Die Bodenseeschifffahrt im Zweiten Weltkrieg war geprägt von einer militärischen Nutzung bisher ziviler Schiffe.Zur Vertiefung dieses knappen Überblicks empfiehlt sich, abgesehen von den Verknüpfungen zu den Schiffsportraits, die Lektüre der Autoren Michael Berg und Dietmar Bönke (siehe Literatur), die ausführlich auf Primärquellen und die umfangreiche Fachliteratur Bezug nehmen. Karl F. Fritz (siehe Literatur) zeichnet sich durch seinen Praxisbezug aus. Alle Angaben ohne anderslautenden Verweis beziehen sich auf die aufgeführten Werke dieser Autoren. Eine besondere Situation ergab sich daraus, dass sowohl das Deutsche Reich mit dem „angeschlossenen“ Österreich als auch die neutrale Schweiz Anrainerstaaten des Bodensees waren.
Vorgeschichte Die Bodenseeregion mit den Anrainerstaaten Deutschland, Österreich und Schweiz liegt im Zentrum des alemannischen Sprach- und Kulturraums. Die Schifffahrt verbindet seit zwei Jahrtausenden die Bevölkerung am See und war Drehscheibe für europäische Handelswege. Kriege mit dem Einsatz von Schiffen waren selten und dann extern begründet: Die Konfrontation zwischen Römern und Kelten 15 v. Chr., die römische Grenzsicherung durch Kampfschiffe gegen Alemanneneinfälle im 3. und 4. Jahrhundert, vor allem aber der Seekrieg auf dem Bodensee 1632–1648 und der Erste Napoleonische Krieg (1798/99–1801/02). Einzelne bewaffnete Jagdschiffe beschränkten sich vom 15. bis ins 19. Jahrhundert auf den Schutz von Schiffen mit wertvollen Ladungen. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Aufstellung einer „Dampfkriegsflottille“ mit eigenem Kriegshafen angeregt und wieder verworfen. Realisiert wurde nur die Österreichisch-Deutsche Bodenseeflottille im Ersten Weltkrieg mit leicht bewaffneten Patrouillenbooten.
Ausgangslage zu Beginn des Zweiten Weltkriegs 1937 wurde die Polizei auf dem Bodensee dem Reichsminister des Inneren unterstellt und unter der Bezeichnung „Sonderdienstzweig Wasserschutzpolizei“ (SW) in die Schutzpolizei integriert. Sitz des SW-Kommandos „Bodensee“ war Friedrichshafen mit vier weiteren Stützpunkten der Polizeiboote. Diese und weitere Boote der „Seewache“ waren im März 1938 beteiligt, als beim Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich Bregenz von deutschen Einheiten besetzt wurde.Erwin A. Schmidl: Der „Anschluss“ Österreichs. Der deutsche Einmarsch im März 1938. Bernard & Graefe, Bonn 1994, ISBN 3-7637-5936-0. Danach waren die Bodenseeschiffe Österreichs Teil des Flottenbestandes der Deutschen Reichsbahn, der neun Dampfschiffe (DS), 17 Motorschiffe (MS), sechs Motorboote (MB) und zwei Motor-Trajektschiffe (M. Tr.) umfasste.
Die Kriegsmarine war zu Beginn des Krieges nur mit einer kleinen Einheit am Bodensee präsent, der Marine Nachrichten Station MNS Süd, Referat Funkaufklärung, in Langenargen. Sie wurde von Alfred Manhardt Edler von Mannstein geführt und entschlüsselte im südlichsten deutschen Marinestandort den gegnerischen Funkverkehr.
In und um Friedrichshafen sind wichtige Betriebe der Rüstungsindustrie entstanden, weshalb die Stadt als einzige Hafenstadt der Region ab 1943 ein Schwerpunkt der alliierten Luftangriffe wurde. Das in Friedrichshafen entwickelte Zeppelin-Luftschiff hatte 1939 keinerlei militärische Bedeutung mehr.
Situation am schweizerischen Bodensee Die neutrale Schweiz verfügte zu Beginn des Krieges über keine Kriegsschiffe auf dem Bodensee. Die Passagierschiffe der SBB und der URh wurden weder militärisch genutzt noch mit Tarnfarbe versehen. Nach der deutschen Invasion der Niederlande und der Invasion Norwegens 1940 musste die Schweizer Armee auch mit einer Landungsaktion der Wehrmacht am Südufer des Bodensees rechnen und bereitete sich auf Verteidigungsmaßnahmen vor. Erst 1942 stellte die Schweiz die Motorbootkompanie auf, eine kleine Flotte mit 18 leicht bewaffneten und meist requirierten Booten zur Bewachung der Seegrenze. Die Motorbootkompanie war keine Schweizer Marineeinheit; die 86 Mann waren der Genietruppe (Pioniere) unterstellt. Zum Schutz der Hafenanlagen von Romanshorn befand sich unterhalb des Hotels „Schloss“ eine Bunkeranlage. Ab 1942 befürchtete die Ostschweiz erneut eine deutsche Invasion. Sie fühlte sich vor allem durch die wachsende Zahl von Landungsfähren sowie Landungs- und Sturmbooten bedroht, mit denen das Pionier-Lehr-Bataillon 4 zwischen Lindau und Langenargen (Sitz des Stabes) Pioniere für den Einsatz an allen Kriegsschauplätzen ausbildete. Die Boote wurden grenznah bei der Dornier-Werft in Manzell, der Bodan-Werft in Kressbronn und der Bootswerft Biatel in Hard hergestellt.
