mini|hochkant=1.5|Der vor 1801 noch vollständige Spitalkomplex: Links der Fruchtkasten, hinter dem Halbkreis von Roßstall, Westwerk und Pfründhaus sieht man Kirchendach, Turm und erhöhten Chor. Dahinter ragt die doppeltürmige Bartholomäuskirche heraus. Zentral vor der Stadtmauer ist das Walmdach der Leonhardskapelle für die „Siechen“ zu sehen. mini|hochkant=1.5|Gebäudekomplex des Heilig-Geist-Spitals vor der zweiten Abbruchswelle (1967) mini|hochkant=1.5|Spitalgelände um 1830: Nach 1800 abgegangene Teile sind rekonstruiert. Stadt- und ehemalige Burgmauer zeugen von der hier ansetzenden Stadterweiterung (13. Jhdt.).
Das Heilig-Geist-Spital in Grüningen, heute Markgröningen im baden-württembergischen Landkreis Ludwigsburg, wurde im 13. Jahrhundert von Brüdern des Heilig-Geist-Ordens begründet, die Spitalkirche 1297 geweiht. Das für Armen- und Krankenpflege zuständige Spital entwickelte sich zu einer Klosteranlage mit reichem Grundbesitz. Nach der Reformation (1534) wurde das Spital in Raten säkularisiert und gelangte 1552 in städtische Obhut. 1801 ließ die Stadt das baufällige Kirchenschiff abbrechen. 1954 schenkte sie den neu zugezogenen Katholiken die Relikte der Spitalkirche, die nach der Sanierung durch einen Anbau ergänzt, 1957 wieder geweiht und 1982 durch einen Neubau aufgewertet wurde.
Geschichte Gründung Zum Inventar einer mittelalterlichen Stadt gehörte zwingend ein Hospital für die Armen-, Waisen- und Altenfürsorge, die Krankenpflege und die Beherbergung von Pilgern. So wurde das Grüninger Heilig-Geist-Spital alsbald nach der Stadterhebung durch die Staufer vermutlich von Memminger oder Wimpfener Brüdern des Heilig-Geist-Ordens eingerichtet, die sich an die Regeln des Heiligen Augustinus hielten.Konrad Rothenhäusler: Die Abteien und Stifte des Herzogthums Wuerttemburg im Zeitalter der Reformation. Verlag Deutsches Volksblatt, 1886, Digitalisat S. 235f. Der vollständige Name lautete „Hospitalhaus vom Orden des Heiligen Geistes in Sachsen zu Rom in Grüningen“.Ludwig Friedrich Heyd: Geschichte des Hospitals zum Heiligen Geist. In: Geschichte der vormaligen Oberamts-Stadt Markgröningen mit besonderer Rücksicht auf die allgemeine Geschichte Württembergs, S. 203–260. Stuttgart 1829, Faksimileausgabe: Markgröningen 1992, S. 206: „hospitalis domus ordinis S. Spiritus in Saxia de Urbe (romana) in Grueningen“
Die ersten Belege für die Existenz des Heilig-Geist-Spitals in Grüningen stammen von 1258 und 1289: Aus dem Eigenbestand des Grüninger Spitals stammt eine Urkunde von Papst Alexander IV., der am 5. Juni 1258 auf Bitte des Meisters und der Brüder des „Hospitals zum Heiligen Geist in Saxia zu Rom“ befiehlt, „diejenigen, welche sich fälschlich für Brüder dieses Hospitals ausgeben und demselben Almosen entziehen, gefangen zu nehmen und zu strafen“.Siehe WUB Band V., Nr. 1498, Seite 264 WUB online In einer am 21. Mai 1289 von Berthold von Mühlhausen, einem Schwiegersohn von Graf Hartmann II. von Grüningen, ausgestellten Urkunde, wird auf das „Kloster“ in Grüningen verwiesen.Siehe WUB Band IX., Nr. 3859, S. 280–281 WUB online
Gründungsstifter Wie in Memmingen (1223), Wimpfen (1238) und anderen Reichsstädten dürfte die nicht dokumentierte Gründung des Grüninger Spitals durch einen staufischen Reichsvogt oder Lehensträger zwischen 1238 (nach Wimpfen) und 1245Wegen der Stephansfelder Schenkung an den Erzbischof von Mainz vermutlich vor dem Seitenwechsel des Erzbischofs Siegfried III. von Eppstein (1241), spätestens aber vor der Absetzung Kaiser Friedrichs II. durch Papst Innozenz (1245) und dem Verrat des Grafen Hartmanns im Zuge der Schlacht bei Frankfurt (1246). im Zuge der in diesem Zeitfenster liegenden Stadterhebung Grüningens erfolgt sein. Hierfür kommt nur Graf Hartmann I. von Grüningen in Betracht.Man geht davon aus, dass das Grüninger Spital nach dem übergeordneten Spital in Wimpfen und vor dem nachgeordneten in Pforzheim (1323) gegründet wurde. Für Hartmann I. als Gründer spricht auch, dass die Württemberger Herzöge später betonen, die Stiftung sei durch ihr Geschlecht erfolgt. Offenbar setzte der Gründungsstifter Reichsgut dafür ein. Denn die starke und hohe Westmauer des Spitals und ein früherer Graben unter der Betzgasse legen den Schluss nahe, dass hier eine ehemalige Burg, vielleicht sogar die legendäre Königspfalz, umgewidmet wurde, nachdem in der Nordwestecke der erweiterten Stadt eine neue Burg angelegt worden war. Für diese These spricht auch die Erweiterungsfuge zwischen der Burgmauer des Spitals und der Stadtmauer (siehe Stadtplanausschnitt).
