mini|hochkant|Abzeichen für Bergführer des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins (1882) Der Deutsche und Österreichische Alpenverein (DuÖAV, auch DÖAV bzw. DuOeAV) bestand von 1874 bis 1938 aus dem reichsdeutschen, dem deutsch-österreichischen und dem deutsch-böhmischen Zweig des Alpenvereins.
Geschichte Entstehung Der Oesterreichische Alpenverein (OeAV) wurde 1862 in Wien als erster Bergsteigerverband des europäischen Festlands und damit als zweitältester der Welt nach dem britischen Alpine Club gegründet. Die Gründungsversammlung fand am 19. November 1862 in der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften statt. Vorrangiges Ziel des Vereins war die wissenschaftliche Erforschung der österreichischen Alpen. Bei der ersten Vollversammlung zählte der Verein über 600 Mitglieder, die zu zwei Dritteln in Wien wohnten und aus der gehobenen Mittelschicht, vor allem aus dem akademischen Bildungsbürgertum stammten. Kritiker hielten dem Verein bald vor, zu wenig für die touristische Erschließung der Bergwelt zu tun und zu zentralistisch organisiert zu sein. Nach ihrer Ansicht hatten Mitglieder außerhalb Wiens so gut wie keinen Einfluss auf die Vereinspolitik. Der Versuch einiger Mitglieder, den Verein durch die Einrichtung selbstständiger Sektionen zu dezentralisieren, traf auf heftigen Widerstand im Verein und wurde ebenso blockiert, wie die Einbeziehung deutscher Gebiete.Rainer Amstädter: Der Alpinismus: Kultur – Organisation – Politik. S. 41–42. mini|hochkant|Theodor Petersen, von 1874 bis 1876 erster Präsident des DuOeAV Unzufriedene Mitglieder des OeAV – wie der Ötztaler Kurat Franz Senn – bildeten die Keimzelle für eine neue Vereinsgründung. Am 9. Mai 1869 wurde in München der Deutsche Alpenverein (DAV) als „bildungsbürgerlicher Bergsteigerverein“ gegründet. Zwei Jahre vor der Gründung des Deutschen Kaiserreiches hatte der Begriff „deutsch“ eine umfassendere Bedeutung, wie er seit dem Deutschen Bunde verbreitet war und bezog sich nicht auf eine staatliche Zugehörigkeit.Martin Achrainer, Nicholas Mailänder: Der Verein. In: Deutscher Alpenverein, Oesterreichischer Alpenverein, Alpenverein Südtirol (Hrsg.): Berg Heil! Alpenverein und Bergsteigen 1918–1945. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2011, ISBN 978-3-412-20830-1, S. 199. Mit dem Dachverband konstituierte sich zugleich die Sektion München als erste Sektion des DAV. Innerhalb weniger Wochen folgten die Gründungen der DAV-Sektionen Augsburg, Leipzig, Lienz, Salzburg und Wien. Bereits in der ersten Ausgabe der Vereinszeitung wurde eine Vereinigung mit dem OeAV angestrebt. 1870 zählte der DAV bereits 22 Sektionen mit über 1000 Mitgliedern.Rainer Amstädter: Der Alpinismus: Kultur – Organisation – Politik S. 43.
Nach langwierigen Verhandlungen zwischen DAV und OeAV wurde 1871 in einem ersten Schritt die gemeinsame Herausgabe der Vereins-Publikationen beschlossen. Keine Einigkeit bestand zunächst über den zukünftigen Namen des neuen Vereins. Der DAV bestand auf der Beibehaltung der Bezeichnung „Deutscher Alpenverein“, während der OeAV den Namen „Centralverein für Alpenkunde“ vorschlug. 1873 kam der DAV dem OeAV entgegen und schlug auf seiner Hauptversammlung am 23. August 1873 in Bludenz vor, unter dem Namen „Deutscher und Oesterreichischer Alpenverein“ fusionieren zu wollen. Allerdings war der Vorschlag an die Bedingung gebunden, dass der OeAV mit der Sektion Wien des DAV zur Sektion Austria verschmelze und letztere dem DAV beitrete. Am 19. November 1873 stimmte der OeAV dem Vorschlag gezwungenermaßen zu, da der zentralistische OeAV im Gegensatz zu dem in Sektionen dezentralistisch strukturierten DAV im Habsburgerreich immer mehr an Bedeutung verlor.Rainer Amstädter: Der Alpinismus: Kultur – Organisation – Politik. S. 44. Am 1. Jänner 1874 trat die Sektion