mini|hochkant|Anonyme Miniatur von Karl van Beethoven Karl van Beethoven (* 4. September 1806 in Wien; † 13. April 1858 in Josefstadt) war der Neffe des Komponisten Ludwig van Beethoven.
Karl van Beethoven war der Sohn von Kaspar Anton Karl van Beethoven (getauft 8. April 1774Taufanzeige im Gnädigst privilegirtes Bönnisches Intelligenz-Blatt 19.04.1774), dem Bruder des Komponisten. Als sein Vater 1815 an Tuberkulose starb, entbrannte zwischen Ludwig van Beethoven und seiner Schwägerin ein jahrelanger Rechtsstreit um das Sorgerecht für ihn. Diese als „Neffenkonflikt“, „Neffenepisode“, „Neffentragödie“, „Neffenkomplex“ sowie „Tragödie eines Genies“ bezeichnete Episode im Leben des Komponisten gehört zu den zentralen Gebieten in der Beethoven-Forschung.
Leben Herkunft Karl van Beethoven kam im Jahr 1806 als Sohn von Beethovens Bruder Kaspar Karl (getauft am 8. April 1774, † 15. November 1815 in der Alservorstadt) und dessen Ehefrau, der Tapezierertochter Johanna van Beethoven geb. Reiss (* um 1786 in Wien, † 2. Februar 1868 in Baden bei Wien) zur Welt. Ludwig van Beethoven hegte eine tiefe Abneigung gegenüber seiner Schwägerin, der er einen unsittlichen Lebenswandel vorwarf, und bezeichnete sie des Öfteren in Anspielung auf Wolfgang Amadeus Mozarts Oper Die Zauberflöte als „Königin der Nacht“.
Der „Neffenkonflikt“ Konflikt zwischen Ludwig van Beethoven und seiner Schwägerin Am 14. November 1815, einen Tag vor seinem Tod, setzte der schwer kranke Kaspar Karl van Beethoven in seinem Testament seinen Bruder Ludwig van Beethoven als Vormund für seinen Sohn Karl van Beethoven ein. Ein von Kaspar Karl van Beethoven stammendes Kodizill, das seine Frau als Mitvormund vorsah, wurde von ihm widerrufen, aber nicht mehr notariell bestätigt.
Ende November 1815 beantragte Beethoven beim Landrecht das Sorgerecht für seinen Neffen Karl. Im Dezember 1815 reichte Beethoven u. a. mit Hinweis auf die Vorstrafe seiner Schwägerin, die diese nach einer Unterschlagung von Schmuck erhalten hatteBereits 1804 war Johanna van Beethoven von ihren Eltern des Diebstahls beschuldigt worden; mehr dazu siehe Sieghard Brandenburg (Hrsg.): Johanna van Beethoven’s Embezzlement, in: Haydn, Mozart, Beethoven. Studies in Music of the Classical Period. Essays in Honor of Alan Tyson, Oxford, 1998, S. 273–251, beim Magistrat eine Petition ein, Johanna van Beethoven von der Vormundschaft auszuschließen. Die Petition wurde abgewiesen, vom Magistrat aber an die Landrechte weitergeleitet. Die Entscheidung des k. k. niederösterreichischen Landrechts vom 9. Januar 1816 legte Beethoven als alleinigen Vormund für seinen Neffen Karl fest.
Am 2. Februar 1816 kam Karl van Beethoven in das Internat des Cajetan Giannatasio del Rio in Wien in der Landstraße, wo er bis zum 24. Jänner 1818 blieb. Ludwig van Beethoven zog bald in die Nähe des Internats und engagierte seinen Schüler Carl Czerny als Klavierlehrer für seinen Neffen; Karl van Beethoven sollte gemäß den Plänen seines Onkels auf eine musikalische Karriere vorbereitet werden. Auf emotionaler Ebene jedoch verhielt sich Beethoven distanzierter. So sagte er den Besuch, den beide dem Grab von Kaspar Karl van Beethoven zu dessen ersten Todestag hatten abstatten wollen, kurzfristig ab, blieb fern, als Karl van Beethoven sich einer Leistenoperation unterziehen musste, und verbrachte seine sommerlichen Kuraufenthalte auf dem Land allein, während sein Neffe in Giannatasio del Rios Institut zurückblieb.
Nach einem Hinweis von Giannatasio del Rio, dass Karl nach den Besuchen seiner Mutter „ihr immer nachweint“,D. Weise (Hrsg.): Beethoven: Entwurf einer Denkschrift an das Appellationsgericht ... (Faksimile), Bonn, 1953, S. 15f. erwirkte Beethoven im Februar 1816 beim Landrecht, bestimmen zu können, ob und wann Johanna van Beethoven ihren Sohn besuchen dürfe. Am 4. September 1816 gab sie die Erklärung ab, „zur Herstellung der Einigkeit“D. Weise (Hrsg.): Beethoven: Entwurf einer Denkschrift an das Appellationsgericht … (Faksimile), Bonn, 1953, S. 17 zugunsten Beethovens auf ihre Vormundschaftsansprüche zu verzichten.
