Die Waldohreule (Asio otus) ist eine nachtaktive Greifvogelart, die zu den Eigentlichen Eulen (Strigidae) gehört. Sie zählt zur Gattung der Ohreulen und ist eine der häufigsten Eulen in Mitteleuropa. Die Namensgebung geht auf die beiden Federbüschel am Kopf zurück.Lexikon der Biologie: Ohreulen In: Spektrum der Wissenschaft, aufgerufen am 30. Dezember 2021

Aussehen mini|Waldohreule mini|Flügel der Waldohreule

Die Waldohreule hat mit einer Körperlänge von 31 bis 37 cm und einer Flügelspannweite von 86 bis 98 cm etwa die Größe einer Schleiereule. Sie ist wesentlich schlanker als ein Waldkauz und mit einem Gewicht von 220 bis 280 Gramm (Männchen) bzw. 250 bis 370 Gramm (Weibchen) erheblich leichter. Durch die auffallend großen Federohren und das marmorierte Gefieder ähnelt die Waldohreule optisch dem deutlich größeren Uhu. Die Federohren haben keine Funktion im Zusammenhang mit der Hörleistung der Eule. Zur Verstärkung der Hörleistung dient vielmehr der bei der Waldohreule auffällige Gesichtsschleier, der Ähnlichkeit mit dem Schleier der Sumpfohreule aufweist.Waldohreule. Asio otus NABU, aufgerufen am 30. Dezember 2021.

Die Iris der Waldohreule ist leuchtend orangegelb. Das Gesicht wird durch eine auffällig hervorstehende Stirnbefiederung geteilt. Die Flügel sind relativ schmal. Das Gefieder der Waldohreule ist auf hellbraunem bis ockergelbem Grund schwarzbraun gestrichelt und gefleckt. Die Hand- und Armschwingen sind deutlich dunkel quergebändert. Allgemein überwiegen bei den Weibchen dunkle, rostbraune Farbtöne. Die Männchen sind dagegen in ihrer Grundfärbung etwas heller. Die Färbung des Gefieders dient der Tarnung; ruhende Vögel im Geäst sind kaum zu entdecken. Die Augen werden durch ein oberes und ein unteres Augenlid sowie durch eine Nickhaut, die das Auge bedecken kann, geschützt.

Die Flügeldecken der Waldohreule fluoreszieren unter UV-Licht rosarot, wobei die Intensität von Alter, Größe und Geschlecht des Tieres anhängig ist. Am intensivsten ist die Fluoreszenz bei Alttieren und Weibchen. Da Vögel Ultraviolettstrahlung sehen können, spielt die Fluoreszenz wahrscheinlich eine Rolle als Signalgeber, könnte aber auch im Zusammenhang mit der Wärmeerhaltung beim Brüten stehen.

Verbreitung mini|Verbreitungsgebiet der Waldohreule:

Das Verbreitungsgebiet der Waldohreule umfasst die gesamte Holarktis. Es erstreckt sich von Großbritannien und Irland quer durch Eurasien einschließlich China und der Mongolei bis nach Japan und Sachalin. Die nördliche Verbreitungsgrenze liegt in der Zone des borealen Nadelwaldes. In Afrika kommt sie im Atlasgebirge sowie in den Bergwäldern Äthiopiens vor. Sie ist außerdem auf den Azoren sowie den Kanaren beheimatet. Die Waldohreule besiedelt auch das südliche Kanada und den nördlichen und mittleren Teil der USA.Waldohreule. (Asio otus) Bayerisches Landesamt für Umwelt, aufgerufen am 30. Dezember 2021

Unterarten Im Verbreitungsgebiet werden derzeit fünf Unterarten unterschieden:

Asio otus otus ist die Nominatform. Sie ist in Europa und Asien beheimatet. Asio otus canariensis lebt auf den Kanaren. Diese Unterart ist deutlich kleiner. Asio otus wilsonianus und Asio otus tuftsi sind beide in Nordamerika beheimatet. Die Färbung ist bei ihnen deutlich kontrastreicher und bunter als bei der Nominatform. Asio otus abyssinicus ist in Gebirgen Ostafrikas heimisch. Sie wird oft als eigenständige Art angesehen.

Lebensraum Waldohreulen sind in ganz Europa vornehmlich in lichten Wäldern mit offenen Flächen sowie in der Nähe von Feldern mit Feldgehölzen anzutreffen. Da sie Freiflächen für die Jagd benötigen, bevorzugen Waldohreulen offenes Gelände mit niedrigem Pflanzenwuchs. Sie sind auch in Gebieten mit einem hohen Anteil an Dauergrünflächen sowie in der Nähe von Mooren zu finden. Selbst im Hochgebirge kommen sie vor, sofern dort genügend Beute vorhanden ist.

