Die Gärtnerfamilie Seidel ist eine seit dem 18. Jahrhundert wirkende sächsische Familie, die vor allem durch die Züchtungen neuer Sorten von Azaleen, Kamelien und Rhododendren international bekannt wurde. Durch ihr Wirken etablierten sich Dresden und das Umland für lange Zeit als Zentrum des Gartenbaus im deutschsprachigen Raum. Mehrere Familienmitglieder waren sächsische Hofgärtner und gestalteten verschiedene Parkanlagen und Gärten der Stadt Dresden nachhaltig, wie zum Beispiel Der Herzogin Garten.
Wurzeln der Familie mini|hochkant|Epitaph Christoph Seydels an der Radeberger Kirche Die Ursprünge der Familie Seidel (anfangs auch in der Schreibweise Seydel überliefert) sind in Böhmen zu finden. Im 17. Jahrhundert, im Laufe des Dreißigjährigen Krieges, sah sich die Familie gezwungen, ihre Heimat aus religiösen Gründen zu verlassen und nach Sachsen umzusiedeln. Die Stadt Radeberg in der Nähe von Dresden wurde zunächst der neue Wohnsitz der Familie Seydel.
Christoph Seydel Christoph Seydel (1670–1747), geboren in Seidenberg im heute polnischen Teil der Oberlausitz, war ursprünglich Tischler,Radeberger Chronik 1550–1839. Handschriftliches Manuskript. Archiv-Nr. 00003476. Museum Schloss Klippenstein Radeberg gleichzeitig galt er als erfahrener Mineraloge. Ab 1707 wurde er Bürgermeister von Radeberg, im damals üblichen jährlichen Wechsel mit den Vice-Bürgermeistern hatte er dieses Amt bis 1744 inne. Nach dem verheerenden Stadtbrand vom 13. Juli 1714 suchte er in der Umgebung der Stadt nach geeigneten Materialien für den Wiederaufbau. In einem bewaldeten rechten Seitental der Großen Röder, dem Tannengrund, stieß er 1717 auf alte Bergwerksstollen. Gemeinsam mit privaten Investoren nahm er die Bergbautätigkeiten wieder auf, fand allerdings weder genügend Baustoffe noch die ebenfalls dort vermuteten Edelmetalle. Stattdessen entdeckte er im Jahr 1717 in einem der Stollen eine Heilquelle und eröffnete 1719 ein Heilbad. Diese, später Augustusbad genannte Einrichtung verhalf ihm und der Gegend zu überregionaler Bekanntheit über mehrere Jahrhunderte. Zu seinen Ehren wurde die 1993 neu gebaute nordöstliche Radeberger Umgehungsstraße zwischen Badstraße und Pulsnitzer Straße „Christoph-Seydel-Straße“ genannt.
Johann Georg Christophs Sohn, Johann Georg Seydel (1709–1775), war neben seinem Beruf als „Mechanicus“ und Instrumentenbauer mit gärtnerischen und landschaftsgestaltenden Aufgaben im väterlichen Heilbad betraut. Nach dem Tod Christophs übernahm Johann Georgs ältester Bruder Johann Christoph die Leitung des Bads, die anderen Geschwister bekamen ihre Anteile ausgezahlt. Johann Georg, der neben seinen Aufgaben im Augustusbad auch eine kleine Gärtnerei besaß, verließ 1751 Radeberg mit seiner Familie und siedelte nach Dresden um, wo er als Pächter und Wirt des Gasthauses „Zum letzten Heller“ in der Dresdner Gemarkung Hellerberge, danach in der Schänke „Grüne Thüre“ in der Dresdner Friedrichstadt arbeitete. In den ersten Jahren der Familie in Dresden änderte sich die Schreibweise des Nachnamens von Seydel zu Seidel.
Erste Generation: Johann Heinrich mini|hochkant|Johann Heinrich
Johann Heinrich Seidel (1744–1815) gilt als „Vater des Dresdner Gartenbaus“. Er absolvierte eine Gärtnerlehre bei Johann Jeremias Unger, dem kurfürstlichen Kunstgärtner des Großen Gartens in Dresden. Nach siebenjähriger Gesellenwanderung durch Europa arbeitete er in der Herzogin Garten in Dresden, wo er ab 1779 als kurfürstlicher Hofgärtner agierte. Unter seiner Regie entstand eine der größten europäischen Pflanzensammlungen jener Zeit. Kataloge aus dem Jahr 1806 verzeichnen 4300 Pflanzenarten und -sorten in Johann Heinrich Seidels Sammlung. Außerdem war er einer der ersten deutschen Gärtner, der sich der Kamelienzucht annahm. Johann Heinrich Seidel hatte mehrfach persönlichen Kontakt mit Johann Wolfgang von Goethe, der Seidels Pflanzensammlung und dessen Fachwissen studierte und als Informationsquelle für sein naturwissenschaftliches Werk Die Metamorphose der Pflanzen benutzte. Nach dem Tod Seidels bewahrte Goethe dessen Pflanzenverzeichnisse in seiner Weimarer Bibliothek auf.