Im Laufe des Jahres 1817 erhielt Karl van Beethoven 2000 Gulden aus dem Erbteil seines Vaters und Johanna van Beethoven als Ausgleich dafür das Gesamteigentum am Haus 121 in der Alservorstadt. Im gleichen Jahr wurde sie verpflichtet, die Hälfte ihrer Pension an Karl auszuzahlen; im November sah Ludwig van Beethoven sich veranlasst, die ausbleibenden Zahlungen gerichtlich einzufordern.
Im Jänner 1818 wurde Karl van Beethoven von seinem Onkel aus dem Internat genommen und lebte nun in dessen Haushalt. Er besuchte die dritte Klasse des Gymnasiums der Universität; den Klavierunterricht setzte Ludwig van Beethoven fort. Beethoven bestand weiterhin darauf, dass sein Neffe das Akademische Gymnasium besuche. Er hatte zwar Karls Mangel an musikalischem Talent erkannt, sah aber nun stattdessen eine wissenschaftliche Karriere für seinen Neffen vor.
Als Karl van Beethoven während einer Kur seines Onkels bei Pastor Fröhlich in Mödling untergebracht war, nutzte Johanna van Beethoven diese Gelegenheit, ihren Sohn mehrmals heimlich zu besuchen. Nachdem Karl van Beethoven im Dezember 1818 zu seiner Mutter geflüchtet war und von der Polizei zu seinem Onkel zurückgebracht wurde, erreichte Johanna van Beethoven in einem weiteren Prozess, dass Ludwig van Beethovens Adelstitel und Vormundschaftsansprüche aberkannt wurden. Beethoven selbst hatte durch seine Aussage, er würde seinen Neffen das reputable Wiener Theresianum besuchen lassen, wenn er denn nur adelig wäre, unvorsichtigerweise zugegeben, dass das „van“ in seinem Namen nicht adeligen (sondern flämischen) Ursprungs war. Kurz vorher war trotz prominenter Fürsprache u. a. durch Erzherzog Rudolph, einen Schüler Beethovens, Beethovens Vorhaben, seinen Neffen bei dem Theologen Johann Michael Sailer unterrichten zu lassen, an der von Polizei-Hofstelle und Magistrat verweigerten Zustimmung gescheitert.
Johanna van Beethoven übernahm zunächst mit Magistratsrat Mathias von Tuscher die Vormundschaft; Karl van Beethoven kam zu seiner Mutter. Beethoven erwog, das ihm auferlegte Besuchsrecht durch sein Vorhaben zu umgehen, seinen Neffen heimlich bei Aloys Weißenbach unterzubringen, wurde aber anscheinend von Freunden überzeugt, diese Pläne aufzugeben. Nach drei Monaten jedoch zog sich Mathias von Tuscher zurück; an seine Stelle trat Stadtsequester Nußbök. Als Begründung gab Mathias von Tuscher „die Menge der Amtsgeschäfte, als auch mehrere andere Gründe“ an.Ludwig van Beethoven, Briefwechsel. Gesamtausgabe, Band 4, hrsg. von Sieghard Brandenburg, München 1996, S. 280–283 mit Anmerkung 4 Möglich ist aber auch, dass Beethoven versucht hatte, ihn in seinem Sinne zu manipulieren.Jan Caeyers, Beethoven – Der einsame Revolutionär, C. H. Beck-Verlag, 2013, S. 563
Nach den Ereignissen vom Dezember 1818 zog Beethoven mit Unterstützung des Juristen Johann Baptist Bach vor das niederösterreichische Appellationsgericht. Bach schätzte die Erfolgsaussichten wegen Beethovens Taubheit als begrenzt ein und befürwortete eine gemeinsam von Beethoven und seiner Schwägerin ausgeübte Vormundschaft. Am 8. April 1820 stimmte das Gericht Beethovens Vorschlag zu, dass er die Vormundschaft gemeinsam mit seinem Freund Karl Peters, dem Hauslehrer bei der Familie Lobkowitz, ausüben sollte. Gegen Johanna van Beethoven sprachen ihre Vorstrafe sowie ihre Unfähigkeit, mit Geld umzugehen. Bedenken wegen Beethovens Taubheit und seines gehässigen Verhaltens gegenüber seiner Schwägerin wurden von seiner Reputation und seiner finanziellen Großzügigkeit Karl gegenüber zerstreut. Nachdem Johanna van Beethovens Beschwerde keinen Erfolg hatte, widmete sie sich ihrer 1820 geborenen Tochter Ludovica.Ludovica trug später den Nachnamen Hofbauer. Ob der «kaiserlich königliche» Glockengießer Johann Caspar Hofbauer, der Johanna van Beethoven Alimente zahlte, oder der ungarische Medizinstudent Samuel Raisz de Nagy, über den entsprechende Gerüchte kursierten, der Vater war, ist nicht geklärt. In der Folgezeit lebte Karl van Beethoven vom 22. Juni 1819 bis zum Jahr 1823 im Blöchlingerschen Institut, wo er sehr gute Leistungen und einen hervorragenden Schulabschluss erzielte.
