mini|Die Erzengel in der Kuppel des Baptisterium San Giovanni in Florenz (1225) als Teil der neun Engelschöre Als Erzengel (von , siehe Erz- und Engel) werden solche Engel bezeichnet, die innerhalb der Schar der Engel eine führende Stellung einnehmen. Nach der Engellehre des Pseudo-Dionysius Areopagita bilden sie den achten der Neun Engelschöre (3. Triade, 2. Chor). Während die gewöhnlichen Engel für die Einzelmenschen verantwortlich sind, sind die Erzengel jene Boten, die weitreichende göttliche Beschlüsse überbringen, die für Gemeinschaften oder ganze Völker von Bedeutung sind. Die Vorsilbe Erz- geht auf das griechische Wort , zurück, das einen Vorrang zum Ausdruck bringt.Krauss: Kleines Lexikon der Engel. 2001, S. 67.
In Kunst und Literatur sind die Erzengel Michael, Gabriel, Raphael und Uriel am bekanntesten geworden.Sachs/Badstübner/Neumann: Erklärendes Wörterbuch zur Christlichen Kunst. 1983, S. 121. In der Bibel () wird allerdings nur Michael als Erzengel bezeichnet, Gabriel und Raphael werden dagegen immer nur Engel genannt.Für Gabriel siehe , und , ; für Raphael siehe und Uriel kommt in der Bibel gar nicht vor. Die Vorstellung von der Sieben- bzw. Vierzahl der Erzengel geht auf das Buch Tobit und das Erste Henochbuch zurück. Im Henochbuch finden sich auch die meisten Namen, die in der späteren Literatur immer wieder als Erzengel auftauchen.Krauss: Kleines Lexikon der Engel. 2001, S. 68. Die Namen fast aller Erzengel enden auf -el, was auf den semitischen Gottesnamen El verweist. Von Theologen wurde bis ins späte Mittelalter die Stellung und Zahl der Erzengel in der Angelologie diskutiert.
Die Bezeichnung „Erzengel“ Zwar ist die Idee von einzelnen herausgehobenen Engeln, die den Engelsscharen vorstehen, schon in der Hebräischen Bibel nachweisbar (z. B. , ; ), doch kommt das Wort („arch(i)-“ + „angelos“), das dem deutschen Wort Erzengel zugrunde liegt, erst im hellenistischen Judentum auf. Es ist erstmals in den griechischen Versionen des Ersten Henochbuches bezeugt,Michl: Erzengel. 1959, S. 1067. die frühestens aus dem 1. Jahrhundert vor Christus stammen. Es wird dort für die Engel Uriel, Raphael, Raguel, Michael, Sariel, Gabriel und Remiel verwendet. Im Hebräischen und Aramäischen hat das Wort kein Gegenstück.Berner: The four (or seven) Archangels. 2007, S. 395 f.
Der jüdische Philosoph Philon von Alexandria (gest. 40 n. Chr.), der seine Werke auf Griechisch verfasste, interpretierte den archangelos als Führer der Engel und setzte ihn mit dem göttlichen Logos gleich.Van Henten: Archangel. 1999, S. 81b–82a. In seiner Auslegung zum 15. Kapitel der Genesis schrieb er:
Im Neuen Testament erscheint das Wort archangelos nur zwei Mal: In wird in Anlehnung an beschrieben, wie der Erzengel Michael mit dem Teufel über den Leichnam des Mose streitet, in kündigt ein namenloser Erzengel die Herabkunft des Herrn und die Auferstehung der Toten an. In den lateinischen Versionen des 4. Buch Esra, einer christianisierten Apokalypse jüdischer Herkunft, die wohl um 100 n. Chr. entstanden ist, wird Jeremiel als Erzengel erwähnt. Er ist derjenige, der die Fragen der Toten hinsichtlich ihrer Zukunft beantwortet.4. Esra 4,36 in Wikisource.
Die Erzengelvorstellung war in der Spätantike auch außerhalb der jüdisch-christlichen Tradition verbreitet, wie die sogenannte Mithrasliturgie zeigt, ein magischer Text aus Ägypten, der auf das dritte Jahrhundert datiert wird.Hans-Dieter Betz: Gottesbegegnung und Menschwerdung. Zur religionsgeschichtlichen und theologischen Bedeutung der „Mithrasliturgie“ (PGM IV.475–820). De Gruyter, Berlin 2001, S. 3. In ihm erscheint der archangelos als Übermittler einer Botschaft des „großen Gottes“ Helios-Mithras.Albrecht Dieterich: Eine Mithrasliturgie. 2. Auflage. Teubner, Leipzig / Berlin 1910, S. 2 f. ().