Kirchweihe Anfangs dürfte die ehemalige Burgkapelle, der künftige Narthex der später erbauten Spitalkirche, als Andachtsraum gedient haben. Die dreischiffige Basilika der Spitalkirche wurde am Palmsonntag (25. März) 1297 von Weihbischof Bonifatius von Knin in Vertretung des Würzburger Bischofs Manegold von Neuenburg geweiht, obwohl Grüningen zum Bistum Speyer gehörte. Der Speyrer Bischof Friedrich von Bolanden gewährte 1301 allen künftigen Wohltätern des jungen Spitals 40 Tage Ablass, ebenso 1318 der „Bruder Ysnardus“, (Titular-)Patriarch von Antiochien, möglicherweise derzeit Großmeister des Ordens in Rom.Heinz Oechsner: Die Kirche des Spitals zum Heiligen Geist in Markgröningen. In: Markgröninger Bauwerke und ihre Geschichte, Teil 1: Von der Bartholomäuskirche bis zur Spitalkirche. Band 7 der Reihe „Durch die Stadtbrille“, hrsg. v. Arbeitskreis Geschichtsforschung und Denkmalpflege Markgröningen, S. 107–123, Markgröningen 2002, S. 107f Darauf erfolgten auch Stiftungen von Niederadligen und Grüninger Bürgern, worauf sich 1552 der Vogt Michael Volland unter Verweis auf seine Vorfahren namens Schultheiß berief.Ludwig Heyd: Geschichte des Hospitals zum Heiligen Geist. In: Geschichte der vormaligen Oberamts-Stadt Markgröningen mit besonderer Rücksicht auf die allgemeine Geschichte Württembergs, S. 203–260. Stuttgart 1829, S. 254ff, sowie Spitalkirche zum Heiligen Geist Markgröningen von 1297 bis 1981. 25 Jahre Heilig-Geist-Gemeinde, 28. Juli 1957 bis 28. Juli 1982, hrsg. v. der Katholischen Kirchengemeinde Markgröningen, Markgröningen 1982, S. 70 Zu den ersten bekannten Stiftern zählten zudem die Witwe Heinrichs von Lauffen (1313) und der in Asperg ansässige Burkhardt von Hagenau (1318).
Hierarchien Die Grüninger Niederlassung unterstand bis mindestens 1306 dem Memminger Spitalmeister und spätestens ab 1348 dem oberalemannischen„Oberalemannisch“ im Sinne von oberdeutsch, also nicht alemannisch als Synonym für schwäbisch, denn Neumarkt in der Oberpfalz zählte auch dazu. Provinzialmeister in Stephansfeld,Zerstörtes Kloster bei Brumath im Elsass (von Heyd Steffelt geschrieben). der sich bedingt durch eine Schenkung Kaiser Friedrichs II. nicht nur dem Großmeister in Rom, sondern auch dem Erzbischof von Mainz zu verantworten hatte und sich im 16. Jahrhundert vergebens gegen dessen Ablassverbot zu wehren suchte. Mitunter mischte sich der Papst aber auch direkt ein oder entsendete Inquisitoren nach Grüningen.