Zweite Generation: Die Söhne Johann Heinrichs Von Johann Heinrichs Nachkommen erlernten vier Söhne ebenfalls den Beruf des Gärtners. Jacob Friedrich und Traugott Leberecht gründeten die Seidelsche Gärtnerei, Carl August übernahm seine Stellung als Hofgärtner und Gottlob Friedrich eröffnete eine Handelsgärtnerei in Dresden. Zwei der Töchter Johann Heinrichs heirateten andere Hofgärtner.
Traugott Leberecht und Jacob Friedrich – die Seidelsche Gärtnerei mini|links|hochkant|Jacob Friedrich Jacob Friedrich (1790–1860) absolvierte ab 1810 eine gärtnerische Ausbildung im Jardin des Plantes in Paris. Einer Legende nach soll er im Zuge des Russlandfeldzugs 1812 als Soldat im Dienst Napoleons zurück nach Deutschland gekommen sein, wo er desertierte und wieder nach Dresden ging. Dabei soll er drei Kamelienpflanzen in seinem Rucksack mitgebracht haben, die den Grundstock seiner Pflanzenzucht bildeten; zureichend historisch belegt ist diese Überlieferung allerdings nicht. Anderen Nachforschungen zufolge verließ Seidel Paris als Zivilist. Da Johann Heinrich in einem seiner Kataloge schon 1792 eine blühende Kamelie beschreibt, stammt der Grundstock der Kamelienzucht Jacob Friedrichs wahrscheinlich aus den Beständen seines Vaters, der seit 1807 Kamelien verkaufte.
Im Jahr 1813 pachtete er mit seinem Bruder Traugott Leberecht (1775–1858) ein Grundstück an der Kleinen Plauenschen Gasse in der Dresdner Seevorstadt und gründete am 24. Juni des Jahres eine Zierpflanzen-Erwerbsgärtnerei, die erste deutsche Handelsgärtnerei, die auf Zierpflanzenbau spezialisiert war. Die Seidelsche Gärtnerei gilt als Grundstein des Gartenbaus in Sachsen. Zunächst handelten die Gebrüder Seidel mit vielen verschiedenen Pflanzenarten, spezialisierten sich aber bereits wenige Jahre nach der Gründung auf die Anzucht von Kamelien, später auch auf Azaleen und andere Rhododendren. Im Jahr 1819 wurde die Seidelsche Gärtnerei aus Platzgründen in die Pirnaische Vorstadt verlegt. An der Äußeren Rampischen Gasse entstand eine ein Hektar große Gärtnerei.
Traugott Leberecht heiratete eine Frau aus Wien. Spätestens im Jahr 1825 siedelte er dorthin über und eröffnete im Vorort Penzing einen Kamelien- und Azaleenhandel, außerdem betrieb er ein Camellien-Lokal in der Stadt. Zu den Gästen in seiner Gärtnerei und in seinem Lokal zählten unter anderen der österreichische Kaiser Franz I. und Marie-Louise von Österreich. Traugott Leberechts Züchtungen, die auf den Dresdner Pflanzen basierten, wurden unter anderem auf der ersten öffentlichen Pflanzenschau Wiens 1827 mit mehreren Auszeichnungen gewürdigt.
mini|Gärtnerei mit Prachtglashaus an der Äußeren Rampischen Gasse Jacob Friedrich übernahm das Unternehmen in Dresden. Das Geschäft wuchs stetig, so dass die Gärtnerei mehrfach vergrößert werden musste. Der Großherzog Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach besuchte 1827 gemeinsam mit Johann Wolfgang von Goethe, der bereits mit dem Vater der Brüder korrespondierte, die Gärtnerei und äußerte sich begeistert über die Kamelienzüchtungen. Die Anzahl der Kameliensorten wurde unter der Leitung Jacob Friedrichs ständig erweitert. Im Jahr 1824 waren 19 Sorten verzeichnet. Nach 50 Sorten im Jahr 1830 stieg die Anzahl bis 1836 auf 308 Sorten. Die größte Zahl an angebotenen Sorten wurde 1862 mit 1100 erreicht. Aus wirtschaftlichen Gründen wurde die Sortenzahl auf 500 reduziert, unter der Leitung seines Sohnes Hermann waren im Jahr 1894 noch 190 Sorten verzeichnet. Seidel begann mit der Kultivierung einzelner spezieller Kamelien. Die Züchtungen der Seidelschen Gärtnerei erlangten schnell überregionale Anerkennung, Jacob Friedrich wurde im Volksmund als „Kamelien-Seidel“ bezeichnet. Im Jahr 1842 betrugen seine Bestände 100.000 Pflanzen, diese Zahl wuchs im Jahr 1849 auf 136.000 Pflanzen. Um seine Züchtungen international bekannt zu machen, nahm Jacob Friedrich an zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland teil und organisierte eigene Blumenschauen in Dresden. Die Seidelsche Gärtnerei exportierte Kamelien unter anderem nach Österreich, Ungarn, Polen, Russland und in die heutige Ukraine. Im Jahr 1852 errichtete Jacob Friedrich das sogenannte „Prachtglashaus“ in seiner Gärtnerei, ein etwa 23 Meter langes, 10 Meter breites und 8,50 Meter hohes Gebäude aus Stahl und Glas, in dem er eine englische Parklandschaft mit verschiedenen Kamelien, Azaleen und anderen Rhododendren einrichtete und der Öffentlichkeit zugänglich machte.
