mini|hochkant|Plakat der Deutschen Vaterlands-Partei Die Deutsche Vaterlandspartei (DVLP), auch Vaterlands-Partei, war eine rechtsradikale deutsche Partei, die in der Schlussphase des Ersten Weltkrieges aktiv war und von September 1917 bis Dezember 1918 bestand. Die Partei griff Elemente konservativer, nationalistischer, antisemitischer und völkischer Ideologien auf; sie gilt organisationsgeschichtlich als Scharnier zwischen der wilhelminischen Rechten und dem neuen Rechtsradikalismus der Nachkriegszeit.Repräsentativ dazu: Abraham J. Peck: Radicals and Reactionaries. The Crisis of Conservatism in Wilhelmine Germany, Washington, D.C. 1978, S. 203–221; Dirk Stegmann: Vom Neokonservatismus zum Proto-Faschismus: Konservative Partei, Vereine und Verbände 1893–1920, in: ders., Bernd-Jürgen Wendt, Peter-Christian Witt (Hrsg.): Deutscher Konservatismus im 19. und 20. Jahrhundert. Festschrift für Fritz Fischer zum 75. Geburtstag und zum 50. Doktorjubiläum, Bonn 1983, S. 199–230; ders.: Die Erben Bismarcks. Parteien und Verbände in der Spätphase des Wilhelminischen Deutschland. Sammlungspolitik 1897–1918, Köln/Berlin 1970, S. 497 ff.; ders.: Zwischen Repression und Manipulation: Konservative Machteliten und Arbeiter- und Angestelltenbewegung 1910–1918. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der DAP/NSDAP, in: Archiv für Sozialgeschichte, Jg. 12 (1972), S. 351–432; Manfred Weißbecker: Deutsche Vaterlandspartei, in: Dieter Fricke u. a.: Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789–1945). Band 2, Leipzig 1984, S. 391–403. Eine Relativierung des vielfach herausgearbeiteten transformatorischen Potentials der DVLP hat Heinz Hagenlücke: Deutsche Vaterlandspartei. Die nationale Rechte am Ende des Kaiserreichs, Düsseldorf 1997, S. 18, 402 ff. versucht, ist dafür von Rezensenten aber mit zum Teil harschen Worten kritisiert worden. Auch Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Band 4: Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914–1949, München 2003, S. 108 bezeichnet die DVLP als „erste rechtsradikal-protofaschistische Massenpartei“.

Einordnung Anfang September 1917 aus Anlass der von den DVLP-Protagonisten abgelehnten Friedensresolution ins Leben gerufen, verschaffte die Partei der offen antidemokratischen Strömung des radikalen Nationalismus erstmals die parteipolitische Massenbasis, die der an der Parteigründung beteiligte Alldeutsche Verband seit den 1890er Jahren angestrebt hatte. Innenpolitisch kündigte die Vaterlandspartei den „Burgfrieden“ von rechts auf. Sie plädierte für einen repressiven Kurs gegenüber der Arbeiterbewegung und griff auch bürgerliche Politiker heftig an, die sich – wie Matthias Erzberger – für eine Reform des politischen Systems unter Einbeziehung der SPD aussprachen. Die Parteiführung verfolgte den Plan, mit Hilfe eines „starken Mannes“ einen autoritären Staatsumbau einzuleiten und dabei den Reichstag und die Linksparteien auszuschalten. Im äußersten Fall sollte auch der „zu weiche“ Wilhelm II. bei einer sich bietenden Gelegenheit für regierungsunfähig erklärt und der weit rechts stehende Kronprinz zum Regenten ernannt werden. Außenpolitisch trat die Vaterlandspartei für einen deutschen „Siegfrieden“ und ein umfassendes Programm direkter und indirekter Expansion ein. Mit ihren Kampagnen gegen einen „Verzichtfrieden“ oder „Judenfrieden“ genannten Verständigungsfrieden und gegen „Schlappheit“ und „Verrat“ an der „Heimatfront“ legte die DVLP den Grundstein für den Nachkriegsdiskurs über die „Novemberverbrecher“ und den „Dolchstoß“.

Geführt wurde die Vaterlandspartei von Alfred von Tirpitz (1. Vorsitzender) und Wolfgang Kapp (2. Vorsitzender). Ehrenvorsitzender der Partei war Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg. Der Partei gehörten – oft in zumindest regional herausgehobener Position – viele führende Industrielle, Großgrundbesitzer und Wirtschaftsverbandsfunktionäre an, darunter Max Roetger, Wilhelm von Siemens, Carl Duisberg, Carl Ziese, Ernst von Borsig, Hugo Stinnes, Emil Kirdorf, Jakob Wilhelm Reichert, Alfred Hugenberg, Ernst Schweckendieck, Conrad Freiherr von Wangenheim, Johann Christian Eberle und Hermann Röchling, aber auch Geisteswissenschaftler wie Eduard Meyer und Dietrich Schäfer.

