mini|Gesamte BWS in jeweiligen Preisen im Zeitraum 1970–2007 in US-Dollar
Die Bruttowertschöpfung (kurz BWS; ) ist ein volkswirtschaftliches Aggregat, das von besonderer Relevanz in der Entstehungsrechnung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ist. Grundsätzlich ergibt sie sich aus dem Mehrwert der im Produktionsprozess erzeugten Güter (Waren und Dienstleistungen), d. h. aus der Differenz des Wertes der produzierten Güter (Bruttoproduktionswert oder einfach Produktionswert) und des Wertes der erworbenen Vorleistungen. Allerdings gibt es im Konkreten unterschiedliche Definitionen, die auch zu unterschiedlichen Ergebnissen führen.
Der Begriff der Bruttowertschöpfung Der Begriff der Wertschöpfung wird sowohl in der Betriebs- als auch in der Volkswirtschaftslehre benutzt und hat einen recht umfangreichen Begriffsumfang, der ähnlich zu dem des Mehrwerts ist.Sowohl Wertschöpfung als auch Mehrwert entsprechen dem englischen Begriff value added. So lautet der englische Ausdruck für Bruttowertschöpfung gross value added und der englische Ausdruck für Mehrwertsteuer value added tax.
Karl Marx benutzt allerdings eine abweichende Terminologie: Sein Begriff des Neuwerts, englisch value product, kann unter den allgemeinen Begriff der Wertschöpfung subsumiert werden, während sein Begriff des Mehrwerts ein substantiell anderer ist; dieser marxistische Mehrwert-Begriff wird mit surplus value ins Englische übersetzt.
Der Begriff der Bruttowertschöpfung ist wesentlich spezifischer: Er bezeichnet umfassende Aggregate der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, die grundsätzlich den Wert aller in einer bestimmten Region oder in einem bestimmten Sektor oder Branche produzierten Güter und Dienstleistungen ohne Vorleistungen erfassen. Es gibt allerdings unterschiedliche Definitionen des Begriffs, die nicht nur unterschiedliche Sichtweisen auf dasselbe Aggregat darstellen oder unterschiedliche Berechnungsmethoden derselben Aggregats ausdrücken, sondern zu unterschiedlichen Aggregaten führen.
Für die genaue Verwendung in offiziellen Statistiken sind die „System of National Accounts“ der Vereinten Nationen in der Ausgabe von 2008 (SNA 2008), das Europäische System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen in der Ausgabe von 2010 (ESVG 2010) und die Angaben des Statistischen Bundesamtes relevant. Während nach dem Statistischen Bundesamt und nach der ESVG 2010 der Begriff der Bruttowertschöpfung nur eine Bedeutung hat, gibt es im SNA 2008 drei Varianten.
Verwendung durch die Bundesrepublik Deutschland und die Europäische Union
Das Statistische Bundesamt definiert die Bruttowertschöpfung so:
Die Bruttowertschöpfung wird durch Abzug der Vorleistungen von den Produktionswerten errechnet; sie umfasst also nur den im Produktionsprozess geschaffenen Mehrwert. Die Bruttowertschöpfung ist bewertet zu Herstellungspreisen, das heißt ohne die auf die Güter zu zahlenden Steuern (Gütersteuern), aber einschließlich der empfangenen Gütersubventionen.
Diese Definition entspricht derjenigen im ESVG 2010 von Eurostat.
Hierbei sind Vorleistungen zu unterscheiden von Investitionen, welche dadurch gekennzeichnet sind, dass sie über mehrere der betrachteten Perioden hinweg im Produktionsprozess eingesetzt und allmählich abgeschrieben werden. Dies kommt durch den englischen Terminus intermediate consumption und vergleichbare Termini in anderen Sprachen wie auch durch den deutschen Terminus intermediärer Verbrauch zum Ausdruck. Da Investitionen in den Vorleistungen nicht enthalten sind, sind sie in der Bruttowertschöpfung enthalten.
Unterschiedliche Bedeutungen
Die soeben gegebene Definition der Bruttowertschöpfung entspricht der Bruttowertschöpfung zu Herstellungspreisen; der entsprechende englische Terminus ist gross value added at basic prices.Vergleiche Punkte 13.35 in ESVG 2010 und ESA 2010 Daneben ist noch der Begriff der Bruttowertschöpfung zu Faktorkosten, üblich, der aber im ESVG 2010 nicht verwendet wird.
