Die Raubzüge der Wikinger in das Rheinland waren ein Teil der Einfälle der Wikinger in das Frankenreich und fanden in den letzten Jahrzehnten des 9. Jahrhunderts statt. Vom Rheinland aus, das als die Keimzelle der fränkischen Kultur angesehen werden kann, hatten die Franken zuvor fast ganz Zentraleuropa erobert und ein Großreich errichtet.

Die Wikinger plünderten bei diesen Raubzügen unter anderem die alten Römerstädte Köln, Bonn, Xanten, Trier und auch die Kaiserstadt Aachen, in der Karl der Große begraben worden ist und auf dessen Thron im Aachener Dom die fränkischen Könige gekrönt worden sind. Auch die Siedlung Düren wurde verwüstet. Neben diesen Städten wurden auch zahlreiche Klöster zerstört, der Verlust ganzer Bibliotheken war zu beklagen, in denen Schriftsammlungen aus mehreren Jahrhunderten aufbewahrt worden waren. Dadurch wurde die fränkische Kultur in ihrer Substanz erschüttert.

Betroffen von ähnlich gelagerten Raubüberfällen waren auch die skandinavischen Regionen, in denen die Wikinger ursprünglich siedelten, die Britischen Inseln, das Baltikum, Russland und der Mittelmeerraum. Zahlreiche Einwohner der betroffenen Regionen wurden in die Sklaverei verschleppt.A. Willemsen: Wikinger am Rhein. 800–1000. S. 132, 156–157.

mini|400px|Übersichtskarte der Wikingerraubzüge in den Rheinlanden

Das Rheinland mini|Die fränkischen Reiche nach dem Vertrag von Meersen 870 – das Rheinland lag in Lotharingien (gelb umrandet)

Mit Rheinland bezeichnet man nicht genauer definierte Gebiete am Mittel- und Niederrhein. Es wird erst ab 1798 als solches bezeichnet, als französische Revolutionstruppen dieses Gebiet besetzten. Zuvor war diese Region zumeist Städten oder Grafschaften namentlich zugeordnet worden (Beispiel Gelderland, Klever Land).

mini|Die fränkischen Königreiche um 880, das Rheinland liegt im westlichen Teil des Ostfrankenreiches

Das heute als Rheinland bezeichnete Gebiet beginnt etwa beim Moseleinfluss in den Rhein und endet bei Emmerich, wo sich der Rhein in den Lek und die Waal zu einem Delta aufspaltet. Im Osten endet das Rheinland unmittelbar in Rheinnähe, es wird begrenzt durch Mittelgebirge wie das Siebengebirge oder das Bergische Land. Nach Westen verläuft die Grenze ungeklärt, im allgemeinen Sprachgebrauch hat sich die heutige Grenzlinie zu den Niederlanden eingebürgert, also östlich der Maas. Im heutigen Bundesland Rheinland-Pfalz verläuft die Grenze des Rheinlandes entlang der Grenze der ehemaligen preußischen Rheinprovinz (ehemalige Regierungsbezirke Trier und Koblenz) und umfasst das nördlich an die Mosel angrenzende Mittelgebirge Eifel, sowie das südlich der Mosel gelegene Mittelgebirge Hunsrück und das östlich gelegene Mittelgebirge Westerwald.

Das Rheinland in der Karolingerzeit Das Kernland der Karolinger lag zum größten Teil in Gebieten, die zum Rheinland gehören. Daraus resultiert, dass wichtige Orte der karolingischen Kultur im Rheinland liegen. Zu nennen sind vor allem die Stadt Aachen, in der Karl der Große seine Kaiserpfalz errichten ließ, aber auch die Benediktiner-Abtei in Prüm. Letztere vor allem wegen ihres Scriptoriums mit angeschlossener Bibliothek. Auch die alten Römerstädte Trier, Köln, Xanten und Bonn lagen im Rheinland und wurden von den Franken als Handelszentren und Bischofssitze genutzt. Das fränkische Reich teilte sich 843 in drei Königreiche auf. Die meisten Gebiete des Rheinlandes fielen in das Herrschaftsgebiet Lothars I., das Lothringen genannt worden ist. Es handelte sich hierbei um ein Mittelreich, das von der Nordsee bis zum Mittelmeer verlief, Ost- und Westfranken hatten keine Grenzberührung. Nach dieser Reichsteilung kam es in fast allen Gebieten des ehemaligen Großreiches zu Machtkämpfen mit bürgerkriegsähnlicher Struktur, betroffen war auch das Rheinland. Als Lothar I. 855 ohne Thronerben verstarb, intensivierten sich die Machtkämpfe. Im Vertrag von Meersen wurde das Rheinland 870 dem Ostfrankenreich zugewiesen. Zehn Jahre später wurden beim Vertrag von Ribemont die Grenzverläufe noch einmal präziser festgelegt. Nebenstehende Karte zeigt das Ergebnis.Jennifer Striewski: Wikinger am Mittelrhein.

