mini|Felix Draeseke, Porträt von Robert Sterl (1907)

Felix August Bernhard Draeseke (* 7. Oktober 1835 in Coburg; † 26. Februar 1913 in DresdenStadtarchiv Dresden, Standesamt Dresden II, Sterbe-Neben-Register 1913, Nr. 376.) war ein deutscher Komponist. Er gehörte im deutschsprachigen Raum zu den bedeutendsten Vertretern der Musik seiner Zeit. Ausgehend von der Neudeutschen Schule entwickelte er einen an klassischen Idealen ausgerichteten, spätromantischen Kompositionsstil. Draeseke machte sich daneben auch als Musikpädagoge und Musikschriftsteller einen Namen.

Leben Frühe Jahre: 1835–1852 mini|hochkant|Geburtshaus in Coburg, Markt 9

Felix Draeseke wurde am 7. Oktober 1835 in Coburg geboren. Sowohl väter- als auch mütterlicherseits entstammte er angesehenen protestantischen Theologenfamilien: Sein Vater, Superintendent Theodor Draeseke (1808–1870), war der Sohn des Bischofs Johann Heinrich Bernhard Dräseke, seine Mutter Maria Draeseke geb. Hanstein (1815–1835) die Tochter des Superintendenten Gottfried August Ludwig Hanstein. Maria Draeseke starb acht Tage nach Felix’ Geburt, sodass das Kind von den drei Schwestern seines Vaters erzogen wurde. 1840 heiratete der Vater Emilie Bähring (1821–1882). Aus dieser zweiten Ehe gingen weitere zwölf Kinder hervor. Den Großteil seiner Kindheit verbrachte Felix Draeseke im nahe Coburg gelegenen Rodach.

Obwohl er im Alter von fünf Jahren an einer Mittelohrentzündung erkrankte, die nie wirklich ausheilte und sein Gehör nachhaltig schädigte, begeisterte sich der junge Draeseke sehr für die Musik, erlernte das Klavierspiel und schrieb als Achtjähriger sein erstes Klavierstück. 1850 nahm er Studien in Komposition bei dem Flötisten Caspar Kummer und entschied sich bald darauf, den Beruf eines Musikers zu ergreifen. Im April 1852 trat Draeseke ins Leipziger Konservatorium ein. Die folgenden drei Jahre studierte er Musiktheorie bei Robert Papperitz und Ernst Friedrich Richter, Klavier bei Louis Plaidy und Ignaz Moscheles, Komposition bei Julius Rietz sowie Musikgeschichte bei Franz Brendel.

Im Banne der Neudeutschen: 1852–1862 Zu Pfingsten 1852 befand sich Draeseke in Weimar und wohnte einer von Franz Liszt geleiteten Aufführung des Lohengrin von Richard Wagner bei. Durch dieses Erlebnis wurde Wagner das große Vorbild des jungen Musikstudenten, der sich alsbald selbst an die Komposition seiner ersten Oper König Sigurd (nach einer Vorlage des Dichters Emanuel Geibel) machte. Wie Wagner verfasste Draeseke das Libretto selbst – eine Praxis, die er in allen seinen Opern beibehielt.

1853, während eines Aufenthaltes in Berlin, lernte Draeseke den Liszt-Schüler und Wagner-Anhänger Hans von Bülow kennen, später einer der großen Pianisten und Dirigenten seiner Zeit, mit dem ihn bald eine enge Freundschaft verband. Der Enthusiasmus für den progressiven Musikstil der Neudeutschen Schule Liszts und Wagners ließ Draesekes Interesse am Konservatorium Leipzig schnell erlahmen. Die meisten seiner Lehrer waren sehr konservativ ausgerichtet und standen den Idolen Draesekes skeptisch bis feindlich gegenüber. Oft kam es deshalb vor, dass er die Unterrichtsstunden gar nicht erst besuchte.

1855 trat Draeseke enttäuscht aus dem Konservatorium aus. Im gleichen Jahr engagierte ihn Franz Brendel – – einer der wenigen Konservatoriumslehrer, die den Neudeutschen nahestanden – für eine Saison als Konzertkritiker seiner Neuen Zeitschrift für Musik. Draeseke nutzte die Gelegenheit, um hier mit spitzer Feder für seine Ideale einzutreten. Brendel unterstützte auch die Veröffentlichung von Draesekes Essays über Wagner sowie die Symphonischen Dichtungen Liszts.

