mini|Otto Brunfels (1488–1534) mini|Hieronymus Bock (1498–1554) mini|Leonhart Fuchs (1501–1566) Als Väter der Botanik werden die im Renaissance-Humanismus verwurzelten Ärzte und Botaniker Otto Brunfels, Hieronymus Bock und Leonhart Fuchs bezeichnet.
Namensherkunft Die Wortwahl geht auf Kurt Sprengel zurück, der sie in seiner Dissertatio de Germanis, rei herbariae patribus („Abhandlung über die deutschen Väter der Botanik“), die 1810 vorgestellt wurdeBericht über die Arbeiten der Mathematisch-Physikalischen Classe der Königl. Bayrischen Akademie der Wissenschaften, Band 3, München 1810, S. 137f. Online und 1812 im Druck erschien,Kurt Sprengel: Dissertatio de Germanis, rei herbariae patribus. In: Denkschriften der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu München für die Jahre 1811 und 1812, Band 3, München 1812, S. 185–216. Online einführte. Im Vergleich zu den bereits zuvor als „Väter der Botanik“ bezeichneten antiken Autoren hob er die Rolle der Mediziner der Renaissance hervor, die sich durch zahlreiche Erstbeschreibungen der Flora Mitteleuropas verdient gemacht hätten. Erneut würdigte er die 1817 in einer MonographieKurt Sprengel: Geschichte der Botanik. Band 1, Brockhaus, Altenburg/Leipzig 1817, S. 258. Online und 1827 im dritten Band der dritten Auflage seines Werkes Versuch einer pragmatischen Geschichte der Arzneykunde.Kurt Sprengel: Versuch einer pragmatischen Geschichte der Arzneykunde. Band 3, Halle 1827, S. 45. OnlineWolf-Dieter Müller-Jahncke: Der Apotheker als Botaniker in der Frühen Neuzeit oder: Reichtum fördert eine junge Wissenschaft. In: Sabine Anagnostou, Florike Egmond und Christoph Friedrich (Hrsg.): A passion for plants: materia medica and botany in scientific networks from the 16th to 18th centuries. (= Quellen und Studien zur Geschichte der Pharmazie, Bd. 95). Stuttgart 2011. ISBN 978-3-8047-3016-8, S. 7f. Zahl und Namen der mit diesem Epitheton Geehrten schwanken allerdings; häufig verwendet wird es vor allem für die genannten drei, die durch ihre Kräuterbücher bekannt wurden, die sich u. a. durch bestechend naturgetreue Abbildungen der dargestellten Pflanzenarten auszeichnenMurray W. Nabors: Botanik. Pearson Studium, ISBN 978-3-8273-7231-4, S. 413. und somit den Übergang von der mittelalterlichen Kräuterkunde zur neuzeitlichen BotanikJohannes G. Mayer: Die ersten gedruckten Kräuterbücher und das Angelika-Wasser der Donaueschinger Taulerhandschrift. In: Würzburger Fachprosa-Studien. Beiträge zur mittelalterlichen Medizin-, Pharmazie- und Standesgeschichte aus dem Würzburger medizinhistorischen Institut, [Festschrift] Michael Holler zum 60. Geburtstag. Königshausen & Neumann, Würzburg 1995 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 38), ISBN 3-8260-1113-9, S. 156–177, S. 156. repräsentieren.
Gemeinsamkeiten und Zusammenarbeit Brunfels, Bock und Fuchs waren Ärzte und Botaniker. Sie wirkten in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Nach der Reformation wandten sie sich der protestantischen Lehre zu. In ihren Kräuterbüchern stützten sie sich nicht, wie bis dahin üblich, nur auf die botanischen Schriften des Altertums, sondern sie beobachteten die Pflanzen selbst und beschrieben sie aus eigener Anschauung. Unter Berufung auf die Vorarbeiten italienischer und französischer Humanisten verfolgten sie das Ziel, auch im Bereich der Botanik im Sinne des Renaissance-Humanismus eine Abkehr von der Scholastik zu erreichen.