Geschichte

Hintergrund Der Impuls zur Schaffung der DVLP ging vor allem von drei – ideologisch zwar verwandten, institutionell aber klar unterscheidbaren – Einflussgruppen aus. Im Umfeld des Admiralstabes, des Oberbefehlshabers Ost, der Obersten Heeresleitung und verschiedener Zivilbehörden waren seit 1915 mehr oder weniger konkrete Pläne für einen autoritären Staatsumbau entstanden, die von einem „starken Mann“ – gestützt auf das Militär – umgesetzt werden sollten. Als „starker Mann“ waren unter anderem Kronprinz Wilhelm, Hindenburg, der im März 1916 entlassene Großadmiral Tirpitz und – verstärkt seit 1917 – Erich Ludendorff im Gespräch. Zum Teil in diesem Zusammenhang, zum Teil in Fortsetzung vergangener eigener Aktivitäten bemühte sich der Alldeutsche Verband seit 1915, eine Partei der „nationalen Opposition“ zu lancieren, unter anderem in loser Anknüpfung an das Kartell der schaffenden Stände von 1913 und die verschiedenen Kriegszielausschüsse.Siehe Hagenlücke, Vaterlandspartei, S. 90 ff. Relativ unabhängig von den militärischen Diktaturüberlegungen und den Organisationsanstrengungen alldeutsch-völkischer Kreise war es jedoch in erster Linie die schon jahrelang schwelende Krise des preußisch-deutschen Konservatismus, die schließlich – als wesentliche Etappe der „Verformung des politischen Stils der Konservativen“Stegmann, Protofaschismus, S. 219. – zur Gründung der DVLP führte.

1916 und mehr noch 1917 gerieten die beiden konservativen Parteien politisch in die Defensive. Ein sichtbares Zeichen dafür war die Osterbotschaft Wilhelms II., in der die von konservativer Seite als existentielle Bedrohung empfundene preußische Wahlrechtsreform in Aussicht gestellt wurde. Höhepunkt dieser Entwicklung war die sogenannte Friedensresolution vom 19. Juli 1917, mit der sich faktisch eine Reichstagsmehrheit aus FVP, Zentrum und SPD konstituierte (vgl. Interfraktioneller Ausschuss). Dass sich mit Georg Michaelis auch der Nachfolger Bethmann Hollwegs zumindest formal zum Inhalt der Friedensresolution bekannte, machte die zunehmende Isolation der Verfechter eines nach innen reaktionären und nach außen imperialistischen Maximalprogramms vor aller Welt öffentlich. Einige den alldeutsch-völkischen Gruppen nahestehende konservative Parteiführer machten für diese Marginalisierung das einseitige Vertrauen auf den offenkundig schwindenden institutionell-informellen Einfluss und das völlige Fehlen einer organisierten Massenbasis verantwortlich; sie begannen nun, ernsthaft über die Schaffung einer konservativen „Volkspartei“ nachzudenken. Andere Stimmen plädierten zunächst nur für die organisatorische Verschmelzung von Deutsch- und Freikonservativen.Siehe Peck, Radicals and Reactionaries, S. 204 ff. Diese „neuen Konservativen“ wurden jedoch von der von Ernst von Heydebrand und der Lasa repräsentierten altkonservativen Führungsgruppe, die weiter starr am althergebrachten elitär-klientelistischen Politik- und Organisationsmodell festhielt, ausgebremst.Zu den Konzeptionen der „alten“ und „neuen“ Konservativen siehe vor allem James N. Retallack: Notables of the Right. The Conservative Party and Political Mobilization in Germany 1876–1918, Boston 1988, S. 210 ff. und passim. Einige der Kritiker der traditionellen Linie waren indes ohnehin nicht von den Erfolgsaussichten eines von den weithin diskreditierten und gelähmten konservativen Organisationen und Gruppen lancierten „Gegenschlags“ überzeugt. So kam der Gedanke auf, neben und unabhängig von den konservativen Parteien eine neue „überparteiliche“ Organisation zu schaffen, die neben konservativen auch nationalliberale und rechtskatholische Kräfte, vor allem aber die vieldiskutierte „Partei der Parteilosen“ an sich ziehen sollte – einen „Bismarckbund“, eine „Bismarckpartei“, eine „Vereinigte Rechte“, eine „Hindenburg-Partei“ oder eine „Deutsche Einheitspartei“.Siehe Weißbecker, Vaterlandspartei, S. 392, Stegmann, Protofaschismus, S. 217 und Hagenlücke, Vaterlandspartei, S. 145. Umstritten war dabei vor allem, ob die neue Organisation als Bund, Verein oder explizit als Partei aufgestellt werden sollte.

