Chaos and Disorder (; „Chaos und Unordnung“) ist das 18. Studioalbum des US-amerikanischen Musikers Prince, der alle Songs arrangierte, komponierte und produzierte. Es erschien am 9. Juli 1996 beim Label Warner Bros. Records und war das zweite Album, das er unter seinem unaussprechbaren Symbol als Pseudonym veröffentlichte, nachdem er 1993 infolge von Differenzen mit Warner seinen Künstlernamen abgelegt hatte. Chaos and Disorder war Teil des 1992 geschlossenen Vertrags über sechs weitere Alben bis zum 31. Dezember 1999. Die Covergestaltung verweist auf den damaligen Konflikt mit Warner Bros. Records.
Die Musik ist überwiegend dem Genre Rockmusik zuzuordnen. Die Liedtexte behandeln Themen wie Liebe, Spiritualität und Wollust sowie Vorwürfe gegen die Musikindustrie, die Prince’ Konflikt mit Warner widerspiegeln. Als Gäste wirkten das Blechbläserquintett Hornheads und die Sängerin Rosie Gaines mit. Weder Prince noch Warner betrieben nennenswerte Werbung für das Album; international erreichte es keinen Gold- oder Platinstatus. Die zeitgenössische Rezeption fiel uneinheitlich aus und reichte von sehr positiven bis zu stark ablehnenden Bewertungen. Eine Tournee zum Album absolvierte Prince nicht.
Am 13. September 2019 veröffentlichte The Prince Estate („Der Prince Nachlass“) Chaos and Disorder erstmals auf Schallplatte; sie erschien auf lilafarbenem Vinyl.
Entstehung Alle elf Songs nahm Prince zwischen Mai 1993 und Mitte 1995 in seinem Paisley Park Studio in Chanhassen (Minnesota) auf, parallel zu den Arbeiten an seinem Album Emancipation, das im November 1996 bei EMI erschien. Den Großteil von Chaos and Disorder spielte er mit seiner Begleitband The New Power Generation ein, lediglich Had U nahm er allein auf.Uptown (2004), S. 193.Uptown (2004), S. 400.
Zannalee spielte Prince bereits im Mai 1993 ein, das Titelstück Chaos and Disorder sowie Right the Wrong Ende Oktober 1993. Die Songs I Like It There und The Same December entstanden Ende 1994, Dinner with Delores Mitte 1995. I Will und Into the Light nahm er im Februar 1996 auf, Dig U Better Dead am 6. März und einen Tag später I Rock, Therefore I Am. Das genaue Aufnahmedatum von Had U ist nicht bekannt; vermutlich entstand der Track im Februar oder März 1996. mini|The Marlin Hotel im Jahr 2024 Ende März 1996 reiste Prince nach Miami (Florida), um seine damalige Ehefrau Mayte Garcia zu besuchen, und arbeitete dort im Tonstudio South Beach Studios im The Marlin Hotel, das sich im Besitz von Chris Blackwell befand. Zwar überarbeitete Prince dort einige Songs, platzierte aber letztendlich die ursprünglichen Versionen auf dem Album und stellte im April 1996 Chaos and Disorder fertig. Später erklärte er, er habe sich am Debütalbum Van Halen (1978) der gleichnamigen Band orientiert, das innerhalb einer Woche aufgenommen worden sei. Ziel sei es gewesen, möglichst spontan zu arbeiten. Die Stimmung von Chaos and Disorder beschrieb Prince als „laut und rau“ sowie „dunkel und unglücklich“ und verglich sie mit der Situation im Dezember 1987, als er das Black Album zurückgezogen hatte.Ro (2011), S. 276.
Am 21. April 1996 – exakt 20 Jahre vor seinem Tod – fand Mayte Garcia Prince bewusstlos auf dem Boden eines seiner Tonstudios im Paisley Park Studio. Neben ihm lagen vier leere Weinflaschen und eine leere Tablettenschachtel. Gemeinsam mit ihrer Assistentin Arlene Mojica brachte Garcia ihn in das Fairview Southdale Hospital in Edina, nachdem Mojica dort zuvor angerufen hatte. Auf Nachfrage eines Arztes verneinte Prince einen Suizidversuch; er gab an, in den Monaten zuvor unter Herzklopfen gelitten zu haben und diese Beschwerden durch Alkohol- und Tabletteneinnahme lindern zu wollen. Er wurde stationär aufgenommen, entließ sich jedoch bereits am folgenden Tag und wurde von Mojica nach Hause gefahren. Ob Stressfaktoren ursächlich für seine Beschwerden waren, wurde öffentlich nicht bekannt.Ro (2011), S. 277.Draper (2016), S. 132.Ro (2011), S. 278.
