Kunrau ist ein Ortsteil und eine Ortschaft der Stadt Klötze im Altmarkkreis Salzwedel in Sachsen-Anhalt.

Geographie Lage und Landschaft Das Dorf Kunrau liegt 12 km südwestlich von Klötze im Westen der Altmark und am nördlichen Rand der Niedermoorlandschaft des Drömling. Nördlich von Kunrau steigt das Gelände merklich an. So wie die nahegelegenen Dörfer Neuferchau, Kusey und Röwitz im Osten, Jahrstedt im Westen und Steimke im Nordwesten gilt Kunrau als Drömlingsdorf. Diese insgesamt ca. 20 Dörfer liegen am Rand der Moorregion auf einer Höhe von ungefähr 60 m üNHN.

Im Nordosten begrenzen der Zichtauer Forst und im Norden der Beetzendorfer Forst die sandigen Ackerflächen von Kunrau, die außerhalb der moorigen Drömlingsregion liegen.

Zwei größere und erdgeschichtlich alte Fließgewässer durchziehen die Region. Die Ohre durchfließt westlich von Kunrau den südwestlichen Teil des Drömling, hat in diesem jedoch ein – im Rahmen der gegen Ende des 18. Jhs. durchgeführten Moorentwässerung – neu gegrabenes Bett erhalten; sie mündet – im Unterschied zu der ihr im südlichen Drömling nahe kommenden Aller, die ein Nebenfluss der Weser ist – bei Rogätz in die Elbe. Die Jeetze (in Niedersachsen Jeetzel genannt) hat ihre Quelle in der Nähe von Altferchau am nordwestlichen Rand der Gemarkung von Kunrau und mündet bei Hitzacker in die Elbe.

Im Süden von Kunrau durchziehen die im 18. Jh. oder später angelegte Entwässerungsgräben eine weidewirtschaftlich genutzte Landschaft. Schmale Gräben entwässern in den südlich vom Dorf verlaufenden Kunrauer Vorflutkanal und in den weiter östlich verlaufenden Flötgraben, der in den Friedrichskanal einmündet, der in die Ohre fließt.

Kunrau ist von landwirtschaftlichen Kulturlandschaften umgeben. Nördlich sowie west- und östlich des Dorfes erstrecken sich große Schläge von Ackerbau auf sandigem, wenig fruchtbarem Boden. Südlich liegen die von Entwässerungskanälen durchzogenen Wiesen sowie in direkter Dorfnähe einige Ackerflächen, die von Grauweiden und Erlen umsäumt werden.

Bezogen auf die naturräumliche Gliederung Deutschlands bzw. die auf Landschaftsnamen gründbare Gliederung liegt Kunrau in der Großregion Norddeutsches Tiefland und darin in der Haupteinheitengruppe 62 (Weser-Aller-Flachland) und darin in der Haupteinheit 625 (Drömling).

Ortschaftsgliederung Die Ortschaft Kunrau besteht aus dem Ortsteil Kunrau mit den Wohnplätzen Belfort, Hahnenberg (Gebäudegruppen ca. 1870 errichtet), Kolonie I und Kolonie II, Gut Kunrau und aus dem Ortsteil Rappin (Alt- bzw. Neurappin) ein ehemaliges Vorwerk, ca. 4 km nördlich von Kunrau gelegen. Ab 1895 wird noch der Wohnplatz Bahnhof (ab 1905 Bahnhof Kunrau) ausgewiesen sowie ab 1931 die Wohnplätze Schaltstation Kunrau und Umspannwerk Kunrau.

Eine charakteristische Dorfgliederung zeigt sich kaum in Kunrau, obgleich die Neubesiedlung im 16. Jh. als Rundplatzdorf bzw. Runddorf begonnen hat. Eine ähnliche Form weisen – mit Ausnahme von Neuferchau (Straßendorf) – auch die Nachbardörfer Jahrstedt und Röwitz auf. Das Areal des Gutshofes und die fast angrenzende Umgebung der Kirche könnten als zentraler Bereich des Dorfes angesehen werden, der von der Hauptstraße (im nördlichen Teil zugleich L23) durchquert wird.

Zum Gutshof und dem anfangs kleinen Dorf sind im 20. Jh. große Siedlungsflächen dazu gekommen. 1908 wurden an der Sandgrube des Gutshofs, die an der heutigen Rimpaustraße lag, fünf Arbeiterhäuser, in denen neun Familien wohnten, erbaut. 1913 wurde die Bebauung entlang der Neuferchauer Straße fortgesetzt. Im südlich gelegenen Dorfteil (Straße Am Drömling) entstanden in den 1920er Jahren Häuser insbesondere von Gutshofmitarbeitern. Entlang der nach Osten führenden Alten Bahnhofstraße sowie im angrenzenden nördlichen Areal wurden in den Jahren nach 1945 enteignete Ackerflächen für die Ansiedlung von Neubauern ausgewiesen (Straße Siedlung). In den Jahren nach 1990 entstand angrenzend an den alten Schlosspark eine Siedlung mit Einfamilienhäusern (Straße Am Park).

