Karl Renner (* 14. Dezember 1870 in Untertannowitz, Mähren;Pfarre Untertannowitz, Taufbuch 1862-1888, S. 174. 3. Zeile, abgerufen am 9. Juli 2024. † 31. Dezember 1950 in Wien) war ein österreichischer sozialdemokratischer Politiker (SDAP/SPÖ), Staatsmann und Jurist. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie war er von 1918 bis 1920 als Staatskanzler (Staatsregierung Renner I, Renner II und Renner III) maßgeblich am Entstehen der Ersten Republik Österreich beteiligt. Er leitete die österreichische Delegation bei den Verhandlungen in Saint-Germain. Von 1920 bis 1934 sowie kurzzeitig 1945 war Renner Abgeordneter zum Nationalrat. Bis zu seinem Tod 1950 war er Bundespräsident. mini|Karl Renner (um 1920)
1931 wurde er Präsident des Nationalrates. Sein Rücktritt und der seiner beiden Stellvertreter am 4. März 1933 wurde von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß als Selbstausschaltung des Parlaments begrüßt und als Vorwand für die Etablierung der Ständestaatsdiktatur genützt, die von ihren Gegnern als Austrofaschismus bezeichnet wurde.
1938 war er der bedeutendste sozialdemokratische Befürworter des „Anschlusses“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche ReichWalter Goldinger, Dieter A. Binder: Geschichte der Republik Österreich 1918–1938. Verlag für Geschichte und Politik, Wien/München 1992, ISBN 3-7028-0315-7, S. 79 ff. und 298. und unterstützte im gleichen Jahr auch die Annexion des Sudetenlandes durch NS-Deutschland (vgl. Münchner Abkommen). Renner werden eine „problematische Haltung zu Jüdinnen und Juden“ und eine „ambivalente Haltung“ zu Stalin zugeschrieben.
Als Österreich als unabhängiger Staat nach dem Zweiten Weltkrieg wiedererrichtet wurde, war er als Staatskanzler der provisorischen Regierung im Alter von 74 Jahren neuerlich kurzzeitig einer der Hauptakteure. Von Dezember 1945 bis zu seinem Tod 1950 amtierte er als erster Bundespräsident der Zweiten Republik.
Renner war Anhänger der parlamentarischen Demokratie im Sinne Lassalles und zählte als solcher in seiner Partei zum rechten, pragmatischen Flügel. Dabei hatte Renner immer darauf beharrt, als Marxist zu gelten, wenn auch als ein Marxist eigener Observanz.Jacques Hannak: Karl Renner und seine Zeit. Versuch einer Biographie. Europa Verlag, Wien 1965, S. 398. Renner gilt als fruchtbarer Publizist, dessen Spezialgebiet die Rechtssoziologie war.
Leben
1870–1920: Die frühen Jahre
Kindheit und Studium Karl Renner wuchs in ärmlichen Verhältnissen in dem fast ausschließlich von Deutschen besiedelten Dorf Untertannowitz in Südmähren auf. Mit seinem Zwillingsbruder Anton war er das 17. oder 18. Kind einer Weinbauernfamilie (als Vorname wurde Carl ins Taufregister eingetragen). Renners Elternhaus wurde als Folge von Kinderreichtum und Agrarkrise zwangsversteigert. Die Familienangehörigen zerstreuten sich in die Welt, verteilt auf die verschiedensten Berufe und Lebenseinstellungen, wie es während der sozialen Umschichtung um 1900 typisch war.
Trotz der Armut seiner Eltern konnte er dank eines Stipendiums und „Freitischen“ bei bürgerlichen Familien das Gymnasium besuchen (einer seiner Lehrer war Wilhelm Jerusalem). Den zweistündigen Schulweg von Untertannowitz nach Nikolsburg legte er zu Fuß zurück. Schon als Schüler gab er Nachhilfe und verdingte sich in den Sommerferien als Tagelöhner, um seinen Unterhalt zu bestreiten. Er maturierte in Nikolsburg (Mikulov) mit Auszeichnung und absolvierte von 1891 bis 1896 das Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Wien.Thomas Chorherr: Große Österreicher. Ueberreuter, 1985, ISBN 3-8000-3212-0. Renner war 1895 maßgeblich an der Gründung der internationalen Naturfreundebewegung beteiligt, die heute weltweit über 500.000 Mitglieder zählt.Oliver Kersten: Die Naturfreundebewegung in der Region Berlin-Brandenburg 1908–1989/90. Kontinuitäten und Brüche. Naturfreunde-Verlag Freizeit und Wandern, Berlin 2007, ISBN 978-3-925311-31-4, S. 22–24; Abb. S. 180 (zugleich Dissertation, Freie Universität Berlin, 2004).