Prince betrieb für Chaos and Disorder nur geringe Musikpromotion: Er absolvierte keine Tournee, produzierte lediglich ein Musikvideo eigens für die Albumveröffentlichung, gab nur zwei Interviews und trat zweimal im US-amerikanischen Fernsehen auf.
Vertragsinhalte Prince hatte seinen laufenden Vertrag mit Warner Bros. Records am 31. August 1992 um sechs weitere Alben bis zum 31. Dezember 1999 verlängert.Hahn (2016), S. 246. Zu diesem Vertrag zählten die bereits erschienenen Alben Love Symbol (1992), Come (1994) und The Gold Experience (1995), sodass noch drei weitere Veröffentlichungen ausstanden, was Prince jedoch zu verhindern suchte. Das Black Album (1994) sowie der Soundtrack Girl 6 (1996) zum gleichnamigen Film von Regisseur Spike Lee gehörten nicht zu diesem Vertrag.Ro (2011), S. 275.
Am 26. April 1996 traf sich Prince in Los Angeles (Kalifornien) mit Führungskräften von Warner Bros. Records, um den 1992 geschlossenen Vertrag neu zu verhandeln.Ro (2011), S. 279. Dabei wurde er von dem Rechtsanwalt L. Londell McMillan (* 1966) vertreten. In einem Abfindungsvertrag wurde vereinbart, dass Prince bereits nach zwei statt nach drei weiteren Studioalben aus dem Vertrag ausscheiden konnte. Warner stimmte dem jedoch nur unter der Voraussetzung zu, dass Prince auf Vorauszahlungen für die beiden noch ausstehenden Alben verzichtete und geringere Tantiemen für die in dieser Zeit aufgenommenen Songs erhielt als ursprünglich vereinbart. Die Rechte an den Masterbändern seiner für Warner produzierten Aufnahmen verblieben zunächst beim Label und gingen erst 2014 auf Prince über. Zudem verpflichtete er sich, Warner öffentlich nicht weiter zu beleidigen oder zu beschimpfen. Neben den beiden noch ausstehenden Studioalben musste Prince zusätzlich zwei Kompilationsalben abliefern,Hahn (2016), S. 278.Draper (2016), S. 198–199. was 2001 mit The Very Best of Prince und 2006 mit Ultimate erfolgte.
Unmittelbar nach der Einigung mit den Warner-Führungskräften übergab Prince ihnen am 26. April Chaos and Disorder sowie The Vault … Old Friends 4 Sale – letzteres erschien im August 1999 – als noch ausstehende Studioalben. Beide präsentierte er mit bereits fertiggestelltem Artwork und endgültiger Titelliste, sodass Warner keinen inhaltlichen Einfluss mehr nehmen konnte. Mehrere Führungskräfte reagierten verärgert; einer von ihnen äußerte, Prince habe sinngemäß vermittelt: „Entweder ihr nehmt das, oder ihr könnt mich mal.“ Intern herrschte die Auffassung vor, Prince habe dem Unternehmen bewusst schwächeres Material überlassen und damit seine vertraglichen Verpflichtungen nur widerwillig erfüllt.Uptown (2004), S. 194.Ro (2011), S. 280.
Bob Merlis, damaliger Vizepräsident von Warner Bros. Records, reagierte gelassen und erklärte gegenüber der Los Angeles Times, Prince könne „einen Vertrag mit einer anderen Plattenfirma abschließen. Wenn er woanders glücklicher ist, wollen wir keinen Streit mehr mit ihm haben.“ Zudem sagte Merlis, Prince wolle mehr Alben veröffentlichen, als der bestehende Vertrag vorsehe, und strebe eine Vertragsform an, die gängigen Geschäftspraktiken widerspreche; letztlich habe man festgestellt, dass die jeweiligen Vorstellungen nicht miteinander vereinbar seien.Draper (2016), S. 114.
Am 2. Juli 1996 wurde die Sendung Late Show with David Letterman aufgezeichnet, in der Prince mit The New Power Generation Dinner with Delores live spielte. Nach dem Auftritt rief er „Free TLC!“ ins Mikrofon und bezog sich damit auf die Band TLC, die sich damals ebenfalls in einem Konflikt mit ihrer Plattenfirma befand. Die Ausstrahlung erfolgte am 8. Juli. Am 9. Juli, dem Veröffentlichungstag von Chaos and Disorder, trat Prince ein weiteres Mal im US-amerikanischen Fernsehen auf, diesmal in der Today Show, die um 8:45 Uhr vor den NBC Studios am Rockefeller Center live gesendet wurde. Dort spielte er mit The New Power Generation die Songs Dinner with Delores und Zannalee. Bei diesem Auftritt zeigte er sich letztmals öffentlich mit dem Schriftzug „Slave“ („Sklave“) auf der Wange, den er seit 1994 regelmäßig bei öffentlichen Auftritten getragen hatte.Uptown (2004), S. 195. Eine Woche später erklärte Prince in einem Interview, er sei zuvor verbittert gewesen, habe nun jedoch „sein Gesicht gewaschen“ und könne weitermachen; er fühle sich frei.Draper (2016), S. 114. Zwar stand er formal noch bis zum 31. Dezember 1999 bei Warner Bros. Records unter Vertrag, stellte seine Aktivitäten für das Unternehmen jedoch ab Mitte Juli 1996 weitgehend ein.
