mini|320px|Silhouette von Gaißers Wirkungsstätte und Vollands Heimatstadt GrüningenDieses um 1800 entstandene Bild eines unbekannten Malers gibt nahezu den Zustand der Stadt im 16. Jahrhundert wieder, weil Grüningen nach dieser wilden Epoche und dem Abgang der Vollands sukzessive der Stagnation anheimfiel. mini|320px|Hinter dem Spital-Komplex ragt die Bartholomäuskirche hervor, der Gaißer als Dekan vorstand. Es war damals die größte Kirche im Herzogtum Württemberg mini|320px|Von dieser Kanzel herab zog Gaißer über korrupte Geistliche, die Ehrbarkeit und den Vogt her. Seine Predigt zur Losung „Ich sende Euch wie Schafe mitten unter die Wölfe!“ wurde als Aufruf zur Rebellion verstanden.Predigt vom 7. Mai 1514 nach Matthäus 10, 16ff (Hermann Römer: Markgröningen im Rahmen der Landesgeschichte I. Urgeschichte und Mittelalter. Markgröningen 1933, S. 198)
Reinhard Gaißer (* um 1474 in Fellbach; † nach 1533), auch Gaißlin,Im Gegensatz zu Oswald Gabelkovers Thummischer Chronik (zu 1527) und den Matrikellisten der Universität Tübingen, wo er auch als Professor noch „Gaisser“ genannt wird, nennt er sich selbst in seinen im Esslinger Stadtarchiv aufbewahrten Urkunden „Gaißlin“. Ein dort erhaltener Revers 1520 trägt sein Wappen, das eine[n] aufsteigende[n] Geiß[bock] zeigt. In der Region Stuttgart sind die Familiennamen „Gaiß“ bzw. „Gais[s]“ und „Gaißer“ bzw. „Gais[s]er“ heute noch häufig zu finden, Gaißlin dagegen überhaupt nicht mehr. war ein schwäbischer Reformtheologe, Hochschuldozent und Rektor der Universität Tübingen. Er ließ sich von der Universität in die Stadtpfarrei von Grüningen, heute Markgröningen, versetzen, um zur Kirchenreform beizutragen und um den „Gemeinen Mann“ gegen die frühkapitalistisch agierende Ehrbarkeit zu unterstützen. Er war der intellektuelle Kopf der Rebellion des Armen Konrads und Gegenspieler von Ambrosius, Philipp und Aberlin Volland, drei Repräsentanten eines sehr reichen und einflussreichen Grüninger Patrizier-Geschlechts. Zur Reformation in Eßlingen wurde er 1531 als Sachverständiger berufen.
Herkunft und akademische Laufbahn Gaißers familiäre Beziehungen Über Gaißers familiäre Herkunft ist wenig bekannt. Da er sich ein Studium leisten konnte, ist davon auszugehen, dass seine Familie entweder zur aufstrebenden Ehrbarkeit oder zum abstiegsbedrohten Niederadel zählte. Vor ihm hatte sich bereits ein Johannes Gaisser aus Waiblingen am 13. Januar 1485 bei der Universität Tübingen eingeschrieben.Siehe Heinrich Hermelink: Die Matrikeln der Universität Tübingen: 1477-1600. Leipzig 1906, S. 56. Sein Herkunftsort Fellbach, seine enge Verbindung zu den Remstälern und insbesondere die Namensähnlichkeit legen nahe, dass er mit den führenden Köpfen der „Remstalrebellen“, Peter Gaiß aus BeutelsbachPeter Gaiß, auch „Gaispeter“ genannt, führte aus Protest gegen Herzog Ulrichs neue Maße und Gewichte am 2. Mai 1514 in Beutelsbach ein Gottesurteil, die so genannte Wasserprobe, durch, die nur zugunsten der jubelnden Menge ausgehen konnte. Er war einer der Haupträdelsführer, konnte nach der Niederschlagung des Aufstands fliehen, soll aber im Exil verhaftet und schließlich hingerichtet worden sein. und dem ebenfalls akademisch gebildeten Magister Georg Gaißer aus Schorndorf,Der „Verschworene Meister“ (Magister) „Jörg Gaißeler“ bzw. „Georg Gaißer“ nannte sich als einer der Sprecher der Remstäler „Schultheiß des Armen Konrads“, wurde jedoch nicht wie andere Rädelsführer in Schorndorf hingerichtet. Siehe Hermann Römer: Markgröningen im Rahmen der Landesgeschichte I. Urgeschichte und Mittelalter. Markgröningen 1933, S. 200. verwandt war.Unterschiedliche Schreibweisen desselben Namens waren damals häufig, und Niederadelige schrieben sich damals nicht generell von. Diese Annahme bestätigt die protokollierte Aussage eines Verräters unter Gaißers Kaplanen in Grüningen: Nach Ausbruch des Aufruhrs habe Gaißer die Kaplane zusammengerufen und triumphiert, dass seine „Vettern im Remstal, die Anfenger der Ufruhr“, es wohl geschafft hätten, und sie (die Kaplane) zudem gewarnt, „bei dem Aufruhr nicht müßig zu stehen.