Das weitläufige Betriebsgelände der einstmaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) befindet sich am nördlichen Rand des Dorfes. In dem südlich angrenzenden Siedlungsbereich (Lindenstraße und Immekather Weg) sind zur DDR-Zeit mehrstöckige Wohnblöcke mit Mietwohnungen errichtet worden. Die im Norden und Westen gelegenen Dorfbereiche weisen eine gemischte Bebauung auf: einige kleinere Hofstellengebäude, diverse kleine Wohnhäuser mit großen Gartenflächen, einige Neubauten von Einfamilienhäusern.

Geschichte Mittelalter bis Neuzeit Kunrau ist eine wendische Gründung aus der Zeit zwischen 800 und 1200. Es ist anzunehmen, dass die frühesten Siedlungsbauten einige Kilometer nördlich des jetzigen Dorfes errichtet worden sind, da dort durch die Nähe zur Jeetzequelle die Trinkwasserversorgung gewährleistet und zudem der Bauuntergrund nicht sumpfig, sondern sandig war (abweichende Angabe dazu in).

Die erste urkundliche Nennung des Dorfes Kunrau stammt aus einem Lehnsbrief des Kurfürsten Albrecht Achilles für Werner und Gebhard von Alvensleben von 1472: „dat wüste dorp Gimrou“, zugehörig zur 1448 belehnten Burg Isenschnibbe bzw. Vogtei Gardelegen. In einer Urkunde von 1506 bewilligten der Kurfürst Joachim und der Markgraf Albrecht von Brandenburg u. a. die Verpfändung der Wüstungen von „Kunnerou“ an Dietrich von Alvensleben. Weitere Nennungen sind 1502 Cunrou, 1646 und 1655 Cunraw, 1687 Kunrow, 1775 Cunrau oder Currau. Die von Alvensleben gehörten zu den drei oder fünf ,großen‘ Adelsherrschaften in der Altmark, zusammen mit denen von Schulenburg zu Beetzendorf, von Schenck zu Flechtingen und in geringerem Maße auch denen von Bismarck zu Burgstall und denen von Lüderitz.

Für Kunrau trifft wie für andere mittelalterliche Ansiedlungen zu, dass diese von ihren Bewohnern aufgegeben wurden und ,wüst fielen‘. Noch zu Beginn des 18. Jhs. war dies für fast die Hälfte der altmärkischen Dörfer der Fall. So kann für Kunrau angenommen werden, dass die geringe Bodenfruchtbarkeit durch Ackerbau weitgehend erschöpft und dass der ohnehin geringe Bauholzbestand in der moorigen Region übermäßig beansprucht worden war. Zudem hatten mehrere Pestepidemien ein Massensterben insbesondere in der Altmark verursacht.

Die Region von Gardelegen wird sogar als „wüstungsreich“ bezeichnet. Neuferchau und Germenau, die östlich bzw. westlich gelegenen Nachbardörfer von Kunrau, waren gleichfalls wüst gefallen, nicht aber Kusey und Steimke.

Über mindestens 250 Jahre ist Kunrau ,wüst‘, d. h. unbewohnt, verblieben. Die Acker- und Wiesenflächen sowie die Holzungen wüster Dörfer in der Altmark wurden oftmals als Wirtschaftsflächen unentgeltlich oder gegen Pacht genutzt von Bauern – und auch von Gutsbesitzern – benachbarter Dörfer; deren Interessen richteten sich somit gegen eine Wiederbesiedlung dieser Wüstungen. Ein Teil dieser bäuerlichen Familien war zuvor in den wüst gefallenen Dörfern ansässig gewesen. Vom Nachbardorf Neuferchau konnte die Nutzung der Kunrauer Wüstung jedenfalls nicht ausgegangen sein, da dieses noch 150 Jahre länger als Kunrau wüst verblieb. Für die Nachbardörfer Steimke (zur Herrschaft Wolfsburg, von Bartensleben, gehörig bzw. von der Schulenburg) sowie Kusey und Röwitz (zur Herrschaft Braunschweig-Lüneburg gehörig) liegen dazu keine Hinweise vor.

1559 übernahmen 12 Ansiedler ,gegen Pacht und Dienste‘ die dortigen Ackerflächen als Lehen von Valentin von Alvensleben. So wurde zunächst das bereits vorhandene Dorfareal wieder besiedelt. An anderer Stelle wird die urkundlich festgelegte Untertänigkeit für 9 Ansiedler in Kunrau als jährliche Dienst- und Abgabepflicht wie folgt aufgeführt: „4 Tage in der Ernte mit den Ochsen, 4 Tage mit der Harke, 4 Tage im Holz, 4 Schock Märkisch Pacht (Roggen), 20 Eier, 1 Pachthuhn, 1 Rokhuhn, 3 Scheffel Haber Soltwedelsch Maaß, 4 Schöppen und vier Molden“. Bereits 1584 errichteten die von Alvensleben durch ,Einzug‘ (Bauernlegen) von fünf Höfen das Rittergut Kunrau, das bis zur Mitte des 19. Jhs. mehrfach verkauft wurde.