Außer mit Kamelien handelte Seidel auch mit Azaleen. Der Katalog von 1836 führte zwölf Sorten, 1846 war die Anzahl bereits auf 200 angestiegen. Die heute bekannte Erika wurde in Deutschland erstmals in einem Katalog der Firma Seidel im Jahr 1846 aufgeführt.
Carl August Carl August Seidel (1782–1868) erlernte wie Johann Heinrich den Beruf des Kunstgärtners. Er arbeitete zunächst als Adjunkt für seinen Vater in der Herzogin Garten, bis er im Jahr 1815 nach dessen Tod den Posten des Hofgärtners übernahm. Als Carl Augusts wichtigstes Betätigungsfeld galt die Pflege der Orangerie und die Bekämpfung der sogenannten Orangen-Krankheit, einer Schädigung der Zitruspflanzen, die bereits am alten Standort der Orangerie im Zwinger ausgebrochen war. Seine Erkenntnisse im Umgang mit der Pflanzenkrankheit veröffentlichte er 1842 im Buch Ausführliche Anweisung zur richtigen Pflege und Behandlung großer Orangerien.
Gottlob Friedrich Gottlob Friedrich Seidel (1779–1851) eröffnete seine Handelsgärtnerei und Samenhandlung in der Grünen Gasse in der Wilsdruffer Vorstadt (heute Grüne Straße) in unmittelbarer Nähe von der Herzogin Garten, wo sein Vater Johann Heinrich und später sein Bruder Carl August als Hofgärtner wirkten. Gottlob Friedrich verkaufte neben Kräuter- und Gemüsesämereien auch Zierpflanzen wie Kamelien, Begonien und verschiedene Heidekrautgewächse. Neben der Gärtnerei war Gottlob Friedrich auch als Verfasser verschiedener Aufsätze und Schriften tätig. Als sein wichtigstes Werk gilt Der exotische Gärtner oder die Art und Weise, wie die Engländer die Pflanzen in den Gewächshäusern behandeln und vermehren, eine Übersetzung und Erweiterung des englischen Originals von John Cushing, das in mehreren Auflagen zwischen 1818 und 1825 verlegt wurde.
Dritte Generation: Traugott Jacob Hermann mini|Seidelsche Gärtnerei in Striesen
Hermann Seidel (1833–1896), der Sohn Jacob Friedrichs, übernahm 1860 die Geschäfte der Seidelschen Gärtnerei. Während seiner Lehrjahre in England und Frankreich hatte er Züchtungen winterharter Rhododendren kennengelernt, die in Deutschland zu dieser Zeit noch unbekannt waren, und begann sie in seiner Heimat zu kultivieren. Er verlegte die Gärtnerei 1865 aus Platzgründen nach Striesen, das in den folgenden Jahren als einflussreichster Zuchtstandort für Azaleen, Kamelien und Rhododendren im deutschsprachigen Raum international bekannt wurde. Seine Züchtungen wurden unter anderem auf der World’s Columbian Exposition in Chicago gezeigt. König Albert von Sachsen wollte Hermann für die Organisation der 1. Internationalen Gartenbauausstellung 1887 den Titel eines Kommerzienrates verleihen, was dieser jedoch mit den Worten „Ich bleibe der alte Kunst- und Handelsgärtner Seidel, der ich bisher war“ ablehnte. Die Striesener Gärtnerei wurde im Lauf der Jahrzehnte mehrfach erweitert, unter anderem erwarb Seidel einen Kiefernwald, in dem er seine Rhododendren kultivierte und den er aufgrund der damaligen Lage am Rand der bewohnten Gebiete auf den Namen „Sansibar“ taufte. Auf diesem Teil der ehemaligen Gärtnerei in Striesen befindet sich seit den 1920er Jahren der Hermann-Seidel-Park. In Laubegast wurde 1897 eine Straße nach Hermann benannt.