Tschecho-Slowakische Republik (tschechisch und slowakisch: Česko-Slovenská Republika, amtliches Kürzel Č-SR) bzw. Tschecho-Slowakei (wie nach der Gründung 1918, kurz bis 1920, Kürzel ČSR), inoffiziell auch Zweite Republik genannt, bezeichnet den um das Sudetenland, die Südslowakei und das Olsagebiet verkleinerten tschechoslowakischen Staat, der für 170 Tage vom 30. September 1938 bis zum 16. März 1939 existierte.

Die Zweite Republik war die Folge der Ereignisse nach dem Münchner Abkommen und der Sudetenkrise sowie dem Ersten Wiener Schiedsspruch, in denen die Tschechoslowakei gezwungen war, die deutsch besiedelten Gebiete, also das Sudetenland, am 1. Oktober 1938 an den NS-Staat abzutreten, sowie den südlichen, ungarisch besiedelten Teil der Slowakei an Ungarn. Zudem besetzte Polen das Olsagebiet und die Stadt Teschen.

Der vormalige Einheitsstaat Tschechoslowakei wurde föderalisiert. Der Föderalismus war jedoch asymmetrisch: Die Länder Slowakei und Karpatenrussland bekamen jeweils eigene autonome Organe mit weitreichenden Kompetenzen; für die tschechischen Länder (Böhmen und Mähren-Schlesien) blieb hingegen die tschechoslowakische Nationalversammlung und die Zentralregierung in Prag zuständig. Im slowakischen Landesteil und Karpatenrussland wurden Ein-Parteien-Regime errichtet. Im tschechischen Landesteil gab es nach dem Verbot der Kommunisten noch zwei Parteien, wobei die Strana národní jednoty (Partei der Nationalen Einheit) eine dominante Stellung hatte. Mit dem Ermächtigungsgesetz vom 15. Dezember 1938 wurde das parlamentarische System faktisch beseitigt.

Im Rahmen der Zerschlagung der Rest-Tschechei im März 1939 annektierte Deutschland de facto den tschechischen Landesteil als Protektorat Böhmen und Mähren. Ungarn annektierte die Karpatenukraine, und es entstand der Slowakische Staat.

Geschichte

Oktober bis November 1938 mini|Sudetendeutsche beseitigen einen tschechoslowakischen Grenzpfahl

In der Nacht zum 1. Oktober 1938 entstand die so bezeichnete „Zweite Republik“. Die ersten deutschen Truppen der Wehrmacht marschierten ins Sudetenland ein und begannen gleichzeitig, die tschechische und jüdische Bevölkerung aus den Grenzregionen zu vertreiben. Ein Teil der Bevölkerung (Regierungsbeamte, Bauern, Soldaten) floh wegen des Verlustes des Arbeitsplatzes aus dem Sudetenland. Viele Flüchtlinge wurden auf der Flucht von sudetendeutschen Freikorps angehalten und mussten ihren Besitz abgeben. Gleichzeitig begann am 1. Oktober der heimliche Abtransport der sterblichen Überreste von Karel Hynek Mácha von Litoměřice nach Prag. Am 2. Oktober 1938 stellte der ungarische Botschafter die Frage, wann die Tschechoslowakei für Verhandlungen um die ungarisch besiedelten Gebiete bereit wäre. Einen Tag später wurde das Sudetenland offiziell an das Deutsche Reich angeschlossen, und Hitler reiste ins Sudetenland. Er und sein Führungsstab wurden von begeisterten sudetendeutschen Menschenmassen begrüßt. Am 5. Oktober dankte Präsident Edvard Beneš ab und überließ die Regierungsgeschäfte General Jan Syrový. Am selben Tag überquerten ungarische Grenzschutzeinheiten die südliche slowakische Grenze und provozierten so ein Ausrücken der tschechoslowakischen Streitkräfte.