Durch große Brände wurden in den Jahren 1822 und 1850 die meisten Dorfgebäude zerstört. Es folgte jeweils ein Neuaufbau. Die heute im Dorf anzutreffende Bausubstanz ist somit relativ jung, d. h. maximal 200 Jahre alt.

Das Rittergut bzw. der Gutshof Kunrau dominierte bis zur Wende von 1989 sowohl die räumliche Dorfstruktur als auch die Beschäftigungslage im Dorf. Die wirtschaftlichen Gutsverhältnisse wurden nach 1847 mit der Übernahme des Rittergutes durch Theodor Hermann Rimpau erheblich verbessert. Die von ihm weiterentwickelte Moordammkultur erweiterte das landwirtschaftlich nutzbare Areal beträchtlich und ließ neue Ackerflächen entstehen, die erheblich höhere Erträge einbrachten als die nördlich von Kunrau gelegenen Sandböden. mini|Postkarte mit Sehenswürdigkeiten von Kunrau (insbes. Schloss und Kirche; ca. 1910) Hervorstechendes Gebäude Rimpau’schen Gutshofes wurde das Kunrauer Schloss, ein Herrenhaus, dessen Bau Rimpau 1859 in Auftrag gab.

In der Mitte des 19. Jhs. hatte Kunrau ungefähr 350 Einwohner, 48 Wohnhäuser, ein Schulhaus, fünf Ackerhöfe (grundbesitzende Bauern), 32 Grundsitzer (Pächter oder Besitzer eines gartengroßen Grundstücks mit Nutzvieh), 30 Einlieger (zur Miete wohnende Landarbeiter) sowie einen Krug, eine Bockwindmühle, eine Schäferei, eine Brennerei, eine Brauerei und eine Ziegelei. Ungefähr fünfzig Jahre später (1905) lebten in Kunrau bereits 971 Personen, wobei die Anzahl der Ackerhöfe konstant geblieben war, was auf eine Verschlechterung des sozioökonomischen Status der Dorfbevölkerung hinweist. In den benachbarten Moorkolonien wohnten nur wenige Menschen: in Altrappin 5, in Neurappin 35 und in Hahnenberg 3 Personen.

Am Ende des 19. Jhs. bestanden in Kunrau neben dem Gutshof nur noch 4 Ackerhöfe sowie 56 Grundsitzerstellen. Für das Jahr 1928 werden 7 „Güter und Höfe“ angegeben, für das Jahr 1939 1 „Betrieb“ mit mehr als 100 ha und 7 „Betriebe“ mit Flächen zwischen 20 und 100 ha sowie 86 „landwirtschaftliche Betriebe“ mit noch geringeren Flächen.

1889 wurde der Bahnhof Kunrau an der zeitgleich in Betrieb genommenen Bahnstrecke Oebisfelde-Salzwedel eröffnet. 1909 ließ Wilhelm Beseler, der Theodor Rimpau nachfolgende Besitzer des Gutshofs, das Herrenhaus zu einem Schloss im Stil der italienischen Renaissance (Schloss Kunrau) umbauen.

Der erste Fußballverein in Kunrau wurde 1921 gegründet. 1923 erhielt der Schützenverein einen Schießstand in der Nähe des Bahnhofs.

Kunrau gehörte in der Weimarer Republik zum Wahlkreis Magdeburg. In den drei letzten Wahljahren 1928, 1932 bzw. 1933 und erreichte die NSDAP hier 1,6; 39,8 bzw. 47,3 %. Die Stimmenanteile der SPD sanken von 43,0 über 33,8 auf 26,8 %, für die KPD stiegen diese von 7,2 über 9,3 auf 10,3 %.

Im Dezember 1933 wurde von der NSDAP-Administration der Turn- und Sportverein in Kunrau aufgelöst. 1934 erfolgte die Gleichschaltung aller Vereine im Dorf bzw. deren Überführung in den Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen.

Unklar ist, ob auch die in Kunrau bestehenden bäuerlichen Vereinigungen zwangsweise in den Reichsnährstand überführt wurden und ein Ortsbauernführer in Kunrau eingesetzt wurde. Die zentralistische Agrarpolitik der NSDAP-Regierung schuf 1932 das Amt für Agrarpolitik, das 1936 zum Reichsamt für Agrarpolitik umstrukturiert und damit dem direkten Einfluss der NSDAP ausgesetzt wurde. Eine Folge dieser dirigistischen Agrarpolitik im Deutschen Reich nach 1933, die auch auf Kriegsvorbereitung zielte, kann gewesen sein, dass – so die Schilderung von Henriette Beseler – im Jahr 1938 die Besitzerin des Kunrauer Gutes genötigt worden sei, ca. 1/6 der Wirtschaftsfläche abzugeben.