mini|Theodor Fontane, 1890Foto von Julius Cornelius Schaarwächter Stine ist ein von Theodor Fontane zwischen 1881 und 1888 verfasster Roman, der im Berlin der Gründerzeit spielt.

Er wurde im Jahrgang 1889/1890 der Zeitschrift Deutschland. Wochenschrift für Kunst, Literatur, Wissenschaft und soziales Leben vorabgedruckt. Die erste Buchausgabe erschien im April 1890 im Verlag seines Sohnes Friedrich (Friedrich Fontane & Co., Berlin).

Stine zählt zu Fontanes realistischen Romanen, die sich dem märkischen Adel und dem Berliner Kleinbürgertum in einer innerlich brüchigen Zeit widmen. Fontane machte wie in seinem 1888 erschienenen Roman Irrungen, Wirrungen die unmenschlichen Grenzen der Standesgesellschaft zum Thema und löste erneut einen Skandal aus. Obwohl dieser Roman, wie er es selbst an seinen befreundeten Kritiker Paul Schlenther schrieb, „bei Lichte besehen, (…) noch harmloser als Irrungen, Wirrungen ist“,Auswahl Erler, Bd. 2, S. 198 konnte Stine erst im Jahr 1890 erscheinen.

Zur Entstehung Die beachtliche Entstehungszeit von rund sieben Jahren beschreibt den für Fontane typischen Arbeitsstil beim Verfassen von epischen Texten. Er arbeitete oftmals nur bruchweise und in Schüben an seinen Romanen und Novellen und legte absichtlich Pausen ein, teilweise über Jahre hinweg, in denen er seine Schaffenskraft anderen Werken widmete. Daran im Anschluss folgten in der Regel etliche Korrekturvorgänge und Verbesserungen.

Aus Fontanes Briefzeugnis an den Publizisten und Schriftsteller Theodor Wolff 1888 ist nachzuvollziehen, dass schon nach frühen Anfängen an Stine im Jahr 1881Theodor Fontane: Werke, Schriften, Briefe Abt.4, Bd. 3, S. 159. verschiedene Arbeiten folgten und Fontane erst 1885 in einem wahren Arbeitsschub die Hauptkapitel (bis zu dem Dialog der Witwe Pittelkow mit dem Grafen Sarastro am Ende der Novelle) verfasste und mit abermaligem Zwischenschub 1888 Stine fertigstellte. Dazwischen schrieb er unter anderem an „Irrungen, Wirrungen“, das als Buchausgabe schon zwei Jahre früher erschien.Theodor Fontane: Werke, Schriften, Briefe Abt.4, Bd. 4, S. 37f. Die restliche Zeit jedoch, von 1888 bis zum Vorabdruck in der Zeitschrift Deutschland. Wochenschrift für Kunst, Literatur, Wissenschaft und soziales Leben, ist auf die mangelnde Akzeptanz vieler Kritiker und potentieller Herausgeber für die neue Novelle zurückzuführen. Dabei spielte einerseits der aufsehenerregende und heftig kritisierte Vorgänger eine wichtige Rolle, der aufgrund der brisanten Thematik der Mesalliance zwischen Adel und dem Kleinbürgertum und der moralischen Erhabenheit des Bürgers gegenüber dem Adel für viel missliche Kritik sorgte. Auch in Stine wurde diese Thematik abermals aufgegriffen und sogar in ihrer Wirkung verstärkt. Doch nicht nur die gesellschaftliche Brisanz spielte eine hemmende Rolle, sondern auch die poetische und schriftstellerische Qualität, insbesondere die Ausgestaltung der vermeintlichen Hauptcharaktere und ihre gemeinsame Liebesgeschichte. Auf Grund der zeitlichen Erscheinungsfolge und der thematischen Parallelen musste sich Stine zwangsläufig dem Vergleich mit „Irrungen, Wirrungen“ stellen. Dabei wurde vor allem die Beschreibung des Charakters der Stine bemängelt, aber auch die im Vergleich zu „Irrungen, Wirrungen“ nur kurz gehaltene und weniger ins Detail greifende Liebschaft zwischen Stine und Waldemar. Selbst Fontane wurde dieser Kritik einsichtig und schrieb diesbezüglich in einem Brief an den Verleger Paul Schlenther: „Stine bleibt als Figur weit hinter Lene zurück und da sie Hauptheldin ist und dem Ganzen den Namen gibt, hat das Ganze mit darunter zu leiden“,Theodor Fontane: Werke, Schriften, Briefe Abt.4, Bd. 3, S. 610f. bzw. in einem anderen an Emil Dominik: „Es ist ein nicht so breites, weite Kreise umfassendes Stadt- und Lebensbild wie ‚Irrungen, Wirrungen‘, aber an entscheidender Stelle energischer, wirkungsvoller.“Theodor Fontane: Werke, Schriften, Briefe Abt.4, Bd. 3, S. 578. Jedoch auch die Entscheidung, den Namen Stines als Buchtitel zu verwenden, obwohl Fontanes Intention nicht die war, Stine in den Vordergrund zu stellen und als Hauptcharakter darzustellen, stiftete gewiss Verwirrung und falsche Erwartungen. Fontane hierzu im selben Brief: „Die Hauptperson ist nicht Stine, sondern deren ältere Schwester: Witwe Pittelkow.“ Vermutlich konnte auch deshalb Stine dem Vergleich mit Magdalene Nimptsch nicht standhalten.

