Michel de Montaignes Turmbibliothek befindet sich auf dem über Jahrhunderte hinweg mehrfach umgestalteten Gebäudekomplex des Familiensitzes von Michel de Montaigne, dem Château de MontaigneOffizielle Website von Schloss Montaigne (en/fr/es). Er liegt in der Gemeinde Saint-Michel-de-Montaigne, im Département Dordogne, Region Nouvelle-Aquitaine im Südwesten von Frankreich.Alain Legros: La librairie et ses sentences. 25 mars 2012, Société Internationale des Amis de Montaigne. B.S.A.M., online.
mini|Ansicht des Châteaus von Jean-Jérôme Baugean (1764–1819), die den Turm betont und weitgehend den ursprünglichen Zustand vor dem Brand von 1885 zeigt mini|Erdgeschoss: Das Oratorium von de Montaigne, im Erdgeschoss des Turms; zwei Gebetsstühle davor. Der Gebetsraum ist mit Fresken dekoriert. Der Eingang liegt links (nicht im Bild) mini|1. Etage: Kammer im Turm des Château de Montaigne, in der ersten Etage. In Blickrichtung Montaignes Reisetruhe, rechtsseitig sein Bett. Hier starb wahrscheinlich der Philosoph. Blick vom Eingang mini|1. Etage: Truhe auf dem Château de Montaigne, in der Abbé Prunis das Manuskript des Journal de voyage fand mini|2. Etage: Blick aus dem „recht wohnliche[n] kleine[n] Arbeitszimmer“ mit über dem Ausgang angebrachten, stark erodierten Fresken auf die Bibliothek (süd-westliche Richtung). Im Hintergrund das Fenster mit Ausblick auf den „Frauenturm“ (siehe nächstes Foto)
Bauliches Das Schloss erfuhr in seiner Geschichte mehrere bauliche Veränderungen. Es handelt sich um eine zweigeschossige, geschlossene Vierflügelanlage mit annähernd quadratischem Innenhof, dessen rautenförmige Lage in Nord-Süd-Richtung ausgerichtet ist. In südlicher Richtung befindet sich das Eingangstor und rechtsseitig (in östlicher Richtung) der „Bibliotheksturm“. Der angrenzende Flügel führt in östlicher Richtung zum „Frauenturm“.Google Earth, Luftbild der heutigen Schlossanlage Luftbild mit Blick aus östlicher Richtung. Montaignes Turm liegt im Süden (links), der Tum seiner Ehefrau liegt im Bildvordergrund. abgerufen auf cdt24.media.tourinsoft.eu
mini|2. Etage: Blick aus einem Fenster im Seitenbereich der Bibliothek, dem kleinen Arbeitszimmer, in nordöstlicher Richtung. Der Turm (weißer Verputz mit spitzkegeligem Dach) am Ende des östlichen Schlossflügels gehörte seiner Frau, Françoise de La Chassaigne.
Der südlich des Hauptgebäudes gelegene „Bibliotheksturm“ besteht aus einem großen und einem kleineren runden Turm mit einem kleinen Wohngebäude und einem Spindeltreppenaufgang. Jede Etage weist eine leicht variierte Richtung der Fensteröffnungen auf. Der Turm ist der einzige authentische Überrest der Gebäude des 16. Jahrhunderts.
Man betritt den Turm über eine schmale Tür und gelangt zunächst in eine kleine Kapelle.Fotografie des Turmeingangs. Montaigne : Journal de voyage. Die Decke des gewölbten Oratoriums hat einen blauen Anstrich. An der Wand hinter dem kleinen in einer Mauernische befindlichen Altar ist links und rechts das Familienwappen als Fresko dargestellt. Dazwischen befindet sich eine Abbildung des Heiligen Georgs als Drachentöter.Richard Friedenthal: Entdecker des Ich. Montaigne, Pascal, Diderot. R. Piper, München 1969, S. 42 f.
