mini|Miss.Tic in der Galerie Lelia Mordoch in Paris (Juli 2012)

Miss.Tic, bürgerlich Radhia Aounallah, auch Radhia Novat (* 20. Februar 1956 in Paris; † 22. Mai 2022 ebenda), war eine französische Streetartkünstlerin, Grafikerin, Performancekünstlerin, bildende Künstlerin und Lyrikerin. Ihre Arbeiten sind seit 1985 im öffentlichen Raum von Paris und in Galerien zu sehen. Sie arbeitete mit Schablonen (Pochoir) und fertigte ihre Stencils ausschließlich in den Farben Schwarz und Rot auf unterschiedlichen Hintergründen bzw. im öffentlichen Raum. Sie zeigen meist eine weibliche Person, in direkter Nähe dazu eine mehrdeutige Wortgruppe, und sind mit ihrem Signet Miss.Tic versehen. Der Zeichensatz von Texten und Signet ist charakteristisch, wurde von ihr selbst entworfen und handgeschnitten.

Leben Miss.Tic wurde im Montmartre, dem 18. Arrondissement, im migrantisch geprägten Quartier um den Boulevard Barbès geboren. Ihr Vater war ein tunesischer Immigrant und Arbeiter, ihre Mutter stammte aus bäuerlichen Verhältnissen in der Normandie. Ihre Eltern wurden mit rassistischen Stereotypisierungen konfrontiert, da sie eine mariage mixte (französisch für Mischehe) eingegangen waren.Maxi Leinkauf: Bombig. In: Der Freitag, 6. Mai 2011 Miss.Tic wuchs im Pariser Viertel Butte aux Cailles auf, einem Arbeiterviertel, in dem auch Dichter, Künstler und Sexarbeitende wohnen. In den 1960er Jahren zog die Familie nach Orly.Jorinde Reznikoff, KP Flügel: Bomb it, Miss.Tic! Mit der Graffiti-Künstlerin in Paris. Hamburg 2011, Edition Nautilus

1966 erlitt ihre Familie einen Autounfall, der zum Tod ihrer Mutter, ihrer Großmutter und ihres Bruders führte. Sie selbst und ihr Vater mussten das folgende Jahr im Krankenhaus verbringen.

Ab 1968 besuchte Miss.Tic das Collège in Orly. Dort wurde sie von ihren Lehrern mit Theater, Literatur und bildender Kunst in Verbindung gebracht, sie besuchte Schauspielkurse. 1972 starb ihr Vater an einem Herzinfarkt. Ihre Stiefmutter forderte von ihr, nach der 10. Klasse die Schule abzubrechen, um in ihrem Restaurant zu arbeiten. Sie zog heimlich von zu Hause aus, brach die Schule ab und finanzierte ihren Lebensunterhalt selbst.

Im Verlauf der 1970er Jahre hielt sich Miss.Tic im Dunstkreis der späten Situationisten auf. Sie las Bücher wie Gesellschaft des Spektakels von Guy Debord und La Société de consommation (französisch für Die Konsumgesellschaft) von Jean Baudrillard, die Kapitalismus, Konsumgesellschaft, Warenförmigkeit des Lebens und Regierungstechniken kritisieren. Sie spielte Straßentheater, Performances bzw. Provokationstheater mit der Gruppe Zéro de Conduite (wörtliche Bedeutung Betragen ungenügend) und schrieb lyrische Texte. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie parallel dazu als Kellnerin.

Ab 1981 lebte sie für zweieinhalb Jahre in den USA, zuerst in Los Angeles, später in San Francisco. Die dort blühende Hip-Hop-Bewegung mit ihren Graffiti und legal gemalten großen Wandbildern – den murals – beeinflussten Miss.Tic stark. Sie war in dieser Zeit in Künstlerkreisen unterwegs und rezipierte viel Kunst, ohne selbst künstlerisch aktiv zu sein. Sie finanzierte ihr Leben weiterhin mit wechselnden kleinen Jobs.

Nach ihrer Rückkehr 1983 fand Miss.Tic auch im Pariser Stadtbild Streetart von Künstlern wie Blek le Rat vor, die für sie inspirierend wirkte. Sie nahm zu den auf der Straße Wirkenden Kontakt auf, sah zu oder half ihnen bei ihrer Arbeit.

In dieser Zeit entschloss sie sich, als Grafikerin und Layouterin zu arbeiten, und absolvierte eine kurze Ausbildung dafür. Mit ihrem arabischen Familiennamen Jamil bekam sie auf Bewerbungen selten eine Antwort oder gar ein Vorstellungsgespräch. Nachdem sie geheiratet und den Namen ihres Mannes angenommen hatte, war sie als Layouterin und Grafikerin bei verschiedenen Magazinen tätig.

Ab 1985 machte Miss.Tic Streetart. Sie bezog sich positiv auf die feministische Autorin Virginie Despentes und sah sich als Anarchistin.Coralie Jacquier: Miss.Tic – Die Diva der französischen Street Art in Berlin. In: La Gazette de Berlin, 28. Juli 2011 Sie lebte in Paris.