Realer Hintergrund Ein Zusammenhang mit realen Charakteren aus der Zeit Fontanes, beziehungsweise realen Vorgängen, die ihm als Anregung hätten dienen können (wie im Allgemeinen üblich bei seinen Werken), lässt sich aus der Erwähnung des Königsmarckschen Palais’ bzw. eines seiner Bewohner im zwölften Kapitel des Romans erschließen. Fontane verkehrte im Salon der Familie von Putlitz und war darüber informiert, dass Stephan Gans zu Putlitz, der durch einen Reitunfall kurz vor seiner Hochzeit gesundheitlich geschädigt war,Elisabeth von Heyking: Tagebücher aus vier Weltteilen. Koehler & Amelang, 1925, Kap. 2 sich im Sommer 1883 das Leben genommen hatte, obwohl die Familie diesen Vorfall zu vertuschen versuchte und stattdessen behauptete, es habe sich um ein unglücklich verlaufendes Duell gehandelt.Theodor Fontane: Stine. Mit einem Nachwort herausgegeben von Helmuth Nürnberger. 3. Auflage. dtv, München 2005, ISBN 3-423-13374-0, S. 100 f. und 124 f.

Fontanetypisch besitzen einige Namen im Buch Gemeinsamkeiten mit in der Realität vorkommenden Orten beziehungsweise Familiennamen. Der Name der Vermieter der Pittelkows, Familie Polzin, ist ein bekannter Berliner Stadtname und ein pommerscher Ortsname zugleich.Theodor Fontane: Stine. dtv, 2005, S. 114 Die aus Mozarts Oper „Die Zauberflöte“ stammenden Namen Papageno und Sarastro dienen dem Grafen und dem Baron als sarkastische Necknamen.Theodor Fontane: Stine. dtv, 2005, S. 116 Der Nachname Grützmacher der alten Freundin von Stines Schwester Pauline ähnelte einer im Volksmund üblichen Bezeichnung eines in der Nähe der Invalidenstraße (Wohnort der Pittelkows) liegenden Exerzierplatzes.Theodor Fontane: Stine. dtv, 2005, S. 115 Rehbein, der Geburtsname der Pauline Pittelkow, ist gleich dem Namen einer Pferdekrankheit.

Handlung Die Handlung wird auf den August 1877 oder 1878 datiert.Martin Lowsky: Der kleine Roman „Stine“ – armselig oder großartig? Nachwort der Ausgabe in den Hamburger Leseheften, Nr. 232. Husum 2012, ISBN 978-3-87291-231-2, S. 80–82

Kompakt Die junge Ernestine Rehbein, genannt Stine, lebt in einfachen, kleinbürgerlichen Verhältnissen. Sie lebt in einem Wohnhaus in der Invalidenstraße 98e in Berlin zwei Stockwerke über der Wohnung ihrer verwitweten Schwester Pauline, die zwei Kinder von zwei verschiedenen Männern hat. Bei einem abendlichen Diner, mit dem Pauline in kleiner Gesellschaft den Pflichten ihrer Liaison mit dem alten Grafen Haldern nachkommt, lernt Stine den kränklichen, jungen Grafen Waldemar Haldern kennen. Dieser verliebt sich in Stine und fängt an, um sie zu werben, indem er sie zu besuchen beginnt. Da diese Verbindung ihrer Schwester suspekt wird, rät sie Stine zur Besonnenheit, um nicht ins Gerede zu kommen, ein außereheliches Verhältnis zum Grafen zu haben. Derweil berät sich Graf Haldern mit seinem Onkel über seinen Plan, Stine zur Frau zu nehmen. Dieser rät ihm davon ab, da es die Ächtung seiner Familie nach sich ziehen würde. Der junge Graf von Haldern ist fast schon bereit, dieses Risiko auf sich zu nehmen. Als jedoch auch Stine ihm ihre Zusage zur Hochzeit verwehrt, begeht er kurz darauf Selbstmord. Stine reist zu seiner Beerdigung und kehrt mitgenommen zu ihrer Schwester zurück.

