Die Frauen von Rjasan ist ein sowjetisches Filmdrama von Olga Preobraschenskaja und Iwan Prawow aus dem Jahr 1927. Produziert wurde es vom Staatskonzern Sowkino.
Handlung Der Film berichtet vom weiblichen Emanzipationsstreben, das durch die Umstände im Hinterland des Krieges angeregt wird. Ausgangspunkt ist die Rechtlosigkeit der Frauen im ländlichen Rjasan im vorrevolutionären Russland.
Kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs wählen das arme Bauernmädchen Anna und die reiche Bauerstochter Wassilissa ihren zukünftigen Ehemann. Wassilissas Vater, der reiche Bauer Wassili, sieht der Liebschaft seiner Tochter mit dem armen Schmied Nikolai mit Unmut entgegen. Gleichzeitig erlaubt er seinem Sohn Iwan, die mittellose Anna zu heiraten. Als Wassili schließlich droht, Wassilissa aus dem Haus zu werfen, wenn sie weiter zu Nikolai hält, verlässt sie kurzentschlossen das Haus. Fortan sind sie und Nikolai Ausgestoßene, die ohne elterlichen und kirchlichen Segen wie Eheleute zusammenleben. Mit dem Geliebten vereint, ist Wassilissa jedoch fast ebenso glücklich wie Anna, ihre Schwägerin.
Als der Erste Weltkrieg beginnt, werden beide Männer eingezogen. Um sich über den Fortgang ihres Mannes hinwegzutrösten, widmet sich Wassilissa dem Bau eines Waisenhauses und findet so zu einer neuen Lebensaufgabe. Anna hingegen ist über die erzwungene Trennung von Iwan untröstlich – zumal alle Nachrichten von ihm ausbleiben. Nach zwei Jahren schließlich verlieren alle Familienmitglieder die Hoffnung, ihn wiederzusehen. Jetzt erst wird verständlich, warum sein alter Vater die Hochzeit Iwans mit der armen Anna erlaubt hatte – im Prinzip hatte er diese für sich selbst ausgewählt. Er vergewaltigt und schwängert Anna, die darauf von allen Dorfmitgliedern verachtet und schikaniert wird.
Eines Tages kehrt Iwan zurück. Anna kann dem heimkehrenden Ehemann nicht erklären, dass sie gegen ihren Willen Mutter wurde und flieht vor der Willkür der Umwelt in den Freitod.
Hintergrund Olga Preobraschenskaja war Schauspielerin und Assistentin von Wsewolod Pudowkin. Sie hat im Laufe ihrer Karriere rund 16 Filme realisiert.z. B. Последний аттракцион; Posledniy attraktsion; The Last Show 1929, Тихий Дон; Tikhiy Don, Der stille Don 1931, Вражьи тропы; Vrazhyi tropy; Verfluchter Weg 1935, Степан Разин; Stepan Razin 1939, Stenka Rasin 1947, Pareň iz tajgi; Prairie Station, Goldsucher in der Taigá 1950
Die Kulissen schuf Dmitri Kolupajew.
Baby rjasanskije wurde in der Sowjetunion am 13. Dezember 1927 uraufgeführt, in Deutschland am 17. August 1928 im Dresdener Großkino CapitolDresdens größtes Kino mit 2250 Sitzplätzen, erbaut 1925 von Carl Richard Martin Pietsch (1866–1961). Pietzsch, Carl Richard Martin In: Sächsische Biografie. In: Kinowiki, filmtheater.square7.ch und am 30. August im Berliner Großkino Capitol.erbaut 1925 von Hans Poelzig, 1943 durch einen Bombenangriff zerstört.
Im Verleih der Deutsch-Russischen Film-Allianz AG. (Derussa) lief er als Die Frauen von Rjasan mit großem Erfolg im Deutschland der Weimarer Republikvgl. Kritiken zeitgenössischer Rezensenten bei 27. internationale Filmfestspiele Berlin; 7. internationales Forum des jungen Films Berlin 1977. und trug zum Ruhm des »Russenfilms« bei.dieser zunächst anerkennende Begriff entstand bei den Filmbeflissenen unter dem Eindruck der neuen filmtechnischen Praktiken bei Montage und Schnitt im Gefolge von Ejzenstejns Bronenosez Potjomkin, die damals revolutionär wirkten; später unterlag er einem historisch bedingten Bedeutungswandel, denn nach dem Zweiten Weltkrieg war der „Russenfilm“ in der DDR „… ein vaterländischer Kriegsfilm aus den Mosfilmstudios gewesen, dessen Handlung wie in einem ‚Spiegel‘-Artikel um der propagandistischen Wirkung willen derart haarsträubend war, dass daraus der Ausdruck ‚Das gibts in keinem Russenfilm‘ entsprang, mit dem eine völlig absurde Begebenheit kommentiert wurde.“, so Das gibts in keinem Russenfilm. politplatschquatsch.com, 29. Dezember 2011. Ein weiterer, eher spekulativ tönender Verleihtitel war Das Dorf der Sünde.
