mini|hochkant=1.6| Das Anbrachen, vormals auch Anbrauchen oder Anbraken, in Österreich auch Bestechen genannt, bezeichnet den ersten Arbeitsgang der Pelzherstellung in der Kürschnerei, das „brauchbar machen“ gegerbter Felle durch das Entfernen von Schadstellen, die das Aussehen oder die Haltbarkeit des Endproduktes beeinträchtigen würden. Dies erfolgt durch das Herausschneiden der Stellen in Ellipsen, das Einsetzen von Fellstücken oder Schließen der Fehlflächen durch andere geeignete Arbeitstechniken, wie Zunge ziehen oder, sehr selten, das Umsetzen. Gleichzeitig werden auch natürliche, im Endprodukt störende Fellteile beseitigt, wie zum Beispiel die Mähne beim Fohlenfell oder der Nackenwirbel beim Kalbfell. Das abschließende Nähen geschieht in Fachbetrieben heute mit der Pelznähmaschine, wie beim Handnähen mit einem Überwendlichstich.Alexander Tuma: Pelz-Lexikon. Pelz- und Rauhwarenkunde. XVII. Band. Verlag Alexander Tuma, Wien 1949. Stichwort „Anbraken“
Allgemein
mini|hochkant|links|Sechs Kürschnermesser, oben ein heute gebräuchlicher Klingenhalter Schäden in Fellen können die verschiedensten Ursachen haben. Sie können durch Bisse oder sonstige Verletzungen schon beim lebenden Tier verursacht sein, durch Schusslöcher, durch Einschnitte beim Abbalgen oder bei der Pelzzurichtung oder durch unsachgemäßes Spannen und Trocknen des Rohfells. Auch Nachwuchsstellen (Zwiewuchs, Unterwuchs) können störend sein und müssen beseitigt werden. Am häufigsten treten kahle Stellen auf, vom deutschsprachigen Kürschner „Kahlauer“ genannt. Die durch eine Verletzung der Haut zurückgebliebenen verdickten Narbenstellen nennt der Häutehandel „Pflaster“,Rudolf Gujer-Müller, Neubearbeitung Rudolf Gujer: Die Behandlung von Häuten, Fellen und Rohfett. Graphische Werkstätten H. R. Sauerländer & Co., Aarau, 1938, S. 59. in der Kürschnerei ist dafür wohl kein eigener Begriff gebräuchlich.
Die zu beseitigenden Störstellen können sein: Im Haar: Kahlstellen (Blößen, Kahlauer), dünnbehaarte, beriebene oder verfilzte Stellen, Nach- oder Zwiewuchs, Scher- oder Farbfehler, Mähne, Wirbel, Zitzen und die Rammelstellen beim Hamsterfell. Im Leder: Bissstellen, Fleischerschnitte, Fraßlöcher (Schädlingsfraß, unter anderem durch Käfer, Würmer, Ratten, Mäuse), Schusslöcher, Fehler durch sogenanntes Verbrennen oder Verstinken (harte, teils kahle Stellen, Fäulnisschäden beim Rohfell), Schnatten (Narbenbrüche im Oberleder der Haarseite), Zitzenlöcher, Risse und Zurichternähte.
Der volle Umfang der Schäden tritt meist erstmals nach der Zurichtung zum Vorschein. Mitunter entstehen die Schäden erst während der Zurichtung, dünnledrige Felle sind hierfür empfindlicher als schwerledrige. Je nach der Form der Schadstellen lassen sie sich bis zu einem gewissen Umfang durch spezielle Schnitttechniken entfernen. Idealerweise sollen die reparierten Stellen auf der Haarseite nicht zu erkennen sein. Solange die aufzufüllenden Stellen nicht zu groß sind, ist dies bei weichem und nicht zu kurzem Haar fachlich möglich (zum Beispiel bei Fuchsfell, Waschbärfell, Nerz und ähnlichen Haarstrukturen). Bei sehr hartem oder sehr kurzem Haar bleiben die Nähte häufig sichtbar, hier werden Nähte deshalb so gering wie möglich gehalten (zum Beispiel bei Seehund, besonders beim kurzhaarigen, geschorenen Lakoda-Seal, bei flachem Breitschwanz, hier besonders bei dünnhaarigem unmoirierten Galjak). Die Anbrachstellen bei Lakoda-, Breitschwanz- und Galjakfellen müssen deshalb häufig zeitaufwändig mit feiner auszuführenden Handnähten geschlossen werden.