Im Februar 1857 leitete Hans von Bülow das erste Treffen mit Liszt in Weimar in die Wege, der sich von der fast vollendeten König-Sigurd-Oper beeindruckt zeigte. Draeseke fand freundliche Aufnahme in den Kreis des verehrten Vorbildes. Besonders wichtig für ihn wurden hier die Freundschaften mit Hans Bronsart von Schellendorf und Peter Cornelius. Auch Richard Wagner, der damals als politisch Verfolgter in der Schweiz lebte, lernte er bei einem Besuch 1859 persönlich kennen und wurde Zeuge der Fertigstellung von dessen Tristan und Isolde. Mit Werken wie der Ballade Helges Treue (seinem offiziellen op. 1), der Kantate Germania an ihre Kinder auf einen Text Heinrich von Kleists und der riesenhaften Tondichtung Julius Caesar sicherte Draeseke sich bald den Ruf des „ultraradikalen“ Vertreters der Neudeutschen Schule. Zum Eklat kam es im August 1861: Auf der zweiten Weimarer Tonkünstlerversammlung leitete der Komponist eine Aufführung seines Germania-Marsches. Die Komposition wurde von der Musikkritik gnadenlos verrissen. Draeseke erinnerte sich später:

Die Neudeutschen mussten eine große Niederlage hinnehmen. Liszt zog noch im gleichen Jahr nach Rom, Draeseke übersiedelte 1862 in den französischsprachigen Teil der Schweiz, die Suisse romande.

Vierzehn „verlorene Jahre“: 1862–1876 hochkant=0.6|mini|Draeseke um 1870 (unbekannter Fotograf)

Die Zeit in der Schweiz verlief für den Komponisten weitgehend ereignislos. Ab 1864 lebte er in Lausanne, wo er als Klavierlehrer arbeitete. Mehrmals verließ er seine neue Heimat, so 1865 für eine Reise nach München, um der Uraufführung von Wagners Tristan beizuwohnen. 1869 folgte eine große Reise nach Frankreich, Spanien, Nordafrika und Italien.

Seine künstlerische Produktivität hielt sich in dieser Zeit in Grenzen: Neben seiner bedeutendsten Klavierkomposition, der Sonate op. 6, entstanden in den ersten Schweizer Jahren die Symphonische Dichtung Frithiof, die Kantate Der Schwur im Rütli und einige kleinere Werke. Draeseke fühlte sich in der Schweiz nie sonderlich heimisch. Er war dort vom Hauptstrom des deutschen Musiklebens nahezu isoliert. Auch vereinsamte er in zunehmendem Maße. Seit dem Skandal von 1861 hatten sich die meisten seiner ehemaligen Mitstreiter von ihm abgewendet; Hans von Bülow hielt als einer der wenigen weiter zu ihm. Liszt, dessen Musik Draeseke nach wie vor wohlwollend, aber doch immer kritischer gegenüberstand, besuchte er nur gelegentlich. Der Kontakt zu Richard Wagner erlosch völlig, als dieser 1866 eine Affäre mit Bülows Frau Cosima begann, was ihm Draeseke zeitlebens übel nahm. Insgesamt hatte der Komponist über diesen Abschnitt seines Lebens, den er später als seine „verlorenen Jahre“ bezeichnete, eine ziemlich schlechte Meinung.

Dennoch darf man die Schweizer Zeit für Draesekes kompositorische Entwicklung nicht unterschätzen, da sich in ihr ein Wandel seines künstlerischen Standpunktes vollzog. Hatte er zuvor rigoros im neudeutschen Stil komponiert und seine Anschauung auch in zahlreichen Aufsätzen dargelegt, so entwickelte er nach und nach eine immer größere Skepsis und Distanz zu seinem Frühwerk. Der wichtigste Orientierungspunkt wurden ihm jetzt die Meister des Barock und der Wiener Klassik, deren formenklarer Tonsprache er nachzueifern begann. Seine avancierte Harmonik und Kontrapunktik, die er von Wagner und Liszt gelernt hatte, trachtete er von nun an mit den traditionell-klassischen Idealen zu vereinen:

Folglich wandte Draeseke sich, obwohl er auch später noch in typisch neudeutschen Gattungen wie Symphonische Dichtung und Musikdrama komponierte, nun vorrangig traditionellen Gattungen zu. So vollendete er 1872 seine erste Symphonie G-Dur op. 12 (eine bereits 1855 komponierte Jugendsymphonie hat er vermutlich selbst vernichtet). Das Werk erlebte in den nächsten Jahren mehrere recht erfolgreiche Aufführungen.

Bei den Neudeutschen stießen Draesekes neue Erkenntnisse aber eher auf kühle Reaktionen. So soll Liszt angeblich nach Hören des Lacrimosa op. 10 (später arbeitete Draeseke es in sein Requiem op. 22 ein) geäußert haben, aus dem Löwen sei ein Kaninchen geworden.

1876 verließ Draeseke die Schweiz und kehrte nach Deutschland zurück.

