Der Österreichische Cartellverband (ÖCV) ist ein Korporationsverband von katholischen, nichtschlagenden, farbentragenden Studentenverbindungen in Österreich. Der Verband mit Sitz in Wien hat 50 Mitgliedsverbindungen in Österreich.
In Österreich wird der Verband meistens nur als Cartellverband bzw. CV bezeichnet, ist aber vom deutschen Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV) zu unterscheiden. Der ÖCV spaltete sich am 10. Juli 1933 von diesem ab.
Organisation Der ÖCV ist ein Zusammenschluss einzelner Verbindungen unter Wahrung des Subsidiaritätsprinzipes, das heißt größtmöglicher Beibehaltung ihrer Eigenständigkeit. Alle Mitgliedsverbindungen des ÖCV sind gleichberechtigt und haben auf Sitzungen das gleiche Stimmrecht. Lediglich für den „protokollarischen“ Ablauf gilt das Anciennitätsprinzip, wobei die Verbindungen nach ihrem Beitrittsdatum sortiert werden, die sogenannte Amtliche Reihenfolge.
Entsprechend der Organisation der Verbindungen ist auch der ÖCV gegliedert: es gibt den aus der Aktivitas bestehenden ÖCV-Studentenverband und die aus den jeweiligen Altherrenschaften gebildete Altherrenschaft des ÖCV, die großteils aus Akademikern besteht.
In Städten, in denen es mehrere Mitgliedsverbindungen gibt, haben die ansässigen Verbindungen Ortsverbände gegründet, die die Arbeit der Verbindungen untereinander koordinieren sollen. Es gibt insgesamt 7 Ortsverbände:
Grazer Cartellverband (GCV), 6 Verbindungen Innsbrucker Cartellverband (ICV), 6 Verbindungen Leobener Cartellverband (LCV), 2 Verbindungen Linzer Cartellverband (LiCV), 3 Verbindungen Salzburger Cartellverband (SCV), 3 Verbindungen Wiener Cartellverband (WCV), 22 Verbindungen Wiener Neustädter Cartellverband (NCV), 3 Verbindungen.
Dabei ist eine Verbindung des WCV in Klosterneuburg ansässig, eine des NCV in Baden bei Wien.
Oberstes beschlussfassendes Organ ist die Cartellversammlung (C.V.V.). Einzelne Sitzungen finden nach Studentenbund und Altherrenbund getrennt statt. Hier hat jede Aktivitas beziehungsweise jede Altherrenschaft eine Stimme. Bei gemeinsamen Sitzungen von Aktiven und Alten Herren hat jede Verbindung zwei Stimmen, je eine für die Altherrenschaft und eine für die Aktivitas.
Im jährlichen Wechsel übernimmt eine Verbindung (u. U. auch ein Ortsverband) den Vorort, d. h. den Vorsitz im ÖCV. Das Vorortspräsidium besteht aus dem Vorortspräsidenten, seinen zwei Vertretern und weiteren Fachreferenten. Der Vorort vertritt auf Feierlichkeiten den Gesamtverband und führt dabei die ÖCV-Standarte bei sich. Außerdem steht das Vorortspräsidium dem Studentenverband vor.
Der ÖCV ist Herausgeber der eigenen Verbandszeitschrift, der „österreichischen“ Academia, die zweimonatlich erscheint. Die Zeitschrift wurde 1888 gegründet; ihre Auflage wurde 2005 mit 31.974 Exemplaren angegeben. Neben den üblichen Mitteilungen zum Verband werden auch umfangreiche Beiträge zu Staat, Gesellschaft und Wissenschaft veröffentlicht.
Geschichte
→ Zur Vorgeschichte als Teil des CV siehe: Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen#Geschichte → Zu Vorläufer-Verbänden in Österreich siehe: Vorläufer des Österreichischen Cartellverbandes
Gründung des Österreichischen Cartellverbandes Auf der Cartellversammlung 1932 des noch gesamtdeutschen CV wurde beschlossen, dass die Mitgliedschaft im CV mit einer Mitgliedschaft in der NSDAP oder dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund unvereinbar seien, solange die deutschen Bischöfe den Nationalsozialismus verurteilten. Bereits ein Jahr später wurde aber das strikte Verbot der Parteizugehörigkeit infolge des Reichskonkordats zurückgenommen. Ab 1933 begann in Deutschland der Prozess der Gleichschaltung mit Einführung des Führerprinzips und der daraus resultierenden Annäherung an den Nationalsozialistischen deutschen Studentenbund (NSDStB).
