Atonie ist der medizinische Fachbegriff für das Fehlen von Tonus, also von Spannung, der glatten oder der quergestreiften Muskulatur. In der heutigen Medizin wird der Begriff für die fehlende Spannung glatter Muskulatur, z. B. der Gebärmutter, des Darms, des Magens oder der Blase verwendet. Für die fehlende Spannung der quergestreiften, willkürlichen Skelettmuskulatur benutzt man die Bezeichnung Parese (inkomplette Lähmung) und Plegie (komplette Lähmung). Ausnahmen sind atonische epileptische Anfälle und die Schlafatonie. Die AtonieWilhelm Dultz (Hrsg.): DBG-Fremdwörterlexikon. Ullstein, Frankfurt/Berlin 1965, S. 238. von GewebenLingen Lexikon in 20 Bänden. Band 1, Lingen Verlag, Köln 1976/77, S. 245. oder Organen ist als medizinischer FachbegriffWillibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch, 267. Auflage. de Gruyter Verlag, Berlin / Boston 2017, ISBN 978-3-11-049497-6, S. 179.Maxim Zetkin, Herbert Schaldach: Lexikon der Medizin. 16. Auflage. Ullstein Medical Verlag, Wiesbaden 1999, ISBN 3-86126-126-X, S. 172. historisch.

Das Gegenteil (Gegenwort) der Atonie ist der normale Spannungszustand, welcher als Tonus bezeichnet wird, beziehungsweise die krankhaft gesteigerte Spannung, also der Hypertonus (Verspannung, Myogelose (Muskelhärte), Muskelverhärtung). Die Übergänge von der Atonie und der Monotonie über die Hypotonie, die Normotonie, die Orthotonie und die Eutonie bis zur Hypertonie, zur Dystonie und zur Katatonie sind fließend. Eine absolute Atonie in Höhe von 0 Pa gibt es nicht.

„Im weitern Sinne ist die Atonie auch die Bezeichnung für die schlaffe Gesamthaltung eines Menschen.“Fritz Giese, Friedrich Dorsch: Psychologisches Wörterbuch, 4. Auflage, Hans F. Menck Verlag, Frankfurt am Main 1952, S. 31.

Wortherkunft und -ableitungen Das Wort Atonie stammt an von , ‚-los‘; ab; zugehörige Adjektive aton, atonisch, atonistisch, atonisiert, atonal, atonatorisch. Im Lateinischen ist die atonia die Spannungslosigkeit (der Muskulatur).Markwart Michler, Jost Benedum: Einführung in die Medizinische Fachsprache. 2. Auflage. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 1981, ISBN 3-540-10667-7, S. 92, 222, 282.

ICD-10

Im systematischen Verzeichnis der ICD-10 findet man fünf Einträge, in denen Atonie oder atonisch enthalten ist: G40.3 Generalisierte idiopathische Epilepsie und epileptische Syndrome: Unspezifische epileptische Anfälle: atonisch K59.8 Sonstige näher bezeichnete funktionelle Darmstörungen: Kolonatonie N31.2 Schlaffe neurogene Harnblase, anderenorts nicht klassifiziert. Neurogene Harnblase: atonisch (motorisch) (sensorisch) O62.2 Sonstige Wehenschwäche: Uterusatonie unter der Geburt O72.1 Sonstige unmittelbar postpartal auftretende Blutung: Postpartale Blutung (atonisch) ohne nähere Angaben

Im alphabetischen Verzeichnis der ICD-10 finden sich weit mehr Einträge zu Atonie oder atonisch: F45.31 Psychogene Magenatonie F45.32 Psychogene Darmatonie F45.32 Psychogene Zäkumatonie G40.3 Generalisierte idiopathische Epilepsie und epileptische Syndrome: Atonische Absencen, Atonische epileptische Absencen, Atonischer Anfall, Unspezifischer atonischer epileptischer Anfall G70.8 Myatonia congenita G80.1 Kongenitale Zerebrospasmen: Atonisch-astatischer Symptomenkomplex K59.8 Sonstige näher bezeichnete funktionelle Darmstörungen: Kolonatonie I78.8 Ektasie des Plexus pampiniformis: Kapillargefäßatonie K22.88 Ösphagusatonie K30 Atonische Dyspepsie K31.88 Gastroparese: Magenatonie K56.0 Atonischer Ileus, Dünndarmparalyse, Paralytischer Ileus K59.01 Atonische Obstipation K59.8 Dickdarmatonie, Darmatonie, Dünndarmatonie, Zäkumatonie, Kolonatonie M62.89 Muskelatonie N28.88 Ureteratonie, Harnleiteratonie N31.2 Detrusordekompensation der Harnblase, Detrusoratonie der Harnblase, Blasenatonie, Neurogene Blasenatonie, Harnblasenatonie, Neurogene motorisch atonische Harnblase, Neurogene sensorisch atonische Harnblase, Atonische neuromuskuläre Harnblasendysfunktion, Schlaffe neurogene Harnblase, anderenorts nicht klassifiziert O72.1 Atonische postpartale Blutung P94.2 Angeborene Muskelatonie, Floppy-Infant-Syndrom, Angeborene atonische Pseudoparalyse Man sieht, dass der Begriff Atonie weit verbreitet ist, in der heutigen klinischen Medizin aber vielfach durch andere Begriffe ersetzt wurde.

