mini|hochkant|Zvi Lothane (2008) Zvi Lothane (* 21. Mai 1934 in Lublin, Polen, als Hersz Szuldyner), auch Henry Lothane, gelegentlich Henry Zvi Lothane, ist ein US-amerikanischer Psychoanalytiker, Psychiater und Hochschullehrer. Er arbeitet als Professor für Psychiatrie an der Icahn School of Medicine am Mount Sinai Hospital in New York City. Er hat die Shoah als Kind und Jugendlicher überlebt. Er ist polnischer Herkunft.
Frühe Prägungen Zvi Lothane wurde im Jahr 1934 als einziges Kind jüdischer Eltern in Lublin geboren. Sein Vater, Szyja-Leib Szuldyner (* 1898), stammte aus dem Schtetl Izbica, die Mutter, Rywka Weltman (* 1907), stammte aus Bychawa in der Woiwodschaft Lublin. Der Vater war Angestellter in einer Filiale der polnischen Ölfirma Karpaty. Die Mutter unterrichtete jüdische Kinder in Polnisch. Der in der Geburtsurkunde für Zvi Lothane eingetragene Name lautete „Hersz Szuldyner“. Nach der deutsch-sowjetischen Eroberung Polens 1939 lebte die Familie von 1939 bis 1941 unter russischer Besatzung in Ostpolen. Der Vater meldete sich im Jahr 1941 freiwillig beim russischen Kommandanten des Distrikts, um die Emigration der Familie nach Russland zu ermöglichen. Hier lebte Zvi Lothane unter ständiger Bedrohung in Brest-Litovsk, in der Komi ASSR, wo sein Vater ihm das Leben rettete, und in Nischni Nowgorod. Er las Zeitungen, hörte Radio und sah Propagandafilme, in denen die Grausamkeiten der deutschen Wehrmacht und der deutschen Faschisten in den eroberten Teilen Russlands dargestellt wurden. Im Jahr 1946 erfolgte die Rückkehr der Familie von Russland nach Lublin, wo Lothane die Volksschule besuchte. Er besuchte auch das ehemalige Konzentrationslager in einem Vorort von Lublin. Sein Name wurde nun von „Hersz Szuldyner“ in „Hersz Szuldiner“ umgeschrieben. Die Eltern riefen ihn „Henio“ oder „Henryk“. Seine Lehrerin war Krystyna Mandelbaum (Modrzewska)Leksykon Lublin polnischsprachig Krystyna Modrzewska, bei der Lothane in Englisch, Musik, Geschichte und Philosophie unterrichtet wurde. Krystyna Mandelbaum war die Tochter der Konzertpianistin Franciszka Mandelbaum geb. Frenkiel und des Mediziners Hersch (Henryk) Mandelbaum, der zwischen 1935 und 1939 ärztlicher Direktor des Israelitischen Krankenhauses in Lublin gewesen war und der jüdisch-sozialistischen Partei angehörte. Hersch (Henryk) Mandelbaum hatte an den medizinischen Fakultäten der Universitäten in Breslau und Heidelberg Medizin studiert und hatte sich im Fachgebiet der Neurologie spezialisiert. Krystyna Mandelbaum (Modrzewska) wurde nach dem Zweiten Weltkrieg noch Ärztin, so unter anderem in Białystok. Sie starb im Jahr 2008 in ihrer Wahlheimat Schweden.Leksykon Lublin englischsprachig: Krystyna Mandelbaum (Modrzewska) 1919–2008. Familie Lothane entschloss sich nach dem Zweiten Weltkrieg im Zuge der ersten Auswanderungswelle polnischer JudenWIKIPEDIA: Geschichte der Juden in Polen, 8. Kommunistische Herrschaft 1945-1989, Nachkriegszeit im Jahr 1950 zur Auswanderung nach Israel also in das Land, in dem die heilige Sprache auch an Wochentagen und auf der Straße gesprochen werden kann.Isaac Bashevis Singer: Mein Vater der Rabbi. Bilderbuch einer Kindheit, Rowohlt Hamburg 1985, hier: die Geschichte von Mosche Blecher S. 85–92. Es war nach dem Zweiten Weltkrieg erneut zu Ausschreitungen gegen Juden in Polen gekommen. In Israel wurde der Vorname „Hersz“ in „Zvi“ geändert und der Name lautete nun „Zvi Szuldiner“.
