mini|Esso-Häuser im November 2013 mini|Östlicher Wohnblock der Esso-Häuser vor der St.-Pauli-Skyline mit den Tanzenden Türmen, September 2013 Als Esso-Häuser wird ein ehemaliger Gebäudekomplex im Hamburger Stadtteil St. Pauli zwischen Spielbudenplatz, Taubenstraße und Kastanienallee bezeichnet. Es handelte sich um einen Plattenbau der 1960er-Jahre. Der Block umfasste zwei achtstöckige Wohnhäuser mit 110 Wohnungen, einen zweigeschossigen Gewerberiegel mit einem Hotel, Einzelhandelsgeschäften und Clubs, zum Spielbudenplatz hin, sowie Tiefgaragen und die Esso-Tankstelle Reeperbahn, nach der die gesamte Zeile benannt war. 2014 wurde der Komplex abgerissen und die Fläche geräumt. Seither lag das Areal brach. Anfang 2026 begannen die Bauarbeiten für die neuen Gebäude.

Geschichte thumb|Die Esso-Häuser in den 1970er Jahren Auf dem Grundstück stand bis zum 25. Juli 1943 das 1886 eröffnete dreigeschossige Theater Eden. Nach den Zerstörungen bei den Luftangriffen des Zweiten Weltkriegs blieb das Grundstück einige Jahre Trümmerfeld. 1958 erwarb der Tankstellenbetreiber Ernst Schütze das Erbbaurecht für die 6.187 m² umfassende Fläche am Spielbudenplatz und gab im selben Jahr die Planungen zur Neubebauung in Auftrag.Quartiersentwicklung Paloma-Viertel und Baubeschreibung Baufeld 5. (PDF; 20 Seiten) hamburg.de vom 25. März 2019. Der Entwurf der Architekten Herbert Großner und Hanns Stich sah moderne Plattenbauten von zwei achtgeschossigen Wohnblocks mit 110 Wohnungen und 4600 Quadratmeter Geschossfläche vor und wurde als schlicht, funktional und imposant gelobt. Die Kosten beliefen sich auf sechs Millionen Mark. Das Richtfest fand am 4. Mai 1961 statt. Im Gebäudekomplex untergebrachte Clubs waren unter anderem Das Herz von St. Pauli, Hörsaal, Planet Pauli und das Molotow.Abriss der Esso-Häuser: Clubs rufen um Hilfe. abendblatt.de, 21. Januar 2014.

Kauf durch die Bayerische Hausbau Der Komplex blieb bis 2009 im Familienbesitz. Zum 1. Mai 2009 verkauften die Eigentümer das 6187 Quadratmeter große Areal mit den inzwischen baufälligen Häusern an die Bayerische Hausbau GmbH & Co. KG. Zuvor hatte das Unternehmen Bodenuntersuchungen durchgeführt. ndr.de, 18. Januar 2014. Nach eigenen Angaben plante die neue Eigentümerin nach dem für zunächst 2014 terminierten Abriss einen Neubau mit 5000 Quadratmeter Gewerbefläche zur Reeperbahn hin und 19.500 Quadratmeter für je ein Drittel Eigentums-, Miet- und Sozialwohnungen. Der Tankstellenbetrieb soll entfallen, aber den bisherigen Charakter eines „Dorfplatzes“ auf St. Pauli will die Bayerische Hausbau an dem Standort erhalten.