Über eine schmale in der Wand verlaufende Spindeltreppe erreicht man den sich an den Mauerinnenbereich anlehnenden, seitlichen Rundturm und gelangt durch eine Tür in einen runden Wohn- und Schlafraum im ersten Stock; hier starb der Philosoph.Ralf Nestmeyer: Der Turm des Philosophen. Montaigne in Montaigne. In: Ders: Französische Dichter und ihre Häuser. Insel-Verlag, Frankfurt am Main 2005. ISBN 3-458-34793-3. S. 201–210. Es finden sich ein großer Kamin sowie drei kleine Fenster. Im zweiten Stock gelangt man zur Bibliothek, die gleichzeitig Montaignes Arbeitszimmer war. Auch hier sind drei Fenster vorhanden. Die Bücher waren auf fünf im Rund angebrachten Regalbrettern aufgereiht.Uwe Schultz: Michel de Montaigne. Rowohlt, Reinbek 1989, ISBN 3-499-50442-1, S. 7–12. Montaigne hatte durch die vielen Fenster einen Blick auf Wiesen, Felder und den Wirtschaftshof, das Château de Montaigne liegt auf einem kleinen Hügel. Montaigne selbst beschreibt den Ort in den Essais:
Montaignes Schreibtisch stand wahrscheinlich vor dem kurzen „geraden Stück Wand“ auf der Nordostseite des Raumes, sodass sein Blick auf die beiden nach Süden (südwestlich bzw. -östlich) hin ausgerichteten Fenster fiel.Vgl. Restitution 3D de la « librairie » auf der Website der Universität Tours. Auch heute stehen dort ein Tisch und ein Stuhl, die allerdings nicht original sind.
Über eine Tür neben der Spindeltreppe erreicht man aus dem Bibliothekszimmer das von Montaigne erwähnte „recht wohnlich[e] klein[e] Arbeitszimmer“, das in nordwestlicher Richtung angebaut ist. Es ist mit zum Teil stark erodierten Fresken geschmückt. An seiner hinteren Wand befindet sich ein Kamin, die einzige Heizmöglichkeit auf diesem Stockwerk. Dieser Raum diente Montaigne daher als Winterarbeitszimmer.Vgl. etwa Sarah Bakewell: Wie soll ich leben oder Das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten. Aus dem Englischen von Rita Seuß. C. H. Beck, München 2012, ISBN 978-3-406-63969-2, S. 36.
Umstände
Von seinem achtunddreißigsten Lebensjahr an, im Februar 1571, zog sich Michel de Montaigne in seine Turmbibliothek im Château de Montaigne zurück. Er hatte sein Amt als Richter in Bordeaux verkauft. Hier in seinem „Turm“ nahm er sein umfangreiches Lebenswerk, die Essais, in Angriff. Die ersten beiden Bände erschienen 1580. Bis zu seinem Tode im Jahre 1592 schrieb Montaigne an seinem Werk, das er häufig überarbeitete und mit Hilfe von Notizen ständig erweiterte.
Eine lateinische Inschrift an der Wand der Bibliothek lautet auf Deutsch:
Der Buchbestand Der Grundstock dieser Bibliothek stammte größtenteils aus dem Vermächtnis seines Freundes Étienne de La Boétie der im Jahre 1563 an der Dysenterie oder der Pest verstarb. Es waren hier etwa tausend Bücher auf den Regalen aufgereiht. Die wenigen Bücher, die aus seinem Bestand noch erhalten sind, weisen häufig von Montaigne verfasste Randnotizen, sogenannte Scholien auf.
Inschriften auf den Deckenbalken mini|2. Etage: Skizzierte Rekonstruktion einer Bibliothekswand im Turm, Blickrichtung: hinter dem Schreibtisch und vor dem (ehemaligen) Kaminplatz in südwestlich bzw. südöstlicher Richtung der beiden Fenster. Rechts im Bild nicht sichtbar Treppenaufgang und Zugang zum kleinen Arbeitszimmer
mini|2. Etage: Montaignes Arbeitszimmer ohne die Bücherregale, Blick vom Eingang aus; nach rechts (nicht im Bild) Zugang zu dem kleinen Arbeitszimmer
mini|Holzbalkendecke im Bibliotheksturm, mit eingezapften Deckenbalken in den Unterzügen, die auf Steinkonsolen aufliegen.
mini|Die Inschriften sind dabei in verschiedenen Schreibrichtungen, je nach Perspektive des Betrachters „auf dem Kopf stehend“ oder in üblicher Leserichtung lesbar.