Miss.Tic versuchte, ihren bürgerlichen Namen nicht zu deutlich in der Öffentlichkeit erscheinen zu lassen:

Werk

Im Jahr 1985 entschied sich Miss.Tic, selbst als Streetartkünstlerin aktiv zu werden. Sie schrieb inzwischen kürzere Texte, konzentrierte deren Aussage und radikalisierte ihre Sprache. Ihr erstes Motiv, das sie im öffentlichen Raum in Paris schablonierte, enthielt den lautmalerisch doppeldeutigen Text: J’enfile l’art mur pour bombarder des mots coers. (franz. ‚Ich ziehe die Rüstung/Mauer-Kunst über, um mit Herz-Wörtern die Spötter zu bombardieren.‘)Christophe Génin in: Jorinde Reznikoff, KP Flügel: Bomb it, Miss.Tic! Mit der Graffiti-Künstlerin in Paris. Hamburg 2011, Edition Nautilus, S. 39 Diesem Text ordnete sie ein Selbstporträt zu, das sie am Boden sitzend, die Knie haltend mit nachdenklichem Gesicht zeigt. Sie nutzte ihr Selbstporträt in der Anfangsphase, um ihre Texte zu verbildlichen. Miss.Tic verfeinerte in dieser Zeit außerdem die Typografie ihrer Schablonenschrift. Ihren Künstlernamen entlehnte sie von Miss Tick, der Zauberin aus dem Donald-Duck-Comic in der französischen Übersetzung, der gleichzeitig lautmalerisch an das Wort mystique (franz. ‚mystisch‘) anschließt. Mit fortschreitender Zeit entschied sich Miss.Tic aufgrund des technischen Aufwands gegen das Selbstporträt und verwendete stattdessen Fotos aus Frauenzeitschriften als Vorlage. Durch die Anwendung der Schablonentechnik, durch das Verwenden schwarzer Farbe und besonders durch den hinzugefügten Text bekommen diese Bilder ein anderes Aussehen und eine andere Bedeutung. Sie wurden als provozierend, aggressiv und störend wahrgenommen. Miss.Tic reflektierte das in den Medien dargestellte Frauenbild zunehmend und arbeitete diese Reflexionen in ihre Texte und Darstellungen von Frauen ein.

Durch eine Zufallsbegegnung wurde die französische Modedesignerin agnès b. auf Miss.Tic aufmerksam. Sie zeigte 1986 in ihrer Galerie eine Gemeinschaftsausstellung verschiedener Streetartkünstler – darunter Miss.Tic – unter dem Motto vite fait – bien fait (schnell gemacht – gut gemacht) aus. Zur von der Le Monde postulierten Ecole de Blek le Rat wurden außer Miss.Tic die Pochoiristen Jérome Mesnager, Marie Rouffet, Thierry Gauthé, Etherno, Epsilon und Surface Active gezählt.Julia Reinecke: Street-Art: eine Subkultur zwischen Kunst und Kommerz. Bielefeld 2012, Transkript Verlag, 2. Auflage Miss.Tic – aus proletarischem Milieu stammend – fühlte sich von diesen akademisch gebildeten Künstlern nicht richtig akzeptiert. Sie hat sich daher nie in einem Kollektiv formiert, sondern immer allein gearbeitet.

Ab 1991 war Miss.Tic mit ihren Werken auch in Galerien bzw. in der Kunstwelt vertreten. Ab 1993 veröffentlichte Miss.Tic ihre Texte bzw. Texte und Fotos ihrer Werke in Büchern, zuerst im Selbstverlag, ab 1998 in regulären Verlagen. Weiterhin illustrierte sie diverse Buchwerke.

Im Jahr 1999 wurde Miss.Tic wegen ihrer Tätigkeit als Streetartkünstlerin bzw. wegen „Sachbeschädigung öffentlichen und privaten Eigentums“ zu 22.000 Francs Geldstrafe verurteilt. Da eine weitere Verurteilung eine Gefängnisstrafe nach sich gezogen hätte, entschloss sie sich, ihr folgendes Projekt Muses e Hommes als Auftragsprojekt durchzuführen und dafür wie für alle weiteren vorher Genehmigungen einzuholen. Für Muses e Hommes (2000) verwendete sie Werke aus dem Louvre oder dem Musée d’Orsay als Vorlagen. Ihre Texte kommentieren die Geschichte des Bildes oder die Geschichte der Maler. Muses et Hommes kritisiert männliche Dominanz in Museen. Mit Muses et Hommes machte Miss.Tic einen Karrieresprung. 2009 wiederholte Miss.Tic Muses et Hommes mit Werken aus dem Ingres-Museum in Montauban.