Austria dem DuOeAV bei.Anneliese Gidl: Alpenverein: Die Städter entdecken die Alpen. S. 76. „Oder richtiger gesagt, ging der Oesterreichische Alpenverein in den DuOeAV auf“, wie es der Archivar des Vereins, Aloys Dreyer, in seinem 1909 erschienenen Werk zur Geschichte des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins bezeichnete.Aloys Dreyer: Der Alpinismus und der Deutsch-Österreichische Alpenverein: Seine Entwicklung – Seine Bedeutung – Seine Zukunft. S. 97. mini|Schuldverschreibung über 50 Kronen der Sektion Austria des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins vom 1. Januar 1907
Bei der Generalversammlung am 9. September 1876 in Bozen wurden die gemeinsamen Statuten des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins verabschiedet.Bericht der Bozner Zeitung vom 11. September 1876, S. 2–3 (Digitalisat). Der Zusammenschluss nahm die später viel beschworene Nibelungentreue um Jahrzehnte vorweg und war nach Kurt Scharr Ausdruck einer zunehmend national-chauvinistischen Tendenz.Kurt Scharr: Unser Alpenverein will und soll kein politischer Verein sein [...]: Der Deutsche und Österreichische Alpenverein und der Erste Weltkrieg. S. 253. Bis zum Anschluss Österreichs 1938 war der DuOeAV die einzige bedeutende Organisation, in der die großdeutsche Lösung symbolisch umgesetzt worden war.Martin Achrainer, Friederike Kaiser, Florian Trojer: Berg Heil! Eine Einführung. In: Deutscher Alpenverein, Oesterreichischer Alpenverein, Alpenverein Südtirol (Hrsg.): Berg Heil! Alpenverein und Bergsteigen 1918–1945. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2011, ISBN 978-3-412-20830-1, S. 9.
Aufbau und Entwicklung bis zum Ersten Weltkrieg Im Gegensatz zu den elitären, nur Bergsteigern vorbehaltenen Zusammenschlüssen des British Alpine Club und des Schweizer Alpen-Club, war der Beitritt beim DuOeAV nicht an irgendwelche bergsteigerische Leistungen gebunden. Der Verein war ausdrücklich kein reiner Bergsteigerverein und stand in seiner Gründungsphase prinzipiell jedem offen. Er präsentierte sich als gelehrte Gesinnungsgemeinschaft, in der naturkundliche-forschende und ästhetische Punkte im Vordergrund standen. Der postulierte gesellschaftliche Universalitätsanspruch war aber in Wirklichkeit vor allem auf das Groß- und Bildungsbürgertum beschränkt.Dagmar Günther: Alpine Quergänge: Kulturgeschichte des bürgerlichen Alpinismus (1870–1930). S. 34–36. Besonders stark vertreten waren Lehrer, die 1912 sogar eine eigene „Wiener Lehrer-Sektion“ bildeten. Nach der deutschen Reichsgründung 1871 entwickelte sich der DuOeAV innerhalb weniger Jahre zum weltweit größten Bergsteigerverein. Im Deutschen Reich und in Österreich-Ungarn nahm er eine Monopolstellung ein und behinderte die Entwicklung von Konkurrenzvereinen, die sich früher oder später als Sektionen dem DuOeAV anschlossen. Die vom Alpenverein ausgeschlossene Arbeiterschaft gründete 1895 die Naturfreunde.Rainer Amstädter: Der Alpinismus: Kultur – Organisation – Politik. S. 53–54.
Ein besonderes Gewicht maß der Alpenverein der Erschließungsarbeit in den Ostalpen zu. Durch den Bau von Schutzhütten und Wegen sowie mit Hilfe der werbewirksamen Vereinsschriften förderte der DuOeAV von Beginn an den Fremdenverkehr in den Bergen. Er schuf damit die Voraussetzungen für die Entwicklung des Alpinismus als touristisches Phänomen. Mit dem Tourismus waren wiederum neue Erwerbschancen der Bergbevölkerung verbunden, die sich im Gegenzug allerdings den Interessen des Tourismus zu unterwerfen hatten. Der Alpenverein nutzte das von seiner Erschließungsarbeit ausgehende wirtschaftliche Potential geschickt bei Verhandlungen mit Behörden und Regierungsvertretern, dominierte aber auch aufgrund seiner Mitgliederzahl den alpinen Tourismus.Rainer Amstädter: Der Alpinismus: Kultur – Organisation – Politik. S. 52.