Im 1322 von Markgraf Rudolf IV. von Baden gegründeten und 1323 dem Spialorden übergebenen Spital in PforzheimLandesarchiv BW, Findbuch 38: Baden-Durlach, 66. Pforzheim, Nr. 3281 setzte der Grüninger Meister bis 1500 den Pforzheimer Spitalmeister ein.Gerhard Liebler. In: 700 Jahre Heilig-Geist-Spital Markgröningen. Herausgeber: Stadt Markgröningen, Markgröningen o. J. , S. 10f 1513 erhielten die Grüninger Spitalbrüder die päpstliche Erlaubnis, über ihrer schwarzen Kutte mit Spitalkreuz auf der Brust „wie die höhere Geistlichkeit eine Halskrause, den sogenannten Mantelkragen zu tragen“.Hermann Römer, Nachdruck in: Spitalkirche zum Heiligen Geist Markgröningen von 1297 bis 1981. 25 Jahre Heilig-Geist-Gemeinde, 28. Juli 1957 bis 28. Juli 1982. Hrsg. v. der Katholischen Kirchengemeinde Markgröningen. Markgröningen 1982, S. 73 Unter den Geistlichen im Herzogtum Württemberg genoss der Grüninger Spitalmeister eine hohe Stellung, in der Rangfolge vor dem Propst der Stuttgarter Stiftskirche. Den 1521 zwischen Spitalmeister Johannes Betz und dem Stadtpfarrer Reinhard Gaißer entbrannten Streit um die geistliche Rangfolge in Grüningen entschied der Speyrer Bischof Georg von der Pfalz jedoch zugunsten des Stadtpfarrers.Römer, Nachdruck in: Spitalkirche zum Heiligen Geist Markgröningen von 1297 bis 1981. 25 Jahre Heilig-Geist-Gemeinde, 28. Juli 1957 bis 28. Juli 1982. Hrsg. v. der Katholischen Kirchengemeinde Markgröningen. Markgröningen 1982, S. 73
Im Spital stand der Spitalmeister nicht nur den Ordensbrüdern vor, sondern auch einer Reihe von Angestellten: Diese Knechte und Mägde dienten nicht nur als Haushaltshilfen, Bewirtungs- und Pflegepersonal, sondern besorgten auch den beträchtlichen landwirtschaftlichen Eigenbetrieb und die Einlagerung der Abgaben der zahlreichen Pächter von spitaleigenen Äckern, Gärten und Weinbergen, Wiesen, Weiden und Wäldern. 1444/45 weisen die überlieferten Spitalrechnungen neben dem Spitalmeister zwölf Brüder sowie zehn Knechte und Mägde aus. In Erntezeiten kamen noch Tagelöhner hinzu. Zeitweise hatte das Spital auch einen eigenen „Pfister“ (Bäcker). Die Ziegelei an der Vaihinger Steige und die Spitalmühle im Glemstal wurden in der Regel verpachtet.
mini|Habit der Spitalbrüder
Privilegien Das Spital verfügte traditionell über lukrative Privilegien, weshalb Heyd es als „päpstliches Schoßkind“ bezeichnete.Ludwig Heyd: Geschichte des Hospitals zum Heiligen Geist. In: Geschichte der vormaligen Oberamts-Stadt Markgröningen mit besonderer Rücksicht auf die allgemeine Geschichte Württembergs, S. 203–260. Stuttgart 1829, S. 221 Als sie mehr und mehr in Frage gestellt wurden, stellte Spitalmeister Johannes Betz die Privilegien nach 1513 inklusive Belegen für deren Verleihung zusammen, konnte sie jedoch nicht mehr vollumfänglich durchsetzen:
Exemption: Unabhängigkeit und Steuerfreiheit gegenüber dem Landesherrn und dem Bischof von Speyer Beichtvollmacht: das heißt das Recht, überall die Beichte abzunehmen und Bußen aufzuerlegen bzw. Sünden zu vergeben Petition: einerseits das Recht, überall und vorrangig zu predigen und das Opfer einzunehmen, andererseits die ungehinderte Almosensammlung im Bistum Konstanz und im östlichen Teil des Bistums Speyer Ablass: zeitlich begrenzte Verschonung vor dem Fegefeuer für eine materielle Gegenleistung Darüber hinaus hatte der Spital-Konvent in gewissen Fällen quasirichterliche Entscheidungskompetenzen, zum Beispiel für Vergleiche oder bei Vermächtnissen zugunsten der Kirche.Klaus Militzer: Das Markgröninger Heilig-Geist-Spital im Mittelalter. Ein Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte des 15. Jahrhunderts. Sigmaringen 1975, S. 41–44, sowie Ludwig Friedrich Heyd: Geschichte des Hospitals zum Heiligen Geist. In: Geschichte der vormaligen Oberamts-Stadt Markgröningen mit besonderer Rücksicht auf die allgemeine Geschichte Württembergs, S. 203–260. Stuttgart 1829, Faksimileausgabe: Markgröningen 1992, S. 222–228; und Liebler: 700 Jahre Heilig-Geist-Spital Markgröningen. Herausgeber: Stadt Markgröningen, Markgröningen o. J. , S. 11
Misswirtschaft und Blütezeit mini|Wappen und Initialen des Mäzens Philipp Volland – prominent platziert im Chor mini|Großteils abgerissener Gebäudetrakt, im Vordergrund der „Roßstall“ von 1488