An dieser Entwicklung entzündete sich eine Debatte, durch die die Esso-Häuser bundesweite Aufmerksamkeit erlangten. Die Initiative Esso-Häuser trat seit 2010 für die Sanierung und den Erhalt der Häuser ein. Nach zwei Treffen der „Initiative Esso-Häuser“ mit der Eigentümerin legte diese im Mai 2011 ein Gutachten vor, nach dem ein Abriss unumgänglich sei. Die Bürgerinitiative gab daraufhin ein weiteres Gutachten in Auftrag, aus welchem hervorgeht, dass die Gebäude nicht zwingend abgerissen werden müssen. Im Jahr 2013 stellte die Bayerische Hausbau einen Abrissantrag,Marode Esso-Häuser: Unternehmen stellt Abrissantrag abendblatt.de, 14. August 2013. kurz zuvor hatte das Bezirksamt Hamburg-Mitte ein neues Gutachten zu Gebäuden und Garagen beauftragt, bei dem exemplarisch von den 70 begutachteten Bauteilen aus Dach, Tiefgarage und Hülle nur ein einziges in Ordnung war.Esso-Häuser kommen weg taz.de, 15. August 2013. Das durch die DR-Architekten vorgelegte Gutachten dokumentierte eine weit vorangeschrittene Schädigung der Stahlbetonkonstruktion und empfahl Maßnahmen zur Gewährleistung der Standsicherheit. Neben einer Bewertung des Bauzustandes wurden auch die Kosten einer Sanierung den Kosten eines Neubaues gegenübergestellt. Das Gutachten der Stadt kam in vielen Punkten zu dem gleichen Ergebnis wie die drei bereits vorhandenen Gutachten und wurde daher vom Bund der Steuerzahler für die Kosten von rund 100.000 Euro scharf kritisiert. Während des Streites um den Abriss wurde die Wohnqualität durch fehlende Instandhaltung eingeschränkt. So wurde im Februar 2013 den Mietern die Nutzung der Balkone vom Bezirksamt untersagt und im Juni 2013 die Tiefgarage gesperrt, da laut Gutachten die Stahlbetonkonstruktion im Inneren durch Zersetzung so stark beschädigt sei, dass Einsturzgefahr für die Tiefgarage und die darauf stehenden Gebäude nicht ausgeschlossen werden könne.Esso-Häuser: Tiefgarage ist ab sofort gesperrt abendblatt.de, 14. Juni 2013.

Räumung wegen Einsturzgefahr In der Nacht zum 15. Dezember 2013 mussten die Häuser wegen Einsturzgefahr evakuiert werden. Bewohner hatten der Polizei Erschütterungen gemeldet und von „wackelnden Wänden“ berichtet. Nach der Räumung wurde das Krisenmanagement der Stadt und des Eigentümers scharf kritisiert.Rettet den Schmuddel! zeit.de, 19. Dezember 2013, abgerufen am 27. Dezember 2013. Die angrenzende Esso-Tankstelle und im Gewerbevorbau liegende Läden, Bars, Restaurants und Diskotheken wurden geschlossen.Isabella David: Einsturzgefahr: Nächtliche Evakuierung der Esso-Häuser hh-mittendrin.de, 14. Dezember 2013, abgerufen am 26. Dezember 2013. Am 17. Dezember teilte das Bezirksamt mit, dass die Häuser nicht wieder bezogen werden können.„Esso-Hochhäuser: Bald kommen die Abrissbagger zum Spielbudenplatz“, mopo.de vom 17. Oktober 2013.„Indizien gefunden: Esso-Häuser haben wirklich gewankt“, abendblatt.de vom 18. Oktober 2013. Daraufhin zeigte die Initiative Esso-Häuser die Bayerische Hausbau wegen Verstößen gegen das Hamburgische Wohnraumschutzgesetz an.Initiative Esso-Häuser zeigt Investor an, abendblatt.de vom 18. Oktober 2013. Zudem forderte die Initiative finanzielle Entschädigungen, das Rückkehrrecht für alle Mieter in die Neubauten und die transparente Offenlegung der statischen Untersuchungen an den Häusern.Esso-Initiative: „Super-Gau für die Wohnungspolitik“, mopo.de vom 18. Oktober 2013. Weitergehend forderte sie zudem eine neue Planung für das Gelände und zu 100 Prozent geförderten Wohnraum mit günstigen Mieten, einschließlich der Gewerbemieten.Esso-Häuser: Bewohner fordern Rückkehrrecht, mobil.abendblatt.de vom 19. Oktober 2013. Fünf Wochen nach der Räumung hatten 40 Mieter noch keine neue Wohnung gefunden.Geisterbau: Esso-Häuser sind fast komplett geräumt welt.de, 17. Januar 2014. Am 7. Januar 2014 begann eine Speditionsfirma damit den Wohnkomplex auszuräumen. ndr.de, 7. Januar 2014. Ende Januar 2014 erteilte das Bezirksamt Hamburg-Mitte eine Abrissgenehmigung, da „der Erhalt der Gebäude dem Eigentümer aus wirtschaftlichen Gründen nicht zuzumuten“ sei.Esso-Häuser sollen Anfang Februar abgerissen werden mobil.abendblatt.de, 21. Januar 2014. Die Initiative Esso-Häuser forderte vom Bezirk Belege, was Ursache und Auswirkungen der Erschütterungen am Tag der Räumung gewesen sein könnte, die Untersuchungsergebnisse offenzulegen und erstellte diesbezüglich einen Fragenkatalog.Initiative Eso-Häuser äußert Zweifel am Zustand der Gebäude hh-mittendrin.de, 28. Januar 2014. Im Februar 2014 hatten 20 Mietparteien noch keine neue Wohnung gefunden.Abriss der berühmtesten Tanke Deutschlands hat begonnen abendblatt.de, 12. Februar 2014.