1895, nach dem Abschluss des Studiums, erhielt er auf Empfehlung seines Universitätslehrers Eugen von Philippovich eine befristete Stelle in der Bibliothek des Reichsrates, des Parlaments der österreichischen Reichshälfte. Dort sollte er zunächst den Buchbestand neu aufnehmen, um einen Materialienkatalog in Druck geben zu können, bis er eine definitive Beamtenstelle bekommen würde. Renner willigte ein, da er so Zugang zur Parlamentsdirektion bekam und auch an eigenen Werken arbeiten konnte. So veröffentlichte er als Beamter unter dem Pseudonym „Synopticus“ Staat und Nation – Zur österreichischen Nationalitätenfrage (1899), als „Rudolf Springer“ Der Kampf der österreichischen Nationen um den Staat und als „Josef Karner“ Die soziale Funktion der Rechtsinstitute, besonders des Eigentums (1904).
1896 heiratete Renner Luise Stoisits. Aus der Ehe ging die gemeinsame Tochter Leopoldine (1891–1977) hervor.
Sozialdemokratische Arbeiterpartei mini|Karl Renner (um 1905)
Nebenberuflich engagierte er sich in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP). In seiner ersten großen Arbeit widmete er sich der akuten Nationalitätengemeinde.Synopticus: Staat und Nation. Wien 1899. Sein Lösungsansatz: Die Zugehörigkeit zur Nation soll nicht nach territorialen, sondern nach personellen Gesichtspunkten geregelt werden. „Nation“ war für ihn „kein naturwissenschaftlicher, kein ethnologischer, kein soziologischer, sondern ein politischer Begriff“. Nachdem er realisierte, dass innerhalb der Habsburgermonarchie jede einzelne Nation einen Staat mit eigenen Hoheitsrechten erstrebte, sollte die nationale Frage durch jeweilige Gesetzgebungs- und Vollzugsrechte gelöst werden, so dass die einzelnen Nationen Staatsglieder im Nationalitätenstaat würden: Renner wollte eine Verrechtlichung der nationalen Interessen und damit eine befriedende Kanalisierung der nationalen Konflikte. Vorbilder für seine Reformphantasien der Habsburgermonarchie sah er in den USA und in der Schweiz.
Renner war aber nicht nur sozialistischer Theoretiker, sondern auch sozialistischer Funktionär mit hohem Engagement an der Basis. Nach seiner Wahl in den Reichsrat im Jahre 1907 widmete er sich weiterhin dem Genossenschaftswesen, da er dieses als besonders wichtigen Teil der „sozialistischen Dreifaltigkeit“ (Genossenschaften, Gewerkschaften, Bildungsarbeit) betrachtete. 1910 schrieb er eine umfangreiche Abhandlung über „Landwirtschaftliche Genossenschaften“ und „Konsumvereine“.
1911 wurde er zum Verbandsobmann des Zentralverbandes österreichischer Konsumvereine (ZÖK) gewählt. Um die teilweise finanziell angeschlagenen Genossenschaften von der Abhängigkeit bürgerlicher Großbanken zu befreien, gründete er im Jahr 1912 den Kreditverband der österreichischen Arbeitervereinigungen, der 1922 in die Arbeiterbank umgewandelt wurde. An der „Arbeiterbank AG“ besaßen die sozialistischen Gewerkschaften und die Großeinkaufsgesellschaft für österreichische Consumvereine (GÖC) je 40 % Anteile.
Renners Genossenschaftsarbeit trug messbare Früchte. Sie schuf einen Kreis dankbarer Genossenschafter, auf den er sich immer wieder stützen konnte. Diese grundsätzlich antirevolutionäre Tätigkeit sowie sein Landhaus in Gloggnitz machten ihn, dem tatsächlich „jeder Hang zum gewaltsamen Umsturz fremd“ war,Walter Rauscher: Karl Renner. 1995, S. 76. zur Zielscheibe des linken Flügels einer Partei, die zumindest theoretisch auf dem Boden des auf Umsturz ausgerichteten Kommunistischen Manifestes stand. So warf ihm Friedrich Adler, der im Jahr 1917 seinen Mordprozess in eine Abrechnung mit der SDAP umfunktionierte, stellvertretend für den rechten Parteiflügel „biedere Verlogenheit“, „Prinzipienlosigkeit“ und „Gaukelei“ vor.Johann Wolfgang Brügel: Friedrich Adler vor dem Ausnahmegericht. Wien 1967. Dieser Vorwurf kann nicht achtlos ignoriert werden, da Renner in einer Parlamentssitzung 1917 vor der Errichtung von Republiken in ganz Europa durch die Franzosen als Untergang der Zivilisation warnte, während er 1919 die Monarchie als „Völkerkerker“ bezeichnete.
