Zagori ( ) ist eine Gemeinde in der nordwestgriechischen Region Epirus. Die flächengrößte und einwohnerärmste Gemeinde der Region wurde zum 1. Januar 2011 gegründet. Namensgebend ist das gleichnamige historische Gebiet mit den als Zagorochoria oder Zagoria bezeichneten Dörfern. Der Verwaltungssitz ist die Kleinstadt Asprangeli. 2023 wurde Zagori aufgrund seiner traditionellen Dörfer und seiner der Berglandschaft angepassten Bauweise zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt.

Etymologie und Toponyme Die Bezeichnung Zagori (‚hinter dem Berg‘) ist erstmals in einer Goldbulle von Kaiser Andronikos II. im Jahr 1321 belegt. Sie hat ihren Ursprung aus dem Altslawischen Zagorь̂je für za ‚hinter‘ und gora ‚Berg‘ oder ‚Wald‘.Max Vasmer: Die Slaven in Griechenland. Preußische Akademie der Wissenschaften, Berlin 1941, S. 34 Online Dass es schwer ist, die einzelnen Orte zu erreichen, hat sich im Laufe der Geschichte als Vorteil herausgestellt. Dadurch blieb die Region durch die Jahrhunderte von großen Umwälzungen verschont. Bewohner dieser unzugänglichen Gebiete sind die Sarakatsanen, die einige altertümliche Wörter benutzen und einen eigenen Dialekt sprechen, der allgemein als Nachfolger des Dorischen Griechisch angesehen wird.

Geographie Das durch bewaldete Berge und tiefe Schluchten charakterisierte Land wird von den Bergstöcken des Tymfi im Norden und Westen und des Mitsikeli und Lakmos im Süden begrenzt. Das Gebiet kann ungefähr mit einem gleichschenkligen Dreieck beschrieben werden. Die Eckpunkte sind die Provinzhauptstadt Ioannina im Süden, die Schlucht des Aoos mit Konitsa im Norden und Metsovo im Südosten. Ein großer Teil der Fläche wird von den Nationalparks Nationalpark Vikos-Aoos und Nationalpark Pindos (Valia-Kalda) eingenommen. Die einzelnen Dörfer sind über enge, kurvenreiche Straßen und gepflasterte Wege erreichbar, viele steinerne Brücken überqueren Bachläufe und Flüsse. Im größten Teil des Winters ist das Land schneebedeckt und die Dörfer sind schwer erreichbar. Mit einer Bevölkerungsdichte von 4 Einwohnern/km² ist das Gebiet sehr dünn besiedelt. Die Region ist reich an Bächen und Flüssen, die allerdings teilweise nur saisonal Wasser führen. Sie haben viele spektakuläre Schluchten in das Gestein geschnitten. Die bekanntesten gehören dem Aoos, dem Voidomatis und dem Zagoritikos.

Lage Die Gemeinde Zagori liegt im Osten der Region Epirus zwischen den Städten Ioannina im Süden, Konitsa im Norden und Metsovo im Osten. Angrenzende Gemeinden sind im Osten Grevena in der Region Westmakedonien sowie innerhalb der Region Epirus im Südosten Metsovo, im Süden Ioannina, im Westen Zitsa und Pogoni und im Norden Konitsa.

Wirtschaft und Verkehr Im Westen verläuft die Nationalstraße 20 zwischen Ioannina und Konitsa, im Süden die Nationalstraße 6 und die Egnatia Odos. Die gebirgige Landschaft hat immer eine großräumige Erschließung erschwert, sodass nach wie vor manche Dörfer nur zu Fuß erreichbar sind. Die nächstgelegene Anbindung an den Nahverkehr geht über Ioannina.

