Der Appell gegen Prostitution ist eine im Herbst 2013 von Alice Schwarzer und der von ihr herausgegebenen Zeitschrift Emma initiierte Kampagne gegen Prostitution und insbesondere das deutsche Prostitutionsgesetz, die sich primär an die deutsche Bundespolitik richtet. Sie wurde im Vorgang zur Veröffentlichung von Schwarzers Buch Prostitution – Ein deutscher Skandal begonnen und in der Folge kontrovers diskutiert.

Vorgeschichte Alice Schwarzer ist mit ihrer seit 1977 erscheinenden Zeitschrift Emma bereits seit den ersten Jahrgängen gegen die Prostitution engagiert.Petra Schmackpfeffer: Frauenbewegung und Prostitution: über das Verhältnis der alten und neuen deutschen Frauenbewegung zur Prostitution. (PDF; 720 kB) S. 106ff, BIS Verlag, Oldenburg 1989 Ende 2006 veröffentlichte Schwarzer in der Jubiläumsausgabe zum dreißigjährigen Bestehen der Emma (Heft Januar/Februar 2007) ein Dossier gegen Prostitution, das den „Mythos der Freiwilligkeit“ analysierte. Die Veröffentlichung wurde unter anderem vom Prostituiertenverband Initiative Fair Paysex und von Teilen der Presse kritisiert. Ein ähnliches Dossier folgte 2011. Die seit 2006 in Emma publizierten Texte bilden die Grundlage des im November 2013 veröffentlichten Buchs zur Anti-Prostitutions-Kampagne.

Das Thema Prostitution in Deutschland wurde bereits vor dem Start des Appells öffentlichkeitswirksam diskutiert. Prominente Beispiele sind die von einem Rekordwert von über sechs Millionen Zuschauern verfolgteThema Rotlichtmilieu: Rekordquoten für Furtwängler und Jauch. In: Spiegel Online vom 17. Dezember 2012, abgerufen am 14. Januar 2014 ARD-Talkshow Günther Jauch zum Thema Prostitution im Dezember 2012 – mit Alice Schwarzer als einem der Gäste –, ARD-Sendung Günther Jauch vom 16. Dezember 2012, abgerufen am 14. Januar 2014 die im Mai 2013 erschienene Spiegel-Titelgeschichte Bordell Deutschland: Wie der Staat Frauenhandel und Prostitution fördert und die ARD-Dokumentation Sex – Made in Germany: Prostitution und ihre Profiteure, die im Juni 2013 erstausgestrahlt wurde.Tina Soliman und Sonia Kennebeck: ARD-Dokumentation vom 10. Juni 2013, abgerufen am 14. Januar 2014Joachim Käppner: ARD-Dokumentation „Sex – Made in Germany“: Die große Puff-Lüge. In: Süddeutsche.de vom 10. Juni 2013, abgerufen am 14. Januar 2014

Im August 2013 kam es von Seiten der Emma zu Vorwürfen gegenüber der Redaktion der taz, nachdem ein kritischer Kommentar über Prostitution der Stuttgarter Sozialarbeiterin Sabine Constabel nicht, wie zunächst geplant, von der taz, sondern schließlich von Emma veröffentlicht wurde.Franziska Mozart: Prostitutions-Debatte: „Emma“ wirft „taz“ Zensur vor. In: W&V vom 22. August 2013, abgerufen am 9. Januar 2014 Der Kommentar bezog sich auf einen Debattenbeitrag der Frankfurter Prostituierten-Selbsthilfeorganisation Doña Carmen,Doña Carmen: Debatte Pädophilie und Prostitution: Die Würde der Sexarbeiterinnen. In: taz.de vom 17. August 2013, abgerufen am 9. Januar 2014 der wiederum Alice Schwarzers zuvor in der taz veröffentlichte Gleichsetzung der heutigen Akzeptanz von Prostitution mit der früheren Akzeptanz von PädophilieAlice Schwarzer: Pädophiliedebatte in den 1980ern: Es geht immer um die Macht In: taz.de vom 13. August 2013, abgerufen am 9. Januar 2014 kritisiert hatte. Die Emma-Redaktion warf der Zeitung im Zusammenhang des Umgangs der zuständigen Redakteurinnen mit der Gastkommentatorin Constabel und ihrem prostitutionskritischen Text ideologische Motivation sowie „Zensur“ und „Lüge“ vor.Die taz lügt: Kritischer Beitrag über Prostitution abgelehnt! In: Emma.de vom 25. August 2013, abgerufen am 9. Januar 2014 Constabel war in der zwei Monate später gestarteten Emma-Kampagne mit zahlreichen Medienauftritten eine der zentralen Mitwirkenden.