mini|Einmarsch der Wehrmacht am 9. Oktober 1938 in Komotau Am 6. Oktober 1938 unterzeichneten Hlinkas Slowakische Volkspartei sowie weitere slowakische Parteien und Politiker das Abkommen von Žilina (Silleiner Abkommen), in dem sie sofortige Autonomie und die Bildung einer slowakischen Landesregierung unter Jozef Tiso verlangten. Die Zentralregierung in Prag willigte am Folgetag ein. Im Namen der Republik wurde daraufhin ein Bindestrich zwischen Tschecho-Slowakei eingesetzt.Ladislav Lipscher: Verfassung und politische Verwaltung in der Tschechoslowakei, 1918–1939. Oldenbourg, München 1979, S. 183. Am 8. Oktober beauftragte Hitler Außenminister Ribbentrop, die neue Autonomie der Slowakei und Karpatenukraine stark zu fördern, um später den tschechoslowakischen Staat zerschlagen zu können. In Bratislava wurde eine neue Deutsche Partei gegründet, die ähnlich der Sudetendeutschen Partei mit der nationalsozialistischen Regierung im Deutschen Reich sympathisierte. Ihr Führer Franz Karmasin wurde zum „Staatssekretär für die Belange der deutschen Volksgruppe“ in der slowakischen Landesregierung ernannt. In den tschechischen Grenzgebieten hielt die Gewalt dabei weiter an und es kam zu bitteren Gefechten zwischen tschechischen Partisanen und der deutschen Wehrmacht, eine ursprünglich geplante britische Grenzmission wurde daraufhin aufgegeben. Am 10. Oktober besetzten die Deutschen Petržalka.

November bis Dezember 1938 mini|Tschechische Flüchtlinge aus dem Sudetenland in Prag

Am 1. November 1938 wurden 6000 Flüchtlinge vorübergehend in Eisenbahnwaggons einquartiert. Da viele Flüchtlinge nichts mehr hatten, mussten sie vom Staat versorgt werden. In der Slowakei und in der Karpatenukraine endeten am 2. November 1938 die Grenzverhandlungen im Ersten Wiener Schiedsspruch. Dabei besetzten ungarische Truppen den Süden der Slowakei und einen Teil der Karpatenukraine. Die Zweite Republik war ein Reststaat, der insgesamt 33 % seiner Landesfläche verloren hatte und dem nur 40 % seiner Industrie verblieben. Auch nach der Annexion des Territoriums war die Lage weiterhin angespannt. Der Staat musste die Versorgung von Zehntausenden von Flüchtlingen aus den besetzten Gebieten organisieren und erhielt zur Hilfe Geld aus dem Ausland.

Im slowakischen Landesteil errichtete die Slowakische Volkspartei eine Einparteiendiktatur. Die übrigen bürgerlichen Parteien schlossen sich ihr an, die Sozialdemokraten wurden verboten (die Kommunisten waren in der Slowakei bereits am 9. Oktober verboten worden).Ladislav Lipscher: Verfassung und politische Verwaltung in der Tschechoslowakei, 1918–1939. Oldenbourg, München 1979, S. 187. In ähnlicher Weise schlossen sich die bürgerlichen Parteien des tschechischen Landesteils am 18. November 1938 zu einer Nationalen Einheitspartei (Strana národní jednoty) zusammen, die unter der Führung der Agrarier stand. Ihr Programm war ein korporatistisches, das durch italienische Faschisten inspiriert wurde. Die Sozialdemokraten und der linke Flügel der Volkssozialisten bildeten die Nationale Partei der Arbeit (Národní strana práce) als „loyale Opposition“.Ladislav Lipscher: Verfassung und politische Verwaltung in der Tschechoslowakei, 1918–1939. Oldenbourg, München 1979, S. 188.

Mittlerweile wurden im abtrünnigen Sudetenland alle tschechischen politischen Parteien und Verbände abgeschafft, ihr Eigentum wurde beschlagnahmt, die tschechische Sprache wurde verboten und alle tschechischen Zeitungen wurden verboten. Tschechische Filme wurden liquidiert und Bücher verbrannt. Trotz der Garantie durch das Münchner Abkommen von 1938 war die Situation in den Grenzgebieten umstritten, die tschechische und deutsche Bevölkerung mied die neue gemeinsame Grenze. Die deutschen Nationalsozialisten entfesselten im Grenzgebiet die Jagd nach Juden, mit der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 als Höhepunkt. Die ersten Deportationen von Tschechen und Juden ins KZ Dachau begannen.

Am 30. November 1938 wurde Emil Hácha zum Staatspräsidenten der Tschecho-Slowakei gewählt. Neuer Ministerpräsident des Gesamtstaats wurde am 1. Dezember 1938 Rudolf Beran, der stark rechtsorientiert war und dem Liberalismus und der Demokratie skeptisch gegenüberstand.Ladislav Lipscher: Verfassung und politische Verwaltung in der Tschechoslowakei, 1918–1939. Oldenbourg, München 1979, S. 189. Am 15. Dezember beschloss die Nationalversammlung ein Ermächtigungsgesetz, das es der Regierung erlaubte, ohne das Parlament zu regieren. Die parlamentarische Demokratie war damit faktisch beseitigt.Ladislav Lipscher: Verfassung und politische Verwaltung in der Tschechoslowakei, 1918–1939. Oldenbourg, München 1979, S. 190–191. Es wurde eine strenge Pressezensur eingeführt. Die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei wurde am 27. Dezember aufgelöst und verboten. Gegen Ende 1938 gelang es den tschechoslowakischen Behörden, das Problem der Flüchtlinge und die Probleme der Produktion, Versorgung, Bildung und Finanzen weitgehend zu lösen.

