Integrale Planung ist ein zielgerichteter Kreativprozess einer Gruppe von Experten unterschiedlicher Fachdisziplinen zur Lösung einer komplexen, in der Regel technischen Aufgabe. Konzeptionell unterscheidet sich der Begriff nicht von der integrierten Planung. Im Sprachgebrauch hat sich dennoch eine klare inhaltliche Abgrenzung etabliert: Integrale Planung steht für einen Ansatz zur Planung von Bauwerken, der gleichzeitige Mitwirkung aller am Planungsprozess beteiligten Fachdisziplinen und Stakeholder verlangt. Die frühzeitige Einbeziehung aller notwendigen Experten im Planungsteam und deren gleichzeitige und abgestimmte Bearbeitung der Planungsaufgabe sind das zentrale Element. Ihre Einbindung, schon in der konzeptionellen Phase ist von größter Wichtigkeit, da diese Planungsphase für die bestmögliche Gestaltung des Lebenszyklus des Gebäudes ausschlaggebend ist. Integrierte Planung hingegen steht in der Regel für einen Ansatz zur Entwicklung von Prototypen und Innovationen in der Industrie, insbesondere der Automobilindustrie.
Ablauf Zu Beginn des Planungsprojekts sind wenig Daten oder Werkzeuge vorhanden, um die Kreativität und Innovationskraft der Beteiligten an den Zielen des Bauherrn oder Auftraggebers auszurichten. Ein wichtiger Schritt dieser Leistungsphase kann die Bedarfsplanung nach DIN 18205 sein. In dieser Phase ringen alle Entwicklungs- und Planungsbeteiligten um eine gemeinsame Vorstellung. Nur durch frühzeitige Kooperation kann das Wissen zeitgerecht übertragen werden, bzw. das neue gemeinsame Wissen um die zielgerichtete Lösung entstehen. Die frühe Einbindung ermöglicht ein gemeinschaftliches Übereinkommen, wie die mit der Aufgabe verbundenen Ziele bestmöglich erreicht werden können. Dadurch verkürzt sich der Planungs- und Entwicklungsprozess wesentlich, die Anzahl der Planänderungen wird verringert, somit die Kosten reduziert und Qualität gesteigert.
Die starke Einbeziehung der Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) ist ein weiteres Merkmal integraler Planung. Sie ermöglicht effiziente Kommunikation und Organisation sowie Simulation und Optimierung während der Planungsphase. Durch die Verwendung von BIM im Planungsprozess werden diese Vorteile noch verstärkt.
Typischerweise umfasst die integrale Planung auch die Überwachung der qualitätsgerechten Umsetzung über den gesamten Lebenszyklus von dem Bauwerk. Um der ganzheitlichen Betrachtung des Bauwerklebenszyklus Rechnung zu tragen, ist es im Rahmen einer integralen Planung auch notwendig frühzeitig den zukünftigen Betreiber, das sogenannte FM im Entwurfsprozess einzubinden. Bei komplexen Bauvorhaben sollten zur Abstimmung der Planungsunterlagen sowie den hieraus entstehenden Revisionsunterlagen auf die Belange des FM auch die Anforderungen der zukünftig in dem Objekt verwendete CAFM und der Gebäudeautomation berücksichtigt werden. Als Hilfestellung hierzu kann das Blatt 1.1 Dokumentation in der technischen Gebäudeausrüstung: Inhalte und Beschaffenheit von Planungs-, Ausführungs- und Revisionsunterlagen, FM-spezifische Anforderungen an die Dokumentation der VDI 6026 herangezogen werden.
Die integrale Planung von Bauwerken ist im angloamerikanischen und skandinavischen Raum stärker verbreitet als in Mittel- und Zentraleuropa. Insbesondere im deutschsprachigen Raum ist traditionell die aufeinander folgende Bearbeitung durch den Architekten als Verantwortlicher für den Entwurf, den Tragwerksplaner als Verantwortlicher für die Bauwerksberechnung und den Ingenieur der technischen Gebäudeausrüstung (TGA) als Planer für die Technik, sowie die anschließende Bauausführung gängige Praxis. Als Hauptursachen gelten das Ausbildungssystem, die darauf aufbauenden Berufsbilder und die Honorarordnungen im DACH-Raum.
