Der Türkische Befreiungskrieg ( oder älteres Türkisch İstiklâl Harbi) war der Unabhängigkeitskrieg der türkischen Nationalbewegung von 1919 bis 1923 unter der Führung Mustafa Kemal Paschas gegen die Besetzung und politische und wirtschaftliche Bevormundung durch fremde Mächte. Die Kampfhandlungen richteten sich u. a. gegen Armenien, Griechenland und die französische Besatzungsmacht in Anatolien, die von den Westmächten Großbritannien und Italien unterstützt wurden. Der Krieg war gegen die Vergrößerung eines projektierten armenischen und des griechischen Staates auf Kosten des Osmanischen Reiches sowie gegen o. g. Besatzungszonen nach dem Vertrag von Sèvres von 1920 gerichtet. Ziel war die Errichtung eines türkischen Nationalstaates innerhalb der beim Waffenstillstand von Mudros von 1918 mit der Entente vereinbarten Waffenstillstandslinien (entspricht in etwa den heutigen Grenzen). Des Weiteren sollte der türkische Staat frei von politischen und wirtschaftlichen Beschränkungen durch fremde Mächte sein. Die im Vertrag von Sèvres von 1920 verankerten alliierten Aufteilungspläne der Türkei waren von der Regierung unter Damat Ferid Pascha unterzeichnet worden, riefen aber den erfolgreichen Widerstand unter Mustafa Kemal hervor.Taner Akçam: Die Istanbuler Prozesse und die türkische Nationalbewegung. Hamburg 2004, S. 122.Das zeigt ein Telegramm des kemalistischen Kabinetts an Kâzım Karabekir, in dem die physische und politische Vernichtung Armeniens gefordert wird. Aber auch Bemerkungen Atatürks, dass Armenien ein Hindernis für die Kommunikation mit den Turkvölkern im Osten sei (Raymond Kévorkian Le génocide des Arméniens. S. 982) als auch die territorialen Anpassungen zu Gunsten der Türkei, die über die Vorkriegsgrenzen (WWI) zu Lasten Armeniens hinsausgingen. Den Truppen der Kuvayı Milliye unter der Führung Mustafa Kemals schlossen sich verschiedene Ethnien, wie z. B. Tscherkessen, Lasen und Kurden an. Die gängigen türkischen Bezeichnungen lauten Kurtuluş Savaşı (Befreiungskrieg), İstiklâl Harbi (Unabhängigkeitskrieg) oder Millî Mücadele (Nationaler Kampf).
Der Kampf hatte die Gründung eines souveränen türkischen Staates ohne politische, rechtliche und wirtschaftliche Bevormundung durch andere Staaten zum Ziel. Zudem sollte ein gemeinsames türkisches Nationalbewusstsein unter den weit über 40 ethnischen Gruppen begründet werden, unter denen die Türken die größte bildeten (Siehe auch: Volksgruppen in der Türkei).
Der Befreiungskrieg gipfelte im Griechisch-Türkischen Krieg, in dessen Folge die größten Teile der griechischen Bevölkerung Kleinasiens und der türkischen Bevölkerung des heutigen Griechenlands vertrieben wurden (Abkommen zwischen beiden Ländern zum Bevölkerungsaustausch 1923). Die Griechen mussten Teile Kleinasiens verlassen, in denen sie annähernd dreitausend Jahre gesiedelt hatten (hauptsächlich in Ionien, am Pontos, in Bithynien und in Ostthrakien). Für die Türken wiederum endete eine annähernd 600 Jahre alte Besiedelungsgeschichte in Teilen des heutigen Griechenlands (hauptsächlich in (Griechisch-)Makedonien und auf Kreta).
Ausgangssituation Das im Ersten Weltkrieg mit den Mittelmächten verbündete Osmanische Reich unterzeichnete nach deren offenkundig gewordener Niederlage am 30. Oktober 1918 das Waffenstillstandsabkommen von Mudros (Mudros auf Limnos) mit den Siegermächten. Kapitel 7 des Vertrages gestattete den Siegermächten, jederzeit jede Region des Reiches zu besetzen. Auf Grundlage dieses Abkommens wurden nahezu alle Gebiete der Türkei durch Großbritannien, Frankreich, Italien und Griechenland besetzt.
Griechenland hatte sich im Ersten Weltkrieg der Entente angeschlossen und sah nach der Niederlage und Schwächung des Osmanischen Reiches die Megali Idea in greifbarer Nähe. Mit der Unterstützung der Großmächte Großbritannien und Frankreich begann Griechenland einen Feldzug gegen das kriegsgeschwächte Osmanische Reich.