Politik im Ersten Weltkrieg Karl Renner war, wie ein großer Teil der deutschösterreichischen Sozialdemokratie, im Krieg Verfechter der Mitteleuropaidee Friedrich Naumanns und wurde von Adler deswegen scharf kritisiert. Renner übersah in seinem Optimismus, dass die Westmächte eine deutsche Hegemonie ablehnten. In einer Sitzung am 13. Juli 1915 sprach sich Renner zwar gegen deutschen Landerwerb im Westen aus, gestand dem Verbündeten aber zu,
Einem selbstständigen Polen seien Galizien und Preußisch-Polen anzugliedern, was eine Hegemonie der Mittelmächte voraussetzte.Hans Mommsen: Viktor Adler und die Politik der österreichischen Sozialdemokratie im Ersten Weltkrieg. In: Isabella Ackerl (Hrsg.): Politik und Gesellschaft im alten und neuen Österreich. Festschrift für Rudolf Neck zum 60. Geburtstag (zu Ehren von Rudolf Neck), Verlag für Geschichte u. Politik, Wien 1981, ISBN 3-7028-0189-8, S. 387–408, hier S. 387 und 395 f.; und Robert A. Kann: Das Nationalitätenproblem der Habsburgermonarchie. Geschichte und Ideengehalt der nationalen Bestrebungen vom Vormärz bis zur Auflösung des Reiches im Jahre 1918. Band 2: Ideen und Pläne zur Reichsreform. Verlag Böhlau, Graz/Köln 1964, S. 257.
Renners Forderung nach einer umfassenden territorialen Neuregelung, um einen dauerhaften Frieden zu erreichen, rief die offene Kritik Adlers hervor. Aber auch Adler war wegen der Polenfrage gehindert, frühzeitig das populäre Schlagwort vom Frieden ohne Annexionen aufzugreifen. Anfang 1916 hatte Renner bei Verhandlungen mit deutschen Sozialdemokraten einem mitteleuropäischen Wirtschaftsbund, der Freihandel zuließ, zugestimmt, aber eine politische und militärische Union abgelehnt.Richard W. Kapp: Divided Loyalities. The German Reich and Austria-Hungary in Austro-German Discussions of War Aims, 1914–1916. In: Central European History. Band 17, 1984, S. 120–139, hier S. 128 f. Bis dahin glaubte Karl Renner, Chancen auf den Posten des k.k. Ministerpräsidenten, des Regierungschefs von Cisleithanien, zu haben, um dabei die in seinen Büchern entwickelten und ausgearbeiteten Modelle zur inneren Befriedung und Rettung des Vielvölkerstaates zu verwirklichen. Renner fühlte sich dann bei einer Audienz bei Kaiser Karl dazu nicht erkannt beziehungsweise gefördert und wandte sich darauf von Habsburg ab.Johannes Sachslehner: 1918 - Die Stunden des Untergangs. Styria, Wien/Graz 2014, ISBN 978-3-222-13435-7, S. 81.
Mitte Juni 1917 forderte Renner zusammen mit Karl Seitz im Reichsrat schließlich den Frieden ohne Annexionen und Kontributionen. Zur Stockholmer Friedenskonferenz im Frühsommer 1917 vertrat Renner wie Victor Adler und Wilhelm Ellenbogen die Auffassung, dass ein Frieden nicht auf Kosten der territorialen Integrität der Habsburgermonarchie geschlossen werden dürfe.Manfried Rauchensteiner: Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie 1914–1918. Böhlau, Wien 2013, ISBN 978-3-205-78283-4, S. 765.
Staatskanzler, Außenpolitiker und Oppositionsführer mini|Renner bei den Verhandlungen in Saint-Germain (zweiter von links)
Nach dem Zusammenbruch der Monarchie wurde Renner am 30. Oktober 1918 von der Provisorischen Nationalversammlung für Deutschösterreich zum Staatskanzler gewählt, tags darauf vereidigt, und blieb in dieser Funktion bis 7. Juli 1920. Er hatte wesentlichen Anteil an der formalen Staatswerdung der Republik, am Habsburgergesetz und am Zustandekommen des Bundes-Verfassungsgesetzes. Zuletzt Staatssekretär des Äußeren, schied er wie die anderen Sozialdemokraten am 22. Oktober 1920 aus der Regierung aus (in die er und seine Parteifreunde erst 1945 zurückkehren sollten).