Ausführlich Erstes Kapitel: Einführung und Beschreibung der Umgebung und Lebensverhältnisse der Pittelkows sowie erste Charakterzeichnungen der älteren Schwester Pauline. Pauline Pittelkow, Geliebte des Grafen Sarastro, erhält einen Brief desselben, mit dem er sich selbst ankündigt. Pauline, die mit ihren gut dreißig Jahren immer noch eine Schönheit ist, bereitet den Abend vor und schickt ihre Tochter Olga mit einem Einladungsbrief zu ihrer langjährigen Freundin, der Theaterschauspielerin Wanda Grützmacher.

Zweites Kapitel: Einführung und Charakterbeschreibung der Polzins und Paulines Schwester Ernestine Rehbein, die in der Regel nur Stine genannt wird. Pauline geht zu ihrer Schwester Stine, die im selben Haus wohnt, und berichtet ihr von dem Brief des Grafen. Man erfährt, dass Graf Sarastro seinen Neffen Waldemar und den Baron Papageno mitbringt und sich wünscht, dass Wanda sowie Stine diesem Abend beiwohnen sollen.

Drittes Kapitel: Einführung und Charakterbeschreibung von Wanda Grützmacher. Olga läuft mit dem Einladungsbrief zu Wanda und überreicht ihr diesen. Wanda sagt zu.

Viertes Kapitel: Beschreibung der Wohnverhältnisse Paulines und Erläuterungen ihrer Beziehung zu Wanda. Pauline trifft die letzten Vorbereitungen. Allmählich treffen alle Gäste ein, erst Wanda und dann die drei Herren. Gemeinsames Essen am Tisch und erste Gespräche zwischen den Protagonisten, wobei vor allem Graf Sarastro die Plaudereien anführt und das Gesprächsthema mit Intimitäten und herablassenden Anspielungen auf Pauline und Wanda lenkt.

Fünftes Kapitel: Der Abend wird auf dem Sofa fortgesetzt und die Stimmung wird immer ausgelassener. Graf Sarastro, der weiterhin die Gespräche führt, wird in seiner Sprache immer intimer und anzüglicher. Ferner beschließen alle eine Kartoffelkomödie aufzuführen. Wanda übernimmt die Federführung und spielt Judith aus dem alttestamentlichen Holofernes-Stoff, was in Anlehnung an die Thematik des Buches ein tragisches Liebesspiel ist. Der restliche Abend verläuft mit einem Kartenspiel und dem Singen von Liedern. Erste Anzeichen von gegenseitiger Zuneigung sind bei Stine und Graf Waldemar festzustellen.

Sechstes Kapitel: Die Gäste verlassen Paulines Wohnung. Stine und ihre Schwester lassen den Abend Revue passieren und unterhalten sich über Wanda und die drei Herren.

Siebtes Kapitel: Zwei Tage später ist Graf Waldemar auf dem Weg, Stine in ihrer Wohnung zu besuchen. Während er vor der Tür steht und Stine ihn hereinlässt, beobachtet die Vermieterin Emilie Polzin die Szene und gibt mit ihrem Kommentar einen Ausblick auf das weitere Geschehen. Ferner gibt sie eine erste Anspielung auf Waldemars schwachen und kränklichen Gesundheitszustand.

Achtes Kapitel: Langer und aussagekräftiger Dialog zwischen Stine und Waldemar. Stine, die davon ausgeht, dass Waldemar sie nur aus demselben Grund besucht wie Graf Sarastro Pauline, stellt klar, dass sie im Gegensatz zu Pauline ein „ordentliches Mädchen“ ist. Waldemar stellt auch seine Absichten klar, die sich keinesfalls mit denen seines Onkels decken. Er war fasziniert vom Verhalten Stines bei dem Abend und will nichts anderes als ihr helfen, um sie aus ihrer Umgebung und ihrem vermeintlich armen Leben zu befreien. Ferner erfährt der Leser zum ersten Mal in dem Buch viel über die beiden Charaktere, aber auch über den Werdegang von Pauline (Stine erzählt Waldemar davon) und die Rechtfertigung ihres Lebensstils als Geliebte. Waldemar fragt Stine, ob sie ihm erlaube, sie weiterhin zu besuchen. Sie sagt zwar nicht zu, verbietet es dem Grafen aber auch nicht. Später bereut sie ihre Zögerlichkeit und fühlt sich an ihre Mutter erinnert, der sie am Sterbebett versprochen hat, ein „ordentliches“ Leben zu führen. Auch dieses Mal hat Emilie Polzin dem Schauspiel zugelauscht und kommentiert ihre Meinung ihrem Mann.

Neuntes Kapitel: Waldemar besucht Stine jetzt regelmäßig. In ihren Gesprächen erfährt der Leser über die schönen Momente in Stines einfachem Leben, aber auch von dem im Gegensatz dazu eher unglücklichen Lebensweg von Waldemar, der unter seiner strengen und öden Erziehung litt, seiner Zeit im Regiment und seiner schweren Verwundung im Krieg.