Wikinger und Franken Nach der Niederwerfung der Sachsen (772–804) dehnte sich das Reich Karls des Großen bis zur Elbmündung und darüber hinausgehend aus. Spätestens zu diesem Zeitpunkt werden die ersten Kontakte zu den Wikingern, die wie die Sachsen ein Götterpantheon anbeteten, stattgefunden haben.

mini|Einzug in Walhall, Relief aus Gotland

Die Kontakte waren oft kriegerischer Natur, betroffen waren die friesischen Inseln, aber auch das friesische Festland. Zur Abwehr der Angriffe richtete Karl der Große an der Nordgrenze seines Reiches eine Mark ein, der Name des heutigen Staates Dänemark leitet sich davon ab. Trotz der kriegsähnlichen Zustände an der Nordgrenze verdingten sich manche Wikinger bei fränkischen Feldzügen als Söldner. Taufen ließen sich nur sehr wenige, denn die Religion der Wikinger enthielt, anders als das Christentum, einen Ehrenkodex für Krieger:

Der Sage zufolge bereitete sich der Kriegsgott Odin aus dem Göttergeschlecht der Asen auf den Kampf um die Welt und deren Fortbestehen vor. Er entsandte seine Botinnen, die Walküren, um nur die tapfersten, in einer Schlacht gefallenen Krieger nach Walhall zu geleiten. Die dort versammelten Krieger, Einherjer genannt, übten sich tagsüber in der Kriegskunst. Abends, nachdem ihre Wunden geheilt waren, zog das Totenheer zusammen in Odins Halle ein, wo sie stets ein gefülltes Trinkhorn und eine gute Mahlzeit erwartete. Aus diesem Grund kämpften Wikinger bisweilen sehr todesmutig.A. Willemsen: Wikinger am Rhein. 800–1000. S. 155–157.

Einer der ersten Wikingerkönige, der sich taufen ließ, war Harald Klak, der 826 n. Chr. in Ingelheim am Rhein ein Vasall König Ludwigs wurde und sich mit seiner Frau und seinem Sohn in Mainz taufen ließ.

In dieser Zeit drangen kriegerische Wikinger mit ihren Schiffen über Flusssysteme, die in die Nordsee und den Atlantik mündeten, in das Frankenreich vor. Betroffen von solchen Beutezügen waren vor allem Gebiete an der Seine, die Niederlande und Belgien. Zuvor gingen die Wikinger in England (Lindisfarne, 793) und in Irland (Dublin, 795) auf Raubfahrt. 820 wird der erste Großangriff von Wikingern im Frankenreich verzeichnet, betroffen war die Region der Seinemündung, zeitgleich fielen vermutlich andere Wikinger in Flandern ein. 845 wurde Paris zum ersten Mal mit ungefähr 700 Langschiffen über die Seine angegriffen. Die Pariser erkauften sich mit 7000 Pfund Silber den Abzug der Belagerer. Bis zum Jahr 926 sind dreizehn solcher Zahlungen im Frankenreich belegt.Thorsten Capelle: Nicht nur Nacht- und Nebelaktionen. In: Ulrich Löber (Hrsg.): Die Wikinger. Begleitpublikation zur Sonderausstellung „Die Wikinger“ des Landesmuseums Koblenz und des Statens Historiska Museums Stockholm. Koblenz 1998, S. 87–94, hier S. 88. Auch der Elbmündungsraum und das damals schon befestigte Hamburg wurde 845 von dänischen Kriegern heimgesucht.

Anfangs erfolgten die Angriffe überfallartig, und die Wikinger zogen sich nach erfolgreichen Raubzügen in ihre Heimat zurück. In den 860er-Jahren wechselten sie ihre Vorgehensweise und gründeten feste Standorte im Frankenreich, von wo aus sie ihre Raubzüge koordinierten, und überwinterten bisweilen auch in ihren befestigten Heerlagern. Die Rheinlande und somit das Kernland des Frankenreiches waren zu der Zeit davon nur selten betroffen.

