Matthias Rath (* 1955 in Stuttgart; † 17. Januar 2026) war ein deutscher Arzt, Alternativmediziner, AIDS-Leugner und Verschwörungsideologe. Er war der Begründer der wirkungslosen „Zellularmedizin“, die er als Alternative zur Bekämpfung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Immunschwäche bewarb. Aufgrund seiner unseriösen Aktivitäten wurde er immer wieder verklagt und verurteilt.
Forschungstätigkeiten Nach Abschluss seines Medizinstudiums in Münster und Hamburg arbeitete Rath am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, wo er 1989 promovierte, sowie am Deutschen Herzzentrum in Berlin. 1990 übernahm er eine Stellung als erster Direktor für Herz-Kreislauf-Forschung am Linus Pauling Institute of Science and Medicine in Kalifornien. Der Nobelpreisträger für Chemie Linus Pauling hatte die kontroverse Theorie aufgestellt, dass hochdosiertes Vitamin C und andere Nährstoffe nicht nur vor Erkältungen schützten, sondern auch gegen Krebs vorbeugen könnten. Pauling verbrachte seine letzten Jahre mit dem Versuch, seine orthomolekulare Medizin genannte und in Fachkreisen nicht anerkannte Theorie wissenschaftlich zu untermauern.
Aus explorativen Untersuchungen zum Zusammenhang eines Mangels bestimmter Mikronährstoffe und dem Auftreten von Arteriosklerose leitete Matthias Rath die nicht schlüssig belegte Hypothese ab, dass Vitamin C ein Einflussfaktor bei der Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein könnte.Matthias Rath, Linus Pauling: Hypothesis: Lipoprotein(a) is a Surrogate for Ascorbate. In: Proc. Natl. Acad. Sci. USA. Vol. 87, August 1990, S. 6204–6207.Matthias Rath, Linus Pauling: Immunological Evidence for the Accumulation of Lipoprotein(a) in the Atherosclerotic Lesion of the Hypoascorbemic Guinea Pig. In: Proc. Natl. Acad. Sci. USA. Vol. 87, December 1990, S. 9388–9390. Demnach setze erst eine dauerhafte Unterversorgung an Vitamin C jenen Reparaturmechanismus mit Lipoprotein(a) in Gang, der in geschwächten Gefäßwänden deren zunehmende Verengung bedinge und so letztlich Thrombosen verursache.
Rath begann bereits 1992 in den USA, während seiner Arbeit an Paulings Institut, hochdosierte Vitaminpräparate zu entwickeln. Deren Vermarktung erfolgte zunächst unter Paulings Namen. Nach Paulings Tod 1994 überwarf sich Rath jedoch mit dessen Erben. Diese forderten eine hohe fünfstellige Entschädigungssumme und ließen Rath gerichtlich die kommerzielle Nutzung von Paulings Namen untersagen.
1994 gründete er ein eigenes Forschungs- und Entwicklungsinstitut im kalifornischen Santa Clara. Hauptuntersuchungsgegenstand war die Rolle von Mikronährstoffen bei der Vorbeugung und Behandlung einer Vielzahl chronischer Krankheiten. Insbesondere galt der Ansatz der Erforschung von Nährstoffsynergien.
Etwa zur gleichen Zeit verlegte Rath seine Aktivitäten nach Europa. Auf Grundlage von Paulings Theorien entwickelte Rath hier seine Zellularmedizin, die mittels hochdosierter Vitaminpräparate selbst die Heilung von Krebsleiden und AIDS bewirken sollte.
Das von Rath propagierte Heilverfahren hat sich in vielen wissenschaftlichen Studien als wirkungslos erwiesen. So konnten weder im TierversuchStudie widerspricht Wunderheiler. In: Berliner Morgenpost. 7. Juli 2004; abgerufen am 11. September 2006. noch in klinischen Tests Belege für Raths Behauptungen gefunden werden. Auch das Sozialgericht Berlin bezeichnete seine Vitamintabletten gegen Krebs als wirkungslos.Sozialgericht Berlin, Az.: S 82 KR 748/07. Dies hielt Rath nicht davon ab, die Wirkung seiner Produkte zu bewerben. So habe er mit seinem bereits .
Zellularmedizin Die Zellularmedizin oder Zellvitalstoff-Therapie ist eine alternativmedizinische Methode zur Prävention und Therapie schwerer Erkrankungen, die Teilaspekte der orthomolekularen Medizin aufgreift. Wesentliches Element sowohl der Zellularmedizin als auch der orthomolekularen Medizin ist die hoch dosierte Gabe („Optimaldosierung“) von Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen. Dadurch soll Krankheiten vorgebeugt werden, und schon vorhandene Beschwerden sollen gelindert oder geheilt werden.