Die Vorgänge veranlassten die österreichischen Studentenvertretungen, aus der gesamtdeutschen Studentenschaft auszutreten. Die österreichischen Verbindungen wurden aufgefordert, Bundeskanzler Dollfuß und Heeresminister Vaugoin sofort auszuschließen. Die österreichischen CV-Korporationen verweigerten diesen Befehl und stellten sich auf den Standpunkt, Österreich wäre eine unabhängige Nation und die Aufforderung eine Zumutung. In einem Akt der Solidarität nahmen viele österreichische Verbindungen Dollfuß als Ehrenmitglied auf. Als Reaktion darauf erklärte die gleichgeschaltete Verbandsführung in Berlin am 9. Juli Dollfuß und sämtliche dem CV angehörigen Mitglieder der österreichischen Regierung als aus dem CV ausgeschlossen. Die österreichischen Verbindungen stellten klar, dass diese Anweisung nur für die Verbindungen im Deutschen Reich gelten könne; sie trennten sich daher zum 10. Juli 1933 vom reichsdeutschen CV ab und begründeten dies mit der „Bestellung neuer Führer seitens verbandsfremde Stellen für den CV sowie deren den Grundsätzen und dem Geist des CV widersprechenden Verfügungen“.Gesellschaft für Studentengeschichte und Studentisches Brauchtum e. V. (Hrsg.): CV-Handbuch. Regensburg 2000, S. 73. Neuer Vorort wurde am 15. Juli Norica Wien.
So entgingen die CV-Mitgliedsverbindungen im damals noch souveränen Österreich der Gleichschaltung, indem sie aus dem Cartellverband austraten und den Österreichischen Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen gründeten.
Austrofaschismus (Ständestaat) In der Phase des Austrofaschismus von 1933 bis 1938 nahm der Österreichische Cartellverband eine wichtige Rolle ein. Dem diplomierten Historiker und Politologen Stephan Neuhäuser zufolge „unterstützten mindestens 37 % aller studierenden Mitglieder des ÖCV in verschiedenen Wehrformationen Bundesheer und Heimwehr während der Februarereignisse 1934 (…) In Graz beteiligten sich 70 % der aktiven ÖCVer auf Seiten der Regierungstruppen und Heimwehren, in Leoben 45 %, in Wien 33 % und in Innsbruck 29 %. Die größten Kontingente stellten Babenberg Graz (40), Carolina Graz (40), Austria Wien (53), Austria Innsbruck (49), Norica Wien (64) und Rudolfina Wien (54)“.Stephan Neuhäuser: Wer Wenn nicht Wir? 1934 begann der Aufstieg des CV. In: Stephan Neuhäuser (Hrsg.): Wir werden ganze Arbeit leisten – der Austrofaschistische Ständestreich 1934. S. 122. Nach dem Februar übernahm die dem ÖCV nahestehende Akademikerhilfe die zuvor sozialistischen Akademikerheime in der Säulengasse 18 sowie der Billrothstraße 9 in Wien.
Der Verband fungierte als Rekrutierungsbecken für das faschistische System, der Anteil von ÖCVern in verschiedenen Gremien des Ständestaats war sehr hoch.Maren Seeliger: Scheinparlamentarismus im Führerstaat: „Gemeindevertretung“ im Austrofaschismus und Nationalsozialismus; Funktionen und politische Profile Wiener Räte und Ratsherren 1934–1945. LIT, 2010, S. 278. Im Bundesrat lag er bei 90 Prozent. Mit Otto Kemptner wurde ein Bundesbruder von Engelbert Dollfuß mit dem Aufbau der Vaterländischen Front beauftragt. Für Mitglieder des ÖCV bestand ab 1933 Beitrittspflicht. Engelbert Dollfuß sorgte auch dafür, dass junge Akademiker, die dem ÖCV angehörten, schnell zu Spitzenpositionen in Politik und Verwaltung vordringen konnten. Im Gegenzug wurde dem Regierungschef ein Mitspracherecht bei der Besetzung von Ämtern innerhalb des ÖCV eingeräumt. Das Regime setzte für die Hochschülerschaft in Österreich das CV-Mitglied Heinrich Drimmel als Sachwalter ein, dem weitere Sachwalter an den einzelnen Hochschulen unterstellt waren.Österreichische Hochschülerschaft: , Wien 2006, S. 7.
In der Bundesregierung Dollfuß I gehörten sechs von zehn Ministern dem Verband an, nach drei Regierungsumbildungen waren es schließlich acht von zehn. Die Regierung Dollfuß II, die die Niederschlagung der Aufstände im Februar 1934 im Rahmen des Österreichischen Bürgerkriegs zu verantworten hatte, bestand überwiegend aus Mitgliedern des ÖCV, in der nunmehrigen Diktatur unter Dollfuß waren immerhin noch sechs von 13 Ministern Korporierte.
