kommunikation ohne Stütze. In manchen Fällen war das Niveau auch niedriger, sodass also mit gestützter Kommunikation zwar Informationen übertragen werden konnten, wobei diese auch ohne Hilfe genauso gut oder gar besser hätten übertragen werden können.