Miss.Tic eröffnete sich im Lauf ihrer Karriere immer wieder neue Arbeitsfelder und Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Sie gestaltete das Plakat für den Film Die zweigeteilte Frau von Claude Chabrol (2007), das Plakat des Dokumentarfilms Les Travailleu(r)ses du sexe über Sexarbeiterinnen von Jean-Michel Carré (2010) und eine Reihe von Briefmarken für die französische Post anlässlich des Internationalen Frauentages am 8. März (2011).Nautilus bringt "Bomb it, Miss.Tic!" und die französische Post Briefmarken der Straßenkünstlerin. In: Buchmarkt, 23. Februar 2011 Weiterhin gestaltete sie Produkte (eine Designer-Handtasche für die Firma Lamarthe), Werbung (für einen Mietwagen-Verleih) und das Design der Straßenbahnlinie 5 von Montpellier.Y. PO.: Montpellier: un design tout en rupture pour la ligne 5 du tramway. In: MidiLibre, 18. Oktober 2013 Ihre Aktivitäten in der Werbung stießen in der auf Nichtkommerzialität, Glaubwürdigkeit und Street Credibility basierenden Streetartszene auf Kritik, sie betreibe damit den Ausverkauf ihrer Ideale, sei mittlerweile nur noch dekorativ statt provokativ. Miss.Tic betonte dagegen die Vergänglichkeit von Gegenkulturen. Für sie war es eine Möglichkeit, mit ihrer Kunst ihren Lebensunterhalt zu verdienen:

Ausstellungen (Auswahl) 1991: Einzelausstellung in der Galerie Christophe 1991: Einzelausstellung in der Galerie Sanguine 1992: Dauerausstellung in der Galerie Christophe 1993: Einzelausstellung in der Passage Saint Sébastien 1994: Einzelausstellung Epita 1995: Einzelausstellung Fiap 1997: L’art me ment, Galerie Sacha Tarasoff, Paris 1997: Einzelausstellung im französischen Finanzministerium 1999: Je ne fais que passer, Galerie La Pochade, Paris 2000: Muses et Hommes, Kunstraum Paul Ricard, Paris 2000: Dangereuse sous tous rapports, Justizpalast, Lyon 2001: Les actes gratuits ont-ils un prix ?, Galerie Artazart, Paris 2001: Je t’aime temps, Retrospektive 1985–2001, Kunstraum Envie d’art, Paris 2001: Héroïne, Galerie Bernard Guillon, Paris 2002: Regarde Moi 2002: Miss.Tic Présidente 2002: Muses et Hommes, Schloss Cadillac, Cadillac 2002: Miss.Tic Erotic, Galerie Artitude, Paris 2003: Vain cœur vain cul, Galerie Au-dessous du Volcan, Paris 2003: Une Nuit avec Miss.Tic, Galerie Artazart, Paris 2003: Miss.Tic, Galerie Papegoyen, Oslo 2004: Femme mur, Nuts Gallery, Paris 2004: Miss.Tic Attak, Galerie Fanny Guillon-Laffaille, Paris 2005: Maudites sorcières, Galerie W, Paris 2005: Quand on aime, on a toujours 20 ans, Galerie W, Paris 2006: Parisienne, Galerie Lélia Mordoch, Paris 2006: Femmes capitales, Rathaus des 8. Bezirks, Paris 2007: Miss.Tic Présidente, Galerie de la Butte aux Cailles, Paris 2007: Toi et Moi (mit Jean Faucheur), Galerie Chappe, Paris 2008: Je crois en l'éternel féminin, Galerie Fanny Guillon-Laffaille, Paris 2008: Je t’ai fait marcher. Je t’ai fait courir. Je te ferai tomber, Le M.U.R. 2008: Je prête à rire, mais je donne à penser, Galerie W, Paris 2009: Go Homme, Galerie Lélia Mordoch, Paris 2009: L’Eros de la Vie in der Galerie La Boheme, Deauville 2009: Einzelausstellung in der Galerie AB, Paris 2010: Folle à délier, Galerie Fanny Guillon-Laffaille, Paris 2010: Parisienne, Ion Art Gallery, Singapur 2011: À la Vie A l’Amor, Galerie W, Paris 2011: Bomb it, Institut Français, Berlin 2011: Femme de l'être in der Galerie Fanny Guillon Lafaille, Paris mit Bildnissen von Patti Smith, Albertine Sarrazin, Marguerite Duras, Françoise Sagan, Colette, Christine Angot, Anaïs Nin, Amélie Nothomb, Régine Deforges, Virginia Woolf, Virginie Despentes und Simone de Beauvoir 2012: Muses et Hommes, im öffentlichen Raum von Orly 2012: Einzelausstellung im Espace Saint Exupéry Franconville 2012: Secret d’atelier, Galerie Lélia Mordoch, Paris 2012: Einzelausstellung in der Médiathèque José Cabanis in Toulouse 2013: Les Uns et les Unes, Galerie W, ParisLes Uns et les Unes, l'exposition de Miss. Tic à la Galerie W. Website SortiraParis, 9. August 2013

Werke in Museen 1989: Fonds municipal d’art contemporain, Paris 2005: Victoria and Albert Museum, London

Publikationen