Anmerkung: Bei vielen Ziffern, z. B. G40.3, werden zahlreiche seltene Krankheitsformen unter einer ICD-Kategorie zusammengefasst. Bei anderen, z. B. N31.2, werden zahlreiche Bezeichnungen für die gleiche Erkrankung verwendet.

ICD-11 In der Entwurfsfassung der deutschen Übersetzung zur ICD-11, die 2022 in Kraft getreten ist, finden sich bei der wörtlichen Suche folgende Einträge zur Atonie:

DA2Y Atonie der Speiseröhre (unter: Sonstige näher bezeichnete Krankheiten des Ösophagus) DA41.1 Akute Magendilatation KB08.2 Angeborene Muskelhypotonie MB45.2 Atonie

In der englischen Originalfassung gibt es zusätzlich diese Einträge beim Suchbegriff "atony":

JB02.2 Other uterine inertia (Deutsch: JB02.2 Sonstige Wehenschwäche) GC01.4 Neuromuscular dysfunction of bladder, not elsewhere classified (GC01.4 Neuromuskuläre Dysfunktion der Harnblase, anderenorts nicht klassifiziert) SP21 Atony disorder (TM2) (keine Übersetzung) SM82 Insufficiency of the urinary bladder disorder (TM2) (keine Übersetzung) 8A68.7 Generalised atonic seizure (8A68.7 Generalisierter atonischer Krampfanfall) DD91.1 Functional constipation (DD91.1 Funktionelle Obstipation) GC50.10 Absent or diminished bladder sensation associated with pelvic organ prolapse (GC50.10 Fehlende oder verminderte Blasenempfindung in Zusammenhang mit Genitalprolaps bei der Frau) DD90.3 Functional dyspepsia (DD90.3 Funktionelle Dyspepsie) JA43.1 Other immediate postpartum haemorrhage (JA43.1 Sonstige unmittelbar postpartal auftretende Blutung) 8A61.2Y Other specified genetic epileptic syndromes with childhood onset (8A61.2Y Sonstige näher bezeichnete genetische epileptische Syndrome mit Beginn im Kindesalter) KA05.6 Fetus or newborn affected by abnormal uterine contractions (KA05.6 Schädigung des Fetus oder Neugeborenen durch abnorme Uteruskontraktionen)

Auf Medikamente bezogen:

PL00 Drugs, medicaments or biological substances associated with injury or harm in therapeutic use (PL00 Therapeutische Anwendung von Drogen, Arzneimitteln oder biologischen Substanzen in Zusammenhang mit Verletzung oder Schaden) XM5993 Atonia drug, intestinal (keine Übersetzung)

Einteilung Atonien der glatten, unwillkürlichen Muskulatur Atonien des Gastrointestinaltraktes a) Ösophagusatonie b) Magenatonie, atonische Dyspepsie, Atonia ventriculi c) atonischer Ileus, paralytischer Ileus d) atonische Obstipation, Dickdarmatonie e) Zäkumatonie (kein eigenständiges Krankheitsbild) Urologische Atonien a) Harnleiteratonie b) Blasenatonie, Atonia vesicae c) Ektasie des Plexus pampiniformis, Kapillargefäßatonie (der Plexus pampiniformis ist ein Kapillargeflecht, welches den Hoden versorgt). Gynäkologische Atonien a) Atonische postpartale Blutung b) Uterusatonie (Atonia uteriGünter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung 1966–1977, 1. Ordner (A–Carfimatum), ISBN 3-541-84000-5, S. A 351.) vor der Entbindung: im Sprachgebrauch meistens als Wehenschwäche bezeichnet. Psychogene gastrointestinale Atonien a) Psychogene Magenatonie b) Psychogene Darmatonie c) Psychogene Zäkumatonie

Atonien der quergestreiften, willkürlichen Muskulatur Störung der Muskulatur a) Angeborene atonische Pseudoparalyse, Floppy-infant-Syndrom Störungen der motorischen Nervenbahnen (im klinischen Sprachgebrauch werden heute andere Bezeichnungen gewählt) a) vollständige Lähmung: Plegie b) teilweise Lähmung: Parese Störungen des ZNS a) Epilepsie-Formen: atonische Absencen, atonische epileptische Absencen, atonischer Anfall, unspezifischer atonischer epileptischer Anfall b) Atonisch-astatischer Symptomenkomplex: meistens Folge eines Sauerstoffmangels unter der Geburt (Spastiker) Schlafatonie: verhindert im Normalfall geträumte Körperbewegungen

Magenatonie In der heutigen Klinik wird meistens der Begriff Gastroparese (Englisch gastroparesis) verwendet. Das Syndrom ist definiert als verzögerte Magenentleerung ohne mechanische Behinderung. Die Folge ist ein Völlegefühl nach Mahlzeiten mit Übelkeit, Erbrechen und Aufstoßen, zum Teil mit Oberbauchschmerzen verbunden. Eine häufige Ursache ist Diabetes mellitus.