Philipp Manes, der von den Nationalsozialisten ermordete Pelzkommissionär und Historiker der Pelzbranche, schrieb 1941: „Das ‚Anbrachen‘ des Felles, d. h. sein Ausflicken und Ausmerzen schlechter Stellen erfordert ein geübtes Auge. Ein erfahrener Anbracher kann viele tausend Mark retten, wenn er jedes Fell mit einem Blick und schnellem Handgriff zu reparieren versteht. Man sehe sich einen gallonierten Silberfuchs an, der, in schmale Streifen zerschnitten, je nachdem Länge oder reite verdoppelt. Oder das teuerste Nerzfell, wie es ausgelassen erst wertvoll und schön ist.“Philipp Manes: Die deutsche Pelzindustrie und ihre Verbände 1900–1940, Versuch einer Geschichte. Berlin 1941 Band 4. Durchschrift des Originalmanuskripts, S. 147.
Das Ausmaß der schadhaften Felle in den einzelnen Warenpartien wie sie auf die Weltmärkte kommen, ist je nach Qualitätsstufe verschieden. Beste und bessere Sorten (I und II) weisen weniger Schäden auf. Die besten Qualitäten sind oft frei von jeglichen Schäden in Leder und Haar, das gilt beispielsweise inzwischen für fast alle angelieferten Zuchtnerzfelle. Geringere Sorten (III, IV, V), insbesondere aber „damaged“ (Beschädigte) enthalten teilweise viele schadhafte Felle, nach den Standards der 1950er Jahre waren das mitunter bis zu 50 Prozent einer Partie, bei damaged bis 100 Prozent.
Meist werden erheblichere Schäden schon durch den Rauchwarengroßhandel beseitigt. Größere Betriebe unterhielten hierfür eigene Kürschnerwerkstätten, auch Anbrache-Werkstätten genannt. Vielfach wurden die schadhaften Felle auch außer Haus, zu einem Zwischenmeister, zum Anbrachen gegeben. Die in den Anbrachkürschnereien beschäftigten Arbeitnehmer, die häufig keine volle Berufsausbildung hatten, sondern nur für diese Arbeiten angelernt worden waren, wurden als Anbracher, oder mitunter nach der Tätigkeit des Glattspannens der Felle, als Zwecker bezeichnet. Kommen die Felle, sortiert in Fellbunde, zum Kürschner, sind sie meist frei von größeren Schäden. Lediglich die immer dünnledrigen und schwachbehaarten Breitschwanzfelle werden ausschließlich vom Endverarbeiter angebracht.
Arbeitstechniken
Eine große Anzahl von Fellen ist nach der Pelzzurichtung noch rund geschlossen, wenn sie zur Endverarbeitung kommen. In der Regel sind dies die edleren Fellsorten, vor allem die Marderarten, wie auch der Nerz, sofern sie nicht bei der Veredlung, wie dem Scheren, Rupfen oder Färben bereits aufgeschnitten und damit flachgelegt wurden. Bis auf wenige Fellarten, wie das Luchsfell, früher das Desmanfell, manchmal das Nutriafell, bei denen das Bauchfell schöner ist als der Rücken, werden alle im Bauch aufgeschnitten. Dies muss exakt in der Bauchmitte erfolgen. Ausnahmen können Felle von Arten sein, bei denen der Bauch nicht verwendet werden kann, weil das Haar zu schütter ist, wie Skunksfell oder Opossumfell, hier wird beim Aufschneiden das Bauchteil direkt herausgeschnitten. Eine weitere Ausnahme sind die Fellarten, bei denen Rücken und Wamme getrennt verarbeitet werden, wie Bisamfell und Fehfell. Gerade hierbei ist auf größte Gleichmäßigkeit zu achten, damit sowohl Wamme wie Rücken nicht schief werden. Möglichst wird zum Aufschneiden eine auf die Fellgröße abgestimmte Holzscheide eingeführt, zum Beispiel eine Nerzscheide, oder, wenn nicht passend vorhanden, ein Lineal. Das verhindert, dass beim Schneiden versehentlich der Fellrücken mit erfasst wird. Mit dem Haarstrich, also am Kopf beginnend, wird mit dem Kürschnermesser, die Schneide nach oben, das Fell aufgeschnitten. Anschließend werden in der Regel zwei Schnitte zu den Vorderpfoten gelegt, so dass die Pfoten sich jetzt an den Fellseiten befinden.„z“: Lehrlingsausbildung. Aufschneiden und Anbrachen von Fellen. In: Die Kürschnerfibel. Verlag Alexander Duncker, 1. Juni 1942, S. 17–18. Beilage zur Kürschner-Zeitung, Heft 16.