Die Wikinger bildeten keine geschlossene Einheit, Kleinkriege zwischen Wikingerstämmen waren häufig, vereinten Großangriffen gingen grundsätzlich zielgerichtete diplomatische Verhandlungen voraus. Da die Wikinger sich aus den besetzten Gebieten nur unter hohen Verlusten vertreiben ließen, wurde gelegentlich versucht, ihre Anführer durch reichhaltige Geschenke und eine Lehensvergabe in das Reich einzubinden. In der Regel mussten sich diese Wikingerführer zuvor taufen lassen, da das fränkische Reich vom fränkischen Adel als von Gott gegeben betrachtet wurde und es daher keine Throne für hochadelige Ungläubige gab.

Die Raubzüge in das Rheinland 862 und 864 Zwischen 834 und 863 verwüsteten die Wikinger achtmal den am Lek gelegenen Handelsknotenpunkt Dorestad, der mit dem dänischen Haithabu konkurrierte. 862 ruderten Wikinger zum ersten Mal in kriegerischer Absicht den Rhein herauf und plünderten Köln. 863 eroberten die Nordmänner Utrecht und Nimwegen und errichteten in beiden Städten feste Winterlager, Dorestad wurde bei dem Feldzug restlos zerstört. 864 traten sie von dort zu einem zweiten Kriegszug in die niederrheinischen Lande an und überfielen und plünderten Xanten.A. Willemsen: Wikinger am Rhein. 800–1000. S. 119.

Handel und Schifffahrt auf dem Rhein zwischen 864 und 881 mini|Rekonstruiertes Wikingerschiff Havhingsten fra Glendalough der Mitte des 11. Jahrhunderts

Die Franken waren keine echten Seefahrer – es gab zwar Schiffstypen (Utrechter Schiff), die bei gutem Wetter dazu geeignet waren, Küstenschifffahrt zu betreiben; da es bislang keine Wrackfunde in der Nordsee gibt, wird die Küstenschifffahrt jedoch, wenn überhaupt, nur selten betrieben worden sein.A.Willemsen: Wikinger am Rhein. 800–1000. S. 62. Es gab unterschiedliche Bautypen für Boote. Entweder wurden mächtige Bäume ausgehöhlt oder floßähnliche Kähne zusammengezimmert. Beide Bootstypen waren schlecht zu manövrieren und wurden zum Transport von schweren Waren wie Steinen eingesetzt. Als Steinbrüche dienten oft ruinöse Bauten der Römer in Rheinnähe, aber es gab auch Steinbrüche in den angrenzenden Mittelgebirgen. Rheinabwärts trieben diese Boote mit der Strömung, stromaufwärts wurden die Kähne von Pferden oder Ochsen gezogen (treideln genannt).

Das Hauptbaumaterial im fränkischen Reich war Holz, geschlagene Stämme wurden zusammengebunden und flussabwärts zu den Handelsmärkten geflößt, auch andere Handelswaren und Reisende wurden auf den teilweise sehr langen und breiten Flößen transportiert.A.Willemsen: Wikinger am Rhein. 800–1000. S. 55–61.

Als die Wikinger sich an den Ufern des Rheindeltas ansiedelten, hatten sie als Händler einen Wettbewerbsvorteil, denn dank ihrer herausragenden Schiffbautechnik konnten auch starke Strömungen wie die des Rheins überwunden werden, so waren sie in der Lage Güter schnell zu verschiffen. Dadurch blühte in der Zeit der Handel im Rheinland auf. Da die Wikinger zur gleichen Zeit auch in Irland, England und Russland siedelten, erweiterte sich das Handelsgut um Produkte aus den und darüber hinaus noch weit entfernteren Regionen.A. Willemsen: Wikinger am Rhein. 800–1000. S. 64–71.

Raubzüge im Winter 881/882 mini|Beschädigter Wikingerhelm (verm. Hiebwaffe)

Die Lage änderte sich, als das so genannte Große Heidnische Heer 878 bei Edington im Südwesten Englands durch die Truppen König Alfreds des Großen (Regierungszeit 871–899) eine empfindliche Niederlage erlitten hatte. Die besiegten Wikinger setzten sich daraufhin nach Kontinentaleuropa ab und verlegten ihre Raubzüge in die Küstenregion des Ärmelkanals, Nordfrankreich und Flandern. Am 3. August 881 siegte auch der westfränkische König Ludwig III. mit seinem Heer über die Normannen bei Saucourt-en-Vimeu in der Picardie im heutigen Nordostfrankreich.

Die Wikinger wendeten ihre Angriffslust daraufhin ostwärts Richtung Rheinlande. Karl III. hielt sich zu dieser Zeit wegen seiner Kaiserkrönung in Italien auf, die am 12. Februar 881 in Rom erfolgte. Zur Feierlichkeit wurde er von zahlreichen Panzerreitern begleitet, und so standen viele der wehrhaftesten Krieger zur Verteidigung der Heimat im Winter 881 nicht zur Verfügung.