mini|hochkant|Der von Kürenberg (Große Heidelberger Liederhandschrift, Anfang 14. Jahrhundert). Das »redende« Wappen zeigt eine blaue Handmühle mit rotem Stiel
Der von Kürenberg, auch Der Kürenberger, war ein Dichter von mittelhochdeutschen Minneliedern im 12. Jahrhundert.
Überlieferung und Autor Die Überlieferung Unter dem Namen Der von Kürenberg sind in der Großen Heidelberger Liederhandschrift (Sigle: C; entstanden knapp nach 1300) 15 Strophen überliefert; von der etwas älteren ‚Budapester Liederhandschrift‘ (Sigle: Bu; Vizkelety stellte Gemeinsamkeiten im Lautstand mit in den beiden letzten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts entstandenen Handschriften fest) sind nur Fragmente, insgesamt drei Blätter, enthalten; darunter die Überschrift ‚Der Herr von Kürenberg‘ und die ersten 9 der ‚Kürenbergerstrophen‘. Dem sprachlichen Befund nach wurde Bu im bayrisch-österreichischen Dialekt im Donauraum zwischen Regensburg und Wien geschrieben.András Vizkeleti: Die Budapester Liederhandschrift. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 110 (1988), S. 387–407. Hier S. 398 ff. Mehrere Beiträge des Grazer Symposiums 13.–17. Oktober 1999: Entstehung und Typen mittelalterlicher Lyrikhandschriften. Akten hg. Von Anton Schwob und András Vizkelety (Jahrbuch für Internationale Germanistik, Reihe A Kongressberichte, Bd. 52, Peter Lang, Bern 2001) widmeten sich der Frage der Datierung und Lokalisierung der Budapester Handschrift und der Bedeutung der Autorzuweisungen in den Liederhandschriften; sie haben jedoch zu keiner wesentlichen Modifikation der Ergebnisse Vizkeletys geführt: je genauer ein Zuweisungsversuch an einen Schreibort wird, desto hypothetischer erscheint er.
Der Autor Ob dem Sammler ein Autorname vorlag oder er den Namen nur aus den Worten „in Kürenberges wîse“ im so genannten ‚Zinnenlied‘ erschloss, ist unbekannt. Die Formel wird auch als Familienname gedeutet, wobei Franz Josef Worstbrock darauf hingewiesen hat, dass allein in der Überlieferung von Bu eine bereits für das 12. Jahrhundert gebräuchliche Bildung vorliegt. Er übersetzt entsprechend: „in der Melodie der Kürenberger“.Franz Josef Worstbrock: Der Überlieferungsrang der Budapester Minnesang-Fragmente. Zur Historizität mittelalterlicher Textvarianz. In: Wolfram-Studien 15 (1998), S. 114–142. Hier: S. 135. Orte namens ‚Kürnberg‘ (bzw. ähnlich) gibt es mehrere: sie sind zu kvern; kürn ‚Mühle‘ gebildet. Unter diesen „Mühlenbergen“ wurde des Öfteren der Kürnberger Wald westlich von Linz an der Donau als mögliche Heimat des Dichters genannt. Als Argument dafür wurde angeführt, dass die stilistisch und thematisch nächstverwandten Dichtungen die Lieder Dietmars von Aist sind; die Aist mündet bei Linz in die Donau. Als Kürnberg wird neben mehreren Siedlungen in Bayern auch eine ebenfalls in der Nähe der Aistmündung liegende Siedlung im heutigen St. Peter in der Au bezeichnet.
Ob der Dichter dem Ministerialengeschlecht der Kürenberger angehörte, das im 12. Jh. an verschiedenen Orten in Bayern und im heutigen Ober- und Niederösterreich fassbar ist, ist den Strophen naturgemäß nicht zu entnehmen, doch ist diese Annahme plausibel. Eindeutig und unumstritten ist nur, dass er der Gruppe des donauländischen Minnesangs angehört. Da die Handschrift Bu der Heimat des Dichters entstammt und die gleiche Reihenfolge der Strophen in C und Bu zeigt, dass beide Handschriften auf eine ältere Sammlung zurückgehen, ist es wahrscheinlich, dass die Autornennung keine Fiktion der Zeit um 1300 ist, sondern dass tatsächlich ein ‚Herr von Kürenberg‘ der Autor war. Zur Identifikation mit einer bestimmten Person verhilft das jedoch nicht. Identifikationsversuche gab es mehrere; in jüngster Zeit von Peter Volk.Peter Volk: Die Königin der Manessischen Liederhandschrift. Zur Historizität des Kürenbergers. In: Alemannisches Jahrbuch 1999–2000 (2001) S. 225–256.