Integrale Gebäudeplanung Die Integrale Planung gilt heute als Schlüssel für die Realisierung der nachhaltigen, ressourcen- und energieschonenden Gebäude. Durch ihre ganzheitliche Betrachtungsweise wird sie erfolgreich für die frühzeitige Optimierung ökonomischer, ökologischer und sozio-kultureller Zielsetzungen angewandt. Zunächst wurde die Integrale Gebäudeplanung vorwiegend in Zusammenhang mit energie- und ressourceneffizientem Bauen angewendet. Beispielsweise hat die Stadt Wien einen Leitfaden für energiebewusstes Errichten von Dienstleistungsgebäuden herausgegeben, in dem auf die Bedeutung des integralen Planungsprozesses detailliert eingegangen wird. Außerdem hat der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein einen Leitfaden für „Teamorientiertes Planen“ veröffentlicht. Auch im Bereich der öffentlichen und der halb-öffentlichen Bauträger wird dem Thema Integrale Planung vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt.
Ziele Neben den traditionellen Zielen der Gebäudeplanung (Ästhetik, Nutzungs- und Bedienkomfort, Kosteneffizienz) steigen die Anforderungen seitens Bauherrn, Gesetzgebung und Öffentlichkeit nach Ressourcenschonung, Energieeffizienz, Optimierung der Gebäude-Lebenszykluskosten und die Wertsicherung durch Zertifizierung der Immobilie.I. Kovacic: Über Integrale Planung zur Nachhaltigkeit: Entwicklung einer Planungsmethodik. In: Journal für Facility Management. 2/2010, ISBN 978-3-200-02070-2, S. 17–37. Somit ergibt sich eine zunehmend komplexe, zum Teil widersprechende Zielematrix, die ihrerseits neue ganzheitliche Planungsprozesse erfordert. Die Integrale Planungsmethodik setzt die holistische Betrachtungsweise eines Gebäudes und seiner Funktionen während des gesamten Lebenszyklus – von der Konzeption über Planung, Errichtung und Betrieb bis zur Entsorgung und Wiederverwertung voraus. Die lebenszyklische Gebäudequalität kann durch Schaffung einer gemeinsamen Wissensbasis, aber auch durch Anwendung unterschiedlicher Werkzeuge, prognostiziert und optimiert werden, wie durch die thermische Gebäudesimulation, Lebenszyklusanalyse mit Berechnung der Lebenszykluskosten und Gebäudezertifizierung. Die unterschiedlichen Interessen und Perspektiven von Nutzern, Investoren und Öffentlichkeit können durch frühe Mitwirkung in den Planungsprozess einbezogen werden.
Vorteile der Integralen Planung gegenüber traditionellen Planungsprozessen Die simultane Verschränkung interdisziplinären Wissens unterschiedlicher Fachbereiche im Integralen Planungsprozess gilt als zentraler Vorteil bei der Bearbeitung multidimensionaler Zielsysteme. Die Befürworter der Integralen Planung gehen davon aus, dass ein funktionierendes interdisziplinäres Team immer zu besseren Lösungsansätzen kommt, was durch experimentelle Planspiele wie Walt-Disney-Methode oder NASA-Weltraumspiel belegt wurde,R. E. Oberto, E. Nilsen, R. Cohen, R. Wheeler, P. DeFlono, C. Borden: The NASA Exploration Design Team: blueprint for a new design paradigm. Aerospace Conference, 2005 IEEE, S. 4398–4405. als ein Architekt, der die Lösung vorgibt und die Ingenieurleistungen additiv ergänzt. Denn, so die Argumentation, komme es a) zu mehr Kreativleistung und b) zu einer Reduktion von Komplexität. Die Vermeidung von Kollisionen und Missverständnissen an den fachbezogenen Schnittstellen führe zu Effizienzsteigerung bei Planungsaufwand. Darüber hinaus könne ein interdisziplinäres Team interdependente Planungsentscheidungen und -konsequenzen besser und frühzeitiger identifizieren und damit rechtzeitig relevante Entscheidungsgrundlagen liefern. Damit steige die Entscheidungsqualität im Planungsprozess, insbesondere in der frühen Projektphase, die den größten Einfluss auf Errichtungs- und Betriebskosten hat. Zusammenfassend, können als Vorteile der Integralen Planung die Reduktion von Zeit und Kosten durch weniger Änderungen und Minimierung von Fehlern, Steigerung der Qualität, Schaffung von gemeinsamem Wissen und lebenszyklischer Optimierung.