Otto Brunfels ließ 1532 einen Text von Hieronymus BockOtto Brunfels. Herbarum vivae eicones. 1532, Bd. II, De vera herbarum cognitione appendix. S. 156–165: Hieronymi Tragi Medici Herbarum aliquot dissertationes & censurae. (Des Arztes Hieronymus Tragus [Bock] Erörterungen und Untersuchungen über Kräuter.). Digitalisat MDZ München und einen Text von Leonhart FuchsOtto Brunfels. Herbarum vivae eicones. 1532, Bd. II, De vera herbarum cognitione appendix. S. 129–155: Leonhardi Fuchsii annotationes aliquot Herbarum & Simplicium, a Medicis hactenus non recte intellectorum. (Leonhard Fuchs Anmerkungen über Kräuter und einfache Medikamente die von früheren Ärzten nicht richtig erkannt wurden.). Digitalisat MDZ München im Anhang des 2. Bandes seines lateinischen Kräuterbuchs Herbarum vivae eicones abdrucken. Im Spätsommer 1533 lief Brunfels von Straßburg nach Hornbach (90–100 km), um den dort wohnenden Hieronymus Bock zu überreden, die Aufzeichnungen über seine botanischen Beobachtungen zu veröffentlichen.F. W. E. Roth. Hieronymus Bock. 1898: S. 269. In ihren Kräuterbüchern zitierten Brunfels und Bock sich gegenseitig. Leonhart Fuchs hingegen erwähnte weder Brunfels noch Bock. Mit Bock hatte er keinerlei Verkehr.F. W. E. Roth. Leonhard Fuchs. 1898/99 S. 175.
Vorläufer Die Väter der Botanik betraten kein absolutes Neuland. Erste Schritte zur systematischen botanischen Bestimmung der in den Quellen überlieferten Heilpflanzen waren im deutschen Sprachraum bereits ansatzweise im „Herbarius depictus“ des Vitus Auslasser (1479),Vitus Auslasser. Herbarius depictus. 1479 (Digitalisat) im „Herbarius Moguntinus“ (Mainz 1484),Herbarius Moguntinus. Mainz 1484. (Digitalisat) im „Gart der Gesundheit“ (Mainz 1485),Gart der Gesundheit. Mainz 1485 (Digitalisat) im „Hortus sanitatis“ (Mainz 1491)Hortus sanitatis. Mainz 1591 (Digitalisat) und im „Kleinen Destillierbuch“ (Straßburg 1500) des Hieronymus BrunschwigHieronymus Brunschwig. Kleines Destillierbuch. Straßburg 1500. (Digitalisat) geleistet worden.
Brunschwigs Vorarbeit wurde von Brunfels und von Bock geachtet und genutzt. Brunfels ließ Brunschwigs Pflanzenbeschreibungen im Wortlaut abdrucken.Otto Brunfels. Herbarum vivae eicones. 1532, Bd. II, De vera herbarum cognitione appendix. S. 183–201: Hieronymi herbarii Argentorat. Apodixis Germanica, ex qua facile vulgares herbas omnes licebit perdiscere, coacta in seriem Alphabeticam. (Des Straßburger Kräuterkundigen Hieronymus [Brunschwig] deutsche Beweisführung, aus der die gemeinen Pflanzen leicht erkannt werden können. In alphabetischer Reihenfolge.) (Digitalisat) Hieronymus Bock schrieb im Vorwort zur Ausgabe 1551 seines Kräuterbuchs (Kapitel 10): „Aber so vil die Einfache Artzney der Kreutter belanget / hat Gott den frommen vnd gelehrten Ottonem Brunfelsium / nach dem fleissigen Hieronymo Braunschweig im Teutschen lande erweckt / welche die Kreutter zů beschreiben sich vnderzogen.“