Im SNA 2008 wird darüber hinaus noch gross value added at production price definiert, ein Begriff, der sich schwer ins Deutsche übersetzen lässt, da Herstellungspreis bereits mit basic price belegt ist. Beziehungen verschiedener Aggregate
Vom Produktionswert zur Bruttowertschöpfung zu Herstellungspreisen Die Aggregation der Produktionswerte verschiedener Unternehmen heißt wieder Produktionswert. Hiermit ergibt sich die Bruttowertschöpfung zu Herstellungspreisen wie folgt:
Produktionswert - Wert der Vorleistungen zu Anschaffungspreisen = Bruttowertschöpfung zu Herstellungspreisen
Von der Bruttowertschöpfung zu Herstellungspreisen zum Bruttoinlandsprodukt Dem Konzept des Bruttoinlandsprodukts liegt die Idee der Bewertung zu Marktpreisen der in einem Wirtschaftsgebiet produzierten Güter zugrunde. Für ein Wirtschaftsgebiet ergibt sich das Bruttoinlandsprodukt aus der Bruttowertschöpfung zu Herstellungspreisen wie folgt:
Bruttowertschöpfung zu Herstellungspreisen + Gütersteuern - Gütersubventionen = Bruttoinlandsprodukt Betrachtete Wirtschaftsgebiete müssen hierbei keine Länder sein. So werden beispielsweise auch Bruttoinlandsprodukte europäischer NUTS-2 Regionen ausgewiesen.
Von Herstellungspreisen zu Faktorkosten Die Bruttowertschöpfung zu Faktorkosten ist wie folgt gegeben:
Bruttowertschöpfung zu Herstellungspreisen - sonstige Produktionsabgaben + sonstige Subventionen = Bruttowertschöpfung zu Faktorkosten
Zu den sonstigen Produktionsabgaben zählt in Deutschland insbesondere die Grundsteuer.Statistisches Bundesamt: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen. 2001 (Volltext online).
Der dritte Begriff: gross value added at production price Die Bruttowertschöpfung entsprechend dem im SNA 2008 definierten Begriff des gross value added at production price erhält man, indem man von der Bruttowertschöpfung zu Herstellungspreisen die Gütersteuern ohne Mehrwertsteuer und Importsteuern subtrahiert und die Gütersubventionen addiert. Somit erhält man hieraus das Bruttoinlandsprodukt durch Addition der Mehrwertsteuer und der Importsteuern. Laut SNA 2008 wurde dieses Maß vormals auch als gross value added at marked prices bezeichnet. Diese Bezeichnung spiegelt die in den USA übliche Preisauszeichnung wider, die sich stets, auch im Einzelhandel, auf Nettopreise bezieht. Nach der in der Europäischen Union üblichen Preisauszeichnung, bei der für Konsumenten Bruttopreise angegeben werden, fehlt dann gerade die Mehrwertsteuer in dem Maß. Genau aus diesem Grund wird auch im SNA 2008 von der Verwendung des Begriffs gross value added at marked prices für das gross value added at production prices abgeraten. Eher könnte man das Bruttoinlandsprodukt als Bruttowertschöpfung zu Marktpreisen bezeichnen, was aber auch nicht getan wird. Um den Bezug vom Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen zu betonen, wird allerdings gelegentlich vom Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen gesprochen, beispielsweise im ESVG 2010,siehe z. B. Eurostat: Europäisches System der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung – ESVG 2010. Punkt 8.89, S. 315. was jedoch redundant ist.
Von der Brutto- zur Nettowertschöpfung Wenn man von der Bruttowertschöpfung nach einer der drei Definitionen die Abschreibungen subtrahiert, ergibt sich die entsprechende Nettowertschöpfung, beispielsweise:
Bruttowertschöpfung zu Faktorkosten - Abschreibungen = Nettowertschöpfung zu Faktorkosten
Dies ist analog zur Berechnung des Nettoinlandsprodukts (zu Marktpreisen) aus dem Bruttoinlandsprodukt durch Subtraktion der Abschreibungen.
Von der Nettowertschöpfung zu Faktorkosten zum Nettoinländereinkommen Die Nettowertschöpfung zu Faktorkosten eines Wirtschaftsbereichs ist gleich der Summe aus Einkommen aus Arbeitnehmerentgelten (Bruttolöhnen und -gehältern sowie Arbeitgeberbeiträgen zur Sozialversicherung), selbständiger Tätigkeit und Unternehmensüberschüssen des jeweiligen Wirtschaftsbereichs. Für ein Wirtschaftsgebiet wird dies auch als Nettoinlandsprodukt zu Faktorkosten bezeichnet. Dieses setzt sich also aus Einkommen aus Arbeitnehmerentgelten, selbständiger Tätigkeit und Unternehmensüberschüssen nach dem Inlandsprinzip zusammen.