Da die Anrainerstaaten nie eine einheitliche Grenze im Obersee festgelegt hatten, wandten sie in stillschweigender Übereinkunft die Haldentheorie an, nach der die Seebereiche mit mehr als 25 m Wassertiefe von den Anrainern gemeinsam als Kondominium verwaltet wurden. Während des Zweiten Weltkriegs wurde vom Deutschen Reich faktisch akzeptiert, dass die schweizerische Grenzwache Kontrollen gemäß der Realteilungstheorie bereits in Seemitte durchführte. Zu militärischen Konflikten zwischen den beiden Staaten kam es auf dem Bodensee während des Zweiten Weltkriegs aber nicht. In den letzten beiden Kriegsjahren führte das SBB-Motorboot Hecht Kurier-Querfahrten im Auftrag der Zollorgane durch. Drei Tage vor der freiwilligen Internierung deutscher Bodenseeschiffe in der Schweiz 1945 flüchtete ein Deutscher mit dem Pionierlandungsboot (PiLB 41) 535 in die Schweiz. Das Boot wurde am 23. April 1945 in Romanshorn von der Schweizer Armee interniert und 1948 der französischen Marine in Konstanz übergeben.
Kriegsbedingte Betriebseinschränkungen Bereits am 15. Mai 1939 wurde der Trajektverkehr in die Schweiz eingestellt und am 5. Juni 1940 der Schiffs-Querverkehr zwischen Deutschland und der Schweiz sowie die Passage zwischen dem Ober- und Untersee auf dem Seerhein. Die Einstellung des Trajektverkehrs traf vor allem den Transitverkehr der Stadt Romanshorn hart. Wegen der Treibstoffrationierung wurden die meisten Motorschiffe der Reichsbahn stillgelegt, darunter auch die neue Ostmark, die am 24. September 1939 zwar noch getauft, aber nicht mehr in Dienst gestellt wurde. Der eingeschränkte Linienverkehr wurde von wenigen Dampfschiffen übernommen. Die Schiffe mussten nachts verdunkelt werden und Gasmasken bereithalten. Ab November 1944 wurde die Verbindung Friedrichshafen–Lindau–Bregenz eingestellt und die übrigen Kurse nur noch bei Dunkelheit bedient. Alle Schiffe erhielten 1943 einen blaugrauen Tarnanstrich. Auch die am Krieg nicht beteiligte Schweiz musste wegen Treibstoffmangels ihre vier Motorschiffe stilllegen und mit jeweils zwei Dampfschiffen einen eingeschränkten Längsverkehr auf dem Ober- und Untersee durchführen.
Zu Kriegsbeginn wurden alle privaten Wasserfahrzeuge und selbst Bojen sichergestellt. Auf den See durften nur Berufsfischer und Baggerschiffe mit Sonderausweis. Von 1941 bis 1943 durfte mit einer Sondergenehmigung in abgegrenzten Buchten gesegelt werden, danach herrschte wieder ein vollständiges Verbot. Die Boote wurden teilweise vom deutschen Zollgrenzschutz angemietet oder zusammen mit dem Eigentümer zur Überwachung bestimmter Sperrlinien eingezogen.MB Rheingold von Alfons Heidegger aus Überlingen als Beispiel für weitere Boote in bodenseeschiff.de: Zu bestimmten Zeiten durften Seeteile nicht befahren werden, auf denen Schießübungen mit scharfer Munition stattfanden, auch nach dem Krieg.
Schiffsabtretungen an die Deutsche Kriegsmarine, Luftwaffe und Wehrmacht (teils Mehrfachnennungen) Wenige Dampfschiffe genügten, um den reduzierten Fahrplan zu erfüllen. Von den Motorschiffen, die wegen der Treibstoffrationierung kaum eingesetzt wurden, sind die meisten von verschiedenen militärischen Stellen als Hilfsschiffe verwendet worden. Die Besatzung blieb zivil und die Schiffe unbewaffnet. Nur die wenigen Schiffe, die zur Flugabwehr eingesetzt wurden, waren bewaffnete Kriegsschiffe mit Soldaten an Bord.