Simplicia statt Composita 1532 stellte Otto Brunfels im Vorwort seines Contrafayt Kreüterbuch fest, dass „die Alten“ allein einzelne Kräuter (Simplicia) und keine zusammengesetzten Arzneien (Composita) gebraucht hätten. Die zeitgenössischen Ärzte jedoch seien von „Avicenna und seines gleichen“ dahin geführt worden, diesen Weg zu verlassen.Otto Brunfels: Contrafayt Kreüterbuch. Straßburg 1532, Vorred, Kapitel 12. Das die Alten allein kreüter gebraucht / vnd kein zůſammen geſetzte artzeneyen. (Digitalisat) Von „Galen bis auf Avicenna und seines gleichen Arabier“ habe der „Plunder überhandgenommen“ und derjenige sei als der beste Arzt angesehen worden, der die kompliziertesten Rezepte mit Zutaten aus Arabien und Indien verschrieb. Brunfels forderte, dass die Composita aus maximal vier oder fünf möglichst einheimischen Einzelsubstanzen zusammengesetzt sein sollten.Otto Brunfels: Contrafayt Kreüterbuch. Straßburg 1532, Vorred, Kapitel 15. Wie lang die zůſammenſetzung der artzeneyen gewerdt. (Digitalisat)
Humanisten gegen „Arabisten“ Beeinflusst durch den Geist des Renaissance-Humanismus kritisierten die Väter der Botanik die seit dem europäischen Hoch- und Spätmittelalter vorherrschenden Medizintheorien, das heißt die durch die arabischen Ärzte überlieferten griechischen Bildungsgüter, die nach ihrer Einschätzung durch die Araber „verfälscht“ wurden.Otto Brunfels. Kräuterbuch. Straßburg 1532, Vorwort, Kapitel 18. Von der neueren Historiographie seit dem Ende des 19. Jh. wurde dieser Wissenstransfer, der durch arabische Ärzte eingeleitet und mit Rückübersetzung ins Lateinische durch europäischer Ärzte vollendet wurde, polemisch als „Arabismus“ bezeichnet.Gerhard Baader: Medizinisches Reformdenken und Arabismus im Deutschland des 16. Jahrhunderts. In: Sudhoffs Archiv. Band 63, 1979, S. 261–296. --- Gerhard Baader: Arabismus. In: Lexikon des Mittelalters, Band 1 (1999), Sp. 854. --- Moritz Steinschneider: Die europäischen Übersetzungen aus dem Arabischen bis Mitte des 17. Jh. , Sitzungsbericht der Akademie der Wissenschaften in Wien. PH 149/4, 1904; 151/1, 1905. --- Heinrich Schipperges: Ideologie und Historiographie des Arabismus. In: Sudhoffs Archiv. Beiheft 1, 1961.
In Opposition zu diesem Überlieferungsstrang, der später als „Arabismus“ bezeichnet wurde, beriefen sich die Väter der Botanik auf die Vorarbeiten italienischer und französischer Humanisten, die – aus griechisch-byzantinischen und langobardischen Quellen schöpfend – an der Wende vom 15. zum 16. Jh. die pharmakologischen Werke des Dioskurides, des Plinius und des Galen neu bewertet hatten. 1532, im zweiten Band seines lateinischen Kräuterbuchs, ließ Otto Brunfels eine Plinius-Kritik des Niccolò Leoniceno und eine Plinius-Verteidigung des Pandolfo Collenuccio abdrucken.De Plinii et aliorum in medicina erroribus. Ferrara 1492. – Brunfels 1532, Bd. II, S. 44–89.Pliniana defensio adv. Leonicenum accusationem. Ferrara 1493. – Brunfels 1532, Bd. II, S. 89–116. 1551 bezeichnete Hieronymus Bock Hermolaus BarbarusCastigationes Plinij Hermolai Barbari. Rom 1493 - Venedig 1493/94 – Cremona 1495, Band I.Cremona 1495, Band II., Jean Ruel, Johannes Manardus und Marcellus Virgilius als „new Kreutter Artzet“, die „den alten thewren Dioſcoridem von newem auß der äſchen herfür gezogen / vnd den ſelben recht Lateiniſch zů reden geleert vnnd kandtbar gemachet“.Hieronymus Bock: Kreüterbuch… Straßburg, 1551, Vorwort (Digitalisat)