Wälder bieten der Waldohreule nur dann hinreichend Lebensraum, wenn es dort ausreichend Freiflächen für die Jagd gibt. Innere Bereiche dichter Wälder werden auch aufgrund der Konkurrenz durch den Waldkauz gemieden. Den Waldrand nutzt die Waldohreule dagegen als Ruheplatz während des Tages sowie als Brutrevier. Sie zieht dabei Nadelbäume vor, die ihr ausreichend Deckung bieten und in denen sich alte Nester von Krähen und Elstern befinden. Wo solche Waldränder fehlen, weicht sie auch in kleinere Gehölzgruppen oder Hecken aus. Die Waldohreule besiedelt auch Randbereiche von Städten, insbesondere wenn diese an landwirtschaftlich genutzte Bereiche oder halboffene Kulturlandschaften grenzen. Außerdem ist sie auf Friedhöfen sowie in Parkanlagen und Gärten anzutreffen. Beobachtungen von Fachleuten der Berliner Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft (siehe Weblinks) legen nahe, dass Waldohreulen zunehmend auch in städtischen Gebieten anzutreffen sind.Sehr frühe Brut und Brutverbreitung der Waldohreule Asio otus in Berlin Berliner Ornithologische Arbeitsgemeinschaft, aufgerufen am 30. Dezember 2021.

Territorialverhalten mini|Eulen auf einem Schlafbaum in Mužlja, Serbien (2011)

Die Waldohreule zeigt nur in der Umgebung des Brutplatzes ein Territorialverhalten. Das unmittelbare Brutrevier wird durch Gesänge und durch einen Imponierflug gekennzeichnet, bei dem die Waldohreule die Flügel unter dem Körper zusammenklatscht. Bei ausreichendem Nahrungsangebot können die Brutplätze der Waldohreulen sehr nahe beieinanderliegen. Auf einer 15 Quadratkilometer großen Fläche in Schleswig-Holstein, die offenbar ideale Lebensbedingungen bot, wurden 18 Brutnester nachgewiesen.

Im Winter finden sich gelegentlich Schlafgemeinschaften von Waldohreulen zusammen, die bis zu 200 Exemplare umfassen können und bei denen die Vögel nur einen geringen Individualabstand halten. Die dabei aufgesuchten Schlafbäume werden mitunter über viele Jahre hinweg genutzt. In Einzelfällen ist die Nutzung von bestimmten Schlafbäumen seit mehr als einhundert Jahren belegt. Im Winterquartier kann es auch zum Vergesellschaften mit anderen Eulenarten, insbesondere der Sumpfohreule (Asio flammeus), kommen. Die Waldohreule zeigt dabei keine Aggressionen gegenüber anderen Arten.

Stimme Während der Brutzeit ruft das Männchen in sekundenkurzem Abstand ein dumpfes und monotones „huh“. Dieser Ruf wird etwa alle zwei bis acht Sekunden wiederholt. Das Weibchen antwortet auf diese Rufe in ähnlich monotoner Weise mit „üüiü“ oder „uijo“. Während der Balz lässt das Weibchen auch ein an das Betteln der Jungeulen erinnerndes „chwää“ oder „chwän“ erklingen; vom Männchen ist insbesondere bei Beuteübergaben an das Weibchen ein kräftiges „chwü“ oder „chrööj“ zu hören.

Zu den Lautäußerungen gehören auch Fauchen und Schnabelknappen, die vor allem der Feindabwehr dienen. Das Repertoire an Alarmrufen ist sehr groß – der Alarmruf, den die Eulen von sich geben, wenn man sich beispielsweise dem Horst zu sehr nähert, ist ein bellendes oder kläffendes „uäk.uäk“ sowie ein miauendes „kjiiiiauu“.

mini|Fiepen junger Waldohreulen (25 s)

Die Ästlinge der Waldohreule, wie die Jungeulen genannt werden, die zwar bereits das Nest verlassen haben, aber noch auf die Fütterung durch die Elternteile angewiesen sind, können über Stunden während der Nacht ein lautes Fiepen erklingen lassen. Es ist so auffallend, dass bei Bestandskontrollen von Waldohreulen gelegentlich systematisch diese Rufe registriert werden.

Jagd und Beutetiere Jagdweise mini|Speiballen (Gewölle) der Waldohreule und ihre Bestandteile

Die Waldohreule jagt während der Dämmerung und in der Nacht. Die Tagesstunden werden nur dann zur Jagd genutzt, wenn die Beute knapp ist (z. B. im Winter). Vor dem Jagdbeginn putzt die Waldohreule sich ausgiebig das Gefieder, jagt dann zwei bis drei Stunden und legt eine Ruhepause ein, die bis weit nach Mitternacht dauert. Anschließend jagt sie nochmals intensiv bis in die Morgendämmerung hinein. Mit diesem Aktivitätsmuster jagen die Eulen insgesamt etwa 5 bis 6 Stunden pro Tag intensiv. Der Flug ist geräuschlos. Der Suchflug erfolgt relativ dicht über dem Boden, wobei die Waldohreule ihre Beute optisch und akustisch ortet. Nimmt sie potentielle Beute wahr, verharrt sie im Rüttelflug und inspiziert die Lokalität, an der sie die Beute vermutet.