Nachdem Dollfuß im Zuge des Juliputsch 1934 von SS-Männern im Bundeskanzleramt erschossen wurde, hieß es in einem Mitteilungsblatt im Juni 1935: „Einer der besten des CV, unser verewigter Kanzler Dr. Dollfuß“. Noch 1937 konnte man dort lesen: „Die Dollfußstraße ist keine andere als die traditionelle CV-Straße.“
Engelbert Dollfuß war bis zu seinem Tod Ehrenmitglied in 16 ÖCV-Verbindungen, sein Nachfolger Kurt Schuschnigg brachte es auf neun Ehrenmitgliedschaften.
Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg Bereits vor der nationalsozialistischen Machtübernahme kam es zu Annäherungen zwischen Cartellverband und Nationalsozialismus, beispielsweise bei einer mit lokalen NS-Organisationen veranstalteten Gedenkkundgebung für Albert Leo Schlageter in Innsbruck am 27. Juni 1923.Derek Hastings: Catholicism and the Roots of Nazism : Religious Identity and National Socialism. Oxford University Press, 2009, S. 133. Im kurzlebigen nationalsozialistischen Marionettenkabinett Seyß-Inquart von 1938 befanden sich zwei Mitglieder des CV: Oswald Menghin (Unterrichtsminister) und Wilhelm Wolf (Außenminister). Beide gelten im ÖCV als „Märzveilchen“, also als Verräter, deren wahre Gesinnung im März 1938 „aufgeblüht“ sei; Menghin wurde aufgrund seines Verhaltens von seiner Verbindung „unehrenhaft“ entlassen. Gegen Wolf lief ein selbiges Verfahren – dessen Abwicklung durch das Versammlungsverbot erschwert wurde – als er bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben kam. Ebenfalls im nationalsozialistischen Umfeld betätigte sich Anton Rintelen, der im Fall des Gelingens des Juliputsches 1934 die Regierung übernehmen hätte sollen.Stephan Neuhäuser: Wer Wenn nicht Wir? 1934 begann der Aufstieg des CV. In: Stephan Neuhäuser (Hrsg.): Wir werden ganze Arbeit leisten – Der austrofaschistische Staatsstreich 1934, S. 77. Josef Nadler, der sich dem austrofaschistischen Regime angedient hatte, trat unmittelbar nach dem Anschluss in die NSDAP ein, wo sein völkisch-großdeutsches Gedankengut auf breiten Anklang stieß.Irene Ranzmaier: Germanistik an der Universität Wien zur Zeit des Nationalsozialismus: Karrieren, Konflikte und die Wissenschaft. Böhlau, 2005, S. 38.
Nach dem „Anschluss“ wurde der Österreichische Cartellverband von den Nationalsozialisten verboten. Von den Innsbrucker Ortsgruppen traten 40 % der Mitglieder der NSDAP bei.Korporationsstudenten und Nationalsozialismus in Österreich. Eine quantifizierende Untersuchung am Beispiel der Universität Innsbruck 1918–1938, in: Dietrich Heither, Michael Gehler, Alexandra Kurth, Gerhard Schäfer (Hrsg.): Blut und Paukboden. Eine Geschichte der Burschenschaften, Frankfurt/Main 1997, S. 143. 7 % der NSDAP-Mitglieder traten der SS bei.Korporationsstudenten und Nationalsozialismus in Österreich. Eine quantifizierende Untersuchung am Beispiel der Universität Innsbruck 1918–1938, in: Michael Gehler, Dietrich Heither, Alexandra Kurth, Gerhard Schäfer (Hrsg.): Blut und Paukboden. Eine Geschichte der Burschenschaften, Frankfurt/Main 1997, S. 147. Gehler betrachtet dieses Beispiel als für die Gesamtsituation repräsentativ.Korporationsstudenten und Nationalsozialismus in Österreich. Eine quantifizierende Untersuchung am Beispiel der Universität Innsbruck 1918–1938, in: Michael Gehler, Dietrich Heither, Alexandra Kurth, Gerhard Schäfer (Hrsg.): Blut und Paukboden. Eine Geschichte der Burschenschaften, Frankfurt/Main 1997, S. 132. Viele Mitglieder des Österreichischen Cartellverbandes, die sich während des Austrofaschismus politisch engagierten, wurden in der Zeit des Nationalsozialismus aufgrund ihres Naheverhältnisses zu politisch Verfolgten. In sogenannten „Prominententransporten“ gehörten sie mit zu den ersten, die ins Konzentrationslager deportiert wurden, vorwiegend landeten sie im KZ Dachau. Andere, wie etwa der Arzt Konrad Eberle, wurden nach und nach von ihren Posten enthoben, wenn sie zum Beispiel eine „klerikale Einstellung“ zeigten.