Die Erzengel innerhalb der christlichen Engellehre mini|Die Erzengel innerhalb der neun Engelschöre im Mosaik des Baptisterium San Giovanni. Von oben im Uhrzeigersinn: Engel, Erzengel, Gewalten, Herrschaften, Cherubim und Seraphim, Throne, Mächte und Fürstentümer. Gemäß der Engellehre, die Pseudo-Dionysius Areopagita im 6. Jahrhundert in seinem Werk Über die himmlische Hierarchie beschreibt, gibt es Neun Chöre der Engel, die in drei Hierarchien (Triaden) gegliedert sind. Die Erzengel gehören zusammen mit den Fürstentümern und den gewöhnlichen Engeln zur dritten Hierarchie und stehen zwischen ihnen. Hierzu wird erklärt:
Gregor der Große erklärt in seiner 34. Homilie zu den Evangelien, die er 591 als Predigt vortrug, dass der Unterschied zwischen den gewöhnlichen Engeln und den Erzengeln darin bestehe, dass die Engel dazu bestimmt seien, kleinere Dinge anzukündigen, während es die Aufgabe der Erzengel sei, große Ereignisse anzukündigen. Dies sei auch der Grund, warum bei der Verkündigung des Herrn nicht ein Engel, sondern ein Erzengel aufgetreten sei.34. Sermon. In: Les Quarante homélies ou sermons de S. Grégoire le Grand, pape, sur les évangiles de l’année. Traduits en françois par Louis-Charles-Albert, duc de Luynes. Claude Rey, Lyon 1692, S. 397 ()
Etwas ausführlicher werden die Erzengel in den Etymologiae von Isidor von Sevilla (ca. 560–636) behandelt. Er erklärt das Wort als „höchste Boten“ (). Sie würden deshalb so genannt, weil sie die höchsten Dinge ankündigten und unter den Engeln eine Vorrangstellung einnähmen. Sie seien Führer und Fürsten (), unter deren Ordnung einem jeden Engel Aufgaben zugewiesen seien. Dass die Erzengel den gewöhnlichen Engeln Befehle erteilen können, leitet Isidor aus einer Stelle im Sacharja-Buch ab, an der beschrieben wird, wie ein Engel dem anderen befiehlt, Sacharja etwas auszurichten (). Einige von den Erzengeln, so erklärt er, hätten persönliche Namen, mit denen ihre besonderen Eigenschaften bezeichnet würden. Durch die Deutung des Namens werde nämlich das Amt des Engels bestimmt.Isidor von Sevilla: Etymologiarum libri XX. Buch VII, Abschnitt 5, 6–15 in Wikisource.
Erzengelgruppen Michael und Gabriel als Erzengelpaar mini|Mosaik aus der Kirche San Michele in Africisco zu Ravenna, um 545/46, heute im Bode-Museum Als die bedeutendsten Erzengel erscheinen schon im spätantiken Judentum und im frühen Christentum Michael und Gabriel. Sie treten zum Beispiel am Anfang der Esra-Apokalypse auf.Apokalypse des Esdras 2,1 in Wikisource. Didymus der Blinde (310–398) beschreibt Michael und Gabriel in seinem Buch De Trinitate (Buch II, Kap. 8, 10) als das „gnadenreiche Paar der Erzengel“ (), nach dem Kirchen und Kapellen ihren Namen haben, die „nicht nur in den Städten allein, sondern auch privat in den Straßen, Häusern und Äckern errichtet worden [sind], die mit Gold, Silber oder auch Elfenbein geschmückt sind“.Didymus der Blinde: De Trinitate, Buch 2, Kapitel 1–7. Hrsg. und übersetzt von Ingrid Seiler. Anton Hain. Meisenheim am Glan 1975, S. 237.
Michael und Gabriel galten als Führer des himmlischen Heeres. Beide wurden gerne zusammen mit Christus angerufen. In Syrien finden sich in spätantiker Zeit an Gräbern, Türbalken, Ringen häufig das Zeichen , das apotropäische Bedeutung hatte und wahrscheinlich als Christos, Michael, Gabriel zu lesen ist.Johann Michl: Art. Engel IV (christlich). In: Reallexikon für Antike und Christentum. Band V, Sp. 109–200, hier Sp. 182 (). Michael und Gabriel erscheinen auch häufig als Begleitfiguren Christi wie im Mosaik aus der Kirche San Michele in Africisco in Ravenna, das in seiner ursprünglichen Form aus dem 6. Jahrhundert stammt und heute im Berliner Museum für Byzantinische Kunst aufbewahrt wird,Palli: Erzengel. 1968, S. 677. oder von Maria wie im Altaraufsatz des Pilgrim II. im Dom von Cividale. Darstellungen von Michael und Gabriel mit oder ohne Christus waren auch ein beliebtes Motiv der griechischen und russischen Ikonenmalerei.