Die Ansitzjagd, bei der die Eule von einer Warte aus nach Mäusen lauscht, gehört gleichfalls zum Jagdverhalten der Waldohreule. Um Insekten zu jagen, begibt sie sich direkt auf den Boden und liest dort mit ihrem Schnabel die Wirbellosen auf. Um Maikäfer zu fangen, klettert sie geschickt durch das Geäst der Bäume.

Beutetiere mini|Waldohreule schließt ihr Augenlid

Die Hauptbeute der Waldohreule sind Mäuse. Im Mittelmeergebiet sind es vorwiegend Echte Mäuse, die von der Waldohreule erjagt werden. In den übrigen Teilen Europas sind es überwiegend Wühlmäuse, wobei hier die Feldmaus (Microtus arvalis) überwiegt. Auch kleinere Singvogelarten zählen zum typischen Beutespektrum. Mit am häufigsten erbeutet werden Sperlinge und Grünlinge.

Fortpflanzung Paarung

Waldohreulen werden gegen Ende ihres ersten Lebensjahres fortpflanzungsfähig und leben monogam in einer sogenannten Saisonehe. Die Paare bilden sich mitunter schon unter den Vögeln einer winterlichen Schlafgemeinschaft. Typischer ist es jedoch, dass das Männchen im zeitigen Frühjahr durch Paarungsrufe versucht, ein Weibchen in sein Revier zu locken.

Zur Balz zeigt das Männchen einen Imponierflug, bei dem die weißen Flügelunterseiten signalhaft präsentiert werden und bei dem die Flügel gelegentlich unter dem Körper zusammengeklatscht werden. Dieses Flügelklatschen zeigt auch das Weibchen während der Flugbalz in der Nähe zum potentiellen Brutplatz. Zur Anpaarungsphase und zur Balz gehört auch ein intensives Rufen, wie bereits im Absatz „Stimme“ beschrieben. Diese Rufe erklingen als Wechselgesänge.

Wie bei den anderen europäischen Eulen weist auch hier das Männchen mit leisen Rufen das Weibchen auf den potentiellen Nistplatz hin. Die Waldohreule unterscheidet sich jedoch von den anderen europäischen Arten durch einen spezifischen Bewegungsablauf, der so bei keiner anderen Art zu beobachten ist: Das Männchen lässt sich mit V-förmig steil gehobenen Flügeln zu diesem Platz gleiten, lockt mit leisen „huh“- oder „bu.bu.bu“-Silben und dreht sich in steif vorgebeugter Haltung gegen das Weibchen: die Federohren sind aufgerichtet (Bocksgesicht), die Flügel werden über Rückenniveau angehoben, letztlich „winkend“ auf- und abgeführt; die Eule streckt sich zuletzt in den Fersen zu einer merkwürdigen Buckelhaltung. Mitunter zittern auch die horizontal gehobenen Schwanzfedern. Das paarungswillige Weibchen fliegt nahe zum Männchen, mitunter auf denselben Baumstumpf, duckt sich flach nieder, hebt die Flügel schlaff an und den Schwanz auffordernd in die Horizontale. So starren sich die Partner – oft aus nächster Nähe – an. Das Männchen springt letztlich aus der „Bockshaltung“ direkt auf den Rücken des Weibchens (dabei oft noch eine Drehung um 180 Grad vollführend) und kopuliert unter langsamen Flügelschlag …. (Mebs & Scherzinger, S. 261 f.)

Brut

mini|Eier (Sammlung Museum Wiesbaden)

Die Waldohreule nistet bevorzugt in verlassenen Nestern von Rabenkrähen, aber auch von Elstern und Greifvögeln, da sie selbst kein Nestmaterial eintragen können. Bei der Auswahl des Nistplatzes bevorzugten Waldohreulen insbesondere Rabenkrähennester, die sich in Fichten befanden.Berndt Heydemann: Neuer biologischer Atlas. Ökologie für Schleswig-Holstein und Hamburg. Wachholtz, Neumünster 1997, ISBN 3-529-05404-6, S. 263.

Auch Bodenbruten und Gebäudebruten sind für die Waldohreule belegt, sie stellen jedoch eine Ausnahme dar. Noch seltener sind Bruten an Felsen. Im Jahr 2017 wurde in der Schweiz die erste Felsbrut in Europa nachgewiesen. Sonst gab es Felsbruten bisher nur in Idaho, Kasachstan und den Kanarischen Inseln.Simon Birrer, Roland Meier: Erste Felsbrut der Waldohreule Asio Otus in der Schweiz. In: Ornithologischer Beobachter. Band 117, 2020, S. 348–352.