Geschichte 330px|mini|Die Vikos-Schlucht vom Aussichtspunkt Oxya (Οξυά) aus. 330px|mini|Der Drachensee (Δρακόλιμνη) und im Hintergrund der Gipfel des Kamilas (Γκαμήλας, 2.497 m) Die ersten Zeugnisse menschlicher Besiedlung stammen aus der Zeit zwischen 17.000 und 10.000 Jahren vor unserer Zeitrechnung. In der Klidi-GrotteRockshelter Kleidi in Epirus in der Schlucht des Voidomatis hat man Werkzeuge aus dem Epipaläolithikum gefunden. Im Altertum wurde das Gebiet von den Tymphäern bewohnt die zum Königreich der Molosser gehörten. Später, in der klassischen Zeit gehörte ganz Epirus zu deren Herrschaftsgebiet. Die Molosser waren bekannt für ihre großen Kriegshunde, die sie bei ihren Kriegszügen mitführten. Molossos (Μολοσσός), der legendäre Volksgründer, soll ein Sohn von Neoptolemos (Νεοπτόλεμος, einem Sohn von Achilles) und der Andromache (Hektors Frau) gewesen sein. Aufgrund seiner hellen Haare wurde er Pyrrhos genannt und begründete eine Dynastie epirotischer Könige, die bis zu Pyrrhos I. in hellenistischer Zeit reichte. Er führte einige Feldzüge gegen die Römer in Italien. Olympias von Epirus, die Mutter von Alexander, war eine Prinzessin aus dem Geschlecht der Molosser. Ihre Heimat war die Stadt Molossis (Μολοσσίδα), die am Zusammenfluss der Ströme Aoos, Voidomatis, und Sarantaporos (Σαραντάπορος) im Norden von Zagori lag. Reste von Kyklopenmauern bei Skamneli (Σκαμνέλι Ιωαννίνων) zeugen von der frühen Besiedlung. Zwischen dem 9. und dem 4. Jahrhundert v. Chr. bestand auch eine kleine molossische Siedlung zwischen Monodendri (Μονοδένδρι Ιωαννίνων) und Vitsa (Βίτσα Ιωαννίνων). Man hat Steinhäuser und zwei Bestattungsplätze gefunden, wo bedeutende archäologische Funde zu Tage kamen. Auch wenn das Land eine große Vergangenheit besitzt, gab es doch für die längste Zeit nur eine bäuerliche Gesellschaft und gerade genug Vorräte zum Überleben. In dieser Zeit wanderte auch der griechische Hirtenstamm der Sarakatsanen ein, dessen Nachfahren noch heute zwischen Griechenland, Bulgarien und Mazedonien nomadisieren. 167 v. Chr. eroberten die Römer 70 Städte von Epirus, nahmen 150.000 Bewohner nach Rom mit und zerstörten Zagori.

Byzantinische Epoche mini|Die Herrschaft von Epirus (grün; 1230–1251). mini|Kloster Agia Paraskivi (Vikos). Der Zuzug slawischer Bevölkerung am Beginn der byzantinischen Herrschaft wird durch eine Vielzahl von Ortsnamen in der Region dokumentiert. Offenbar gab es einige Gruppen von Kriegern, die in der Region Fuß fassten und Siedlungen gründeten. Zur selben Zeit entstanden auch verschiedene Klöster, wie das Kloster Voutsa (Μονή Βουτσάς) bei Greveniti, das Kloster Metamorphosis (Μονή της Μεταμόρφωσης) bei Klidonia, das im 7. Jahrhundert von Kaiser Konstantin IV. gegründet wurde, und das Kloster Agios Ioannis Rongkou (Μονή Αγίου Ιωάννη Ρογκοβού), bei Tsepelovo (gegründet 1208 von der Schwester von Romanos III.).

Zwischen 1204 und 1337 kam das Gebiet zum Despotat Epirus. Im 14. Jahrhundert war Zagori eine Trutzburg des Hellenismus. In dieser Zeit kam es zu häufigen Einfällen albanischer Stämme. Die Bewohner von Zagori stellten einen großen Teil der Garnison von Ioannina. Unter Kaiser Andronikos III. kam das Despotat 1337 noch einmal kurzzeitig unter byzantinische Herrschaft. Schon 1348 übernahm der serbische Zar Stefan Uroš IV. Dušan die Macht, und bald darauf annektierte Carlo I. Tocco das Gebiet in seine lateinische Grafschaft. Doch bereits 1430 eroberten die Osmanen die Region und Zagori musste vor dem Sultan Murad II. „die Knie beugen“.