Der angesehene Komponist: 1876–1906 mini|Blick auf Dresdner Altstadt mit Augustusbrücke um 1900

Als neuen Wohnort hatte er Dresden ausersehen. Bevor er im August 1876 dorthin übersiedelte, hielt er sich noch eine Zeit lang in seiner Geburtsstadt Coburg auf, wo er die Symphonie Nr. 2 F-Dur op. 25 komplettierte, deren Uraufführung zwei Jahre später mit großem Erfolg unter der Leitung Ernst von Schuchs stattfand. Außerdem fuhr er nach Bayreuth, wo er der Uraufführung des Ring des Nibelungen beiwohnte, ohne freilich Wagner persönlich aufzusuchen.

Sein Einkommen bezog Draeseke während der ersten Jahre in Dresden von privaten Musikschülern. Erst im September 1884 erhielt er eine feste Anstellung am Konservatorium der Stadt. Als Professor für Komposition, Harmonielehre und Kontrapunkt, der seine Lehren auch in dem einst viel verwendeten Unterrichtsbuch Der gebundene Styl niederlegte, bildete er zahlreiche bedeutende Musiker heran. Zu seinen Schülern gehörten Alberto Franchetti, Walter Damrosch, Paul Büttner, Theodor Blumer, Leo Kestenberg und Gustav Grossmann sowie Georg Pittrich. Seine Schaffenskraft nahm wieder deutlich zu. Es entstanden die Opern Dietrich von Bern (1879, später revidiert und in Herrat umbenannt) und Gudrun (1883) sowie das Requiem h-Moll op. 22 (1880). Das Jahr 1880 wurde Draesekes „Liederjahr“, denn fast die Hälfte seines Schaffens für Singstimme und Klavier entstand in dieser Zeit.

Allerdings stellte Draeseke all diese Kompositionen durch ein weiteres Werk in den Schatten: 1886 vollendete er nach langwieriger Arbeit seine dritte Symphonie C-Dur op. 40, der er den Beinamen Symphonia Tragica gab. Diese umfangreiche, zyklisch angelegte Symphonie kann als wohl bedeutendste Umsetzung seines künstlerischen Credos in Musik gelten. Sie wurde nach der Uraufführung 1888, erneut unter Schuch, Draesekes durchschlagender Erfolg in deutschen Konzertsälen. Durch die Symphonia Tragica konnte auch der Kontakt zu seinem Freund Hans von Bülow wiederhergestellt werden. Zwar hatte Draeseke für ihn den Umgang mit Wagner abgebrochen, aber ab 1872 bestanden auch zu Bülow praktisch keine Kontakte mehr, wohl weil sich dieser inzwischen von Wagner ab- und dessen Antipoden Johannes Brahms zugewandt hatte, der Draeseke als einen seiner Hauptkonkurrenten betrachtete. Bülow wurde einer der wichtigsten Interpreten von Draesekes neuer Symphonie.

Seinen Ruhm als einen der angesehensten Tonsetzer der Zeit vermochte Draeseke in den folgenden Jahren noch zu festigen. Dazu trugen Werke bei wie die Orchesterserenade D-Dur op. 49, die Symphonischen Vorspiele zu Calderóns Das Leben ein Traum op. 45 und zu Kleists Penthesilea op. 50 (alle 1888), die Große Messe fis-Moll op. 60 (1891), die Oper Merlin (1905) und zahlreiche Kammermusikwerke, unter denen das dritte Streichquartett cis-Moll op. 66 (1895) und das Streichquintett F-Dur op. 77 (1900) besondere Erwähnung verdienen.

Das kammermusikalische Schaffen legt, darin der Arpeggionesonate Franz Schuberts durchaus ähnlich, auch ein Zeugnis für das rege Interesse des Komponisten für neu entwickelte Instrumente ab. So finden sich darunter zwei zu Lebzeiten nicht publizierte Sonaten für Viola alta und Klavier, sowie ein gleichfalls erst posthum herausgegebenes Streichquintett A-Dur (1897), in dem Draeseke eine Violotta verwendet.

Zu seinen kompositorischen Erfolgen gesellte sich für den alternden Meister auch privates Glück: Im Mai 1894 heiratete der 58-jährige seine ehemalige Schülerin Frida Neuhaus (1859–1942) und führte mit ihr eine äußerst glückliche Ehe. 1899 komplettierte er sein seit 1864 in Arbeit befindliches Opus Magnum Christus. Ein Mysterium in einem Vorspiele und drei Oratorien op. 70–73, mit dem er eine Art geistliches Gegenstück zu Wagners Ring schuf. Anlässlich seines 70. Geburtstages wurden 1905 in ganz Deutschland Konzerte zu Ehren Draesekes veranstaltet.

„Konfusion“ und letzte Jahre: 1906–1913