Die Anfänge des Widerstandes Reaktion auf die Besatzung mini|Besetzung Istanbuls In vielen Landesteilen organisierte sich Widerstand gegen die Besatzung. Die Kuvayı Milliye waren Freikorps, die dezentral organisiert die Kämpfe gegen die Besatzungsmächte aufnahmen. Die Freikorps setzten sich aus Mitgliedern der aufgelösten Teşkilât-ı Mahsusa zusammen, aus jungtürkischen Inhaftierten, denen unter der Regierung von Istanbul der Prozess bevorstand und die mithilfe der Karakol-Organisation zur kemalistischen Seite überwechselten, desertierten Soldaten der Osmanischen Armee und anderen Freiwilligen.Wolfgang Gust (Hrsg.): Der Völkermord an den Armeniern 1915/16. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes zu Klampen Verlag, Springe 2005, ISBN 3-934920-59-4, S. 292 ff.Taner Akçam: A Shameful Act: The Armenian Genocide and the Question of Turkish Responsibility. Metropolitan Books, New York 2006, ISBN 0-8050-7932-7, S. 310 ff. und S. 362 ff.
Den Beginn des Widerstands markiert der erste Schuss gegen die Besatzungsmächte in İzmir durch Hasan Tahsin. Die Kuvayı Milliye wurden dabei nicht nur durch die Besatzer bekämpft, sondern auch durch die Regierung des Osmanischen Reichs.
Mustafa Kemals Ankunft in Samsun Mustafa Kemal kam zum Schluss, dass der Widerstand nur aus Anatolien und nicht von Istanbul aus geleitet werden könne.
1919 erhielt er die Chance, auf die er und andere Offiziere gewartet hatten. Wachsender Widerstand und Unruhe in Nordostanatolien beunruhigten Großbritannien. Großbritannien drohte der Hohen Pforte mit der Besetzung der Region, falls es dem Reich nicht gelänge, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Der Sultan beauftragte daraufhin Mustafa Kemal mit der Demobilisierung der 9. Armee und entsandte ihn an die Schwarzmeerküste. Seine Ankunft in Samsun am 19. Mai 1919 markiert den Beginn des Befreiungskrieges und wird heute noch in der Türkei als Nationalfeiertag gefeiert.
Nach seiner Ankunft forderte Kemal in einem Schreiben (Havza Genelgesi) andere Offiziere auf, überall im Land Versammlungen abzuhalten, die Bevölkerung über das Vorhaben der Besatzungsmächte aufzuklären und Widerstand zu organisieren. Die erste Versammlung solcher Art fand am 30. Mai 1919 in Havza statt.
Landesweite Kongresse Die abgehaltenen Kongresse dienten dazu, eine einheitliche nationale Widerstandsbewegung zu gründen und ihr neben einem Programm auch eine nationale Legitimation zu geben. Ziel war es, die dezentral und unabhängig voneinander agierenden Kräfte zu vereinigen. Auf den Kongressen in Erzurum (23. Juli bis 7. August 1919) und Sivas (4. bis 11. September 1919) wurden Strategien zur Befreiung der Türkei in einem Nationalpakt (türk. Misak-ı Millî) festgelegt. Als Ziel wurde darin die Unteilbarkeit aller Gebiete definiert, die größtenteils von „Türken“ bewohnt waren. Er gilt noch heute als das Gründungsdokument der Republik.
Kongress von Erzurum
mini|Mustafa Kemal mit Delegierten In der Zwischenzeit wurden überall im Land patriotische Gesellschaften gegründet, die sich „Gesellschaft zur Verteidigung der Rechte“ (Müdafaa-i Hukuk Cemiyeti) nannten. Mustafa Kemal rief in seinem „Amasya-Rundschreiben“ („Die Unabhängigkeit des Volkes wird durch die Entschlossenheit und Entscheidung des Volkes wieder gewonnen“) alle lokalen Gesellschaften dazu auf, sich zu einem Nationalkongress zusammenzuschließen. Dieser sollte die politische Bewegung und die späteren militärischen Maßnahmen durch das Volk legitimieren.
Den ersten Kongress hielt Mustafa Kemal vom 23. Juli bis 7. August 1919 in Erzurum ab. Zuvor trat er am 8. Juli von seinem Rang als Pascha zurück und verließ damit die Osmanische Armee. Am nächsten Tag wurde er in Erzurum zum Vorsitzenden des Kongresses gewählt.
Unter seinem Vorsitz trafen sich 56 Delegierte aus den Städten Erzurum, Sivas, Bitlis, Van und Trabzon. Die Delegierten waren Mitglieder der Sancaks, der alten Osmanischen Verwaltungseinheiten. Am 23. Juli verabschiedete der Kongress eine 10-Punkte-Resolution. Darin wurde die Wiedereinsetzung des Osmanischen Parlaments sowie die Unabhängigkeit, Souveränität und Unteilbarkeit des türkischen Staates gefordert. Auch die Vertreter der sechs östlichen Provinzen stimmten für das Verbleiben im Reich. Dieser Beschluss richtete sich gegen die Gründung eines armenischen Staates.
