Lottigna, früher Luthynien ist eine Ortschaft in der Gemeinde Acquarossa im schweizerischen Kanton Tessin. Sie liegt zentral im Bleniotal und war einst dessen Hauptort. 2004 fusionierte die bis anhin selbständige Gemeinde mit mehreren Nachbargemeinden zur neuen Gemeinde Acquarossa.

Geographie mini|links|Blick ins Bleniotal, in der Bildmitte das Dorf Lottigna Lottigna liegt auf 678 Metern über Meer am östlichen Ufer des Flusses Brenno und am Fuss des Berges Simano. Nachbardörfer sind im Norden Grumo und Torre. Im Osten ist das Terrain hochalpin und über rund 18 km unbewohnt. Der Osthang weist keine Alpwirtschaften auf. Im Süden befindet sich der Ort Acquarossa mit den gleichnamigen Kurort, bestehend aus den Fraktionen Comprovasco (früher Gemeinde Leontica) und Stallaccia (früher Gemeinde Corzoneso). Im Westen trennt der Brenno das Dorf Lottigna von Prugiasco, Castro und Ponto Valentino. Bei All’Acqua und Acquarossa bestehen Brücken.

Durch die erhöhte Lage hat Lottigna eine gute Sicht auf die umliegenden Orte im Westen. Diese liegen am Fuss des halbkreisförmig zum 2195 Meter hohen Punta di Larescia (Cima di Gorda) im Norden und zum 2417 Meter hohen Pizzo Erra im Süden auslaufenden 2586 Meter hohen Pizzo Molare. Ein Seitenkamm des Matro schliesst die Sicht nach Süden. Im Osten erhebt sich der 2580 Meter hohe Cima del Simano, der zum 2843 Meter hohen Cima di Gana Bianca aufsteigt. Im Norden sind überdies der Cima di Pinadee mit 2486 Metern und der 2221 Meter hohe Sosto bei Olivone sichtbar.

Geschichte links|mini|Casa dei Landfogti oder della Giustizia Eine erste Erwähnung findet das Dorf im Jahre 1201 unter dem Namen Lotingnia. 1309 war es eine Vicinia, die zur fagia de medio oder Fagia von Aquila gehörte. Das Kloster Disentis besass einen Monastero (deutsch: Kloster) genannten Grundbesitz.

Im Mittelalter teilte Lottigna die Geschicke des Bleniotals. Nachdem es der Talbevölkerung gelungen war, sich auf juristische und militärische Weise von der Herrschaft norditalienischer Adelsfamilien zu lösen, leistete sie 1495 einen Treueeid auf die Schutzmacht Uri. 1502 bestimmte die eidgenössische Tagsatzung Lottigna zur Residenz des Landvogtes von Blenio, der im zweijährlichen Turnus von den drei Besatzungsmächten Uri, Schwyz und Nidwalden berufen wurde. Die bei der Talbevölkerung zunehmend unbeliebte Herrschaft der drei Urkantone hielt im Ancien Régime bis ins Jahr 1798 an.

Im Rahmen der die gesamte Schweiz betreffenden Umwälzungen nach der Französischen Revolution gelangte Lottigna in der Helvetischen Republik kurzzeitig unter die Verwaltung des Kantons Bellinzona und gehört heute zum 1803 neu gegründeten Kanton Tessin. Seinen Status als Hauptort des Bezirks Blenio verlor das Dorf Lottigna an die Fraktion Acquarossa und danach an Comprovasco (Leontica). mini|links|Werner Friedli: Blick auf die Thermen von Acquarossa (1954) 280px|mini|Gemeindestand vor der Fusion am 4. April 2004 mini|Werner Friedli: Lottigna mit Ponto Valentino und Sosto im Hintergrund, Luftbild (1953)

Die Pfarrei entstand 1555 nach der Loslösung von Torre; 1927 wurden die beiden Pfarreien wieder vereint. Die Wirtschaft von Lottigna fusste vor allem auf Ackerbau und Viehzucht. Lottigna wurde, wie das übrige Bleniotal, seit Beginn des modernen Zeitalters von der Auswanderung geprägt, welche zunächst hauptsächlich nach Italien und später nach Übersee führte. Parallel dazu entwickelte sich eine saisonale Auswanderung in die urbanen Zentren Europas, namentlich in französische, belgische und englische Grossstädte. Wichtigster Erwerbszweig dieser teilweise zu Wohlstand gelangten Auswanderer war das Hotel- und Gaststättengewerbe und der Handel mit selbst hergestellten Süsswaren. So betrieb zum Beispiel die Familie von Pietro und Luigi Reggiori (1853–1924) ein Restaurant in London in King’s Cross in der Euston Road 1 & 3.