mini|2. Etage: Ausschnitt aus der Decke der Bibliothek.Drei lateinische Bibelzitate, im Auftrag Montaignes in die Balken gebrannt mini|2. Etage: Grundriss-Skizze des Stockwerks mit den Nummern der Inschriften auf den Deckenbalken Die Holzbalkendecke im Bibliotheksraum weist zwei große tragende Balken in nord-südlicher Ausrichtung auf. Zwischen diesen spannen sich kleinere Querbalken, die von den beiden Hauptbalken in drei Fächer unterteilt sind. Diese Balken sind mit 54 sichtbaren Inschriften versehen, je vier auf den beiden Hauptbalken und je eine in fast allen Fächern der Querbalken. Diese Inschriften, die aus altgriechischen und lateinischen Zitaten bestehen, wurden um 1770 von Joseph Prunis wiederentdeckt,Alain Legros: Essais sur poutres. Inscriptions et peintures de la tour de Montaigne, berceau des Essais. 2e édition revue et corrigée. Klincksieck, Paris 2003, ISBN 2-252-03317-7, S. 42–44 und 467–469. als dieser das Château besuchte und auch Montaignes Reisetagebuch auffand, und 1861 von Édouard Galy und Léon Lapeyre erstmals umfassend beschrieben.Édouard Galy, Léon Lapeyre: Montaigne chez lui. Visite de deux amis à son château. J. Bounet, Périgueux 1861 (Digitalisat). Die Anbringung der Texte wird seitdem einhellig auf Montaigne selbst zurückgeführt. Auf 21 Balken konnte unter der sichtbaren Inschrift eine andere, ältere nachgewiesen werden; Montaigne hat hier also die Beschriftung der Balken nochmals ändern lassen. Von den unten liegenden, überschriebenen Inschriften konnten 14 rekonstruiert und identifiziert werden, von 2 weiteren sind wenige Buchstaben erhalten, die restlichen 5 sind ganz unlesbar. Insgesamt konnten somit 68 Inschriften identifiziert werden, 30 griechische und 38 lateinische.Alain Legros: Essais sur poutres. Inscriptions et peintures de la tour de Montaigne, berceau des Essais. 2e édition revue et corrigée. Klincksieck, Paris 2003, ISBN 2-252-03317-7.Alain Legros: «Sentences peintes au plafond de la bibliothèque de Montaigne.» Édition revue et augmentée. 20. November 2015, Bibliothèques Virtuelles Humaniste, letzter Abruf: 8. Januar 2021. Von den griechischen Texten gehen 14 auf die Schriften des Sextus Empiricus und Diogenes Laertios zurück, aus denen Montaigne den Pyrrhonismus kennengelernt hat, die meisten anderen griechischen Zitate wurden der Exzerpten-Sammlung des Johannes Stobaios entnommen.Schon Galy und Lapeyre nahmen an, dass Montaigne die meisten griechischen Zitate, soweit sie nicht aus Sextus Empiricus stammen, der Exzerpten-Sammlung des Johannes Stobaios entnommen hat (vgl. Édouard Galy, Léon Lapeyre: Montaigne chez lui. Visite de deux amis à son château. J. Bounet, Périgueux 1861 (Digitalisat), S. 7 u.ö.); diese Auffassung teilen die weiteren Herausgeber (Villey, Thibaudet/Rat, Legros u. a.). Daher wird in der Tabelle immer auch die genaue Fundstelle bei Stobaios angegeben, zum einen, weil die Stobaios-Stellenangaben aller Herausgeber sehr ungenau sind, zum anderen, weil erst die genauen Stellenangaben zeigen, dass Montaigne oft mehrere bei Stobaios nahe beieinander stehende Zitate übernommen hat. Die Quellen der lateinischen Zitate sind vielfältig. Die lateinischen Bibelzitate weichen oft vom Wortlaut der Vulgata ab, sie sind offenbar einer bisher nicht ermittelten Übersetzung entnommen.Die lateinische Übersetzung, der Montaigne die Bibelzitate entnommen hat, wurde bisher nicht ermittelt. Für die Kohelet-Stellen merkt Alain Legros dies ausdrücklich an, doch auch die Paulus-Zitate entsprechen nicht der Vulgata. –