Proteste Am 28. April 2013 demonstrierten 1500 Menschen für den Erhalt der Häuser.

Im Juni 2013 veröffentlichten über 125 prominente Vertreter aus Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft ein Manifest, in dem der Erhalt der zum Abriss vorgesehenen Gebäude auf St. Pauli gefordert wurde. Unter den Unterzeichnern waren unter anderem Udo Lindenberg, Jan Delay, Ingrid Breckner, Muck Petzet, Peter Lohmeyer und Rocko Schamoni.Prominente Unterstützung für die Esso-Häuser in: hh-mittendrin.de vom 10. Juni 2013. in: ndr.de vom 12. Juni 2013.

Am 8. September 2013 demonstrierten im Anschluss an ein Fußballspiel des FC St. Pauli vom Harald-Stender-Platz ausgehend etwa 2000 Menschen und forderten einen Erhalt der Häuser.Die Esso-Häuser: „Eine quicklebendige Legende“ in: hh-mittendrin.de vom 12. September 2013.

Anlässlich der Räumung gab es mehrere Demonstrationen gegen die Spekulation mit den Häusern und die Vertreibung der Altmieter,Wut und Verzweiflung an der Reeperbahn in Hamburg tagesspiegel.de, 16. Dezember 2013. so protestierten am Abend der Räumung vor den Häusern spontan 750 Menschen.Wut und Verzweiflung an der Reeperbahn in Hamburg tagesspiegel.de, 16. Dezember 2013, abgerufen am 28. Dezember 2013. Während der Demonstrationen in Hamburg am 21. Dezember 2013 gab es auch Kundgebungen für den Erhalt der Esso-Häuser. 7300 Menschen demonstrierten, nach Polizeiangaben, unter dem Motto Die Stadt gehört allen! Refugees, Esso-Häuser und Rote Flora bleiben.Demonstration eskaliert – Kritik an Randalierern, Politik und Polizei nach Krawallen. „Senat ist in der Pflicht, die Flora-Problematik zu lösen“ (kostenpflichtig, archiviert Mai 2014 vom Internet Archive). Hamburger Abendblatt, 22. Dezember 2013. Hierbei kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen und Spontandemonstrationen vor den Esso-Häusern. Am 11. Januar 2014 fand ein so genannter „Brush-Mob“ statt, der auch die Esso-Häuser thematisierte.„Brush-Mob“: Lärm-Demo auf der Gefahreninsel mopo.de, 11. Januar 2014. Am 18. Januar 2014 protestierten mehrere tausend Menschen gegen die Politik des Hamburger Senats, unter anderem für eine soziale Bebauung des Esso-Häuser-Areals.Tausende bei friedlichem Protestzug durch die City in: mobil.abendblatt.de vom 18. Januar 2014.

Während des Ausräumens der ehemaligen Wohnungen und Geschäfte fand eine weitere Protestaktion unter dem Motto „Verschöner your local Bauzaun“ statt. Hierbei wurden Fotografien ehemaliger Bewohner an dem den Gebäudekomplex absichernden Bauzaun angebracht und auf Umzugskartons Forderungen und Statements der ehemaligen Bewohner geschrieben.Esso-Häuser: Kreativer Protest beim Auszug in: hh-mittendrin.de vom 12. Januar 2014.

Am 8. Februar 2014 fand eine „Stadtteilversammlung“ im Ballsaal des Millerntor-Stadions statt, bei der sich etwa 450 Anwohner, Gewerbetreibende und sonstige Interessierte über den aktuellen Planungsstand rund um das Esso-Häuser-Areal austauschten. Zu dieser Versammlung hatten verschiedene Stadtteilinitiativen eingeladen. An deren Ende wurde eine Resolution beschlossen, welche unter anderem eine Rückkehr der bisherigen Mieter zu alten Konditionen, die Errichtung von Sozialwohnungen auf dem Gelände sowie einen Erhalt der Alten Flora beinhaltete. Andernfalls solle der Bayerischen Hausbau der Komplex entzogen werden.

Während einer Mahnwache, Ende Februar 2014, gab es Auseinandersetzungen mit dem Sicherheitsdienst. in: hh-mittendrin.de vom 24. Februar 2014.

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