mini|Antoine-Denis Chaudet: Ödipus als Kind aus dem Jahr 1801 (Paris, Louvre) My Oedipus Complex (dt. Mein Ödipus-Komplex in der Übersetzung von Elisabeth Schnack 1958) ist eine Kurzgeschichte des irischen Schriftstellers Frank O’Connor, die erstmals im Dezember 1950 in Today’s Woman publiziert und 1952 in der Kurzgeschichtensammlung The Stories of Frank O’Connor aufgenommen wurde.Vgl. die Angaben im Abschnitt „Ausgaben“. Die Geschichte thematisiert die konflikthafte Entwicklung in der Beziehung zwischen dem fünfjährigen Protagonisten und seinem Vater, mit dem der Junge nach dessen Heimkehr aus dem Ersten Weltkrieg in schmerzhafter Weise die Aufmerksamkeit und Zuneigung der Mutter teilen muss.
Inhalt Der fünfjährige Ich-Erzähler Larry stellt anfangs kurz die Vorgeschichte der Erzählung dar, die die Keime des nachfolgenden Konfliktes in sich birgt. Larry lebt allein mit seiner Mutter zusammen; der Vater kehrt nur zu kurzen Besuchen aus dem Krieg heim. Diese Gastbesuche des Vaters sind für den kindlichen Protagonisten geheimnisvoll wie „Sankt Nikolaus“ (S. 7)Textbelege zu Mein Ödipus-Komplex beziehen sich auf die Übersetzung von Elisabeth Schnack in der Sammlung Frank O’Connor: Mein Ödipus-Komplex · Gesammelte Erzählungen II, ISBN 3-257-20352-7. sowie zugleich interessant und angenehm, hat der Vater doch seltsame Angewohnheiten wie Rauchen oder Rasieren und riecht „so schön“ (S. 7). Das Alltagsleben mit seinen täglich wiederkehrenden Gewohnheiten und Ritualen spielt sich allerdings ausschließlich zwischen Mutter und Sohn ab. Dabei fühlt der Junge sich in einer Beziehung zu seiner Mutter, die der eines Ehepartners ähnelt. Er plant gemeinsame Unternehmungen, überlegt, wie das Heim schöner gestaltet werden könne, kostet das morgendliche und abendliche Kuscheln und Erzählen im Bett der Mutter aus und denkt „über die Sache mit dem Baby“ nach. Er fragt sich, ob nicht die Zeit für Familienzuwachs gekommen sei, obwohl die Mutter der Ansicht ist, die finanziellen Möglichkeiten der Familie würden dafür nicht ausreichen.(S. 7 f.). Trotz seiner Privilegien im alleinigen Umgang mit der Mutter betet der Junge jedoch für seinen Vater, damit dieser gesund aus dem Krieg heimkomme (S. 8).
Als der Vater schließlich eines Morgens endgültig heimkehrt, wird dem Erzähler bewusst, dass die neue Situation seine vertraute Beziehung zur Mutter ernsthaft gefährdet. Der Erzähler muss feststellen, dass er sich irrt, wenn er den Vater mit „langweiligen Besuchern“ auf dieselbe Stufe stellt: Nun genießt er nicht mehr die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der Mutter; er hat zu schweigen, während sie sich mit dem Vater unterhält (S. 8 f.); ihre wiederholten Bemerkungen, „ich rede mit Pappi“ werden für den Fünfjährigen zu „schrecklichen Worten“ (S. 9). Der nachmittägliche Spaziergang mit dem Vater, statt wie zuvor mit der Mutter, langweilt ihn, da der Vater sich nicht intensiv um ihn kümmert und seinen eigenen Interessen nachgeht. Auch am Abend hat die Mutter für ihn jetzt keine Zeit mehr; er muss zudem still sein, wenn der Vater die Zeitung liest (S. 9f.). Der Junge erkennt bald, dass der Vater für ihn zum Rivalen im Werben um die Aufmerksamkeit der Mutter geworden ist; er wünscht sich, sein Gebet wäre nie in Erfüllung gegangen, und überlegt, was er tun könne, um den Vater wieder so schnell wie möglich zurück in den Krieg zu schicken (S. 9). In der ungekürzten Ausgabe des englischen Originaltextes äußert Larry diesen Wunsch auch seiner Mutter gegenüber. So heißt es: „‘Mummy,’ I said that night […], ‘do you think if I prayed hard God would send Daddy back to the war?’“ (S. 2; sinngemäß dt.: „‚Mammi,‘ sagte ich an jenem Abend […], ‚glaubst du, wenn ich wirklich ernsthaft darum bete, dass Gott Pappi wieder zurück in den Krieg schickt?‘“).Vgl. die unter Weblinks angegebene online-Ausgabe des englischen Originaltextes auf: The International Child and Youth Care Network, S. 2f. In der deutschen Übersetzung von Schnack entfällt diese für die Aussage der Geschichte durchaus bedeutsame Passage (vgl. dt. Text, S. 9 f.).