An diesen Diskussionen, bei denen sich schließlich die Parteibefürworter durchsetzten, war auch der seit dem Frühjahr 1916 über Ostpreußen hinaus in „nationalen“ Kreisen bekannt gewordene Wolfgang Kapp beteiligt. Kapp stand über Ulrich von Hassell mit Alfred von Tirpitz und der Obersten Heeresleitung in Verbindung.Siehe Hagenlücke, Vaterlandspartei, S. 142. Er verhandelte im Sommer 1917 in Berlin, Hamburg und Bremen mit einflussreichen Persönlichkeiten – darunter Friedrich Bendixen, Richard Krogmann und Ludwig Roselius – über die Gründung einer neuen Organisation der „nationalen Opposition“. Anfänglich war vorgesehen, die Gründungsbewegung von den Hansestädten ausgehen zu lassen, um das Projekt nicht sofort dem Verdacht „ostelbischer“ Steuerung auszusetzen. Da Kapp aber zumindest bei informierten Kreisen als Vertrauensmann und Sachwalter ostpreußischer Großgrundbesitzer bekannt war (sein Name soll auch auf zunächst an dem Vorhaben interessierte hanseatische Honoratioren vielfach „wie ein rotes Tuch“Zitiert nach Weißbecker, Vaterlandspartei, S. 392. gewirkt haben), verliefen diese Schritte im Sande. Der Kreis um Kapp (meist Mitglieder eines politischen Klubs, der Ostpreußischen Gesellschaft 1914), der die Gründung der Vaterlandspartei schließlich in die Hand nahm, ging – wie viele andere Konservative und Nationalliberale auch – grundsätzlich davon aus, dass die innere und äußere Politik der Reichsleitung vom „nationalen“ Standpunkt aus abzulehnen war. Anders als etwa die Heydebrand-Fraktion war er jedoch bereit, neue Wege zu gehen, um der konservativ-alldeutschen Agenda durch eine gegen den Reichstag und im Zweifelsfall auch gegen die Reichsregierung gerichtete außerparlamentarische Massenbewegung den nötigen Nachdruck zu verleihen. Dabei spielte auch ein prononciert wirtschaftsliberales Motiv eine nicht ganz unwichtige Rolle – so hatte Kapp in seiner Mai-Denkschrift von 1916 einen um sich greifenden „Staatssozialismus“ angeprangert und die Abschaffung der Höchstpreispolitik, die Orientierung der Politik auf die „berechtigten Interessen“ der Produzenten und allgemein die Zurückdrängung „sozialer Gesichtspunkte“ gefordert.Siehe Stegmann, Protofaschismus, S. 215.

Zwei gleichlaufenden Initiativen – eine ging von dem ehemaligen Diplomaten Franz von Reichenau, die andere von Münchener Alldeutschen um Ernst Müller-Jürgens ausSiehe Hagenlücke, Vaterlandspartei, S. 155 ff. – kam Kapp nur kurz zuvor und konnte sie schließlich in die von ihm betriebene Neugründung einbinden. Ausgesprochen wurde von diesen Kreisen vor allem ein Bruch mit der bisherigen Praxis der „vaterländischen“ Parteien, die eigene Nähe zum Staat, zur Staatsführung und zur „Staatsautorität“ herauszustellen und als Identitätsmerkmal zu kultivieren. Dadurch kam – modifiziert und geprägt durch die spezifische Situation der Kriegszeit – der schon in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts bei Teilen der Deutschkonservativen latente Anti-Gouvernementalismus voll zum Durchbruch. Viele Protagonisten der Vaterlandspartei hatten diesen „Seitenwechsel“ auch subjektiv bereits vollzogen und nahmen ihre „Oppositionsrolle“ mit beträchtlicher Aggressivität an. Der einige Zeit als Vorsitzender der neuen Partei vorgesehene, vor allem durch seine 1902 veröffentlichte Bismarck-Biographie im Bildungsbürgertum bekannte Historiker Max Lenz schrieb im Sommer 1917 in einem Privatbrief: