mini|Skelettaufbau mini|100px|Lautäußerung einer Schafsherde
Das Hausschaf (Ovis gmelini aries; früher Ovis aries ), kurz auch Schaf, ist die domestizierte Form des Mufflons. Es spielt in der Geschichte der Menschheit eine bedeutende Rolle als Milch-, Lammfleisch- beziehungsweise Hammelfleisch-, Woll- und Schaffelllieferant.
Bezeichnungen des Schafes Das männliche Tier nennt man Bock oder Widder, das weibliche wird als Mutterschaf, Au, Aue oder Zibbe bezeichnet. Jungschafe werden nicht nur als Lamm, sondern auch als Jährling oder Zutreter bezeichnet. Schafe erreichen ein Alter von zehn bis zwölf, maximal 20 Jahren. Das Schaf wird außerdem nach Alter und Geschlecht unterschieden in:
Lamm: nicht älter als ein Jahr. Milchlamm: mindestens acht Wochen alt, aber nicht älter als sechs Monate. Mastlamm: bis zu einem Jahr, weibliche Tiere zwischen 6 Monaten und Zuchtreife auch Jungschaf. Hammel (auch Schöps): das männliche, kastrierte, über ein Jahr alte Tier. Schaf, weiblich: über ein Jahr alt. Mit Schaf ist meistens das Mutterschaf (Mutter) gemeint, das zur Zucht eingesetzt wird. Im nord- und mitteldeutschen Raum wird ein weibliches Zuchtschaf auch Zibbe genannt. Bock, männlich: nicht kastriert, älter als ein Jahr. Ab sieben Tieren spricht man von einer Schafherde.
Geschichte des Schafes als Haustier Nach früherer Auffassung entwickelten sich die kurzschwänzigen Hausschafrassen Nordwesteuropas, wie etwa die Heidschnucke, und einige afrikanische Rassen aus dem Europäischen Mufflon, die langschwänzigen Rassen (zum Beispiel Merino-, Fettschwanz- und Fettsteißschaf) dagegen aus dem Urial. Aufgrund neuerer Erkenntnisse hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass alle Hausschafrassen und -typen von nur einer Wildform, dem Armenischen Mufflon abstammen. Die Domestizierung des Schafes erfolgte schätzungsweise zwischen 8200 und 7500 v. Chr. und fand höchstwahrscheinlich in Anatolien statt. Schafe gehören (wie auch Hunde, Rinder und Ziegen) damit zu den ältesten Haustieren. Sie sind robust und genügsam, das macht sie anpassungsfähig in Bezug auf klimatische Bedingungen und Nahrungsangebot, was sicherlich zur weltweiten Verbreitung dieser Nutztiere beigetragen hat. Die ursprüngliche Züchtung bezog sich weitgehend auf die Lieferung von Fleisch als Nahrungsressource. Möglicherweise ab 6500 v. Chr. wurden Schafe auch zunehmend wegen ihrer Wolle gehalten. Erkennbar ist dies archäologisch an der Änderung der Altersstruktur hin zu älteren Individuen und der Zusammensetzung des Skelettmaterials in diversen Fundstellen. In der Folge nahm zudem die Körpergröße sukzessive zu. Im Zuge der Ausbreitung des Neolithikums erreichte das Hausschaf um 4500 bis 4000 v. Chr. auch den Nord- und Ostseeraum. Genetischen Untersuchungen zufolge geschah die Einwanderung in Mitteleuropa auf zwei Wegen: einerseits über eine westliche Route via Italien und Frankreich, anderseits über eine östliche Route via den Balkan und Österreich. Dabei ließ sich eine teils vertretene Meinung über zwei Einwanderungswellen unterschiedlicher Hausschaftypen, die Tiere mit normalem Haarkleid und solche mit wolligem Fell betreffen, nicht bestätigen. Vielmehr ist es wahrscheinlich, dass wollige Schafe mehrfach unabhängig gezüchtet wurden.Almut Bick: Die Steinzeit. Theiss WissenKompakt, Stuttgart 2006, ISBN 3-8062-1996-6.Elena A. Nikulina, Ulrich Schmölcke: The first genetic evidence for the origin of central European sheep (Ovis ammonf. aries) populations from two different routes of Neolithisation and contributions to the history of woolly sheep. In: Wolfram Schier und Susan Pollock (Hrsg.): The Competition of Fibres: Early Textile Production in Western Asia, South-east and Central Europe (10,000-500 BC). Ancient Textiles 36, Oxbow Books, 2020.
Ein sehr gründlich beschriebenes frühes Nutzschaf ist das sogenannte „Torfschaf“ der Schweizer Pfahlbausiedlungen, das in Verbindung zu verschiedenen neuzeitlichen Primitivrassen des alpenländischen Raumes steht, wie dem Waldschaf.
Sehr früh in der Geschichte der Schafzucht tauchen auch bereits Tiere vom Typ des Zackelschafes auf, die wegen ihrer gerade abstehenden und in sich gedrehten Hörner auffallen. Schon in bronzezeitlichen Beständen finden sich auch Vierhornschafe, deren herausragendes Merkmal die Bildung irregulärer zusätzlicher Hörner ist. Regionale Schafrassen bildeten sich sehr früh heraus. Die Mehrzahl der heute in den westlichen Ländern gehaltenen Schafrassen sind Zuchten, die ab dem 18. Jahrhundert entstanden. Einer der bedeutendsten Züchter war Robert Bakewell (1725–1795), der als Erster eine selektive Zuchtwahl betrieb und lokale britische Rassen wie das Lincolnschaf und Leicesterschaf in ihrer Fleischleistung verbesserte. Wegen seiner Zuchterfolge nannten ihn seine britischen Zeitgenossen den „Großen Verbesserer“.Philip Walling: Counting Sheep. S. 43. Die von Bakewell verbesserten Schafrassen wurden in späteren Jahrzehnten in andere Länder ausgeführt, darunter auch Australien und Nordamerika. Sie haben zur Herausbildung zahlreicher moderner Schafrassen geführt. Dem schwerpunktmäßig in Mittel- und Osteuropa gehaltenen Texelschaf wurden Mitte des 19. Jahrhunderts beispielsweise insbesondere Leicester- und Lincolnschafe eingekreuzt. Ebenso wurden in das französische Bleu du Maine Leicesterschafe eingekreuzt.Hans Hinrich Sambraus: Farbatlas Nutztierrassen: 250 Rassen in Wort und Bild, Eugen Ulmer Verlag, Stuttgart 2001, ISBN 3-8001-3219-2, S. 112 und 133. Philip Walling geht in seiner „Geschichte der britischen Schafzucht“ davon aus, dass es heute in der gesamten westlichen Welt keine Schafrasse gibt, die nicht auch Erbgut des von Bakewell verbesserten Leicesterschafes aufweist.Philip Walling: Counting Sheep. S. 46.
Die Schafzucht stellte in vielen Kulturen, besonders im Mittelmeerbereich, eine häufige Form der Landwirtschaft dar.
Das Schaf hatte eine fundamentale Bedeutung in den alten Wirtschaftssystemen und diente lebend als Lieferant für Wolle und Milch, mit Milchprodukten wie Joghurt, Kefir und Schafkäse, sowie das geschlachtete Tier als Fleisch- und Fell-Lieferant. Schafe liefern auch das Rohmaterial für Leime, Kerzen und Seife (Talg) und kosmetische Produkte, der Darm wird bei der Wurstherstellung und zum Bespannen von Tennisschlägern verwendet, der Schafskot liefert hochwertigen Dünger.
Verbreitung mini|Schafe werden auf Deichen gehalten, damit sie die Grasnarbe kurz halten und mit ihren Klauen den Boden festtreten (hier auf dem Deich der Ems in Emden)
Auf der Welt gab es 2018 1,2 Mrd. Schafe, wovon ca. 50 Prozent in Asien lebten. In Afrika waren etwa 30 Prozent beheimatet und in Europa ungefähr 10 Prozent. Der Rest verteilte sich auf Ozeanien und Amerika.
In Europa lebten in Großbritannien mit zirka 33 Mio. Tieren im Jahre 2018 die meisten Schafe. Im Vergleich spielte Deutschland mit 1,6 Millionen Tieren 2018 eine geringere Rolle.Statistik der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, fao.org, abgerufen am 17. Mai 2020 Die Schafbestände in der EU sinken in den letzten Jahren stetig, was auf die Reform der gemeinsamen Agrarpolitik und die Entkopplung der Prämien von der Produktion zurückgeführt wird.
Betrachtet man die beiden wichtigsten Produktionsrichtungen, Fleisch und Wolle, fällt auf, dass Asien vor allem Wolle erzeugt und Europa Fleisch. Neuseeland nimmt hinsichtlich der Produktivität sowohl beim Fleisch als auch bei der Wolle eine Spitzenstellung ein. Afrika hat eine geringe Produktivität; dort werden aber vermehrt Rassen gehalten, die für die Haar- bzw. Pelzproduktion gezüchtet wurden.
In Deutschland überwiegt die standortgebundene Schafhaltung. 1994 wurden über 34 Prozent des Bestandes auf Koppeln gehalten. Die Herden, die das Bild in der Öffentlichkeit prägen, die Wanderherden und die Deichschäferei hatten 1994 einen Anteil von 15,7 bzw. 4 Prozent.
Sinne und Kognition
Sinnesleistungen Schafe verfügen als Fluchttiere über einen guten Seh- und Hörsinn. Sie haben ein weites Sichtfeld von 270 bis 320 Grad und können somit sehen, was hinter ihnen passiert, ohne den Kopf zu drehen. Ihr Geruchs- und Geschmackssinn ist besonders ausgeprägt und sie nehmen verschiedene Geschmäcker wahr, wobei sie süße und saure Pflanzen bitteren vorziehen. Böcke riechen mithilfe des Jacobson-Organs die Pheromone der Auen und können so wahrnehmen, ob diese empfängnisbereit sind. Weibliche Tiere nutzen das Organ, um ihre neugeborenen Lämmer am Geruch zu erkennen.
Lernen und Gedächtnis Schafe verfügen über ausgeprägte Lern- und Erinnerungsfähigkeiten. Lämmer können einfache Aufgaben mitunter in nur zwei Versuchen lernen und erfolgreich Aufgaben absolvieren, bei denen sie zwischen Objekten visuell unterscheiden müssen. Die Tiere haben ein gutes räumliches Gedächtnis, das es ihnen etwa ermöglicht, Wege in einem Labyrinth zu lernen und sich einzuprägen. An diese können sie sich mindestens 22 Wochen lang erinnern. Schafe können mindestens 50 andere Schafe über zwei Jahre lang wiedererkennen. Sie sind auch in der Lage, andere Schafe auf Fotografien zu erkennen – in unterschiedlichen Altersstufen und aus unterschiedlichen Winkeln. Zudem können Schafe die Gesichter verschiedener Menschen erkennen und unterscheiden. Schafe sind zu sozialem Lernen fähig. So lernen Lämmer das Weiden und selektive Fressen, indem sie in der Nähe der Mutter grasen und diese beobachten.
Emotionen Schafe verfügen über Gefühle wie Angst oder Freude, was von diversen Studien gestützt wird. Es wird angenommen, dass Schafe auch Wohlbefinden, Ekel, Langeweile oder Verzweiflung empfinden. Gefühle zeigen sich unter anderem durch veränderte Ohrstellungen. In einer Studie zeigten Schafe in unangenehmen, ungewohnten und unkontrollierbaren Situationen zurückgestellte Ohren (Angst) und in negativen, aber kontrollierbaren Situationen aufgestellte Ohren (Wut). Bei Überraschung war die Ohrstellung asymmetrisch, ein Ohr zeigte nach oben und eins nach unten. In positiven Situationen, etwa wenn Schafe von ihrer Lieblingsperson gestreichelt werden, lassen sie die Ohren entspannt hängen und ändern die Ohrstellung seltener. Werden Lämmer vermehrt Stress und Angst ausgesetzt, zeigen sie auch danach mehr Angstreaktionen, gehen weniger auf Menschen zu, blöken mehr und interagieren weniger mit ihnen unbekannten Objekten.
Verhalten Das Verhalten von Schafen ist abhängig von ihrem Temperament bzw. ihrer Persönlichkeit. Schafe zeigen stabile Muster in den Bereichen Verhalten, Emotion, Kognition und verhalten sich zum Beispiel unterschiedlich wagemutig, gesellig, aktiv, ruhig oder ängstlich.
Sozialverhalten mini|Hausschafe beim Aushandeln der Rangordnung Schafe sind hochsoziale Tiere und formen oft Gruppen, die auf sozialen Beziehungen basieren. Sowohl die Ruhe- als auch Aktivzeiten verbringen sie gemeinsam mit anderen Tieren. Böcke formen eher eine Rangordnung als weibliche Tiere und kämpfen in der Deckzeit manchmal miteinander, wobei sie bis zu 20 Meter Anlauf nehmen und dann ihre Köpfe zusammenstoßen. Wenn Schafe bei vertrauten Tieren grasen, sind sie entspannter als inmitten von ihnen unbekannten Schafen. Werden Schafe isoliert, zeigen sie Stressverhalten.
Lämmer und Schafe zeigen Spielverhalten, was auf positive Gefühlszustände hinweist. Spielverhalten umfasst überschwängliche Bewegungen wie Buckeln, Springen oder Drehen.
Mutter-Lamm-Bindung Lämmer und ihre Mütter formen rasch nach der Geburt tiefe Bindungen. Nach spätestens zwölf Stunden können Lämmer ihre Mutter sowohl durch Sehen als auch Hören erkennen. Jungtiere und Mütter suchen auch nach der Entwöhnung die gegenseitige Nähe. Werden Mutter und Lamm voneinander getrennt, zum Beispiel im Zuge der Nutztierhaltung, zeigt sich bei beiden Stressverhalten, wie starkes Blöken oder vermehrtes Hin- und Herlaufen.
Heutige Nutzung mini|Freilaufendes Hausschaf auf der Isle of Skye in Schottland (2023) mini|Rhönschafe auf einer Streuobstwiese