mini|Fassprobe von Orangewein. Im Hintergrund der Winzer mit dem Schlauch zum Füllen des Glases. Orangewein (englisch: orange wine) ist ein maischevergorener Wein aus grünen bzw. gelben Trauben, also ein Weißwein, der wie Rotwein hergestellt wird. Die Beeren werden mit Schale und Kernen vergoren und extrahieren dadurch mehr Tannine und Farbstoffe, als dies bei Weißwein der Fall ist. Orangewein hat eine dunkelgelbe bis orange Farbe und ist oft etwas trüb. Er wird als vierte Weinfarbe neben Rot, Weiß und Rosé bezeichnet. Die Weine präsentieren sich sehr unterschiedlich in Aussehen, Geruch und Geschmack und können gewöhnungsbedürftig sein. Orangewein wird überwiegend im gehobenen Preisniveau angeboten. Im friulanisch-slowenischen Grenzgebiet wird die Rebsorte Ribolla Gialla zu Orangewein ausgebaut. Der traditionellste Orangewein ist Quevriwein aus weißen Trauben.
Orangewein wird oft irrtümlich mit Naturwein oder Amphorenwein gleichgesetzt; alle drei Bezeichnungen sind jedoch voneinander unabhängig. Ein Orangewein muss nicht automatisch ein Naturwein oder Amphorenwein sein und umgekehrt. Ferner ist Orangewein nicht mit Obstwein aus Orangen zu verwechseln, beispielsweise dem spanischen Tarongino.
Geschichte mini|Vereinfachte Darstellung der vier Weinfarben – Rotwein, Orangewein, Roséwein, Weißwein Der traditionellste Orangewein ist georgischer Amphorenwein, der in Quevris (Tongefäßen) produziert wird. Historisch betrachtet ist die Weinherstellung mittels Maischegärung (unabhängig von der Farbe der Trauben) in großen, in die Erde vergrabenen Quevris eine der ältesten Formen der Weinherstellung.G. Binder, S. Ghvanidze: "Georgiens Weinwirtschaft im Umbruch", Deutsches Weinbau Jahrbuch 2012, Verlag Ulmer Stuttgart, ISBN 978-3-8001-7678-6, S. 170–184. und rund 4500 Jahre alt.Hugh Johnson: Hugh Johnsons Weingeschichte, Hallwag Verlag, 1989, S. 14, ISBN 3-444-10370-0 Diese Art der Weinbereitung hat sich bis heute in Georgien gehalten und ist seit dem späten 20. Jahrhundert auch international wieder verbreitet, unter anderem in Italien, Slowenien, Kroatien, Deutschland, Österreich und Frankreich.
Auch in den nördlichen Weißweingebieten war ein gewisses Maß an Maischestandzeit nicht unüblich. So wurden Rebsorten mit dickerer Haut, beispielsweise Sylvaner, sehr lange bereits im Weinberg gemahlen und oftmals als Arbeitserleichterung oder aufgrund von Verzögerungen im Betriebsablauf erst am nächsten Tages gepresst. Durch die flächendeckende Motorisierung nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese Form der Oxidation und der unkontrolliert einsetzenden Gärung obsolet.
Heute werden solche Techniken vor allem bei Orangewein wieder bewusst eingesetzt, um unterschiedliche Stile zu erzeugen. Verschiedene Merkmale wie Amphoren, Naturweinphilosophie und andere werden dabei sowohl einzeln eingesetzt als auch kombiniert oder überhaupt nicht angewendet. Inzwischen werden auch sehr reduktiv erzeugte Orangeweine hergestellt.
Seit der Wiederentdeckung von Orangewein überwog die Naturweinphilosophie, doch gibt es seit einigen Jahren zunehmend auch Orangeweine, die nicht mehr unkontrolliert und mit zufälligen Geschmacksrichtungen entstehen, sondern gezielt durch den Fokus, das Können und das Eingreifen des Winzers. Statt Experiment und Statement stehen immer öfter Genuss, Professionalität und Präzision im Vordergrund, wenngleich noch nicht in so konstanter Qualität wie bei etablierten Weinstilen. Diese allmähliche Veränderung ist auch im Hinblick auf die Sensorik zu spüren. Lange galt Orangewein als eigenwillig, gewöhnungsbedürftig und mehr als Haltung denn als Genuss. Inzwischen zeigt er eine große stilistische Bandbreite von wild bis elegant und von leicht bis aromatisch. Neben bewusst trüben Weinen gibt es auch klare Varianten mit stärkerem Fruchtfokus.