Auch in Frankreich, Portugal und Finnland wurde der Film gezeigt. In den USA lief er unter Titeln wie Peasant Women of Riazan, The Devil’s Plaything oder The Village of Sin. Ebenso in Italien als Il villaggio del peccato.
Der Film wurde im Jahr 1929 unter Leitung des Erfinders des sowjetischen Tonverfahrens Alexander SchorinHélène Bernatchez: Schostakowitsch und die Fabrik des Exzentrischen Schauspielers. M-Press, München 2006, ISBN 3-89975-589-8, S. 191. Andrej Smirnow: goethe.de; „In den Jahren 1926–1927 entwickeln der Wissenschaftler und Erfinder Pawel Tager in Moskau und der Ingenieur und Erfinder Alexander Schorin in Leningrad zeitgleich die ersten sowjetischen Tonfilmsysteme.“ teilweise vertont.
Rezeption
Die Frauen von Rjasan wurde vom Kulturkanal ARTE am 27. Oktober 2008 in der russischen Originalfassung mit deutschen Zwischentiteln erstmals im Fernsehen gesendet; der russische Komponist und Pianist Sergei Dreznin hatte dazu eine neue Musik komponiert, in der auch zeitgenössische russische Gesänge aus der Gegend von Rjasan verwendet wurden. Am 27. Juli 2009 wurde die Sendung wiederholt. arte.tv
Literatur Berlin, 27. internationale Filmfestspiele; 7. internationales Forum des jungen Films Berlin 26.6. bis 3. Juli 1977. Publikation zu Die Frauen von Rjasan. Darin: Hans Wollenberg: Filmkritik. In: Lichtbild-Bühne Berlin, 31. August 1928, 21. Jahrgang, Nr. 210 vom. Heinz Pol: Filmkritik. In: Vossische Zeitung, 2. September 1928, Nr. 415. Leon Hirsch: Filmkritik. In: Berliner Tageblatt und Handelszeitung, 2. September 1928, 57. Jahrgang, Nr. 415. Fritz Walter: Filmkritik. In: Berliner Börsen-Courier, 2. September 1928, 60. Jg., Nr. 411. Conrad Frigi: Filmkritik. In: Reichsfilmblatt Berlin, 1. September 1928, Nr. 35. Emil Rabold: Filmkritik. In: Die Welt am Abend, Berlin, 31. August 1928, Jg. 6, Nr. 204. Hélène Bernatchez: Schostakowitsch und die Fabrik des Exzentrischen Schauspielers. M-Press, München 2006, ISBN 3-89975-589-8 (Forum Musikwissenschaft, Band 2). Nina Borissova: Mit Film und Sichel. In: Zauberhafte Klangmaschinen – klangmaschinen.ima.or.at Yann Esvan: Ol’ga Preobraženskaja e Ivan Pravov bei cinefiliaritrovata. (italienisch); online Sabine Fries: Sabine Fries: Das Lachen der Bilder. Athetesen des „Weiblichen“ im kinematographischen Erzählraum. Dissertation, Universität Hannover, 1999. Trude Herrmann: Die Frau in der russischen Filmindustrie. In: Vossische Zeitung, 1. Dezember 1928, Nr. 567. O. Jakubowitsch: Olga Iwanowna Preobreshenskaja, Biofilmografie. In: Kinoslowar w dwuch tomach. Tom. 2 m_ja. Moskau 1970, S. 359 f. I.A. Lebedew: Otscherk istorii kino SSSR. I. Nemoje kino (1918–1934) [Abriß der Geschichte des Kinos der UdSSR, I. Der Stummfilm (1918–1934)]. Moskau 1965 Gerlinde Schwarz: Stumm und unsichtbar? Geschlecht & Diskurs im sowjetischen Stummfilmschaffen von Frauen, am Beispiel von Ol’ga Preobraženskajas Baby Rjazanskie / Die Frauen von Rjazan aka Das Dorf der Sünde. uni-klu.ac.at (PDF). Jerzy Toeplitz: Geschichte des Films. Band 1: 1895–1928. Henschel Verlag, Berlin 1972, S. 362 f.
Weblinks
arte.tv Die Frauen von Rjasan. kino-teatr.ru (russisch). Andrej Smirnow: goethe.de
Einzelnachweise
Kategorie:Filmtitel 1927 Kategorie:Sowjetischer Film Kategorie:Schwarzweißfilm Kategorie:Stummfilm Kategorie:Filmdrama