Dieses Aggregat ist eng verwandt mit dem Nettonationaleinkommen zu Faktorkosten, das in Deutschland auch Volkseinkommen genannt wird. Es gibt jedoch den Unterschied, dass beim Nettoinlandsprodukt zu Faktorkosten das Inlandsprinzip zugrunde gelegt wird, beim Nettonationaleinkommen jedoch das Inländerprinzip. Das Nettonationaleinkommen zu Faktorkosten setzt sich somit zusammen aus Arbeitsentgelten gebietsansässiger Haushalte und Unternehmens- und Vermögenseinkommen gebietsansässiger wirtschaftlicher Einheiten. Wirtschaftliche Einheiten werden hier auch einfach Einheiten genannt und gebietsansässige Einheiten werden auch Gebietsansässige oder Inländer genannt, nicht gebietsansässige Einheiten auch gebietsfremde Einheiten, Gebietsfremde oder Ausländer.
Aus dem Nettoinlandsprodukt zu Faktorkosten erhält man das Nettonationaleinkommen zu Faktorkosten, indem man die von gebietsansässigen Einheiten in der übrigen Welt erwirtschafteten Primäreinkommen addiert und die von gebietsfremden Einheiten im betrachteten Wirtschaftsgebiet erwirtschafteten Primäreinkommen subtrahiert.
Nettowertschöpfung zu Faktorkosten = Nettoinlandsprodukt zu Faktorkosten + Primäreinkommen erwirtschaftet von gebietsansässigen Einheiten in der übrigen Welt - Primäreinkommen erwirtschaftet von gebietsfremden Einheiten im betrachteten Wirtschaftsgebiet = Nettonationaleinkommen zu Faktorkosten (Volkseinkommen)
Ermittlung der Bruttowertschöpfung
Statistisch wird die Bruttowertschöpfung weitgehend über die Herstellungspreise ermittelt. Im ESVG 2010 heißt es dazu:
Der Herstellungspreis ist der Betrag, den der Produzent je Einheit der von ihm produzierten Waren und Dienstleistungen vom Käufer erhält ohne die auf die produzierten oder verkauften Güter zu zahlenden Steuern (also ohne Gütersteuern), zuzüglich aller empfangenen Subventionen, die auf die produzierte oder verkauften Güter gewährt werden (also einschließlich Gütersubventionen).
Die abzuziehenden Vorleistungen sind alle von den anderen Wirtschaftssubjekten bezogenen und im Produktionsprozess umgewandelten bzw. verarbeiteten Güter und Dienstleistungen, die für die eigene Leistungserbringung notwendig sind. Einige Beispiele für die Vorleistungen sind sowohl Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe, Zwischen- und Halbfertigprodukten, als auch Reparaturaufwand anderer Unternehmen, Zinsen für Bankkrediten, Provisionen, Mieten und Pachten. Im Rahmen der VGR sind Vorleistungen zu Anschaffungspreisen zu bewerten.
Durch die Berechnung der Bruttowertschöpfung über Herstellungspreise entfällt die Notwendigkeit der Bestimmung der Faktorkosten. Diese Standard-Methode wird auf Unternehmensebene und für die Berechnung der Aggregate auf Branchenebene und darüber hinaus eingesetzt.Dieter Brümmerhoff: „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung“, 8. Auflage, Oldenbourg Verlag, München, 2007, ISBN 978-3-486-58335-9, S. 40ff.
Bei Nicht-Marktproduzenten (Staat, Non-Profit-Organisationen) wird abweichend hiervon die Bruttowertschöpfung über die Kosten ermittelt.
Für die Bestimmung der Bruttowertschöpfung von Finanzvermittlern (Kreditinstituten und Versicherungsunternehmen) wird auch eine sogenannte unterstellte Bankgebühr (Financial Intermediation Service Charge Indirectly Measured, FISIM) berücksichtigt, die die Dienstleistung der Institute erfassen soll und zur Bruttowertschöpfung der Institute addiert wird. Diese Gebühr wird als „Dienstleistungsentgelt“ der Kunden der Finanzvermittler gegenüber diesen gebucht. Hiermit ergibt sich für eine Aggregation über eine gesamte Volkswirtschaft: Wenn eine gebietsansässige Bank einem gebietsansässigen Unternehmen Geld leiht, so hat die Einführung der unterstellten Bankgebühr keine Auswirkung auf die so ermittelte Bruttowertschöpfung der Volkswirtschaft.