Leben und Wirken In Ramat Gan besuchte Lothane das Gymnasium Ohel Shem. Sein erster Hebräisch-Lehrer war ein Rabbiner aus Berlin.Andreas Marneros: Henry (Zvi) Lothane, in: Andreas Marneros: Das Doppelherz des Odysseus … Und warum Ithaka in Deutschland liegt. Eine pathetische Liebeserklärung an Deutschland, 2. Auflage ANA publishers Köln 2013, S. 853–858. Wegen seiner Sprachkenntnisse arbeitete er während des anschließenden Militärdienstes als Übersetzer. Er brachte sich autodidaktisch andere Sprachen bei, so beispielsweise auch Deutsch. In einem Vortrag von Daniel Doron (* 1929) im Jahr 1952 über Wilhelm Reich begegnete Lothane erstmals der Name Sigmund Freuds. Es entstand der Wunsch nach einem Medizinstudium. Nach dem Militärdienst studierte und promovierte Lothane an der Hadassah Medizinschule der Hebräischen Universität Jerusalem. Die Approbation als Arzt erfolgte im Jahr 1962 am Beilinson Hospital in Petach Tikwa, das nach dem jüdischen Arzt und Journalisten Moshe Beilinson benannt worden war. Während des Prozesses gegen Adolf Eichmann weilte Lothane in Jerusalem. Er war damals (1962) neun Monate lang Sekundärarzt im „Talbieh Psychiatric Hospital, Jerusalem“. In diesem psychiatrischen Landeskrankenhaus waren durch den Prozess retraumatisierte Shoah-Überlebende untergebracht. Das „Talbieh Psychiatric Hospital, Jerusalem“ stand damals unter der ärztlichen Leitung des Psychiaters, Psychoanalytikers und Traumaforschers Heinrich Winnik.so z. B.: Heinrich Winnick: „Contribution to Symposium on Psychic Traumatization Through Social Catastrophe“. In: International Journal of Psychoanalysis. 49, 1968, S. 298–301. Anschließend emigrierte Lothane mit seiner Frau Malca,Zvi Lothane: Besuch in Lublin 2019 Digitalisat von der er die spanische Sprache erlernte und Tochter Shara in die Vereinigten Staaten. Die Einbürgerung in den USA erfolgte unter dem Namen „Zvi Lothane“, da Lothane seinen Nachnamen von „Szuldiner“ in „Lothane“ umändern ließ.ausgewählt nach Gen. 36,20: Lotan, Sohn des Seir. In den USA arbeitete er zunächst im „Strong Memorial Hospital, Rochester NY“, wo er zwischen 1963 und 1966 eine Ausbildung bei George L. Engel absolvierte und die Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie abschloss. Bis 1969 arbeitete er als leitender Arzt im „Hillside Hospital, New York“. In den Jahren von 1966 bis 1972 studierte Lothane Psychoanalyse am „New York Psychoanalytic Institute“ in New York City.
Seit 1969 arbeitet Lothane als Mitglied des Lehrkörpers am Mount Sinai Hospital in New York City als Professor für Psychiatrie.Zu Zvi Lothanes Vita siehe ausführlich Danuta Kostewicz: Vergangenheit als prägende Kraftquelle. Biographisches Porträt zu Zvi Lothane. In: Neue Illustrierte Welt. Wien, Juni/Juli 1993. In seiner Privatpraxis arbeitet er zudem als Psychiater, Psychotherapeut und Psychoanalytiker. Im Jahr 1994 wurde er Psychiatrieexperte für die Verfolgten des Naziregimes am Deutschen Konsulat in New York. Lothane ist Distinguished Life Fellow der American Psychiatric Association und Mitglied der American Psychoanalytical Association sowie der International Psychoanalytical Association mit deren erstem Vorsitzenden Franz Riklin im Jahr 1910. Von 1995 bis 1998 war er Präsident der „American Society of Psychoanalytic Physicians“. Im Jahr 1995 führte ihn sein Weg nach Deutschland in die Nervenklinik der Universität Köln zum Psychiater Uwe Henrik Peters.Henry Zvi Lothane (2021): My life with Paul Schreber. In: International Forum of Psychoanalysis. German themes in psychoanalysis. Part four. Routledge, Vol. 30, No. 1, p. 9 f. 2001 folgte eine Einladung des Psychiaters Werner Felber an das Universitätsklinikum Dresden, um über Schreber zu sprechen. Mit Werner Felber diskutierte Lothane die Übersetzung seines Buches über Schreber in die deutsche Sprache. Felber schrieb später das Geleitwort zu dieser deutschsprachigen Ausgabe.Zvi Lothane (2023): Mein Leben mit Paul Schreber. In: Dynamische Psychiatrie/Dynamic Psychiatrie. Internationale Zeitschrift für Psychiatrie und Psychoanalyse, (56), Heidelberg: Mattes, S. 224. Mit dem Heidelberger Psychiater und Familientherapeuten Helm Stierlin sowie mit dem in Heidelberg studiert habenden Psychiater Klaus Dörner tauschte sich Lothane in New York City und Hamburg in persönlichen Gesprächen aus. Auch der Medizinhistoriker Volker Roelcke war Gast in New York. In den Jahren 2006 und 2008 war Lothane Gastprofessor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Heidelberg bei Wolfgang U. Eckart. 