mini|hochkant=2|Sessel, bezogen mit Fellen weiblicher Nyala-Antilopen (Michel Haillard, Frankreich 2010)
Für die Pelzverarbeitung haben Antilopenfelle meist eine etwas untergeordnete Bedeutung, da das Haar der Antilopenarten mangels Elastizität sehr leicht bricht. Antilopen werden verschiedentlich auch in Farmen gehalten. Die Fellverwertung geschieht hauptsächlich für Taschen, Besätze und andere Kleinteile.
Unter dem nicht wissenschaftlichen Begriff Antilope versteht man in der Regel alle Hornträger, die nicht zu den Ziegenartigen, die vor allem Schafe und Ziegen umfassen, oder zu den Rindern gehören. Antilopen sind demnach die Ducker, die Bovinae ohne die Rinder, die Kuhantilopen, die Pferdeböcke, die Reduncinae (Riedböcke, Wasserböcke und Rehantilopen), die Impalas und die Gazellenartigen. Die Felle der artenreichen Tierfamilie aus Afrika und dem südwestlichen Asien werden im Rauchwarenhandel fast ausnahmslos als Antilope oder Gazelle bezeichnet, unter anderem auch die Felle des Springbocks. Der englischsprachige Handel bezeichnete 1924 das für Handschuhe veloursgegerbte Antilopenleder ohne Haare als Antilope, mit Haar als Gazelle.Norman Hertz: Shoes, Leather & Hides in Great Britain. Washington Government Printing Office, 1924 (englisch). Abgerufen am 14. Juli 2020.
Die hauptsächlich für die Pelzverarbeitung infrage kommenden Antilopenarten sind der Ducker und die kleinen Arten, die Zwergantilopen, die wichtigste davon die Windspielantilope. Die meisten arabischen Antilopenarten stellen keine Pelzlieferanten dar.
Die Anzahl der Arten ist so groß, dass auch die Unterschiede in der Fellgröße und der Färbung ganz erheblich sind. Teils sind die Felle fast einfarbig, teils bunt gestreift. Einige Arten sind lebhaft gefärbt mit hübschen Zeichnungen, teils schwarz bis silbergrau gesprenkelt. Die vorherrschenden Farben sind dunkel- bis hellbraun, rötlichgrau bis gelblichgrau, reh- oder perlhuhnähnlich. Die Unterseite sowie die Innenseiten der Beine sind vielfach heller als der Körper, hellrötlich oder weiß bis weißgrau.
Das Haar ist grob, steif und zumeist sehr kurz. Es liegt dicht am Körper an, so dass das Fell häufig recht flach wirkt. Das Röhrenhaar weist nur eine sehr dünne Rindenschicht über der stärkeren Markschicht auf. Das Unterhaar fehlt entweder ganz oder ist nur spärlich entwickelt. Der Haltbarkeitskoeffizient für Antilopenfelle wird mit 5 bis 10 Prozent angegeben.Die angegebenen vergleichenden Werte (Koeffizienten) sind das Ergebnis vergleichender Prüfung durch Kürschner und Rauchwarenhändler in Bezug auf den Grad der offenbaren Abnutzung. Die Zahlen sind nicht eindeutig, zu den subjektiven Beobachtungen der Haltbarkeit in der Praxis kommen in jedem Einzelfall Beeinflussungen durch Pelzzurichtung und Pelzveredlung sowie zahlreiche weitere Faktoren hinzu. Eine genauere Angabe könnte nur auf wissenschaftlicher Grundlage ermittelt werden. Die Einteilung erfolgte in Stufen von jeweils zehn Prozent, nur die schwächsten Arten bekamen die Wertklasse von fünf bis zehn Prozent. Die nach praktischer Erfahrung haltbarsten Fellarten wurden auf 100 Prozent gesetzt.Paul Schöps; H. Brauckhoff, K. Häse, Richard König, W. Straube-Daiber: Die Haltbarkeitskoeffizienten der Pelzfelle. In: Das Pelzgewerbe. Jahrgang XV, Neue Folge, 1964, Nr. 2, Hermelin Verlag Dr. Paul Schöps, Berlin/Frankfurt am Main/Leipzig/Wien, S. 56–58.
Geschichte, Handel Die Felle stammen und stammten nicht nur von Wildtieren, die Haltung von Gazellen und Antilopen als Haustiere ist von den altorientalischen Hochkulturen an nachzuweisen und hat sich bis in die Jetztzeit fortgesetzt.B. Brentjes: Mensch und Tier im alten Orient. In: Das Pelzgewerbe. Jg. XIX, neue Folge, 1968/1969, Nr. 4, Hermelin-Verlag Dr. Paul Schöps, Berlin u. a., S. 33. Gazellenfelle dienten seit Alters her der einheimischen Bevölkerung als dekorativer Überwurf von Sitzplätzen und auch sonst zu Schmuckzwecken. Afrikanische Trommeln, wie die Djembé und die Oprente, haben häufig eine Bespannung aus Antilopenfell. Auch im täglichen Gebrauch waren dort Gazellenfelle oder -leder neben Ziegenfellen und Ziegenleder das hauptsächliche Kleidungsmaterial.B. Brentjes: Zu den Felltrachten in afrikanischen Ritualen. In: Das Pelzgewerbe. Nr. 4, Neue Folge, Jg. XXI, 1972, Hermelin-Verlag Dr. Paul Schöps, Berlin u. a., S. 22.