Im Oktober 2012 sprach Chantal Louis noch von etwa 150.000 Frauen, die in Deutschland in der Prostitution arbeiten. Chantal Louis: Deutschlands Sonderweg. In: Emma, Ausgabe Herbst 2012, 1. Oktober 2012

Kampagne „Appell gegen Prostitution“ 2013 Im Oktober 2013 startete Alice Schwarzer mit der von ihr geleiteten Zeitschrift Emma den Appell zur Abschaffung von Prostitution. Diesen sandte sie zuerst Prominenten und bekannten Organisationen mit der Bitte zur Unterzeichnung zu, setzte die Fotos der Unterzeichner, nach dem Prinzip der Kampagne Wir haben abgetrieben!, auf den Titel der Ausgabe November/Dezember 2013"Emma"-Kampagne: Mit Prominenz gegen das "System Prostitution". In: Spiegel Online vom 28. Oktober 2013, abgerufen am 28. Dezember 2013 und ließ dann, parallel zu einer Tour zusammen mit Emma-Redakteurin Chantal Louis durch Talkshows und Pressekonferenzen, eine Unterschriftenaktion im Internet laufen. Mit der Emma-Ausgabe Januar/Februar 2014 wurde die Kampagne in mehreren Artikeln fortgesetzt.Übersicht EMMA Januar/Februar 2014 auf der Webseite der Emma, abgerufen am 28. Dezember 2013

Inhalt des Appells Der Appell gegen Prostitution fordert eine Rücknahme des Prostitutionsgesetzes von 2002, das die Prostitution zivilrechtlich als reguläres Gewerbe kodifiziert und ihre Ausübung damit liberalisiert hatte. Dadurch sei „Deutschland zu Europas Drehscheibe für Frauenhandel und zum Paradies der Sextouristen aus den Nachbarländern geworden“, so der Appell. Stattdessen wird eine gesellschaftliche wie gesetzliche Ächtung der Freier, welche als Frauenkäufer bezeichnet werden, gefordert, wenn nötig, auch Bestrafung mittels neuer strafrechtlicher Mittel nach schwedischem Modell. Zudem sollen Präventions- und Aufklärungsarbeit in Deutschland und in den Herkunftsländern der Prostituierten bereits in den Schulen, Schutz vor Abschiebung von Zeuginnen sowie deren Aufenthaltsrecht, Unterstützung von Frauen, die aus dem Beruf aussteigen wollen, gefördert werden sowie Maßnahmen, „die kurzfristig zur Eindämmung und langfristig zur Abschaffung des Systems Prostitution führen“.

Zur Begründung wird ausgeführt, Prostitution sei moderne Sklaverei mit „Ausbeutung und zugleich Fortschreibung der traditionell gewachsenen Ungleichheit zwischen Männern und Frauen“, sie degradiere Frauen zum „käuflichen Geschlecht“, brutalisiere das Begehren und verletze die Menschenwürde von Männern und Frauen, „auch die der sogenannt ,freiwilligen‘ Prostituierten“. Das Prostitutionsgesetz von 2002 trage hingegen die Handschrift der Frauenhändler und ihrer Lobbyisten.

