Ethem Sarısülük (* 11. Juli 1986 in Beylice, im Landkreis Sungurlu, Çorum; † 14. Juni 2013 in Ankara) war ein türkischer Demonstrant, der während der Proteste in der Türkei 2013 von der Polizei erschossen wurde. Durch seinen Tod während der Proteste erlangte er internationale Bekanntheit.

mini|Auf dem Kızılay-Platz bilden Gedenkkerzen an der Stelle, wo Ethem Sarısülük getötet wurde, seinen Namen.

Leben Ethem Sarısülük wurde im Jahr 1986 im Dorf Beylice bei Sungurlu geboren; einer Stadt in der Provinz Çorum. Sein Vater war Muzaffer Sarısülük, ein Literaturlehrer, seine Mutter war Sayfı Sarısülük. Ethem war das zweitälteste von fünf Geschwistern. Er hatte drei Brüder und eine Schwester. Die älteste war die Schwester. Die Familie war alevitischen Glaubens. Die Eltern hatten bereits jung geheiratet, als der Vater noch studierte. Nach Ende des Studiums erhielt der Vater eine Anstellung als Lehrer in Siverek. Als er nach Kayseri versetzt werden sollte, kündigte er. Die Familie kehrte nach Çorum zurück. Dort erkrankte der Vater, verließ die Familie und lebte als Einsiedler in der Umgebung. Ein Onkel brachte die Familie nach Ankara. Sie lebte dort in einem Gecekondu. Die Mutter verdiente den Lebensunterhalt als Putzfrau, aber die Familie lebte in ärmlichen Verhältnissen. Ethem besuchte die Grundschule Kınık. Nach der Mittelschule begann er mit der Berufsfachschule Abidinpaşa Endüstri Meslek Lisesi. Dort hatte er Anpassungsschwierigkeiten und verließ die Schule. Dann versuchte Ethem es auf dem Tuzluçayır-Gymnasium. Es fehlte aber Geld für die Schulbücher und er verließ auch diese Schule nach zwei Jahren. Ethem machte seinen Militärdienst in Şemdinli und arbeitete als Ungelernter bei einem Pizza-Bäcker, auf dem Bau, als Lastenträger (hamal) oder im Transportwesen. Er lernte Schweißen, arbeitete als Akkord-Arbeiter und blieb eine Weile in Hakkari. Der jüngere Bruder beschrieb Ethem als zornig und politisch interessiert. Unrecht habe er nicht ertragen. Nach Aussage des Bruders war Sarısülük regelmäßiger Leser der Zeitung Alınteri. Diese Zeitung entstammt dem Umfeld der illegalen TİKB. Die TİKB selbst ließ hingegen verlauten, Sarısülük habe als Teil des „Arbeiterverteidigungskomitees“ der TİKB an der Aktion teilgenommen, den „blutrünstigen“ Verantwortlichen für einen tödlichen Arbeitsunfall bei OSTİM zu „bestrafen“. Dabei wurden dem Opfer nach Darstellung von Alınteri laut Erklärung dieses „Arbeiterverteidigungskomitees“ Arme und Beine gebrochen.Erklärung des Arbeiterverteidigungskomitees

Die türkische Presse zeigte ferner Bilder von Sarısülük, wie er sich zwei Wochen vor seinem Tod und im Mai 2013 an gewalttätigen Protesten in Ankara beteiligte. Des Weiteren wurden Bilder Sarısülüks u. a. bei Gedenkfeiern für İbrahim Kaypakkaya oder Mahir Çayan gezeigt.

Proteste in der Türkei

Am 28. Mai 2013 begann in Istanbul eine Protestwelle gegen ein geplantes Bauprojekt auf dem Gelände des Gezi-Parks. Nach der Eskalation des Konfliktes infolge eines gewaltsamen Polizeieinsatzes am 31. Mai 2013 opponierten Demonstranten in mehreren türkischen Großstädten gegen die als autoritär empfundene Politik der islamisch-konservativen Regierungspartei Adalet ve Kalkınma Partisi (AKP).Proteste gegen Erdogan: Fast tausend Festnahmen in der Türkei. Spiegel Online, 1. Juni 2013, abgerufen am 2. Juni 2013.Polizei räumt Protestcamp in Istanbul. Deutsche Welle, 31. Mai 2013, abgerufen am 2. Juni 2013.Türkei: Das Schlachtfeld mitten in Istanbul. Die Welt, 1. Juni 2013, abgerufen am 3. Juni 2013.