Beim äthiopischen Volksstamm der Hamar nimmt das Antilopenfell eine wesentliche Rolle bei den Initiationsriten der Frauen ein, der Aufnahme in die Gemeinschaft der Erwachsenen. Zu der Prozedur gehört die Anfertigung eines „binyere“ aus den Fellen von zwei Zwergantilopen, einer männlichen und einer weiblichen. Die um eine Schnur gedrehten beiden Felle werden erst um die Hüfte, später als „zugespitztes, buschiges binyere“ auch noch von den verheirateten Frauen dann um den Hals getragen. Erhebliche rituelle Prozeduren und einschneidende Tabus sind mit diesem Teil verknüpft.Jean Lydall: Die Geschichte von Dukas Halsschmuck. In: Zwischen Aneignung und Verfremdung: Ethnologische Gratwanderungen Festschrift für Karl-Heinz Kohl. Herausgegeben von Volker Gottowik, Holger Jebens, Editha Platte, Campus Verlag, 2009, ISBN 978-3-593-38873-1, S. 433–452.
1814 erwähnte Schedels Warenlexikon neben Fellen afrikanischer Gazellen auch solche aus Kanada, die häufig über England in den Handel kamen. Das Warenlexikon rechnet die Gazellen fälschlicherweise noch den Wildziegen zu, weder Gazellen, Antilopen noch Wildziegen kommen jedoch in Amerika vor, es dürfte sich um Felle einer anderen Huftierart gehandelt haben.D. Johann Heinrich Moritz Poppe: Johann Christian Schedels neues und vollständiges Waaren-Lexikon. Zweiter Teil M bis Z, Vierte durchaus verbesserte Auflage. Verlag Carl Ludwig Brede, Offenbach am Mayn 1814, S. 393.
Mehrere Jahre vor dem Ersten Weltkrieg (1914 bis 1918) kamen größere Partien der kleinen Duckerfelle verschiedener Sorten auf den europäischen Markt, die zu Pelzhandschuhen verarbeitet wurden, jährlich etwa 30.000 bis 40.000 Stück. Ein Rohfell kostete ungefähr 50 Pfennig. Etwa um 1920 wurde begonnen, aus den Fellen Damenjacken zu fertigen. Jedoch hörte diese Mode bereits drei oder vier Jahre später wieder auf, „da die Felle sehr wenig haltbar waren und auch naturfarbig wie gefärbt nicht besonders hübsch aussahen. Der Absatz stockte deshalb auch vollkommen“. Hauptumschlagplatz für die Felle war zu jener Zeit das jemenitische Aden. Die Felle der übrigen Gazellen wurden, ebenso wie die aller anderen Antilopenarten, ausschließlich der Lederfabrikation zugeführt.Emil Brass: Aus dem Reiche der Pelze. 2. verbesserte Auflage, Verlag der „Neuen Pelzwaren-Zeitung und Kürschner-Zeitung“, Berlin 1925, S. 843–844.
Zu „hohem Ansehen“ gelangten Gazellenfelle im Jahr 1927 in der Sommerpelzmode. Sie wurden dafür geschoren, zu „gutwirkenden Streifen geformt“ und zu sommerlichen Mänteln verarbeitet. Lilabraune, naturfarbenbelassene Antilopenfelle, aus denen man Mäntel arbeitete, waren in großen Mengen erhältlich. Beste Ware war jedoch knapp, die meisten Felle waren beschädigt und schlecht. Philipp Manes, der von den Nationalsozialisten ermordete Chronist der Pelzbranche, berichtete von Karl Bruhn, einem sehr erfolgreichen Berliner Pelzeinzelhändler, dessen Lockangebote in den Schaufenstern berühmt waren: „Es war natürlich Massenware, die bei ihm verkauft wurde, aber sie entsprach durchaus dem Geschmack des Publikums. Selbst den Gazellenmantel setzte er zu Hunderten ab, es machte ihm nichts aus, wenn nach drei Tagen ein Stück zurückgebracht wurde, weil es zu viel Haare gelassen hatte.“ Manes schrieb weiter: „Wie eine Seuche herrschte die Gazellenmode. Man verkaufte die hübschen Felle ballenweise, sie wurden bedruckt und gefärbt. Aber ihr glasartiges Haar hielt keiner Beanspruchung stand, und so verschwand diese Fellart, die allen Besitzern nur Ärger bereitete, glücklicherweise bald aus der Branche.“ Insbesondere für Taschen, die weniger der Abnutzung unterliegen als Bekleidung, wird das attraktive Fell jedoch noch immer genutzt.