Gestaltung des Covers Prince’ Konflikt mit Warner Bros. Records spiegelt sich auch in der Covergestaltung des Booklets wider. Gemeinsam mit dem Artdirector und Fotografen Steve Parke (* 1963) entwarf er mithilfe eines PCs und von Fotokopien mehrere Fotomontagen. Die Vorderseite zeigt eine durch einen Schuhsohlenabdruck zersplitterte Schallplatte; im Label ist Prince’ Auge mit einer Träne zu sehen.Draper (2016), S. 131.
Im Innencover befinden sich insgesamt sieben Fotos. Eines zeigt eine Spritze mit eingerollten Dollarnoten, aus deren Nadelspitze Blut auf ein Tonband tropft, das in einem Regal mit Master Tapes liegt. Ein weiteres Bild zeigt ein Herz, das in einer Toilette liegt. Auf fünf weiteren Abbildungen sind Auszeichnungen, Goldene Schallplatten, Gitarren und ein Tresor zu sehen. Zudem ist eine Streichholzschachtel mit abgebrannten Streichhölzern abgebildet, die in roten Buchstaben den Schriftzug „chaos and disorder“ trägt. Auf der rechten Seite des Innencovers ist außerdem eine Bibel mit den Initialen „P.R.N.“ für „Prince Rogers Nelson“ zu sehen.
Auf der Rückseite des Booklets sind brennende Rosen und eine Rasierklinge abgebildet. Zudem ist dort der Satz „Originally intended 4 private use only, this compilation serves as the last original material recorded by O(+> 4 Warner Bros. Records“ zu lesen („Ursprünglich nur für den privaten Gebrauch gedacht; diese Zusammenstellung stellt das letzte Originalmaterial dar, das O(+> für Warner Bros. Records aufgenommen hat.“). Steve Parke erklärte, Cover und Booklet seien bewusst in genau dieser Form gestaltet worden.Thorne (2012), S. 317–318.
Musik und Liedtexte Die Musik ist überwiegend dem Genre Rock zuzuordnen und wirkt insgesamt rau und spontan eingespielt, wodurch das Album auch dem Indie-Rock angenähert ist. Die meisten Stücke werden von E-Gitarren dominiert; ausgearbeitete Arrangements und Produktionstechniken sind kaum vorhanden, Synthesizer treten nur vereinzelt auf. Soundeffekte finden sich ausschließlich in den Songs Chaos and Disorder, Right the Wrong und Zannalee. Mit Dig U Better Dead und I Rock, Therefore I Am enthält das Album zudem zwei tanzorientierte Tracks, die sich klanglich deutlich von den übrigen Albumsongs abheben und durch einen stärker ausgearbeiteten Sound sowie den Einsatz von Drumcomputern gekennzeichnet sind.Hahn (2016), S. 284.
Die Liedtexte behandeln Themen wie Liebe, Spiritualität und Wollust. Zudem greift Prince Vorwürfe gegen die Musikindustrie auf, was als Bezug auf seinen damaligen Konflikt mit Warner Bros. Records gilt. Gesanglich bewegt er sich zwischen melodischem Vortrag und seinem charakteristischen Falsett. Als Gast wirken Rosie Gaines sowie die aus Minneapolis stammenden Rapper Scrap D. und Steppa Ranks mit, die in I Rock, Therefore I Am entsprechende Parts übernehmen. Die Hornheads (als NPG Hornz) steuern Blechblasinstrumente zu I Rock Therefore I Am, I Will, Into the Light und Right the Wrong bei. Chaos and Disorder Das Titelstück ist eine gitarrengetriebene Rocknummer mit markantem Gitarrenriff und Einflüssen aus dem Funk. Prince ergänzt den Song um Soundeffekte wie aufgezeichnetes Radiogeplapper, atonale Keyboard-Motive und vereinzelte Schreie, wodurch ein delirierender Eindruck entsteht. Im Text bezeichnet er sich als „No-Name-Reporter“ und beschreibt einen Zerfall der modernen Gesellschaft, ohne Lösungsansätze anzubieten.Uptown (2004), S. 400–401. I Like It There