Neben Istanbul wurde besonders Ankara Schauplatz anhaltender Proteste und gewalttätiger Auseinandersetzungen mit der Polizei, insbesondere am Kızılay-Platz, im Kuğulu-Park und im Dikmen-Viertel. (englisch). Hürriyet Daily News, 29. Juni 2013. In Ankara zählten die Proteste zu den durch die Polizei am brutalsten unterdrückten.

Tod mini|Übersicht zu verschiedenen Protestorten in Ankara. Todesumstände Ethem Sarısülük wurde am 1. Juni während der Gezi-Park-Proteste in Ankaras Güvenpark von einem Bereitschaftspolizisten in den Kopf geschossen und erlag am 14. Juni seinen Wunden. Zuvor hatten Sarısülük und die Gruppe von Demonstranten laut Gutachten Steine auf die Polizei geworfen. Der mit einem roten Tuch maskierte Sarısülük war dabei auch beobachtet worden, wie er Steine einsammelte. Die Demonstranten griffen die Polizei an und brachten sie in starke Bedrängnis, da das Zurückweichen aufgrund der örtlichen Gegebenheiten schwierig war. Der fragliche Polizist löste sich dabei von der Gruppe und bewegte sich auf die Demonstranten zu und trat dabei einen anderen Demonstranten. Er zog seine Waffe und richtete sie in die Höhe. Sarısülük warf einen Stein auf den Polizisten, in dem Moment, in dem er schoss. Bei den ersten beiden Schüssen war der Lauf in die Luft gerichtet, jedoch sehr instabil. Beim dritten Schuss war der Waffenlauf einen Moment bei erhobenem Arm horizontal ausgerichtet.Sabah vom 30. Juni 2013 Bereits am Tag der Tat verbreitete sich über die sozialen Medien in der Türkei ein Video, das die Szene der Erschießung Sarısülüks zeigt. (englisch). CNN, 26. Juni, von Ivan Watson. Das Video stoppt jeweils bei für den Tathergang relevanten Handlungen des Polizisten. (türkisch). Sol, 10. Juni 2013. Direkter Video-Link in YouTube: Ethem Sarısülük’ün Vurulma Anı (Deşifre edilmiş video), veröffentlicht am 10. Junı 2013 von Sol Gazetesi.

Die Obduktion des Leichnams fand am 15. Juni 2013 in der Gerichtsmedizin in Ankara statt. (englisch). Hürriyet Daily News, 16. Juni 2013, von Can Güleryüzlü und Mesut Hasan Benli. Eine Forensikerin nahm auf Bitte der Familie ebenfalls an der Obduktion teil. Der Anwalt der Familie, Kazım Bayraktar, erklärte gegenüber Reportern, dass eine Kugel aus Sarısülüks Kopf entfernt wurde und merkte an, dass die Entfernung des Projektils von einem Staatsanwalt aufgenommen wurde, der ebenfalls an der Obduktion teilgenommen hatte. Die Ermittlungen seien zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen und der Obduktionsbericht noch vertraulich. (türkisch). BBC Türkçe, 15. Juni 2013, von Sinan Onuş.

Eine Trauerfeier in Ankara als Auftakt des letzten Geleits von Ethem Sarısülük am 16. Juni 2013 wurde unter massivem Polizeieinsatz gestört, sodass sie nicht wie geplant stattfinden konnte. (englisch). CNN, 17. Juni 2013, von Ian Lee, Antonia Mortensen und Gul Tuysuz. Der Trauerzug aus Batıkent wurde nicht zum Kızılay-Platz durchgelassen, daher wurde der Leichnam in ein Cemevi gebracht.

Am 23. Juni 2013 wurden neue Videobilder der Straßenkampfszenen aus Ankara von Anadolu Ajansi veröffentlicht. Die Bilder zeigen, wie Demonstranten mit Schilden bewehrte Polizisten durch Steinwürfe zum Rückzug zwingen. Auch die Szene, in der ein Polizist drei Schüsse in die Luft abgibt und ein Demonstrant beim dritten Schuss zu Boden stürzt, wird aus einem anderen Winkel als in dem bis dahin bekannten Videos gezeigt. (türkisch). Sabah, 23. Juni 2013. (türkisch). Sabah (TV), 23. Juni 2013. (türkisch). CNN Türk, 24. Juni 2013. Die Veröffentlichung von Bildern einer Polizeikamera folgte am 26. Juni 2013. (türkisch). Radikal, 3. Juli 2013, von Mesut Hasan Benli.

Es gibt unterschiedliche Angaben über den Todestag Ethem Sarısülüks. Nach Angaben des behandelnden Numune-Krankenhauses in Ankara trat der endgültige Tod am 14. Juni um 15.15 Uhr ein.yenisafak.com.tr Andere Medien hatten den Tod bereits 11 Tage zuvor gemeldet.