Wohnschiffe Allgäu lag während des gesamten Krieges in Lindau. Mainau war ab Oktober 1943 Unterkunft für die Besatzungen der Flakschiffe vor Friedrichshafen. Buchhorn diente als Verbindungsboot zu den verankerten Flakschiffen. Augsburg und MS Kempten waren 1945 Unterkünfte für russische Zwangsarbeiter in Lindau.
Kabelleger und Bergungsschiffe M. Tr. Schussen, ausgerüstet mit einem Auslegerkran und Spillwinden zur Verlegung von Seekabeln. Einsatz 1941 in der Bregenzer Bucht für das Nachrichtenmittelversuchskommando (NVK) Kiel, vor Immenstaad und vor Fischbach. Bergung versenkter Hilfsschiffe in Friedrichshafen 1943. M. Tr. 12 zur militärischen Verwendung ohne nähere Angaben. M. Tr. 16, ausgerüstet mit einem Drehkran zur Verlegung von Unterwasserkabeln.
Versuchs- und Ausbildungsschiffe Die Deutsche Kriegsmarine richtete 1941 zu Versuchen mit Ankertauminen ein Sperrversuchskommando (SVK) in Überlingen ein und ein Nachrichtenmittelversuchskommando (NVK) in Kressbronn. Auf dem Gelände der späteren Dornier-Werke entstand die Torpedoversuchsanlage Seewerk Immenstaad. Außerdem wurden im Überlinger See Ortungsgeräte und neue Torpedo- und Fallschirmgeräte getestet. Auf dem Obersee fand regelmäßig Flak-Übungsschießen statt. Folgende Schiffe der Deutschen Reichsbahn und Motorfähren (MF) der Stadtwerke Konstanz waren betroffen:Die Autoren Berg und Bönke (siehe Literatur) weisen auf Unsicherheiten und Widersprüche der verschiedenen Quellen zu diesem Abschnitt hin. Konstanz im Überlinger See ab 1941 für das NVK Konstanz im Überlinger See ab 1943 für das SVK Konstanz, ein unvollendeter Neubau (Kasko), diente 1943/1944 als Torpedofangboot für Flugzeugtorpedos der Torpedoversuchsanlage Seewerk Immenstaad, danach der Erprobung von Voith-Schneider-Propellern für Minenräumboote und für Versuche mit V-Waffen. Oesterreich wurde von der Luftschiffbau Zeppelin GmbHZur Funktion und Bedeutung des sogenannten "Seewerks" Immenstaad in schwaebische.de: ab 1944 als Torpedoversuchsschiff vor Immenstaad mit einem Torpedo-Rohrsatz für Zielübungen und zwei Flak gegen Luftangriffe eingesetzt. Schwaben wurde von 1941 bis 1945 als Versuchsschiff für Unterwasserhorchgeräte vor Kressbronn verwendet. Kempten wurde 1942 ebenfalls dort als NVK-Versuchsschiff verwendet. Ravensburg war bis 1942 vor Friedrichshafen Versuchsschiff für das Versuchsamt Berlin-Grunewald, das NVK Kiel und das Flugforschungsinstitut Oberpfaffenhofen. Buchhorn war das Dienstschiff des NVK und des Flugforschungsinstituts Oberpfaffenhofen.
Einheiten der Wehrmacht auf dem Bodensee Die Küstenjäger-Abteilung z. b. V. 800 Brandenburg Aus dem seit 1942 in Langenargen bestehenden Pionier-Lehr-Bataillon 4 wurde zum Jahreswechsel 1942/43 die Küstenjäger-Abteilung (KJA) zur besonderen Verwendung 800 aufgestellt, eine Einheit in der Division Brandenburg. Sie war der einzige militärische Verband auf dem Bodensee. Die KJA bildete Heeres-, Luftwaffen- und Marineangehörige für Spezialeinsätze aus, hatte aber auf dem Bodensee keinen Kampfeinsatz. Die Einheit wurde am 15. März 1943 an das Mittelmeer verlegt. In den letzten Kriegstagen befürchtete die Bevölkerung des Bodenseeumlandes ihr Eingreifen, das mit hohen Verlusten verbunden gewesen wäre.
Die Einheit bestand aus einem Stab und vier Kompanien, insgesamt etwa tausend Mann, mit folgender Ausrüstung: Kommandoboote, schwere Sturmboote 42, Sprengboote Linse, einem Pionierlandungsboot 41 und mehrere beschlagnahmte französische Motoryachten; zudem leichte und schwere MGs und mittlere Granatwerfer.
Flugbetriebsboote In Friedrichshafen waren zwei Flugbetriebsboote vom Typ C III stationiert; beide waren offene Schlepp- und Transportboote der Luftwaffe. FL. C 3084 war leihweise der Dornier-Werft überlassen worden, FL. C 3142 war beim Fliegerhorst Friedrichshafen stationiert.Flugbetriebsboot FL. C 3142
Schwimmende Flakbatterien, verankert vor Friedrichshafen zur seeseitigen Luftabwehr