Kongress von Sivas mini|Mustafa Kemal und Kommandeur der 5. kaukasischen Division, Cemil Cahit Am 4. September 1919 fand der zweite Kongress in Sivas statt. Auf dem Kongress trafen sich die Delegierten und bestätigten die Beschlüsse von Erzurum. Daneben wurde auch festgelegt, dass alle Müdafaa-i Hukuk-Gesellschaften sich zur „Gesellschaft zur Verteidigung der Rechte von Anatolien und Thrakien“ (Anadolu ve Rumeli Müdafaa-i Hukuk Cemiyeti) zusammenschließen sollten. Der Kongress wählte ein 15-köpfiges Repräsentativkomitee (Heyet-i Temsiliye), zu dessen Vorsitzendem Mustafa Kemal gewählt wurde. Dieses Gremium wurde mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattet, um die Nation zu vertreten.
Das Amasya-Treffen Als Vorsitzender des Komitees stellte Mustafa Kemal am 20. Oktober folgende Forderungen an die osmanische Regierung: Die Regierung solle sich an die gefassten Beschlüsse von Erzurum und Sivas halten, sie solle keine weitreichenden Entscheidungen fällen, bevor das osmanische Parlament (Meclis-i Mebusan) sich wieder konstituiert habe, und bei Regierungsentscheidungen solle das Repräsentativkomitee konsultiert werden.
Die Osmanische Regierung schickte einen Vertreter, um mit Mustafa Kemal eine Einigung zu erzielen. Auf dem Treffen in Amasya einigten sich die beiden Parteien auf folgende Beschlüsse:
Die Regierung von Konstantinopel wird sich an die Beschlüsse von Erzurum und Sivas halten, falls das neue Parlament den Beschlüssen zustimmt. Die „Gesellschaft zur Verteidigung der Rechte von Anatolien und Thrakien“ wird als Organisation von der Regierung rechtlich anerkannt. In Regionen mit mehrheitlich türkischer Bevölkerung wird eine fremde Besatzung nicht akzeptiert. Den nicht muslimischen Bevölkerungsteilen werden keine Sonderrechte eingeräumt, die den gesellschaftlichen Frieden stören könnten. Aus Sicherheitsgründen ist eine Versammlung des Parlaments in Konstantinopel nicht akzeptabel. Bei den Friedensverhandlungen wird das Repräsentativkomitee an der Auswahl der Delegierten beteiligt.
Kongress von Thrakien Zwischen dem 9. und 13. Mai 1920 wurde der Kongress von Thrakien abgehalten. Am Kongress nahmen 217 Delegierte teil, darunter auch der Widerstandskämpfer Ahmet Muhtar Merter. Der Kongress hielt fest, dass Thrakien mehrheitlich türkisch und muslimisch sei und zum Osmanischen Reich gehöre. Gleichzeitig lehnte der Kongress eine Angliederung an Griechenland ab. Daneben wurde beschlossen, dass bei einer eventuellen Besatzung durch Griechenland ein bewaffneter Widerstand beginnen sollte.Trakya'da Milli Mücadele, Tevfik Bıyıklıoğlu, 1. Cilt, İkinci Baskı 1987, Türk Tarih Kurumu Basımevi-Ankara (türkisch)Atatürk ve Milli Mücadelede Tekirdağ, Mehmet Serez, T.C. Tekirdağ Valiliği Yayınları-1988 (türkisch)
Gründung des Türkischen Parlaments
mini|Eröffnung der Großen Nationalversammlung am 23. April 1920
Die Forderungen des Repräsentativkomitees nach einer neuen patriotischen Regierung und einem neuen Parlament wurden im Dezember 1919 vom Sultan umgesetzt, als er neue Wahlen ansetzte. Aus den Wahlen gingen Nationalisten und Anhänger Mustafa Kemals als Sieger hervor. Die „Gruppe zur Rettung des Vaterlandes“ (Felâh-ı Vatan Grubu) gewann die Mehrheit der Sitze im neuen Parlament.
Am 12. Januar 1920 traf sich das osmanische Parlament zum letzten Mal und stimmte den Forderungen von Amasya zu und machte sich den „Nationalpakt“ des anatolischen Widerstand zu eigen. Der Nationalpakt ist auch insofern wichtig, da er die Staatsgrenzen eines zukünftigen Staates festschrieb. Sie sollten innerhalb der Friedensvertragslinien von Mudros liegen. Damit gab das Parlament alle imperialen Gebietsansprüche in Arabien, im Kaukasus und auf dem Balkan auf.