Otto Busse (* 23. September 1901 in Gillandwirszen bei Tilsit;Lexikon der Gerechten unter den Völkern – Deutsche und Österreicher † 6. März 1980) war ein deutscher Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus.
Leben Otto Busse arbeitete in Tilsit als selbstständiger Anstreicher und Lackierer. Avraham Barkai: Otto Busse: Ein deutscher "Gerechter" in Bialystok, 2005, S. 248–268 1933 trat er der NSDAP bei, ohne dass die Mitgliedschaft rechtskräftig wurde. Als im Jahr 1935 die Judenverfolgung in Deutschland intensiviert wurde, trat er aus Protest dagegen wieder aus der Partei aus. Er wurde als Handwerker fortan geschnitten und von öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen. Sein Wunsch, in die USA auszuwandern, wurde nicht genehmigt. Zum 1. Juli 1940 trat er der NSDAP erneut bei (Mitgliedsnummer 8.479.145).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/5340061 Bei Kriegsausbruch im Jahr 1939 wurde Busse zur Polizeireserve eingezogen. Sein Vorgesetzter war hier der spätere Chef der Zivilverwaltung im Bezirk Białystok, Friedrich Brix. Im März 1943 schied er bei der Gendarmerie aus und ging als Malermeister mit seiner Frau und einem fünfzehnjährigen Sohn in das okkupierte polnische Białystok. Mit seinem Malerbetrieb wickelte er Aufträge der zivilen Verwaltung und der Militärverwaltung im Bezirk Białystok ab. Er beschäftigte zunächst auch vierzig jüdische Arbeiter mit Arbeitserlaubnis, und nachdem das Ghetto Białystok im August 1943 liquidiert war, nur noch Deutsche und Polen. Der Umgang der deutschen Besatzungsmacht mit der polnischen Bevölkerung und mit der ghettoisierten jüdischen Bevölkerung bewog ihn, persönlichen Widerstand zu leisten. Weitere Gründe waren sein christlicher Glaube und der Umstand, dass sein Bruder in Tilsit als NS-Gegner im Gefängnis saß.
Als Busse im Jahr 1943 für seine Arbeiter eine Wohnung requirieren wollte, traf er auf Chaika GrossmanChaika Grossman in der englischen Wikipedia: :en:Haika Grossman und Chasia Bielicka, die mit gefälschten Ariernachweisen bei einer polnischen Familie wohnten. Grossman und Bielicka waren im jüdischen Widerstand vorwiegend im Kurierdienst eingesetzt. Bielicka erhielt bei Busse eine Arbeit als Kontoristin. Nachdem sie ihm offenbart hatte, dass sie als Jüdin mit falschen Papieren ausgestattet sei, half er ihr weiterhin. Busse stellte sich in der Folge der jüdischen und der polnischen Untergrundbewegung zur Verfügung und besorgte Waffen, warme Kleidung und Medikamente auf seine Kosten. Auf seiner Schreibmaschine wurden Zirkulare gegen die Nationalsozialisten geschrieben. Busse wurde von Grossman mit dem deutschen Textilfabrikanten Arthur SchadeSchade lebte nach dem Krieg in Moskau und in Pößneck und wurde 1995 postum als Gerechter unter den Völkern geehrt. (Barkai, S. 260) zusammengebracht, der ebenfalls Widerstand leistete. Mit zwei weiteren Deutschen, Beneschek und Bolle, wurden sie von der ab Anfang 1944 unter sowjetischer Leitung stehenden Partisanenbrigade als deutsche Zelle angesehen, die Nachrichten beschaffen sollte. Als im Jahr 1944 die Front an Białystok heranrückte, trennten sich ihre Wege.
mini|Allen Gewalten zum Trotz – unserem Widerstandskämpfer Otto BusseBusse House in Nes Ammim Busse wurde noch zur Wehrmacht eingezogen und geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Da die NKWD-Leute sich weigerten, seine Zusammenarbeit mit polnischen und sowjetischen Untergrundkämpfern zur Kenntnis zu nehmen, wurde er erst im November 1949 aus der Zwangsarbeit in der Region Kiew entlassen.
Busse ging nun, da seine Heimatstadt von der Sowjetunion annektiert worden war, nach Darmstadt, wo er im Kaufhaus Henschel & Ropertz eine Anstellung fand. Ende der 1950er Jahre konnte er Chaika Grossman und Chasia Bielicka über die israelische Hilfsorganisation Sochnut ausfindig machen und reiste auf ihre Einladung hin im November 1961 erstmals nach Israel. Busse war in vieler Hinsicht eigensinnig, so lehnte er die Aufnahme diplomatischer Beziehungen Israels mit der Bundesrepublik 1965 ab und nahm im Sechstagekrieg gegen Israel Stellung; gleichwohl hatte Grossman, die 1969 Knesset-Abgeordnete der Mapam wurde, Geduld mit ihm. Da er sich in Deutschland als „undeutscher Judenfreund“ gemobbt sah, übersiedelte er 1969 mit seiner zweiten Frau Erna, die er 1951 geheiratet hatte, in den von holländischen Protestanten 1949 gegründeten Moschav Shitufi Nes Ammim im Nordbezirk Israels. Busse wurde am 23. April 1970 von Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern geehrt und durfte in Jerusalem einen Baum pflanzen. Die Bundesrepublik Deutschland verlieh ihm daraufhin das Bundesverdienstkreuz am Bande. Am „Busse-Haus“ in Nes Ammim brachten ehemalige Partisanen eine Gedenktafel an.
Otto und Erna Busse kehrten im Jahr 1972 aus gesundheitlichen Gründen nach Deutschland zurück. Der israelische Verein Ness-Ammim gewährte ihm eine zusätzliche Rente.
Literatur Avraham Barkai: Otto Busse: Ein deutscher "Gerechter" in Bialystok, in: Marion Kaplan, Beate Meyer (Hrsg.): Jüdische Welten. Juden in Deutschland vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Festschrift für Monika Richarz, Wallstein, Göttingen 2005, ISBN 3-89244-888-4, S. 248–268 Chasia Bornstein-Bielicka: Mein Weg als Widerstandskämpferin, dtv, München 2008 Chaika Grossman: Die Untergrundarmee. Der jüdische Widerstand in Białystok. Ein autobiographischer Bericht. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-596-11598-1. Lemma Otto Busse, in: Lexikon der Gerechten unter den Völkern: Deutsche und Österreicher. Hrsg. von Israel Gutman et al. Wallstein, Göttingen 2005, ISBN 3-89244-900-7, S. 81f
Weblinks Otto Busse bei Yad Vashem
Einzelnachweise
Kategorie:Person (deutsche Besetzung Polens 1939–1945) Kategorie:Gerechter unter den Völkern (Deutschland) Kategorie:Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande Kategorie:NSDAP-Mitglied Kategorie:Person (Białystok) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1901 Kategorie:Gestorben 1980 Kategorie:Mann