Dem eigentlichen Anbrachen geht das Anzeichnen des Grotzens voraus, der in der Regel farblich und oft auch in der Haarlänge abweichenden Fellmitte. Dies geschieht von der Haarseite aus mit dem Kopierrad, durch Markieren mit Stecknadeln, kaum noch mit dem Grotzenstecher. Eine außerdem gebräuchliche Methode ist es, das Fell mit dem aufgekämmten Haar auf die Arbeitsplatte zu legen, den Kürschner-Messingkamm mit den Zinken auf das Fell zu drücken und mit einem kurzen Ruck das Fell über die Platte zu ziehen. Jede dieser Methoden hinterlässt eine Spur auf der Lederseite, die mit einer gestrichelten Linie fixiert wird.Alfred Homuth: Über das Brauchbarmachen von Fellen. In: Kürschner-Zeitung. Heft 25, 1. September 1941, Verlag Alexander Duncker, Leipzig. Zusätzlich ist es häufig sinnvoll, für die Weiterverarbeitung auch andere markante Fellzeichnungen zu markieren, insbesondere die Kreuzpartie in der Höhe der Vorderpfoten.
Durch scharfes Knicken des Fells, Aufkämmen und Anpusten des Haars werden nicht direkt auffällige Kahl-, Filz- und sonstige Schadstellen gefunden. Verschiedene Geräte, die das Anblasen maschinell vornehmen, waren bereits im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts entwickelt, haben sich jedoch nicht durchgesetzt. Je nach Struktur und Wert des Felles wird die Schadstelle von der Haarseite aus markiert: mit Stecknadeln; dem Grotzenstecher (die Stechahle des Kürschners); wie beim Anzeichnen des Grotzens mit dem Kamm durch Aufdrücken mit der hinteren Spitze des Klingenhalters bei gleichzeitigem, kurzen Ziehen über die Arbeitsplatte oder durch „Anstechen“ (seltener: „Bestechen“)August Dietzsch: Zur Fabrikation von Fellwerk. In: Das Pelzgewerbe. Nr. 6, Verlag Dr. Paul Schöps, Berlin und Leipzig, S. 198. mit dem Kürschnermesser. Oder sie werden von der Haarseite her direkt herausgeschnitten, ansonsten entsprechend der Markierungen von der Lederseite aus. Querschnitte sind zu vermeiden, da sie am stärksten markieren, insbesondere wegen der beim Nähen mit der Pelznähmaschine mitgefassten, aus ihrer natürlichen Stellung gebrachten Haare. Anstelle eines Rechtecks wird deshalb beim Herausstechen der Fehlstelle die Form eines Parallelogramms angestrebt. Bis auf die Reparatur durch eine Ellipse sind alle Fehlstellen in einer eckigen, geometrisch regelmäßigen Form herauszuschneiden, Rundungen lassen sich mit der Pelznähmaschine weniger gut und sauber nähen.
Im Arbeitsgang des Anbrachens erfolgt unter Umständen bei manchen Fellarten auch das Ausstechen der Diechen, der meist schwächer behaarten Stellen am Ansatz der Pfoten (Persianer).
Außer beim Einsetzen passender Stücke werden die Schadstellen zwar beseitigt, aber das herausgeschnittene Fellteil wird nicht wirklich ersetzt. Es entstehen Verwerfungen im Leder, es ist nicht mehr eben. Durch ein abschließendes feuchtes Ausspannen (Zwecken) oder Abstrecken wird das Fell wieder geglättet, gleichzeitig werden die feuchten Nähte mit dem Nahtroller oder dem Streckholz abgeflacht. Die besondere Gerbung der Felle, die Pelzzurichtung, trägt dieser Anforderung an das Pelzleder Rechnung, indem sie für die Pelze, die mit dem Haar nach außen getragen werden, ein im feuchten Zustand möglichst zügiges Leder herstellt. Veloutierte Pelze mit der Lederseite nach außen dürfen sich bei Nässe nicht verändern und werden entsprechend anders zugerichtet, sie werden allerdings schon aus optischen Gründen in der Regel nicht angebracht (Nähte auf der Außenseite des Kleidungsstücks), hierfür müssen Felle oder Fellteile ohne Schadstellen im Leder und ohne Kahlstellen im Haar ausgesucht werden.
Ellipsen mini|hochkant=0.8|Hamsterfelle mit durch Ellipsen beseitigten „Rammelflecken“ seitlich des Rückens Kleine Stellen werden in Form einer Ellipse herausgeschnitten und zugenäht. Im einfachsten Fall besteht sie aus einem Schnitt durch den Fehler, wonach die Unebenheiten mit der Schere egalisiert werden. Die geringste Nahtmarkierung verursacht in der Regel die Längsnaht, beziehungsweise die längs des Haarverlaufs gelegte Ellipse, nur wenn nicht anders möglich wird die Ellipse diagonal oder quer gelegt werden. Es ist zu beachten, dass dadurch keine Farb- oder Haarlängenübergänge herausgeschnitten werden, insbesondere bei einer diagonal zur Haarrichtung geführten Ellipse. Es sollten möglichst nicht mehrere Ellipsen nebeneinander liegen, nebeneinander liegende Ellipsen sollten ungleich lang sein.