Volk will den Minnesänger Kürenberger als Sigihard, Bruder des Grafen Heinrich von Schala (beide gestorben um 1191/1192) aus dem Stamm der Tengelinger identifizieren und den mit ‚Kürenberg‘ gemeinten Ort als Kirnberg an der Mank (südlich von Melk, Niederösterreich). Diese Identifizierung von ‚Kürenberg‘ mit Kirnberg an der Mank nannte schon 1857 Moriz Haupt in den Anmerkungen zu Minnesangs Frühling eine mögliche Alternative zum Kürnberger Wald bei Linz; auch die Nennung von Urkunden, in denen Herren von Kürenberg von der Mitte des 12. Jahrhunderts bis 1217 erwähnt werden, findet sich schon bei Lachmann – Haupt 1857.Des Minnesangs Frühling. Hg. von Karl Lachmann und Moriz Haupt, Berlin 1857. Große Wahrscheinlichkeit können die Zuweisungsversuche an bestimmte Personen allerdings nicht erlangen.
Die Strophenform Die überlieferten Strophen des Kürenbergers benutzen zwei verschiedene Strophenformen; die Mehrzahl die zweite, die im ‚Zinnenlied‘ mit „Kürenberges wîse“ angesprochen wird und daher als eigentliche ‚Kürenbergerstrophe‘ gilt. Sie wurde vom Nibelungenlied übernommen und ist daher die bekannteste mittelalterliche Strophenform. Sie besteht aus vier Langzeilen, von denen jede durch eine Zäsur in zwei Halbzeilen getrennt ist. Die Anverse (erste Halbzeilen) sind vierhebig (= haben vier betonte Silben); die Abverse der ersten drei Verse sind dreihebig, der vierte ist vierhebig. Durch die längere Schlusszeile wird die Abgeschlossenheit der Strophe betont. Eine Melodie, auf die diese Strophen gesungen werden könnten, ist nicht überliefert.
Datierung und Bezug zum Nibelungenlied Die Datierung der Kürenberger-Strophen ist sehr unsicher; sie erwecken einen ziemlich altertümlichen Eindruck, Langzeilenstrophen sind in der Lyrik nach 1200 kaum mehr zu erwarten. Ausgenommen einige anonyme Strophen (oder in den Sammelhandschriften, offensichtlich falsch, unter den Namen von Vortragenden des späteren 13. Jahrhunderts überlieferte, tatsächlich aber anonyme Strophen), machen keine Lieder des deutschen Minnesangs einen altertümlicheren Eindruck als die des Kürenbergers, weil man rhythmische Unregelmäßigkeit für ein Kennzeichen der ältesten Lieder hält. Er wird daher als ältester namentlich bekannter Dichter von Liebeslyrik in deutscher Sprache bezeichnet. Diese relative Datierung zu den anderen Minnesängern bietet aber wenig Hilfe zur absoluten Datierung in Jahreszahlen. Walther von der Vogelweide dichtete noch 1227 die (zu Unrecht) so genannte 'Elegie', in der er auf seine Jugend (wohl um 1170/1180) Bezug nimmt, in rhythmisch unregelmäßigen Langzeilen. Die absolute Datierung des Kürenbergers spielt auch eine Rolle in der Diskussion, wie eng die Verbindung der Kürenberger-Strophen zum ‚Nibelungenlied‘ zu sehen ist.
Die sehr frühe Datierung (vor 1160), die meistens, auch im ‚Verfasserlexikon‘-Artikel von Günther Schweikle, angegeben wird, erfolgt auf Grund nur eines Argumentes: Ein Heinrich nennt in seiner Dichtung ‚Von des todes gehugede‘ seinen Abt Erkenfried. Erkenfried von Melk starb 1163; es gab nur wenige Orte, an denen es einen Abt mit diesem seltenen Namen gab; die Identifikation ist also sehr wahrscheinlich, und die Bezeichnung dieses Autors als Heinrich von Melk und die Datierung besteht zu Recht. In dieser vom Rittertum Askese statt Lebensgenuss fordernden Dichtung erwähnt er das troutliet singen (‚Liebeslieder singen‘) des Ritters, das zur Hölle führe. Man meint, dass das schon die Existenz des höfischen Minnesangs bezeuge, als dessen frühester Vertreter der Kürenberger anzusehen ist. Der Kürenberger wäre demnach spätestens um 1160 anzusetzen. Dieses Argument ist unglaubwürdig: Heinrich von Melk meint mit den troutliet wohl unproblematische Liebesliedchen nach Art der anonymen Liedchen, wie sie für die frühere Zeit anzusetzen sind. Der Kürenberger zeugt von einem reflektierten Umgang mit der Problematik, die den naiven Liedchen, wie sie Heinrich von Melk den Rittern vorwirft, noch fremd ist. Der Kürenberger reflektiert bereits die höfische Minnekultur. Auch die Beliebtheit der Beizjagd und ihre Verfügbarkeit als literarisches Symbol sollte man nicht zu früh ansetzen. Es wird daher auch eine spätere Datierung, etwa um 1180, erwogen.Das Nibelungenlied. Text und Einführung. Nach der St. Galler Handschrift herausgegeben und erläutert von Hermann Reichert. Walter de Gruyter, Berlin / Boston 2. Aufl. 2017 (S. 374 ff).