Formen der Projektorganisation Die Projektstruktur der Integralen Planung lässt sich grob in drei unterschiedliche Organisationsformen einteilen: Integrale Planung als zielgerichtetes und gesteuertes Netzwerk voneinander unabhängiger Fachplaner (Architekt, Fachingenieur, Bauunternehmen, Projektsteuerung usw.). Vorteil: Der Bauherr kann Partner seiner Wahl für die erforderlichen Planungssparten auswählen. Durch Wettbewerb in einer Ausschreibung kann er nach eigenen Kriterien und Erfahrungen auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten seine Entscheidung treffen. Der Bauherr hat die Möglichkeit proaktiver Bestandteil des Planungsteams zu sein. Nachteil: viele Ansprechpartner, Schnittstellenproblematik; große Kompetenz des Bauherrn wird abverlangt. Integrale Planung als zielgerichtetes und gesteuertes Netzwerk mit der Zusammenfassung von verschiedenen Aufgabenpaketen. Klassisch wird hier eine Aufteilung zwischen der Objektplanung und der TGA-Fachplanung vorgenommen und ein Integrationsplaner mit einer hohen Kompetenz in beiden Bereichen bringt die Parteien zusammen. Zu Beginn der Planungsphase koordiniert der Integrationsplaner die einzelnen TGA-Fachplaner bei der Ausarbeitung eines auf der Bedarfsplanung des Bauherrn basierenden Konzepts für die gesamte TGA. Der Integrationsplaner beurteilt dabei die Lösungsansätze der Fachplaner (Fachplanungskonzepte) und führt sie zu einem zielgerichteten Gesamtkonzept zusammen. Das TGA-Gesamtkonzept stimmt der Integrationsplaner mit dem Objektplaner bzw. dessen Planung ab. Im weiteren Planungsprozess übernimmt er die Koordinierung der Fachplaner der TGA. Auch ihre Schnittstellen zur Objektplanung sowie anderen Planungsbeteiligten stimmt er ab. Ein besonderer Fokus liegt hierbei auf der Koordination der Schnittstellen zur Fachplanung der Gebäudeautomation. Vorteil: hohe Kompetenzbündelung in den für das Bauvorhaben wichtigen Bereichen, wenig Schnittstellenprobleme, hohe Planungstiefe durch übergeordnete Abstimmungen und Konzepte wie Energiekonzept, Betriebsführungskonzept, Nutzungskonzept, Brandschutzkonzept, TGA-Gesamtkonzept; auskömmliche Honorare. Nachteil: Beschränkung des Wettbewerbs; große Kompetenz des Integrationsplaners wird abverlangt.
Den beiden weiteren Formen ist gemeinsam, dass der Bauherr in der Regel nur einen Ansprechpartner hat. Integrale Planung als zielgerichtetes und gesteuertes Netzwerk voneinander unabhängiger Fachplaner unter der Leitung eines Generalplaners (Projektsteuerer, Objektplaner, Fachplaner usw.) oder Generalunternehmers (Bauunternehmen). Vorteil: Der Bauherr kann Partner seiner Wahl für die erforderlichen Planungssparten nominieren, der GP/GU kann sein eingespieltes Team zusammenstellen. Nachteil: Schnittstellenproblematik, möglicherweise unterschiedliche wirtschaftliche Interessen und Planungskulturen des Generalplaners und der Teammitglieder, Benachteiligung von kleinen Planungsbüros oder Handwerksbetrieben, große Kompetenz des GP/GU wird abverlangt, Kostensteigerung durch GU-Aufschlag. Integrale Planung eines Gesamtverantwortlichen, der alle wesentlichen Fachplaner (Architekten und Ingenieure) in seiner Organisation unter einem Dach vereint. Bei dieser nach anglo-amerikanischem Vorbild entwickelten Methode stellt der Gesamtprojektleiter (Architekt, Bauingenieur) ein reibungsloses und effizientes Arbeiten der aufeinander eingespielten Teammitglieder sicher. Vorteil: Die Gesamtplanung erscheint besonders geeignet die Verantwortungs- und Schnittstellenproblematik zwischen den Fachdisziplinen zu reduzieren und eine echte Integrale Planungskultur zu entwickeln, da die wirtschaftlichen Interessen der Teammitglieder vereint sind. Nachteil: „Group Think“-Phänomen, da eingespieltes Team, weniger Raum für den positiven Konflikt um die Team-Leistung zu steigern bzw. um die Lösungen kritisch zu hinterfragen, große Kompetenz des GV wird abverlangt, Kostensteigerung durch GV-Aufschlag, Benachteiligung von kleinen Planungsbüros oder Handwerksbetrieben.
Werkzeuge – Digitale Gebäudemodellierung