Der Verein war föderalistisch ausgerichtet und in selbstständige Sektionen gegliedert. Bis zur 1908 beschlossenen und 1910 in Kraft getretenen Reform der Satzungen, stand den Sektionen ein koordinierender Zentralausschuss vor. Dem Dachverband unterlag insbesondere die Herausgabe der Vereinspublikationen. Auch wenn die Sektionen rechtlich eigenständige Körperschaften waren, bedurften Satzungsänderungen der vorherigen Genehmigung durch den Dachverband.Dagmar Günther: Alpine Quergänge: Kulturgeschichte des bürgerlichen Alpinismus (1870–1930). Fußnote 3, S. 36 und Fußnote 4, S. 37. Der Zentralausschuss entschied aber auch über die Aufnahme neuer Sektionen und führte die laufenden Geschäfte, die vor allem finanzieller Natur waren. Er wurde bis zur Statutenreform 1910 nach dem Vorortprinzip geführt. Das heißt, die Mitglieder des Ausschusses wurden aus den Mitgliedern einer einzigen Sektion rekrutiert, deren Amtszeit zuletzt auf drei Jahre beschränkt war.Martin Achrainer: „So, jetzt sind wir ganz unter uns!“ Antisemitismus im Alpenverein. S. 291.
Mit der Änderung der Satzung trat anstelle des Zentralausschusses der auf fünf Jahre aus den Mitgliedern einer Sektion gewählte Verwaltungsausschuss. Letzterer wurde durch einen überregionalen Hauptausschuss ergänzt, dem alle wichtigen Entscheidungen vorbehalten waren, während der Verwaltungsausschuss die laufenden Geschäfte führte. Der Vorsitzende des Hauptausschusses war zugleich erster Vorsitzender des DuOeAV, der Vorsitzende des Verwaltungsausschusses sein Stellvertreter. Ein dritter Vorsitzender wurde nach regionalen Gesichtspunkten gewählt. Mit der Einrichtung des Hauptausschusses wurde eine gewisse Kontinuität in der Vereinsleitung angestrebt.Martin Achrainer: „So, jetzt sind wir ganz unter uns!“ Antisemitismus im Alpenverein. S. 291–292. Dem 25 Köpfe starken Haupt- und dem 5 Köpfe starken Verwaltungsausschuss standen zudem diverse Beiräte zur Seite, wie der wissenschaftliche Beirat oder der Beirat für den Hütten- und Wegebau.Dagmar Günther: Alpine Quergänge: Kulturgeschichte des bürgerlichen Alpinismus (1870–1930). Fußnote 3, S. 36. Auf Veranlassung des wissenschaftlichen Beirats entstand beispielsweise 1891 der Gletschermessdienst.
1914 besaß der DuOeAV 407 Sektionen mit über 100.000 zahlenden Mitgliedern sowie 319 Hütten und Unterkunftshäuser in den Ostalpen.
Erster Weltkrieg und Nachkriegszeit Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Sommer 1914 wurde das Bekenntnis zur deutschen Kulturnation zum unentbehrlichen Gegenstand der Selbstdefinition des DuOeAV. Waren die Veröffentlichungen des Vereins seit seiner Gründung in lateinischen Druckbuchstaben gesetzt worden, änderte sich dies ab dem Herbst 1914. In einem offenen Bekenntnis zur deutschen Nation verkündete der Verwaltungsausschuss in den Mitteilungen vom 30. September 1914 im Geiste einer deutschen kulturellen Überlegenheit die Einführung der Bruchschrift.Kurt Scharr: Unser Alpenverein will und soll kein politischer Verein sein [...]: Der Deutsche und Österreichische Alpenverein und der Erste Weltkrieg. S. 255–256.
Mit dem italienischen Kriegseintritt im Mai 1915 verschärften sich die Töne noch. War der DuOeAV durch den Kriegseintritt mit seinen zahlreichen Hütten in unmittelbarer Frontnähe doch empfindlich getroffen worden. Der Kampf gegen den Irredentismus gewann politisches Oberwasser und die 1872 im italienischsprachigen Teil Tirols gegründete Società degli Alpinisti Tridentini (SAT) wurde auf Betreiben des DuOeAV aufgelöst.Kurt Scharr: Unser Alpenverein will und soll kein politischer Verein sein [...]: Der Deutsche und Österreichische Alpenverein und der Erste Weltkrieg. S. 257. Nach der Auflösung der SAT Anfang 1916 gründete die DuOeAV-Sektion Trient die Sektion Welschtirol, die im Einvernehmen des Hauptausschusses das Vermögen der SAT einschließlich ihrer Hütten übernahm.Alpenverein Südtirol (Hrsg.): 150 Alpenverein in Südtirol: Jubiläumsausgabe 2019. Alpenverein Südtirol, Bozen 2018, ISBN 978-88-944018-0-6, S. 23. Immer mehr rückte der Krieg als Rassenkampf und Kampf der Kulturen in den Vordergrund. In seinen Publikationen verbreitete der DuOeAV den Mythos vom Verrat Italiens und rief seine Mitglieder dazu auf, gegen die Verwelschung Deutsch Südtirols anzukämpfen.Kurt Scharr: Unser Alpenverein will und soll kein politischer Verein sein [...]: Der Deutsche und Österreichische Alpenverein und der Erste Weltkrieg. S. 258.