Unterstützung durch Antonie Brentano Beethoven bemühte sich vorübergehend um die Erziehung seines Neffen bei dem bekannten Theologen und Pädagogen Johann Michael Sailer in Landshut. Dabei wurde er unterstützt von Antonie Brentano, die 1809 bis 1812 in Wien gelebt hatte und in dieser Zeit eng mit Beethoven befreundet war. Sie schrieb am 22. Februar 1819 einen umfangreichen Brief an Sailer, mit dem sie ebenfalls befreundet war, und setzte sich für die Realisierung dieses Plans ein.Ludwig van Beethoven, Briefwechsel. Gesamtausgabe, Band 4, hrsg. von Sieghard Brandenburg, München 1996, S. 241–243
Um dieser Bitte Nachdruck zu verleihen, wandte sich Beethoven am 22. Juni 1819 sogar an Kaiser Franz I. persönlich, der das Gesuch des Komponisten jedoch ablehnte.Klaus Martin Kopitz, Ein unbekanntes Gesuch Beethovens an Kaiser Franz I., in: Bonner Beethoven-Studien, Band 6 (2007), S. 101–113, klaus-martin-kopitz.de (PDF; 6,6 MB) Die Erziehung eines gebürtigen Österreichers, selbst in einem anderen Staat des Deutschen Bundes, war zu der Zeit generell nur in Ausnahmefällen möglich.
Konflikt zwischen Ludwig van Beethoven und seinem Neffen Karl van Beethoven begann ein Philologiestudium, lebte weiterhin bei seinem Onkel und unterstützte den Komponisten, der gerade an der Missa solemnis und an der 9. Sinfonie arbeitete, unter anderem mit Sekretärsarbeiten. Als Ludwig van Beethoven im Jänner 1823 von der Erkrankung seiner Schwägerin erfuhr und ihr ihren Anteil am Unterhalt erlassen wollte, ließ er sich zunächst durch Einwände seines Neffen, Johanna van Beethoven könne dann ihre unsolide Lebensweise fortsetzen,Ludwig van Beethoven: Konversationshefte, hrsg. von Karl-Heinz Köhler, Grita Herre, Dagmar Beck, u. a., 11 Bände, Leipzig 1968-2001, Band 2, S. 327 davon abbringen, setzte aber ein Jahr später sein Vorhaben dennoch in die Tat um. Am 6. März 1823 setzte Beethoven ein Testament mit seinem Neffen als Universalerben auf.
Doch kam es im zunächst harmonischen Zusammenleben zwischen beiden zu Spannungen, als Karl van Beethoven, während auftretender Schwierigkeiten in der Zeit seines Studiums, den Wunsch äußerte, Soldat zu werden. Als die Probleme im Studium blieben, setzte Karl van Beethoven durch, am Polytechnischen Institut eine kaufmännische Ausbildung aufnehmen zu können. Im September 1823 bot Verleger Maurice Schlesinger, der mit Ludwig van Beethoven über dessen Streichquartett Nr. 15 in a-Moll op. 132 verhandelte, Karl van Beethoven eine Stelle in London an, wo er eine Kunsthandlung aufbauen wollte, doch sabotierte Ludwig van Beethoven dieses Vorhaben.
mini|Burgruine Rauhenstein mini|hochkant|Joseph von Stutterheim, der Förderer Karl van Beethovens im Militär
In dieser Zeit versuchte Ludwig van Beethoven immer mehr Kontrolle über das Privatleben seines Neffen zu erlangen. Ludwig ließ sich von Karl über seinen Tagesablauf und seine Aktivitäten Bericht erstatten und setzte seinen Freund Karl Holz ein, der Karl beobachten sollte. Dies gipfelte schließlich am 6. August 1826 darin, dass Karl van Beethoven sich auf der Burgruine Rauhenstein nahe dem Helenental, in dem Ludwig van Beethoven gerne Spaziergänge unternahm, durch einen Pistolenschuss das Leben nehmen wollte. Karl van Beethoven hatte am Vortag seinem Vermieter Schlemmer und dessen Ehefrau gegenüber Suizidabsichten geäußert und seine Uhr versetzt, um sich zwei Pistolen kaufen zu können. Auf Burg Rauhenstein setzte er zwei Pistolenschüsse auf seine Schläfe ab; nur einer der beiden Schüsse traf und hinterließ lediglich einen Streifschuss. Wenige Stunden später wurde Karl van Beethoven von einem Fuhrmann gefunden; auf eigenen Wunsch brachte man ihn zu seiner Mutter in die Adlergasse.