2006 hielt Lothane hier einen Vortrag über das Tetragramm sowie einen Vortrag über das Wort bei der Georg Groddeck-Gesellschaft in Baden-Baden.Zvi Lothane: The power of the spoken word in life, psychiatrie and psychoanalysis – a contribution to interpersonal psychoanalysis. In: American Journal of Psychoanalysis. 2007, 67:260-274. Im Jahr 2007 hielt Lothane an der Psychiatrischen Universitätsklinik Leipzig bei Holger Steinberg einen Vortrag zum Thema „Paul Schreber ist immer noch eine Herausforderung für Psychiatrie und Psychoanalyse.“
Lothane wurde in die Liste der Söhne und Töchter der Stadt Lublin aufgenommen. Lublin war im Zweiten Weltkrieg deutsches Hauptquartier für die Aktion Reinhardt.Wolfgang U. Eckart: Medizin in der NS-Diktatur. Ideologie, Praxis, Folgen, Böhlau Verlag Wien, Köln, Weimar 2012, Kapitel 3: Biodiktatorische Praxis nach 1933, hier 3.3.6: Die »Aktion Reinhardt«, S. 145. Wolfgang U. Eckart: Medizin in der NS-Diktatur. Als ehemaliger Gastprofessor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin Heidelberg beschloss Lothane, Mitglied des Netzwerks Heidelberg Alumni International der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg zu werden.Heidelberg Alumni International Lothane ist zudem befreundet mit dem aus Ulm stammenden Germanisten Walter Hinderer sowie dem Literaturwissenschaftler und Historiker Martin Stingelin.Martin Stingelin: Psychiatrisches Wissen, juristische Macht und literarisches Selbstverständnis. Daniel Paul Schrebers Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken im Licht von Michel Foucaults Geschichte des „Wahnsinns“. In: Lutz Danneberg, Wilhelm Schmidt-Biggemann, Horst Thomé, Friedrich Vollhardt: Scientia Poetica. Jahrbuch für Geschichte der Literatur und der Wissenschaften. Max Niemeyer Verlag Tübingen 4/2000, S. 131–164, zu Zvi Lothane S. 133ff.
Bedeutung Nebst zahlreichen Publikationen zur Methodologie der Psychotherapie und Psychoanalyse sowie zur Geschichte der Psychiatrie kann das wissenschaftliche Werk Zvi Lothanes folgenden Schwerpunkte zugeordnet werden: Sabina Spielrein: Bearbeitung der Korrespondenz zwischen Sigmund Freud und Carl Gustav Jung Zvi Lothane trug dazu bei, dass die im Dritten Reich ermordete russische Ärztin und Psychoanalytikerin jüdischen Glaubens Sabina Spielrein (1885–1942) nicht vergessen wurde.Zvi Lothane: In defense of Sabina Spielrein. In: International Forum of Psychoanalysis 5, 1996, S. 203–217. Sabina Spielrein erlitt während ihres Medizinstudiums in der Schweiz einen Nervenzusammenbruch und wurde Patientin im renommierten Burghölzli (Psychiatrische Klinik der Universität Zürich) unter dem damaligen Chefarzt Eugen Bleuler und dessen Oberarzt C.G. Jung. So entstand die Bekanntschaft zwischen Sabina Spielrein und Carl Gustav Jung. Während der ärztlichen Behandlung Sabina Spielreins wandte sich Carl Gustav Jung an Sigmund Freud, um mit ihm die Behandlung der Patientin zu diskutieren. Lothane untersuchte diese Korrespondenz zwischen Carl Gustav Jung und Sigmund Freud. Bei dieser Untersuchung arbeitete Lothane mit dem Großneffen von Sabina Spielrein, Vladimir Shpilrain, zusammen, um die Familiengeschichte Spielrein am Leben zu erhalten.Zvi Lothane: History, in: Akhtar, A. & Twemlow, S. (Hrsg.): Textbook of Applied Psychoanalysis, Vorwort von Otto F. Kernberg. London: Routledge, 2018, Kapitel 4, Teil 1, S. 13–26, Literatur S. 417–419. Er analysierte in diesem Zusammenhang auch die Briefe von Sigmund Freud an Karl Abraham (1913).H. C. Abraham, E. L. Freud (Hrsg.): Sigmund Freud – Karl Abraham: Briefe 1907-1926, 2. Auflage Fischer Verlag Ffm 1980. Sabina Spielrein kehrte nach ihren Aufenthalten in der Schweiz, in Wien und Berlin, wieder nach Russland in ihre Heimatstadt Rostow zurück, wo sie gemeinsam mit ihren Brüdern während des Dritten Reiches den Tod fand. Sie selbst wurde von den Nationalsozialisten ermordet. Ihre Brüder wurden höchstwahrscheinlich von Stalins Roter Armee ermordet.
Übersetzung der Tagebücher Sabina Spielrein