“Zitat aus Hermann Römer: Markgröningen im Rahmen der Landesgeschichte I. Urgeschichte und Mittelalter. Markgröningen 1933, S. 199. Unter seinem geistlichen Gefolge in der Bartholomäuskirche war zudem ein weiterer Verwandter: sein Neffe Wilhelm Gaißer, der seit 1506 ebenfalls in Tübingen Theologie studiert hatteSiehe Heinrich Hermelink: Die Matrikeln der Universität Tübingen: 1477-1600. Leipzig 1906, S. 152 (1506): „48. Wylhelmus Gaysser ex Geisslingen (19. März)“. und mit ihm als HelferBezeichnung für assistierenden Pfarrer: „In der römisch-katholischen Kirche bezeichnet der Begriff Vikar den Inhaber eines Hilfsamtes, welchem durch Delegation bestimmte Befugnisse übertragen worden sind.“ (WP) nach Grüningen gekommen war. Er unterstützte Gaißer als Kontaktmann ins Remstal, aber auch zu anderen Widerstandsnestern, und musste wegen fortgesetzter Renitenz offenbar außer Landes flüchten.Nachdem Wilhelm Gaißer sich trotz des vor dem 24. Juli 1514 abgelegten Treueeides gegenüber dem Herzog erneut zu den Aufständischen auf dem Engelberg (bei Leonberg) gesellt hatte, fiel er unter den neu eingeführten und mit dem Tod bewehrten Straftatbestand des Hochverrats und flüchtete laut Römer nach der Niederschlagung des Aufstands außer Landes.
Gaißers akademische Prägung Gaißer immatrikulierte sich am 22. September 1490 als „Renhardus Gaisser de Felbach“ bei der Artistenfakultät der Universität Tübingen und schloss dieses erste Studium am 13. August 1493 als Magister artium ab.Siehe Heinrich Hermelink: Die Matrikeln der Universität Tübingen: 1477-1600. Leipzig 1906, S. 81 In den überlieferten Universitätsakten taucht der „Theol. Reinh. Gaisser ex Stuttgardia“ dann erst wieder am 10. Januar 1499 als „Magister sententiarius“ und am 7. April 1503 als „Lizentiat“ auf. Für damalige Verhältnisse also eine sehr lange Studienzeit, die er möglicherweise für Praxiserfahrungen in Stuttgart unterbrochen hatte.Siehe Anmerkung bei Heinrich Hermelink: Die Matrikeln der Universität Tübingen: 1477-1600. Leipzig 1906, S. 81: „Theol. Reinh. Gaisser ex Stuttgardia principiavit in bibliam 10. Jan. 1499 et habuit collegam dom. priorem Joh. Stüpitz (= Johann von Staupitz, d. Verf.) [39,19]; in sentencias vero principiavit 1. April 1501 et habuit conkathedralem M. Leonh. Wernheri ; licentiam“ Digitalisat Am 27. November 1504 wurde er schließlich zusammen mit dem späteren Professor Peter BrunWie Brun könnte auch Gaißer zeitweise den eng mit der Universität verbundenen Tübinger „Brüdern vom Gemeinsamen Leben“ auf dem Einsiedel angehört haben, deren Philosophie sich weitgehend in seinem späteren Handeln widerspiegelte. Für die Seelsorge setzten sie zum Beispiel eine fundierte wissenschaftliche Ausbildung voraus. Siehe Gerhard Faix: Gabriel Biel und die Brüder vom Gemeinsamen Leben: Quellen und Untersuchung zu Verfassung und Selbstverständnis des oberdeutschen Generalkapitels. Tübingen 1999 zum Doktor der Theologie promoviert. Darauf wird er als Professor der Theologie aufgeführt und 1504 zum Rektor gewählt.Siehe Heinrich Hermelink: Die Matrikeln der Universität Tübingen: 1477-1600. Leipzig 1906, S. 142: „Anno domini 1504 sub rectoratu insignis viri Renhardi Gaisser (s. theologie professoris) a Phil. Jacobique usque ad festum S. Luce anni eiusdem sunt infrascripti intitulati ...“ (1. Mai bis 18. Oktober 1504) s. a. Irmela Bauer-Klöden, Die Rektoren 15. – 21. Jahrhundert. In: Historisch-statistisches Handbuch der Universität Tübingen, Tübingen 2010, S. 18 Allerdings mit reduziertem Salär, da er neben der Lehre auch als Prediger der Tübinger Stiftskirche wirkte.Siehe Hermann Römer: Markgröningen im Rahmen der Landesgeschichte I. Urgeschichte und Mittelalter. Markgröningen 1933, S. 200, der sich auf Heinrich Hermelink: Die theologische Fakultät in Tübingen vor der Reformation 1477-1534 Stuttgart 1906, S. 83, und Johannes Haller: Die Anfänge der Universität Tübingen 1477-1537, Bd. I, 1927, S. 194; Bd. II, 1929, S. 75 bezieht.