Der literarische Umkreis Das ‚Falkenlied‘ des Kürenbergers und ‚Kriemhilds Falkentraum‘ Außer der thematischen Verwandtschaft mit Liedern Dietmars von Aist ist der Bezug augenfällig, den das Nibelungenlied zum Kürenberger stiftet: es verwendet seine Strophenform, und es lässt den Handlungsfaden mit einem Traum Kriemhilds von einem Falken beginnen, was das ‚Falkenlied‘ des Kürenbergers herbeizitiert. Die Beziehung der Texte ist folgendermaßen: Das ‚Falkenlied‘ des Kürenbergers (Minnesangs Frühling 8,33; Wortlaut nach C) lautet: ‚Ich zôch mir einen valken mêre danne ein jâr. Dô ich in gezamete, als ich in wolte hân, und ich im sîn gevidere mit golde wol bewant, er huop sich ûf vil hôhe und vlouc in anderiu lant. Ich zog mir einen Falken, länger als ein Jahr lang. Als ich ihn gezähmt hatte, wie ich ihn haben wollte, und ich sein Gefieder mit Goldfäden schön umwunden hatte, hob er sich in die Höhe und flog in fremde Reviere. danne ‚als‘ beim Komparativ. – gezamen ‚zahm machen; zähmen‘. – bewinden ‚umwinden‘. Sît sach ich den valken schône vliegen: er vuorte an sînem vuoze sîdîne riemen, und was im sîn gevidere alrôt guldîn. Got sende si zesamene, die geliep wellen gerne sîn.‘ Seither sah ich den Falken schön dahinfliegen: er führte an seinem Griff (‚Fuß‘) seidene Riemen, und sein Gefieder war ganz rotgolden. Gott sende sie zusammen, die einander gerne lieb sein wollen. im ‚ihm‘. – al-rôt ‚ganz rot‘. – ge-liep einander lieb. – wellen Konjunktiv (Indikativ wäre wel-lent).
Die letzte Zeile beweist, dass der Falke Symbol für einen Menschen ist und nicht etwa ein entflogener Jagdfalke gemeint ist. Peter Wapnewski fand heraus, dass in der Falknersprache ‚anderiu lant‘ „fremde Reviere“ bedeutet. Das ‚Ich‘ des Liedes ist wahrscheinlich als eine Frau zu denken, die den Geliebten an sich zu fesseln versuchte; er riss sich los und ‚flog in fremde Reviere‘. Die Spuren der alten Bindung trägt er aber noch an sich (einen Falken, der den Schmuck eines fremden Besitzers trägt, könnte ein Falkner nicht wiedererkennen, auch wenn er hin und wieder über dem alten Revier kreist), und daraus schöpft das weibliche ‚Ich‘ die Hoffnung, er könne zurückkehren. Das Publikum wird diese Haltung als unrealistisch ansehen. Auch wird kaum jemand der Frau die Einsicht zutrauen, dass ihr Versuch, den Mann an sich zu fesseln, seinem Freiheitsdrang entgegensteht. „Die einander gerne lieben wollen“ ist nicht die Realität und wird nicht durch die Herrinnen der „anderen Länder“ (offensichtlich andere Frauen, für die er sich interessiert, aber ohne sich von ihnen gleicherweise binden zu lassen) verhindert, sondern es ist ein einseitiges Hoffen der Frau ohne Aussicht auf Erfüllung.
Der Interpretation Wapnewskis wurde mehrfach widersprochen, doch übersehen alle Alternativversuche wichtige Details; entweder, dass die letzte Zeile den Symbolcharakter des Falken klarmacht, oder dass das Wiedererkennen nur des eigenen, nicht des fremden Schmuckes möglich ist, und dass die Lieder des frühen Minnesangs allgemein den Widerspruch des männlichen Freiheitsdranges gegen die Bindungssehnsucht der Frau thematisieren. Das Originalpublikum konnte in dem ‚Ich‘ nichts anderes als eine Frau sehen, die über den Verlust des Geliebten spricht.