Als Larry früh am nächsten Morgen wie gewohnt zur Mutter ins Bett kommen will, stellt er fest, dass der Vater mehr Platz einnimmt, als ihm seiner Meinung nach zusteht, und versucht erfolglos mit einigen Tritten den Vater dazu zu bewegen, zur Seite zu rücken; für den Erzähler ist es fortan nicht mehr „bequem“ im mütterlichen Bett; auch seine Versuche, mit der Mutter ein Gespräch zu beginnen, werden von dieser sofort unterbunden mit der stereotypen Ermahnung: „Still, Kindchen […] weck Pappi nicht auf“ (S. 10 f.). Doch der Vater wird wach und ist deutlich verärgert; es herrscht eine gedrückte Stimmung; selbst die Mutter ist wütend über Larry (S. 11). Als der Vater eine Tasse Tee für die Mutter holt, ist der Fünfjährige empört, da ihm anschließend keine eigene Tasse Tee ans Bett gebracht wird und er aus der Untertasse der Mutter trinken soll: „Ich wollte nicht aus ihrer Untertasse trinken. Ich wollte als Gleichberechtigter in meinem eigenen Heim behandelt werden und eine Tasse für mich alleine haben“ (S. 11).
Die Krise spitzt sich am folgenden Tag weiter zu. Nachdem der Junge eine aus seiner Sicht endlos lange Zeit gewartet hat, um das der Mutter gegebene Versprechen zu erfüllen, den Vater nicht zu stören, geht er schließlich dennoch zur Mutter ins Bett. Diese versucht erneut, ihn zum Schweigen zu bringen, doch der Erzähler will absichtlich die aus seiner Sicht längst überfällige Entscheidung zwischen seinen eigenen Ansprüchen und denen des Vaters herbeiführen.
Wie er dabei schildert, verstehe er sehr wohl, worum es gehe. Er wolle reden, der Vater wolle schlafen; die Frage sei daher, wessen Haus es denn eigentlich sei.Diese Schlüsselstelle der Originalfassung entfällt ebenfalls in der dt. Übersetzung von Schnack. Im englischen Original heißt es: „I understood it only too well. I wanted to talk, he wanted to sleep - whose house was it, anyway?“. Vgl. Originaltext, S. 4. So besteht er der Mutter gegenüber entschieden auf seine ihm traditionell zustehenden Rechte: „»Mammi, ich fände es gesünder, wenn Vater auch ein eigenes Bett zum Schlafen hat!«“ (S. 12). Als seine Mutter darauf nicht eingeht, weckt er wütend den Vater mit einem „Knuff“ (S. 12; im Original: „a kick“ [Tritt], S. 4) auf und veranstaltet eine Schreiszene. Daraufhin erhält er von seinem zornigen Vater eine Tracht Prügel. Die Prügel an sich empfindet der Junge als “gar nicht schlimm”; was ihn allerdings „vollkommen verrückt“ macht, ist „die Ungerechtigkeit, von einem Fremden geschlagen zu werden, der sich in [sein] Heim und Mutters Bett geschlichen“ hat (S. 13).
Nach der Konflikteskalation ändert sich in der nächsten Zeit nur wenig an der Situation zwischen Vater und Sohn; das Zusammenleben erlebt Larry als „die reinste Hölle“; der Umgang zwischen ihm und seinem Vater bleibt feindselig (im englischen Original: „Father and I were enemies, open and avowed“, S. 5); die gekürzte deutsche Übersetzung „kühl und höflich“ gibt an dieser Stelle den vom Ich-Erzähler erlebten sinnbildlichen Kriegszustand im Haus nur unzureichend wieder (S. 13).Vgl. auch das Erleben des Erzählers in der Streitszene: „Er [der Vater] sah mich an wie ein Riese, der mich ermorden wollte“ (S. 13). Dem Vater gelingt es zunehmend, seine Vormachtstellung in der Familie weiter auszubauen und verstärkt die Zuneigung der Mutter zu gewinnen.