Am 16. Juni kam Sarısülüks Leichnam in seinem Heimatdorf an. Mehrere Tausend Menschen gaben ihm das letzte Geleit.Hürriyet vom 16. Juni 2013 Er wurde dort noch am selben Abend begraben.

Ermittlungen gegen den tatverdächtigen Polizeibeamten Der Anwalt der Familie Sarısülük, Kazim Bayraktar, erklärte gegenüber den Medien, es sei eine Spurensicherung am Tatort durchgeführt und mit Zeugen über den Tathergang gesprochen worden. Er habe sich die Aufnahmen der Überwachungskamera angesehen, die deckungsgleich mit dem am Tattag veröffentlichten Video seien. Der Polizist habe in Anwesenheit seines Vorgesetzten gehandelt. Polizeikräften würden Schusswaffen und Munition mit einer Registration ausgehändigt, die immer aufgenommen werde, wenn eine Schusswaffe oder Munition während eines Einsatzes verwendet werden. Dadurch sei ein Schütze innerhalb der Polizei immer identifizierbar. Das Hauptquartier der Polizei in Ankara habe den Namen des Polizisten, der am 1. Juni Ethem Sarısülük in Ankara in den Kopf geschossen habe, jedoch nicht dem Staatsanwalt übermittelt, obwohl der mit den Ermittlungen des Falles betraute Staatsanwalt den Polizeibehörden bereits in der Woche vom 3. bis zum 9. Juni eine offizielle Anforderung zur Identifizierung des betreffenden Polizeibeamten vorgelegt habe. Der Anwalt der Familie warf der Polizei wegen Verweigerung des Namens des Polizisten daraufhin „Verschleierung und Beihilfe“ im Zusammenhang mit einem Verbrechen vor und fürchtete, dass die Vertuschung dazu beitragen könne, dass sich solche Vorfälle wiederholten. Auch einer offiziellen Anforderung der Staatsanwaltschaft für einen ausführlichen Sachverständigenbericht und Einsicht in die Videoaufnahmen seien die Polizeibehörden nicht nachgekommen. Ebenso werde behauptet, dass die leere Patronenhülse zu dem Schuss auf Sarısülük noch nicht gefunden worden sei. (englisch). Bianet, 10. Juni 2013.

Am 18. Juni wurden Details aus der von der Staatsanwaltschaft angeordneten Untersuchung unter Berücksichtigung von Zeugenaussagen und Auswertung der Aufnahmen der Überwachungskameras bekannt. Demnach habe Ethem Sarısülük kein Querschläger, sondern ein gezielter Schuss in den Kopf getroffen. Nach Analyse der Bilder habe der Polizist aus einer Entfernung von 4,8 Metern geschossen. Nach dem vorläufigen Obduktionsbericht sei ein Projektil vom Kaliber 9 mm in Schädel und Gehirn eingedrungen. (türkisch). Hürriyet, 18. Juni 2013, von Fevzi Kızılkoyun. (türkisch). BBC Türkçe, 18. Juni 2013, von Gökçer Tahincioğlu.

Am 24. Juni, 23 Tage nach der Erschießung Ethem Sarısülüks, beantragte der zuständige Staatsanwalt den Erlass des Untersuchungshaftbefehls durch den Friedensrichter. Gleichentags wurde der unter dem Verdacht des Totschlags (Art. 81 tStGB) stehende Polizeibeamte, der nun namentlich bekannt wurde, dem Ermittlungsrichter vorgeführt und unter gerichtliche Kontrolle (Art. 109 Abs. 1, 3 lit. a, b tStPOStrafprozessordnung (Ceza Muhakemesi Kanunu); Gesetz Nr. 5271 vom 4. Dezember 2004, Amtsblatt Nr. 25673 vom 17. Dezember 2004.) gestellt. Der Polizist erhielt Ausreiseverbot und muss sich wöchentlich auf der Wache melden. Der Richter habe entschieden, dass der Polizist nach dem Stand der Ermittlungen in Notwehr (meşru savunma) gefeuert habe und daher auf freien Fuß zu setzen sei. Er hatte ausgesagt, die Demonstranten hätten ihn attackiert, getreten und ihm seinen Helm und Schlagstock fortgenommen. Er habe dann in Notwehr und aus Angst vor Lynchjustiz in die Luft geschossen. (türkisch). Cumhuriyet, 24. Juni 2013, von Alican Uludağ.Hürriyet vom 24. Juni 2013