1887 wurde in Acquarossa das Albergo delle Terme (Mineralquellen, Fango) eröffnet, das sich zum touristischen Zentrum des Tals entwickelte, 1971 aber seine Tore schloss. Bestrebungen zur Wiedereröffnung sind im Gange. 2000 stellte der Dienstleistungssektor einen Drittel der Arbeitsplätze in Lottigna; zwei Drittel der Erwerbstätigen waren Wegpendler.

Am 4. April 2004 fusionierte Lottigna zusammen mit Castro, Corzoneso, Dongio, Largario, Leontica, Marolta, Ponto Valentino und Prugiasco zur neuen Gemeinde Acquarossa. Lottigna bildet aber nach wie vor die eigenständige Bürgergemeinde Patriziato Generale di Aquila, Torre, Lottigna.Patriziato Generale di Aquila, Torre, Lottigna auf ti.ch/di/sel/patriziati

Bevölkerung

Verkehr Lottigna liegt an der Lukmanierpassstrasse Biasca–Olivone–Disentis/Mustér. Im öffentlichen Verkehr wird Lottigna von der Buslinie 62.131 Olivone–Acquarossa–Biasca der Autolinee Bleniesi erschlossen. Im Sommer verkehrt zudem die gemeinsam von der Autolinee Bleniesi und Postauto betriebene Linie 140 von Biasca über den Lukmanierpass nach Disentis/Mustér.Offizielles Kursbuch, Fahrplanjahr 2025. In: öv-info.ch

Sehenswürdigkeiten mini|Pfarrkirche Santi Pietro e Paolo mini|x230px|Mosè Bertoni (1910), Botaniker, Sprachforscher und Anarchist

Die Pfarrkirche Santi Pietro e Paolo geht auf das Jahr 1632 zurück. Ein der Mutter Gottes geweihter Vorgängerbau ist schon im 13. Jahrhundert belegt.Pfarrkirche Santi Pietro e Paolo (Foto) auf ti.ch/dt/dstm/sst/ubc Der Palazzo del Pretorio (auch casa dei landfogti genannt) war Zentrum der gemeinen eidgenössischen Herrschaft Blenio, ein stattliches, mit zahlreichen Wappen geschmücktes Gebäude (1968–1972 renoviert), das unter Verwendung älterer Grundmauern (1461) wohl im 16. Jahrhundert erbaut worden war. Nach der Gründung des Kantons Tessin diente es als Gefängnis und Bezirksgericht. Letzteres wurde 1891 nach Acquarossa, anschliessend nach Comprovasco verlegt. Seit 1979 beherbergt es mit dem Museo della Valle di Blenio das wichtigste Museum des Tals.Museum von Bleniotal (Foto) auf ti.ch/dt/dstm/sst/ubc Die im Talgrund errichtete Kapelle San Sebastiano ist mit bedeutenden spätgotischen Fresken ausgestattet (1445, restauriert 1995). PfarrhausPfarrhaus (mit Foto) auf ti.ch/dt/dstm/sst/ubc Le Terme im Ortsteil AcquarossaLe Terme (Foto) auf ti.ch/dt/dstm/sst/ubc Villa Antognoli, 1913 nach Plänen von Elvidio Casserini erbaut, ab 1933 im Besitz von Giuseppe Pagani, dem Eigentümer der Schokoladenfabrik Cima Norma.

Persönlichkeiten

Literatur Piero Bianconi: Arte in Blenio. Guida della valle. S.A. Grassi & Co. Bellinzona-Lugano 1944. Piero Bianconi (Hrsg.): Inventario delle cose d’arte e di antichità. Le Tre Valli Superiori. Leventina, Blenio, Riviera. Grassi & Co., Bellinzona 1948, S. 107, 113.

Virgilio Gilardoni: Lottigna. In: Il Romanico. Catalogo dei monumenti nella Repubblica e Cantone del Ticino. La Vesconta, Casagrande S.A., Bellinzona 1967, S. 40, 43, 179, 388–390, 546. Simona Martinoli und andere: Lottigna. In: Guida d’arte della Svizzera italiana. Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Edizioni Casagrande, Bellinzona 2007, S. 89, 93, 95. Johann Rudolf Rahn: I monumenti artistici del medio evo nel Cantone Ticino. Tipo-Litografia di Carlo Salvioni, Bellinzona 1894, S. 175–177. Celestino Trezzini: Lottigna. In: Historisch-Biographisches Lexikon der Schweiz. Band 4: Güttingen – Mailand. Attinger, Neuenburg 1927, S. 715 (Digitalisat).

Weblinks

Amt für Statistik des Kantons Tessin: Acquarossa (italienisch) Acquarossa-Lottigna: Kulturgüterinventar des Kantons Tessin

Einzelnachweise

Simona Martinoli und andere: Guida d’arte della Svizzera italiana. Hrsg. von det Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Edizioni Casagrande, Bellinzona 2007, ISBN 978-88-7713-482-0, S. 93–95.

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