Wie ihm dies möglich ist, bleibt dem kindlichen Erzähler ein Rätsel, trotz seiner eingehenden Beobachtungen des väterlichen Verhaltens. Zunächst nimmt er an, es habe damit zu tun, dass der Vater Zeitung lese, Pfeife rauche und seinen Tee schlürfe; doch seine eigenen Versuche, dieses Verhalten seines Vaters zu imitieren, um so wieder die Gunst der Mutter zu gewinnen, bleiben von dieser gänzlich unbeachtet (S. 13 f.). So vermutet er schließlich, dass das Gewinnen der mütterlichen Zuneigung und Liebe durch den Vater etwas mit dem Erwachsensein zu tun haben müsse:
„Ich konnte immer noch nicht verstehen, weshalb Mutter ihn so gern hatte. Er war in jeder Beziehung weniger nett als ich. Oft benutzte er häßliche Wörter, und seinen Tee trank er auch nicht immer leise. Eine Weile glaubte ich, ihre Liebe käme daher, weil sie sich für Zeitungen interessierte. Also dachte ich mir Neuigkeiten aus und tat so, als läse ich sie ihr vor. Aber es machte ihr nicht viel Eindruck. Ich steckte mir seine Pfeife in den Mund und wanderte so durchs Haus. Ich schlürfte sogar beim Teetrinken, aber sie verbot es mir. Der einzige Ausweg schien der zu sein, recht schnell zu wachsen und sie ihm dann wegzunehmen“ (S. 13).
Einstweilen bleibt dem kindlichen Ich-Erzähler nur das Abwarten; bei Gelegenheit kündigt er jedoch dem Vater die Fortführung des nur aufgeschobenen Kampfes an, indem er ihm voller Verachtung mitteilt, er werde die Mutter später heiraten und mit ihr auch „sehr viele Babys haben“ (S. 13 f.; im englischen Original heißt es hier: „‘It’ll be very nice’, I said confidently. ‘Because we’re going to have lots and lots of babies’“, S. 6).Die deutsche Übersetzung von Elisabeth Schnack „»(…) und Kinder werden wir auch haben«“ (S. 14) gibt das Original an dieser Stelle nur unzureichend wieder.
Aus dieser Ankündigung des Erzählers erwächst in der Handlung der Kurzgeschichte jedoch eine doppelte Ironie. Als bald darauf tatsächlich ein Baby in der Familie ankommt, verliert Larry damit noch mehr die Aufmerksamkeit der Mutter, die nun völlig dem kleinen ‚Sonny‘ gehört. Andererseits gewinnt er aber ein neues Verhältnis zum Vater, der offenbar auch das Getue um den Neuankömmling missbilligt und ebenfalls darunter zu leiden hat (S. 14f.). Die Solidarität der „Entrechteten“ wird endgültig gefestigt, als der Vater eines Nachts durch den plärrenden Säugling aus dem Ehebett vertrieben wird und wütend in Larrys Bett Unterschlupf suchen muss.Vgl. Raimund Borgmeier: Frank O’Connor · My Oedipus Complex. In: Karl Heinz Göller, Gerhard Hoffmann (Hrsg.): Die englische Kurzgeschichte. August Bagel, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02222-0, S. 279. Siehe im dt. Text S. 14f.
Wenngleich Larry zunächst enttäuscht ist, dass es nicht seine Mutter, sondern sein Vater ist, der zu ihm nachts ins Bett gekommen ist, bemerkt er nun doch eine grundlegende Gemeinsamkeit zwischen sich und seinem Vater: Ebenso wie er selbst „durchschaute [der Vater] das Baby ohne weiteres. […] Jetzt war er an der Reihe. Erst hatte er mich aus dem großen Bett verjagt, und nun war er selbst weggejagt worden. Mutter kümmerte sich um niemanden mehr als um das ekelhafte Baby, und Vater und ich, wir mußten darunter leiden“ (S. 15).
Diese neue Einsicht lässt Nähe zum Vater entstehen: „Ich war schon mit fünf Jahren sehr großherzig; Rachsucht lag mir einfach nicht. Also streichelte ich ihn leise und sagte wie Mammi: »Ja, ja, ja, Pappi!«“ (S. 15). Larry bittet seinen Vater, ihn in den Arm zu nehmen und „er tat es, so gut er’s konnte. Er war nichts als Knochen, der Mann, aber immerhin war es besser als gar nichts. Ich kuschelte mich an und schlief ein“ (S. 15).
Zu Weihnachten, so berichtet der Ich-Erzähler abschließend, strengte der Vater „sich mächtig an und kauft mir eine phantastisch schöne Eisenbahn. Denn seit jener Nacht war’s mit den bitteren Gefühlen zwischen uns vorbei“ (S. 15).
Interpretationsansatz