Bezugssystem steht für die Rahmenbedingungen einer wissenschaftlichen Beschreibung und umfasst die maßgeblichen Beziehungen (Relationen). Wenn Vorgänge und Objekte genau beobachtet werden sollen, ist die Definition des Bezugssystems (Koordinatensystem, Standpunkt) erforderlich. Diese Definition kann zusätzlich auch die Position des Beobachters und/oder des Objektes und gegebenenfalls deren Bewegung einbeziehen und damit die Beschreibungen relativieren.
Gestaltpsychologie Bezugssystem ist ein zentraler Begriff der Gestaltpsychologie, wie Wolfgang Metzger 1941 in seiner Gestalttheorie der Bezugssysteme erläuterte. Er geht von der menschlichen Wahrnehmung, insbesondere den Gesetzen des Sehens aus, doch ist in seinen Leitsätzen der Ansatz einer erkenntnistheoretischen Verallgemeinerung zu erkennen.Metzger: Psychologie. Die Entwicklung ihrer Grundannahmen seit der Einführung des Experiments, 1941, S. 135 f
Auch Wilhelm Witte (1966), der an Max Wertheimer, Kurt Koffka, Wolfgang Metzger und Harry Helson anknüpft, erklärt das physikalische und das phänomenale Bezugssystem zur Verankerung von Eindrücken. Neuere gestaltpsychologische Arbeiten zum Bezugssystem hat vor allem Hellmuth Metz-Göckel vorgelegt, unter anderem anhand der Untersuchung von Witzen, deren Wirkungsweise vom Bezugssystemwechsel lebt.Metz-Göckel 1989: Witzstrukturen, Opaden: Westdeutscher Verlag; 2008: Closure as a joke-principle. Gestalt Theory, 30, 331–336.
Allgemeine Psychologie Über die Psychologie der Wahrnehmung hinaus sind die Definition und damit auch die Relativierung des Bezugssystems wesentliche Aspekte in der Theorie der Urteilsbildung (Kognitionspsychologie) und in der Psychologie der Einstellung. Der Mensch hat die Fähigkeit mit mehreren Bezugssystemen gleichzeitig umgehen zu können, beispielsweise hinsichtlich Raum und Zeit, d. h. wahrgenommener Raum und erlebter Raum.Bischof: Psychologie. Ein Grundkurs für Anspruchsvolle, 2008, S. 394 ff
Aus sprachlich-linguistischer Sicht dient ein Bezugsrahmen der Lokalisierung eines Objekts, wobei es sprachlich verschiedene Möglichkeiten gibt: Lokalisierung eines Objekts in einem absoluten (z. B. Objekt und Himmelsrichtung), relativen (Beobachter, Objekt und anderes Bezugsobjekt) oder intrinsischen Bezugssystem (Bezug auf das Objekt selbst).
Handlungstheorie Der amerikanische Soziologe Talcott Parsons schlug 1951 in seinem Buch The Structure of social action vor, die vielen Aspekte des Handelns in drei Bezugssystemen (frame of reference) zu ordnen.Parsons: The social system. 1991, S. 5 f
Die markante und viel zitierte Gegenüberstellung der drei Bezugssysteme Persönlichkeit, Soziales System und Kultur hat eine ordnungsstiftende und zugleich eine heuristische Funktion hohen Grades. Diese Bezugssysteme sind eigenständig, sie sind nicht aufeinander reduzierbar.
Siehe auch Gestalttheorie Perspektivität Pluralismus (Philosophie) Theory of Mind
Literatur Norbert Bischof: Psychologie. Ein Grundkurs für Anspruchsvolle. Kohlhammer, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-17-020365-5 Wolf Lauterbach, Viktor Sarris (Hrsg.): Beiträge zur Bezugssystemforschung. Huber, Bern 1980, ISBN 3-456-80911-5 Wolfgang Metzger: Psychologie. Die Entwicklung ihrer Grundannahmen seit der Einführung des Experiments. Steinkopff, Dresden 1941, S. 135 f. 6. Auflage 2001 im Verlag Wolfgang Krammer, Wien, S. 131ff, ISBN 3-901811-07-9 Hellmuth Metz-Göckel: Witzstrukturen. Gestalttheoretische Beiträge zur Witztechnik. VS Verlag für Sozialwissenschaften 1989, ISBN 978-3531120393 Hans Mogel: Bezugssystem und Erfahrungsorganisation. Hogrefe, Göttingen 1990, ISBN 978-3801703622 Talcott Parsons: The social system. Routledge & Kegan Paul, London 1951/1991, ISBN 978-0029241905 Wilhelm Witte: Das Problem der Bezugssysteme. In: Wolfgang Metzger (Hrsg.) Handbuch der Psychologie. Band I/1. Allgemeine Psychologie (S. 1003–1027). Hogrefe, Göttingen, 1966.
Weblinks Hellmuth Metz-Göckel (2014): Über Bezugsphänomene: Wie ein Sachverhalt durch den Bezug auf einen Anderen seine besonderen Merkmale erhält - Gestalttheoretische Grundlagen und Anwendungen im Bereich der Kultur und der Sprache, in: Gestalt Theory, 36(4), 355–386.
Einzelnachweise
Kategorie:Allgemeine Psychologie Kategorie:Wissenschaftstheorie