Wirksamkeitsnachweise für diese Methode fehlen. Kritisiert wird zudem eine starke Prägung durch wirtschaftliche Interessen ihres Begründers Rath sowie das Nutzen von Verschwörungstheorien zu ihrer Verteidigung. Die Krebsgesellschaften mehrerer Bundesländer raten von einer unkontrollierten Einnahme der werbewirksam angebotenen Mikronährstoffe ab, da sie nicht nach den deutschen Zulassungskriterien auf Unbedenklichkeit und Wirksamkeit geprüft worden seien.
Die von Rath selbst im Internet veröffentlichten „klinischen Studien“ untersuchen den Einfluss von Vitaminpräparaten am Menschen bei verschiedenen Krankheitsbildern. Die Patientenzahl ist in jedem Fall zu gering, um verallgemeinerungsfähige Aussagen abzuleiten. Die Studien verletzen existierende Standards für klinische Studien. Daher sind Zellularmedizinstudien an Menschen nicht in Journalen veröffentlicht, die an einem wissenschaftlichen Verfahren zur Begutachtung der Qualität teilnehmen (Peer Review).
Die Verfechter der Zellularmedizin haben bisher keine Studien zu Pharmakokinetik und Pharmakodynamik ihrer Produkte vorgelegt. In Europa werden ein gutes Dutzend Produkte durch die Firma „Dr. Rath Health Programs B.V.“ vertrieben. Die Präparate enthalten Mineralstoffe, Spurenelemente, Aminosäuren und vor allem Vitamine. Stellt man die übliche Tagesdosis der Präparate den Referenzwerttabellen der deutschsprachigen Gesellschaften für Ernährungsforschung gegenüber,Referenzwerttabellen der deutschsprachigen Gesellschaften für Ernährungsforschung für Vitamine als Nahrungsergänzung erkennt man eine zum Teil erhebliche Überdosierung (empfohlene Tagesdosen entsprechen dem errechneten Mittelwert für Erwachsene).
Tätigkeit in Südafrika In Südafrika mussten sich Rath und seine Stiftung vor Gericht verantworten, nachdem er den AIDS-Kranken des Landes falsche Hoffnungen gemacht und ihnen von einer antiretroviralen Therapie abgeraten hatte. In Südafrika gab es Todesopfer, nachdem im Vertrauen auf die Wirksamkeit der Zellularmedizin auf die anerkannt wirksamen Therapien verzichtet worden war.Anso Thom: Rath foundation conduct illegal experiments. In: Health-e Onlinejournal. 17. September 2005. ; abgerufen am 25. Februar 2024. In einem Interview erklärte Rath:
Anthony Brink, ein südafrikanischer Jurist und ehemaliger Mitarbeiter Raths, nahm für sich in Anspruch, den südafrikanischen Staatspräsidenten Thabo Mbeki mit vielen Argumenten sogenannter AIDS-Leugner vertraut gemacht zu haben.Ben Goldacre: Bad Science, S. 185. Rath führte in Südafrika Anzeigenkampagnen durch, von denen er wiederholt behauptete, sie würden durch die Weltgesundheitsorganisation, UNICEF und UNAIDS als Sponsoren unterstützt oder anderweitig mitgetragen. Die Organisationen haben die Behauptungen in Presseerklärungen immer wieder ausdrücklich zurückgewiesen.Ben Goldacre: Bad Science, S. 191.
Organisationen wie der afrikanischen Treatment Action Campaign (TAC), die sich neben der AIDS-Aufklärung und neben der Empfehlung von Safer Sex maßgeblich für medikamentöse AIDS-Therapien einsetzen, warf Rath vor, Schattenorganisationen der Pharmalobby zu sein,Pressemitteilung, abgerufen am 10. September 2008. und dies ungeachtet der Tatsache, dass die TAC selbst der pharmazeutischen Industrie eine herbe Niederlage beschert hatte, nachdem sie gerichtlich die kostengünstige Abgabe von ARV-Medikamenten durchgesetzt hatte.
Im Juni 2008 wurde die Werbung für Vitaminpräparate als Anti-AIDS-Medizin gerichtlich verboten.