Herstellung Die Herstellung kann sowohl mit traditionellen als auch modernen Methoden der Weinbereitung erfolgen.Bernd Weik: Alternative Behälter – andere Weinstile? In: Der Deutsche Weinbau. 29. November 2013. Nr. 24, S. 16–19. mini|Maische von weißen Beeren Zunächst werden weiße Trauben gelesen. Diese können, müssen aber nicht aus Bioanbau stammen. Anschließend werden sie zur sogenannten Maische zerquetscht. Die Schalen und Kerne und unter Umständen auch Stiele sind Teil der Maische. Die Maischegärung erfolgt dann in Tanks, Fässern oder AmphorenAncient Georgian traditional Qvevri wine-making method - Altes traditionelles georgisches Qvevri Weinherstellungsmethode; mit englischen Untertiteln mit oder ohne Zugabe von Reinzuchthefen oder Schwefel. Erst nach Tagen, Wochen oder gar Monaten wird abgepresst. Je länger der Kontakt mit der Maische, desto mehr Tannine und Farbe erhält der Wein. Nach der Maischegärung wird der Wein geklärt und eventuell in andere Behälter umgefüllt. Diese werden verschlossen (entweder luftdicht oder mit geringem Luftzugang) und der Wein beginnt zu reifen. Je nach Herstellungsmethode sind Orangeweine reduktiv oder oxidativ. Nach der Reifung wird der Wein gegebenenfalls geschönt und gegebenenfalls gefiltert und schließlich in Flaschen gefüllt.
Die lange Maischestandzeit an sich ist bei den meisten Rebsorten unkritisch. Wichtig ist besonders gesundes Lesematerial, da weiße Rebsorten empfindlicher als rote sind. Um dies zu gewährleisten, sind bereits im Weinberg Mehrarbeit sowie ein guter Standort notwendig. Daraus resultierend hat sich ein Preis im oberen mittleren bis gehobenen Segment für Orangeweine etabliert.
Abgrenzung zu Natur- und Amphorenwein Viele Winzer, die Orangewein produzieren, verfolgen eine Naturwein-Philosophie und verwenden daher dieselben Produktionsmethoden wie beim Naturwein oder Amphorenwein. Methoden, die dem Naturwein zuzuordnen sind, werden deshalb irrtümlich automatisch dem Orangewein zugeschrieben.Sepp Muster: Meine Erfahrungen mit der Herstellung von biodynamischen und Orangen Weinen, Vortrag beim Symposium der Vereinigung Österreichischer Önologen und Weinforscher Orange & Co - neue Weine begeistern die Konsumenten - begeistern sie auch die Experten?, 13. Dezember 2013, Kompetenzzentrum Weinbau der Höhere Bundeslehranstalt und Bundesamt für Wein- und Obstbau, Klosterneuburg Aufgrund dessen und weil es noch keine gesetzlichen Regelungen dazu gibt, wird der Begriff Orangewein bei Vermarktung und Kritik häufig fälschlicherweise als Überbegriff für Naturwein und Amphorenwein verwendet oder die Begriffe werden einfach vermengt.Egon J. Berger: Meine Erfahrungen bei der Vermarktung von Orange und Natural Wines, Vortrag beim Symposium der Vereinigung Österreichischer Önologen und Weinforscher Orange & Co - neue Weine begeistern die Konsumenten - begeistern sie auch die Experten?, 13. Dezember 2013, Kompetenzzentrum Weinbau der Höhere Bundeslehranstalt und Bundesamt für Wein- und Obstbau, KlosterneuburgRegionalinfo Franken, Orange – die vierte Farbe des Weins?, Der Deutsche Weinbau, 2/2014, S. 35. Der georgische Quevri, Vortrag beim Symposium der Vereinigung Österreichischer Önologen und Weinforscher Orange & Co - neue Weine begeistern die Konsumenten - begeistern sie auch die Experten?, 13. Dezember 2013, Kompetenzzentrum Weinbau der Höhere Bundeslehranstalt und Bundesamt für Wein- und Obstbau, Klosterneuburg. beispielsweise ist sowohl Orangewein als auch Amphorenwein – es gibt jedoch sowohl Orangeweine ohne Amphore als auch Amphorenweine, die nicht orange sind.Josef Glatt: Orange Wine – eine neue Weinkategorie?, Der Winzer Nr. 12/2013, Österreichischer Agrarverlag, Wien, S. 5.mini|Im Vordergrund eine leere und im Hintergrund mehrere im Boden eingegrabene Quevri (Amphoren) Methoden bei Natur- oder Amphorenwein sind z. B. oxidativer Ausbau durch Verwendung von Holzfässern oder Amphoren, der Verzicht auf Schwefel, auf Reinzuchthefen (Spontanvergärung) oder auf Temperatursteuerung der Gärung. Dies sind jedoch weder notwendige noch alleinige Eigenschaften eines Orangeweins, sondern nur weitere weinbauliche Methoden. Solche Methoden begünstigen das Entstehen von Weinfehlern (im Sinne einer Qualitätsweinbeurteilung). Ein umgekippter und oxidierter Weißwein mag von der Farbe her einem Orangewein ähneln, ist jedoch einfach ein umgekippter und oxidierter Wein. Oft werden gerade solche fehlerhaften Weine zur Kritik am Orangewein herangezogen., Vortrag beim Symposium der Vereinigung Österreichischer Önologen und Weinforscher Orange & Co - neue Weine begeistern die Konsumenten - begeistern sie auch die Experten?, 13. Dezember 2013, Kompetenzzentrum Weinbau der Höhere Bundeslehranstalt und Bundesamt für Wein- und Obstbau, Klosterneuburg. Diese Weine eines kleinen Teils der Erzeuger, für den Chemie und Mikrobiologie kaum von Interesse ist, unter Umständen mit einer bedenklichen Kellerhygiene, schädigen so den Ruf des Marktsegmentes. Betriebe vermarkten diese fehlerhaften Weine oft als „authentisch, innovativ, individuell und experimentell“.