Emma-Redakteurin Chantal Louis und Herausgeberin Alice Schwarzer sprachen (anders als noch Oktober 2012) nunmehr von geschätzten 700.000 Prostituierten in Deutschland.https://www.emma.de/sites/default/files/upload/pdf/appell_emma_6_2013.pdf

Unterschriftenaktion Laut Eigenangabe der Zeitschrift Emma lag die Gesamtzahl der Unterschriften am 20. Dezember 2013 bei über 10.000. Neben der Initiatorin, Emma-Chefredakteurin Alice Schwarzer, gehören zu den 90 Erstunterzeichnern: die sechs Bundessprecherinnen der kommunalen Frauenbüros und Gleichstellungsstellen die Vorsitzende und die Ehrenvorsitzende der Frauen Union der CDU Deutschlands, Maria Böhmer und Rita Süssmuth, sowie die Landesvorsitzende der Frauen-Union der CSU, Angelika Niebler, und ihre vier Stellvertreterinnen die Vorsitzende des Landesfrauenrats Baden-Württemberg, Angelika Klingel die Initiative Femen Deutschland sowie unter anderen folgende Erstunterzeichner:Die ErstunterzeichnerInnen auf emma.de

Später folgten unter anderen folgende Einzelpersonen:Die weiteren UnterzeichnerInnen auf emma.de

Buchveröffentlichung Prostitution – Ein deutscher Skandal Der Appell wurde knapp eine Woche vor dem Erscheinen des Buches Prostitution – Ein deutscher Skandal in den Medien lanciert. Das Buch selbst erschien am 7. November 2013 bei Kiepenheuer & Witsch und ist sowohl als 322-seitiges Taschenbuch als auch als E-Book erhältlich. Das Buch wurde auf der Website von Alice Schwarzer und der Emma als „Das Buch zum Appell“ beworben.https://www.emma.de/thema/der-appell-gegen-prostitution-111249 In der Rheinischen Post und im Neuen Deutschland warfen Gegner Schwarzer vor, der Appell sei auch eine Marketingkampagne, um das Buch zu verkaufen.https://rp-online.de/politik/deutschland/kolumnen/frauensache/wie-alice-schwarzer-prostitution-skandalisiert_aid-9561619 Bei Direktkauf gab es zwei Emma-Ausgaben dazu.

Das Buch ist eine Zusammenstellung von 14 Texten verschiedener Beteiligter aus dem Prostitutionsbereich, die aus deren persönlichem Blickwinkel geschrieben und die teilweise schon vor 20 Jahren in der Emma veröffentlicht wurden. Vier Kapitel teilen das Buch grob ein: Die Folgen der Reform und der Widerstand, Ich will nicht länger lügen – Prostituierte reden, Reicher Sextourist und arme Prostituierte, Blick zurück und Block nach vorn. Dazu gibt es noch eine Chronik von 1871–2013. Jedes dieser Kapitel ist in kleinere Kapitel unterteilt. Alle Autoren zeichnen ein negatives Bild von Prostitution und lehnen diese ab. Schwarzer veranstaltete am 14. November 2013 eine Podiumsdiskussion in der Urania, in der sie als Gäste den Augsburger Kriminalkommissar Helmut Sporer, die Sozialarbeiterin Sabine Constabel und eine Ex-Prostituierte namens „Marie“ zur Diskussion bat.

Weitere Elemente der Kampagne Die Zeitschrift ruft im Rahmen der Kampagne außer zur größtmöglichen Verbreitung des eigentlichen Appells unter anderem dazu auf, Aufkleber mit der Aufschrift „PROSTITUTION FRAUENKAUF Geht gar nicht!“, welche die Zeitschrift kommerziell vertreibt,Aufkleber, im „EMMA-Shop“ auf Emma.de, abgerufen am 28. Dezember 2013 „massenhaft zu verbreiten“ und „überall“ an öffentlichen Orten anzubringen: darunter ausdrücklich in Supermärkten, an Litfaßsäulen, in Kinos, an Rathäusern, vor Schulen sowie auf Türen von Bordellen. Zusätzlich soll zum Beispiel das Ordnungsamt angerufen werden, wenn Bordelle mit ihren sexuellen Dienstleistungen werben; männliche Freunde sollen in Örtlichkeiten der Prostitution geschickt werden, um nach den Tarifen zu fragen. In Zeitungen, im Internet und in der Nachbarschaft soll nach Bordellen, Straßenstrichen und von Prostituierten genutzten Wohnungen gesucht und die Arbeitsumstände der Frauen recherchiert werden. Emma ruft Prostitutionsgegner dazu auf, sich mit der Zeitschrift und anderen Organisationen zu vernetzen, welche die Kampagne unterstützen.Das kannst du tun! In: Emma.de, abgerufen am 28. Dezember 2013

Rezeption Medienecho