Darmatonie Bei einem Darmverschluss (Ileus) unterscheidet man zwei grundsätzlich verschiedene Mechanismen. Die Ursache kann eine mechanische Sperre sein, zum Beispiel durch einen Tumor, oder der Darminhalt wird nicht weiter transportiert, weil der Darm schlaff, also atonisch, ist. Im ersten Fall spricht man von einem mechanischen Ileus, im zweiten Fall von einem paralytischen oder atonischen Ileus. In beiden Fällen ist der Bauch schmerzhaft gebläht. Im Röntgenbild zeigen die gedehnten Darmschlingen mit flüssigem Darminhalt und Gasen charakteristische Spiegel. Beim mechanischen Verschluss versucht der intakte Darm mit heftigen Kontraktionen den Stopp zu überwinden. Klingende, laute Darmgeräusche sind hörbar. Bei der Darmatonie dagegen hat die Darmwand keine Kraft, Darminhalt und Gase weiter zu bewegen. Darmgeräusche fehlen ganz oder sind stark abgeschwächt. Eine Darmatonie kann nach offenen Bauchoperationen auftreten. Der Darm nimmt die damit verbundene mechanische Reizung übel und antwortet mit Erschlaffung. In den meisten Fällen nimmt der Darm nach einiger Zeit spontan seine Tätigkeit wieder auf. In schweren Fällen muss man Parasympathomimetika (Medikamente, die das vegetative Nervensystem des Darmes stimulieren) applizieren. Ernster ist die Situation, wenn eine Mangeldurchblutung die Ursache für die Darmerschlaffung ist. Dann können Teile der Darmwand absterben. Nur eine zügige Operation kann dem Patienten helfen.

Uterusatonie Die Uterusatonie (Atonia uteri) ist eine akute, lebensbedrohliche Komplikation der Nachgeburtsperiode. Vor der Entbindung strömt Blut aus zahlreichen Gefäßen der Uterusinnenwand, um Mutterkuchen und Ungeborenes mit Sauerstoff und Nährstoffen zu versorgen. Sobald der Mutterkuchen in Form einer Nachgeburt den Uterus verlassen hat, kontrahiert sich die Gebärmutter und dichtet so alle mütterlichen Adern ab. Bleibt diese Kontraktion aus, so entleert sich Blut in dickem Schwall aus der Gebärmutter. Risikofaktoren für eine Atonie sind eine unvollständige Entleerung der Nachgeburt und eine Überdehnung der Gebärmutter, zum Beispiel durch ein Polyhydramnion oder eine Mehrlingsschwangerschaft. Die Behandlung ist zweigleisig. Der Arzt muss die Gebärmutter zur Kontraktion bringen, indem er zum Beispiel Mutterkuchenreste durch eine Curettage entfernt, den Uterus manuell komprimiert und Medikamente zur Kontraktion der Gebärmutter verabreicht, zum Beispiel Mutterkornalkaloide. Gleichzeitig muss verhindert werden, dass die Mutter durch den Blutverlust in einen schweren Schockzustand gerät. Dazu gehören das Legen mehrerer venöser Zugänge, die schnelle Infusion von Plasmaexpandern und das rasche Herbeischaffen von Blutkonserven.

Atonische Epilepsie Die atonische Epilepsie gehört zu den generalisierten, motorischen Epilepsien. Es kommt zu einem plötzlichen Tonusverlust der Muskeln, also zu einer Atonie. Der Patient verliert die Kontrolle über seinen Körper und zieht sich durch einen Sturz häufig Verletzungen zu. Das Gegenteil ist ein tonischer Anfall. Beim Pseudo-Lennox-Syndrom gibt es atonische Nickanfälle und ebenfalls atonisch-astatische Anfälle. Die Epilepsie mit myoklonisch-astatischen Krisen heißt auch myoklonisch-atone Epilepsie oder Doose-Syndrom mit der Abkürzung EMAS (epilepsy with myoclonic-atonic seizures). Diese seltene Krankheit beginnt im frühen Kindesalter. Bei zwei Dritteln der Kinder heilt die Krankheit nach 5–6 Jahren aus.

Atonisch-astatisches Syndrom