Im positiven Fall können Natur- und Amphorenweine unverwechselbare Unikatweine sein und damit die Diversität der Weinwelt erweitern und ein ganzheitliches Naturverständnis erzeugen, welches zu einem neuen Lebensstil und Weinstil führt.
Gesetzliche Regelung mini|Ein Orangewein mit AP-Nr. Bei den Bezeichnungen Orangewein, naturbelassener Wein, Naturwein, Amphorenwein oder Quevriwein handelt es sich um keine geschützten und klar definierten Begriffe. Grundlage der Erzeugung ist dennoch die Weingesetzgebung. Voraussetzung für die Bezeichnung als Qualitätswein ist die Vergabe einer Amtlichen Prüfungsnummer. Dabei wird u. a. ein rebsortentypischer Charakter des Weines gefordert, den Orangeweine zumindest im bisherigen Sinne nicht bieten können. Daher werden diese Weine überwiegend als Wein oder Landwein im Sinne der Weingesetzgebung in Verkehr gebracht. Analog zu Cuvées und in Anbetracht des wachsenden Marktsegmentes werden inzwischen in Deutschland und Österreich vereinzelt AP-Nummern vergeben.
Verbreitung Orangewein ist international ein Nischenprodukt, dessen Anteil am gesamten Weinmarkt in den meisten Ländern unter 1 % liegt. Besonders in den skandinavischen Ländern und den USA gibt es eine wachsende Nachfrage, vor allem in urbanen Zentren und bei naturweininteressierten Konsumenten. mini|Orange Wine Festival 2024 brachte Aldi erstmals einen Orange-Naturwein in seine Filialen in Großbritannien, wo Orangewein und Naturwein bis dahin nur im spezialisierten Weinhandel bzw. auf dem Naturweinmarkt erhältlich waren.
Auch wenn maischevergorene Weißweine nicht zur Tradition der meisten Weinbauern gehören, gibt es einen internationalen Trend, bei dem Winzer mit Orangewein Erfahrung sammeln und mittels traditionellen und modernen Methoden verschiedene Stile erzeugen. In den 1990er-Jahren nahm in der italienischen Provinz Gorizia die neue Orangewein-Bewegung ihren Anfang, die sich über Österreich bis nach Deutschland verbreitete. 2013 wurde im Rheingau erstmals ein international besetztes Orangewein-Symposium veranstaltet.
Sensorik und Genuss mini|Orangewein serviert zu Indianerreis, Orangensauce, Entenbrust-Steak und gebratenem Rosenkohl. Je nach Herstellungsmethode sind Orangeweine entweder trüb oder klar.
Wie Rotweine besitzen auch sie ein auffälliges, individuelles Geschmacksbild und eine starke, komplexe Textur. Durch die Maischegärung sind sie wesentlich komplexer und körperreicher als Weißwein und besitzen Tannine. Der herkömmliche Sortencharakter der Rebsorten geht dabei teilweise verloren bzw. verändert sich hin zu einer anderen aromatischen Ebene, die es bei Weißwein so nicht gibt. Es fehlen die weißweintypischen, primärfruchtigen Rebsorten-Aromen; stattdessen überwiegen gerbstoffartige, erdige, würzige Noten. Der Geschmack variiert je nach Traubensorte. Häufig sind Aromen von kandierten Früchten, getrockneten Aprikosen, gerösteten Mandeln, Honig und Karamell zu finden, kombiniert mit ätherischen, kräuterigen Noten sowie einer präsenten Säure und einer gewissen Salzigkeit.