Januar bis März 1939 mini|hochkant|Protektoratsvertrag vom 15. März 1939 mini|Panzer der Wehrmacht am 16. März 1939 in Prag

Der Januar 1939 war durch erhöhten Druck durch Deutschland und Ungarn gekennzeichnet. Am 12. Januar bekamen ausgewählte Einheiten der Wehrmacht den Auftrag, sich auf einen Überfall vorzubereiten. Die neue Grenze im Süden war auch durch eskalierende Ereignisse gekennzeichnet. Am 21. Januar 1939 besuchte Außenminister František Chvalkovský Berlin, um über die gegenseitigen Beziehungen zu diskutieren. Der offizielle Besuch endete in einem Diktat. Im Frühjahr 1939 begannen die slowakischen Verhandlungen mit Hitler. Am 12. Februar besucht der slowakische Politiker Vojtech Tuka Hitler. Obwohl die Slowakei sich abzuspalten drohte, hofften viele Politiker, der tschechoslowakische Staat könnte neutral weiter existieren. Doch das Deutsche Reich forderte vom schwachen Staat Gold und Geld. Obwohl die Deutschen sich dadurch eine enorme Staatsverschuldung aufbauten, wurde die Rückzahlung abgelehnt. Unter enormem Druck wurden schließlich die Vertreter der Tschechoslowakischen Nationalbank gezwungen, einen Vertrag mit der Deutschen Reichsbank zu unterzeichnen, in dem die Tschechoslowakei dem Deutschen Reich 465,8 Mio. Kronen verschrieb, was später zum Staatsbankrott führte.

Anfang März 1939 erhielt die tschechoslowakische Regierung die ersten Informationen über die geplante Zerschlagung der Tschechoslowakei. Man rechnete nicht mit der Unterstützung Großbritanniens, Frankreichs oder Italiens. Die Slowakei unter der Hlinka-Partei distanzierte sich immer mehr vom tschechischen Staatsteil und begann eine anti-tschechische Kampagne. Dies empfand die tschechisch dominierte Regierung als Beleidigung und ließ die Slowakei besetzen. Am 9. März erklärte die slowakische Regierung den Ausnahmezustand. Führende Politiker wie Tiso und Tuka wurden abgesetzt und vorerst verhaftet. Am 11. März 1939 gab Propagandaminister Joseph Goebbels den Reichsdruckbefehl bekannt, was einen Höhepunkt in der anti-tschechoslowakischen Propaganda markierte. In Prag und Bratislava liefen hektische Verhandlungen; um die Krise zu lösen, wurde kurzerhand eine den Tschechen treue Regierung eingesetzt. Währenddessen flog Jozef Tiso nach Berlin. Dort wurde ihm ein Ultimatum gestellt: entweder die Slowakei würde unabhängig werden oder sie würde zwischen Polen und Ungarn aufgeteilt. Tiso weigerte sich, eine solche Entscheidung allein zu treffen, und kehrte wieder in die Č-SR zurück, wo die Mehrheit des autonomen Parlaments für eine Unabhängigkeitserklärung stimmte. Nachdem die Slowakei ihre Unabhängigkeit verkündete, folgte die Karpatenukraine einen Tag später.

Gebietsverluste mini|Aufteilung der Tschechoslowakei: 1. Das Sudetenland wird ans Deutsche Reich angeschlossen (Oktober 1938). 2. Das Olsagebiet mit Tschechisch Teschen wird von Polen besetzt (ab 2. Oktober 1938). 3. Gebiete mit ungarischer Bevölkerungsmehrheit werden gemäß dem Ersten Wiener Schiedsspruch nach Ungarn rückgegliedert (2. November 1938). 4. die Karpatoukraine wird nach Ungarn rückgegliedert (16.–23. März 1939).Ein Gebiet im Osten der Slowakei erhält Ungarn am 4. April 1939 zurück. 5. Im März 1939 wird die Rest-Tschechei deutsch besetzt und als Protektorat Böhmen und Mähren der Gebietshoheit des Deutschen Reiches unterstellt. 6. Die Slowakei wird (tags zuvor) ein eigener Staat. mini|„Kleine, aber unsere“ (zeitgenössische Darstellung der Tschechoslowakei)