Das nach dem 6. Jahrhundert entstandene koptische „Buch der Einsetzung des Erzengels Gabriel“ lässt Jesus Christus berichten, dass Gott den Erzengel Michael am 12. des Monats Hathor einsetzte und den Erzengel Gabriel am 22. des Monats Khoiahk.Müller: Die Bücher der Einsetzung der Erzengel Michael und Gabriel. 1962, S. 97. Darüber hinaus gibt es im östlichen Christentum eine Anzahl von Kirchen und Kapellen, die das gemeinsame Patrozinium von Michael und Gabriel tragen (siehe Michael-und-Gabriel-Kirche).
Gabriel und Michael werden auch zusammen im Koran erwähnt. So heißt es in Sure 2:98: „Wenn einer Gott und seinen Engeln und Gesandten und dem Gabriel und Michael feind ist, so ist (umgekehrt auch) Gott den Ungläubigen feind.“ Gabriel hat nach islamischer Auffassung noch eine größere Bedeutung als Michael, denn er ist nach koranischer Aussage (Sure 2:97) der Überbringer des Korans und Mohammeds besonderer Helfer (Sure 66:4). Auch in der schiitischen Tradition ist das Erzengelpaar wichtig. So wird in dem schiitischen Ziyāra-Buch von Ibn Qulawaih (gest. 979) der sechste Imam Dschaʿfar as-Sādiq mit der Aussage zitiert, dass Gabriel und Michael jede Nacht das Grab von al-Husain ibn ʿAlī in Kerbela besuchen.Abū l-Qāsim Ǧaʿfar ibn Muḥammad Ibn Qulawaih: Kāmil az-ziyārāt. Ed. Ǧawād al-Qaiyūmī al-Iṣfahānī. Našr al-Faqāha, [Qum] 1996, S. 452 f. ().
Die Dreier-Gruppe Christentum mini|hochkant|Die drei Erzengel in der Apsis von Sant’Angelo in Formis, darüber der Pantokrator mit den vier Evangelistensymbolen, 11. Jh. Gregor der Große nennt in seinen Ausführungen über die Erzengel namentlich drei Engel, nämlich Michael, Gabriel und Raphael. Papst Zacharias legte 745 auf einem Konzil in Rom fest, dass die offizielle Lehre der Kirche nur diese drei Engel mit Namen kennt, und verbot die Verehrung anderer außerbiblischer Gestalten als Erzengel.Paolo Tomea: Appunti sulla venerazione agli angeli extrabiblici. 2017, S. 28 f. Auch die heutige offizielle Lehre der römisch-katholischen Kirche beschränkt die Erzengel auf diese drei Namen. Der Regionalkalender für das deutsche Sprachgebiet, der gemäß den Bestimmungen der Instruktion über die Neuordnung der Eigenkalender (Instructio de Calendariis Particularibus) vom 24. Juni 1970 erarbeitet wurde, bestimmt den 29. September als den Tag der Erzengel Michael, Gabriel und Raphael.Philipp Harnoncourt: Instruktion über die Neuordnung der Eigenkalender und der Eigentexte von Stundengebet und Messe. Paulinus-Verlag, Trier 1975, S. 67.
Die Position der Kirche spiegelt sich auch in der Kunst wider, denn in Italien und im westlichen Europa werden im Mittelalter und in der Renaissance hauptsächlich diese drei Erzengel dargestellt. Die Dreier-Gruppe Michael-Gabriel-Raphael findet sich zum Beispiel im 11. Jahrhundert in der Apsis von Sant’Angelo in Formis sowie auf dem Basler Antependium (zusammen mit Jesus Christus und Benedikt von Nursia). Im späten 15. Jahrhundert entstanden in Italien mehrere Gemälde, in denen Tobias zusammen mit den drei Erzengeln abgebildet ist.Palli: Erzengel. 1968, S. 679.
Islam Auch im Islam gibt es eine Gruppe von drei Erzengeln, allerdings ist hier Raphael durch Isrāfīl ersetzt. Ein Hadith, den Dschalāl ad-Dīn as-Suyūtī (1445–1505) in seinem Engel-Handbuch al-Ḥabāʾik fī aḫbār al-malāʾik anführt, lautet: „Die Geschöpfe, die Gott am nächsten stehen, sind Gabriel, Michael und Isrāfīl. Sie sind eine Reise von 50.000 Jahren von Gott entfernt. Gabriel steht an seiner Rechten, Michael steht auf der anderen Seite und Isrāfīl zwischen ihnen.“Zit. in Burge: Angels in Islam. 2012, S. 91.