Verarbeitung mini|Bearbeiten eines rohen Antilopenfells (Hamer Village, Äthiopien, 2008) Da die Verwendung der Felle der verschiedenen Antilopenfellarten meist für Kleinteile wie Taschen, Besätze, Kopfbedeckungen und Ähnlichem erfolgt, vor allem wegen der geringen Haltbarkeit nur selten als Großkonfektion, wurden die Produkte aus Antilopenfell zuletzt weniger von den pelzherstellenden Kürschnern, sondern eher von lederverarbeitenden Betrieben gearbeitet. Ein weiteres Problem dieser Fellarten ist, insbesondere bei der Verarbeitung zu Pelzbekleidung, dass beim scharfen Umlegen des Fells an den Kanten (fachsprachlich: Umbugen) infolge der flachen, dann abstehenden Behaarung das Leder durchscheint. Sommerfelle weisen ganz allgemein bei dünnerer Behaarung oft ein stärkeres Leder auf. Ganz besonders ist dies bei Rehen und Gazellen zu bemerken, eine Jacke aus Sommergazellen ist entsprechend des besonders dicken Leders äußerst schwer. Wintergazellenfelle weisen dagegen gewöhnlich ein zartes Leder auf und sind auch im Haar bedeutend haltbarer. Sie haben jedoch den Nachteil, dass die anfangs nur als schwarze Pünktchen auf der Lederseite erscheinenden Haare im weiteren Zurichtverfahren auf der Lederseite immer weiter durchtreten, bis sie womöglich gar keinen Halt mehr haben und das Fell „haart“. (→ Inhaltsverzeichnis).
Im Jahr 1928, als Sommerpelze aktuell waren (die keine so hohen Ansprüche an die Haltbarkeit stellen), fand das Fell auch Aufnahme in ein Werk mit Arbeitstechniken der Pelzverarbeiter. Als Besonderheit wurde empfohlen, „ganz gegen die sonstige Gewohnheit des Kürschners, die Seiten nicht mit dem Messer, sondern mit der Schere abzugleichen“, damit sich die spießigen Haare in den Nähten nicht unschön in einander schieben. Durch eine halbfellige Verarbeitung, Fellrücken (Grotzen) an Fellseite, lässt sich, da der Rücken dunkel ist, die Seite wieder hell, eine „ganz hübsche und plötzlich einsetzende Kontrastwirkung erzielen“.Alexander Tuma jun: Die Praxis des Kürschners. Verlag von Julius Springer, Wien 1928, S. 13.
Die für Kleidungszwecke verwendeten Antilopenfelle wurden früher in der Regel gefärbt oder bedruckt, zum Beispiel mit Jaguar-, Leopard- oder Ozelotmustern. Das dafür zu lange Haar wurde geschoren.
Im Jahr 1965 wurde der Fellverbrauch für eine für einen Antilopen- oder Gazellenmantel ausreichende Felltafel mit 30 bis 40 Fellen angegeben (sogenanntes Mantel-„Body“), wobei hierbei offenbar sehr kleine Gazellenfelle angenommen wurden. Für die Berechnung wurde eine Tafel mit einer Länge von 112 Zentimetern und einer durchschnittlichen Breite von 150 Zentimetern und einem zusätzlichen Ärmelteil zugrunde gelegt. Das entspricht etwa einem Fellmaterial für einen leicht ausgestellten Mantel der Konfektionsgröße 46 des Jahres 2014. Die Höchst- und Mindest-Fellzahlen können sich durch die unterschiedlichen Größen der Geschlechter der Tiere, die Altersstufen sowie deren Herkunft ergeben. Je nach Pelzart wirken sich die drei Faktoren unterschiedlich stark aus.Paul Schöps u. a.: Der Materialbedarf für Pelzbekleidung. In: Das Pelzgewerbe. Jg. XVI / Neue Folge 1965 Nr. 1, Hermelin-Verlag Dr. Paul Schöps, Berlin u. a., S. 7–12.Die Angabe für ein Body erfolgte nur, um die Fellsorten besser vergleichbar zu machen. Tatsächlich wurden nur für kleine (bis etwa Bisamgröße) sowie für jeweils gängige Fellarten Bodys hergestellt, außerdem für Fellstücken. Folgende Maße für ein Mantelbody wurden zugrunde gelegt: Körper = Höhe 112 cm, Breite unten 160 cm, Breite oben 140 cm, Ärmel = 60 × 140 cm.
Die Reparierbarkeit von Antilopenpelzen wird mit „nicht empfohlen“ angegeben, auch eine Pelzumgestaltung getragener Mäntel oder Jacken wird nicht angeraten. Die Kanten werden schnell kahl.
Hauptsächliche, für die Fellverarbeitung infrage kommenden Antilopenarten