Unter den Tübinger Theologen hatte sich, geprägt durch Professoren wie Gabriel Biel, Konrad Summenhart, Johann von Staupitz oder Paul Scriptoris, der 1501 wegen Häresie seiner Ämter an der Universität und im Franziskanerkonvent enthoben wurde, eine „vorreformatorische“ Schule herausgebildet, die sich kritisch mit Fehlentwicklungen in Kirche und Klöstern, Staat und Wirtschaft auseinandersetzte und auch Martin Luther maßgeblich beeinflusst haben soll.Siehe Hermann Römer: Markgröningen im Rahmen der Landesgeschichte I. Urgeschichte und Mittelalter. Markgröningen 1933, S. 201f. Im Zuge der Auseinandersetzung dieser Schule mit den vorherrschenden Umständen hatte sich Gaißer offenbar entschlossen, den akademischen Zirkel zu verlassen, um selbst vor Ort gegen die kritisierten Missstände wie Ablasshandel, herrschaftliche Willkür und mangelnde WirtschaftsethikSiehe Hugo Ott: Zur Wirtschaftsethik des Konrad Summenhart ca. 1455–1502. In: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Bd. 53/1966, Nr. 1, , S. 1–27. S. 1ff. der prosperierenden Patrizier zulasten der Unterschicht ins Feld zu ziehen.
Ob er kurz vor seinem Abgang nach Grüningen noch mit dem jungen Philipp MelanchthonSiehe Heinrich Hermelink: Die Matrikeln der Universität Tübingen: 1477-1600. Leipzig 1906, S. 191 (1512): „46. Philippus Schwartzerd ex Preten (17. Sept.)“ – „von späterer Hand: Melanchthon“ in Tübingen zu tun hatte, ist nicht bekannt.
Revolutionäres Wirken als Stadtpfarrer mini|hochkant|Der gefürchtete Rat und Kanzler Ambrosius Volland war zuvor ein Kollege Gaißers mini|hochkant|Wappen und Initialen des Mäzens Philipp Volland – im Chor des Spitals prominent platziert
Gaißers Gegenspieler Eine reiche Stadt und ein alter Bekannter aus einflussreicher Familie Dass Gaißer erst kurz vor den Unruhen und ausgerechnet im reichen GrüningenDie Grüninger Bürgerschaft verfügte in dieser Zeit über das höchste Durchschnittsvermögen in Württemberg (Siehe Peter Fendrich: Die Stadt und ihre Bürger im ausgehenden Mittelalter. Zur Sozialstruktur der württembergischen Amtsstadt Markgröningen im Rahmen der Landesgeschichte. (= Durch die Stadtbrille Bd. 3, hrsg. v. Arbeitskreis Geschichtsforschung und Denkmalpflege Markgröningen). Markgröningen 1987, S. 94–119). als Pfarrer auftauchte, kann kaum dem Zufall geschuldet sein. Denn hier saßen die „Fugger“ Württembergs, die unter den Steuerpflichtigen reichste und sehr einflussreiche Familie Volland.Siehe Peter Fendrich: Die Stadt und ihre Bürger im ausgehenden Mittelalter. Zur Sozialstruktur der württembergischen Amtsstadt Markgröningen im Rahmen der Landesgeschichte., S. 102ff. Zudem war einer von ihnen ein „alter Bekannter“: Ambrosius Volland war nach seinem ausgedehnten Studium in Tübingen, Heidelberg und Padua Geistlicher in Grüningen, wo es den zum Doktor beider Rechte promovierten Kollegen Gaißers aber nicht allzu lange hielt. Er ließ sich erst nach Tübingen, wo er Gaißer begegnet sein muss, und ein Jahr später von Gaißers Weggefährten Johann von Staupitz an die neue Universität Wittenberg zum Professor berufen. Von dort kehrte er aber bald wieder zurück, um als Rat und späterer Kanzler in den Dienst Herzog Ulrichs zu treten.
Ein Spekulant als Repräsentant der Staatsgewalt Währenddessen hatte sein jüngerer und ebenfalls akademisch gebildeter Bruder Philipp Volland die Führung des lukrativen Vollandschen Handelshauses und alsbald auch das Amt des Vogts von Stadt und Amt Grüningen übernommen. Damit vereinte er in seiner Person die Exekutivgewalt und seine legislative Funktion als Grüninger Landschaftsabgeordneter mit der damals noch jungen Macht des Geldes. Kapital war bei Vollands reichlich vorhanden, und ein Landesherr, der weit über seine Verhältnisse lebte, versprach reichlich Zinsgewinn.