Der Arzt und Guardian-Journalist Ben Goldacre hat Raths Arbeit in Südafrika in einem Kapitel seines Buches Bad Science scharf kritisiert. Rath ging gegen die Buchveröffentlichung gerichtlich vor, wodurch die ursprüngliche Ausgabe des Buches ohne das Kapitel, das seine Arbeit kritisierte, erschien. Rath verlor den darauffolgenden Prozess, das fehlende Buchkapitel wurde anschließend unter einer Creative-Commons-Lizenz (Namensnennung, nicht kommerziell, keine Bearbeitung) im Internet veröffentlichtBen Goldacre, badscience.net, 9. April 2009, Matthias Rath - steal this chapter. und bei der Neuauflage des Buches berücksichtigt.
Öffentlichkeitsarbeit Rath warf der Pharmabranche vor, die Patienten mit unwirksamen Medikamenten auszubeuten. Ungeachtet dessen trieb Rath selbst Handel mit seinen Vitaminen und Mikronährstoffen und investierte große Summen in sein Vertriebsnetzwerk und die Vergrößerung seines Kundenstamms.
Die von Dr. Rath Health Programs B.V. vertriebenen Vitaminpräparate entsprechen nicht den in Deutschland gültigen gesetzlichen Bestimmungen für Nahrungsergänzungsmittel – aufgrund der teilweise hoch dosierten Wirkstoffe fallen die Präparate hier unter das Arzneimittelrecht. Um die Arzneimittelzulassung in Deutschland zu bekommen, hätte Rath Studien vorlegen müssen, welche die Wirksamkeit und Ungefährlichkeit seiner Produkte beweisen. Weil er das unterließ, untersagte ihm das Landgericht Berlin den Vertrieb seiner Produkte in Deutschland. Dieses Verbot umgeht seine Firma unter Ausnutzung einer Gesetzeslücke, indem die Vitaminpräparate und hochpreisigen Nahrungsergänzungsmittel von dem Firmensitz in Heerlen/Niederlande per Postversand verkauft werden. Zudem etablierte Rath die Gesundheits-Allianz, ein geschlossenes Netzwerk von Anwendern und „Gesundheits-Beratern“, die über Inhalte der Zellularmedizin und über eigene Erfahrungen damit berichten. Unter dem Slogan „Gesundheit für alle bis zum Jahr 2020“ wird ein grundsätzlicher Umbau des Gesundheitswesens verlangt. Volkskrankheiten sollen mit pseudowissenschaftlichen Naturheilverfahren „ausgemerzt“ werden.; abgerufen am 25. Februar 2024. Die kostenpflichtige Schulung dieser „Gesundheits-Berater“ übernahm ein von Rath gegründetes Institut, die Dr. Rath Gesundheitsakademie in Wittenberg.
Rath gründete zur Verbreitung seiner Theorien unter anderem eine Werbeagentur (MR Publishing B.V.), die Werbeveranstaltungen für Rath organisierte und Broschüren zur Zellularmedizin herausgab.Lutz Kliche (V.i.S.d.P.): Rath International. Ausgabe 02/2004 (4,47 MB); abgerufen am 25. Februar 2024.
Rath warf dem Bayer-Konzernchef Manfred Schneider „Völkermord“ vor, da Bayers bekanntestes Medikament Aspirin Magenblutungen verursache. Rath reichte bei der Staatsanwaltschaft Köln Strafanzeige gegen Schneider wegen angeblicher „Körperverletzung und Tötungsdelikten“ ein.
Kritische Journalisten, Wissenschaftler und Politiker stellte Rath im Jahr 2000 auf seiner Homepage an den virtuellen Pranger – unter der Überschrift „Most Wanted“ beschuldigte er knapp ein Dutzend Personen der Bestechlichkeit, Körperverletzung und des Völkermords. Wer gegen Rath spreche, sei auf der Gehaltsliste der Pharmalobby, einer Branche, die den Durchbruch der Zellularmedizin bewusst unterdrücke. Millionenfach ließ Rath Postwurfsendungen in ganz Deutschland verteilen, in denen er sich in herabsetzender und schmähender Weise über den Kinderonkologen Heribert Jürgens äußerte. Nach einer Strafanzeige wurde im Januar 2006 durch das Landgericht Hamm die Verbreitung der Broschüre verboten und eine Geldstrafe von 12.000 Euro gegen Rath wegen Beleidigung festgesetzt.Klaus Koch: Aggressives Marketing: Werbung per Steckbrief Aggressives Marketing: Werbung per Steckbrief. In: Dtsch Arztebl. 101(7), 2004, S. A-398 / B-336 / C-329.
Politische Betätigung