Osmanische Zeit 1431 wurde mit Sinan Pascha ein Vertrag ausgehandelt. Die Zagorier erhielten eine gewisse Autonomie: Der Koinon von Zagori (), eine autonome Gemeinschaft der damals 14 Dörfer war geboren. Zu den Bedingungen gehörten Gesandtschaften und Steuern, dafür hatten die Gemeinden administrative Freiheiten und es wurde Türken verboten, die Grenzen des Gebiets zu überschreiten. Das Abkommen von Voinikos (Συνθήκης του Βοϊνίκου) regelte den Status. Die Zagorier erhielten eine eigene Gerichtsbarkeit durch einen Ältestenrat, die sogenannte Dimogerontia (Δημογεροντία), die durch den sogenannten Vekylis (Βεκύλης) vertreten wurde. Darüber hinaus hielten sie eine eigene Sicherheitstruppe, die Sipachi (σπαχήδες). 1480 schlossen sich die Dörfer des östlichen Zagori, größtenteils aromunisch-vlachische Dörfer, dem Vertrag an. Daher war das Gebiet ethnisch stark gemischt. Sowohl aromunische als auch slawische Bevölkerungsanteile gehörten zum Koinon. Aber trotzdem erhielt die Gemeinschaft am stärksten den griechischen Charakter. Nicht zuletzt aufgrund der Auswanderer, welche die griechische Schulbildung unterstützten. Eine Neuordnung geschah 1670, als unter einem neuen Vertrag weitere Privilegien (Surutia, Σουρούτια) ausgehandelt wurden, die erst 1868 endgültig vom Sultan unterzeichnet wurden. Die 14 Dörfer wurden erstmals 912 n. Chr. erwähnt und entwickelten mit der Zeit einen ständig zunehmenden Handel. Diese Vereinbarung war günstig für die Eroberer, brachte allerdings auch die Rettung für Zagori, denn dadurch wurden dem Schutzcharakter, den die natürlichen Gegebenheiten boten, rechtliche Grundlagen gegeben und Zagori wurde niemals zerteilt, um türkische Landbesitzer zu befriedigen. In der Folge entwickelte sich eine große Gruppe von Händlern mit Beziehungen nach Rumänien, Russland und Konstantinopel. Sie wurden zur herrschenden Klasse und trugen viel zur Blüte des Gebiets bei. Im 17. Jahrhundert schlossen sich auch die Dörfer im westlichen Zagori dem Vertrag an, so dass 1678 60 Dörfer zum „Koinon“ gehörten. Im 18. Jahrhundert wurden Schulen für Jungen und Mädchen errichtet, Mühlen erbaut und die Wasserversorgung mit kunstvoll verzierten Brunnen ausgestattet und zahlreiche Brücken (γιοφύρια) errichtet. Es gab eine einheimische traditionelle Medizin, die von den „Vikos-Doktoren“ (γιατρών το Βίκου) vertreten wurde, welche die Kräuter für ihre Behandlungen in den Schluchten des Vikos sammelten.Despina Vokou: Ethnobotanical survey of Zagori (Epirus, Greece), a renowned centre of folk medicine in the past. In: Journal of Ethnopharmacology. Einige der Schulen, die aufgrund großzügiger Spenden von zagoriser Phanarioten und anderen Auswanderern gebaut wurden, sind bis heute erhalten, wie zum Beispiel die Öffentliche Schule Griechischen Lernens (Kini Scholi Ellinikon Mathimaton -Κοινή Σχολή Ελληνικών Μαθημάτων) in Monodendri (Gestiftet von Manthos und Georgios Rizaris - Μάνθος, Γεώργιος Ριζάρης 1835). Die Brüder eröffneten ebenso die kirchliche Schule in Athen Rizario Ekklisiastiki Scholi (Ριζάρειο Εκκλησιαστική Σχολή στην Αθήνα, 1844), als Zagori völlig unter osmanischer Herrschaft stand. Die Brüder Ioannis und Dimitrios Anagnostopoulos aus Dilofo gründeten die Anagnostopouleios in ihrem Heimatdorf und unterstützten die Zosimaia Scholi in Ioannina. Michael Anagnostopoulos aus Papingo erbaute die Kallinios-Schule in Papingo und die Anagnostopoulios-Schule in Konitsa.Βασίλης Μηνακάκης Ζαγοροχώρια (Zagorochoria)’’ Explorer, Athens, 2006. Durch diese Förderung hat sich die griechische Sprache in dem Gebiet gut erhalten.Nicholas Hammond: Migrations and invasions in Greece and adjacent areas. Noyes Press, 1976, ISBN 0-8155-5047-2, S. 61. Da die Berge der direkten Einflussnahme der Osmanen entzogen waren, boten sie Griechen, die auf der Flucht vor den Behörden waren, einen sicheren Zufluchtsort. Mehrere Gelehrte der Aufklärung in Griechenland, wie Neofytos Doukas und Athanasios Psalidas fanden hier Schutz, nachdem die Armee des Sultans 1820 Ioannina zerstört hatte. Es gab sogar Pläne, im Kloster Agios Ioannis bei Rogovou, in der Nähe von Tsepelovo eine Universität einzurichten.Frangoulis, Odysseas T., ‘’Το Σκαμνέλι. Συμβολή στην ιστορία του, ήθη – έθιμα – παραδόσεις (Skamneli, a Contribution to its History: Cultural Practices, Customs, and Traditions)’’, published by the Association of Skamneliots in Zagori, Ioannina 1988.Ευριπίδης Γιαννάκος ‘’Το Μοναστήρι του Αγιάννη στο Ρογκοβό (The Monastery of St John of Rogovou)’’ Εκδόσεις Το Ζαγόρι μας, Ioannina 1985. 1820, nach dem Aufstand von Ali Pascha, wurde eine türkische Streitmacht von 1500 Soldaten unter Ismael Pasha nach Zagori entsandt. Alexis Noutsos aus Kapesovo, ein Mitglied der Filiki Eteria, kommandierte die Verteidigungstruppen, jedoch errangen die Streitkräfte des Sultans den Sieg. Ismael Pasha schaffte die meisten Privilegien ab und erhielt nur das Recht, den Gouverneur (Vekylis) zu ernennen, aber auch dessen Autorität war nur noch nominell. Eine hohe Steuer von 250 Silberstücken pro Person und zusätzliche Steuern wurden eingeführt, albanische und lokale Banditen begannen ihr Unwesen. Dies endete erst, als Zagori 1913 im Balkankrieg befreit wurde.

Neuzeit mini|Das Dorf Aristi.