mini|Katherine Mansfield, um 1917 The Garden Party (dt. Das Gartenfest, Übersetzung 1938 von Herberth E. Herlitschka) ist eine Kurzgeschichte der neuseeländischen Schriftstellerin Katherine Mansfield, die nach dem Erstabdruck am 4. Februar 1922 in der Saturday Westminster Gazette sowie am 18. Februar 1922 in der dazugehörigen Wochenausgabe Weekly Westminster Gazette noch im gleichen Jahr in Buchform in der Anthologie The Garden Party and Other Stories in Amerika im New Yorker Knopf Verlag und in England im Londoner Collins Verlag veröffentlicht wurde.Vgl. zur Publikationsgeschichte die Angaben in WorldCat sowie in den „explanatory notes“ von Dan Davin in der von ihm herausgegebenen annotierten Sammlung: Katherine Mansfield · Selected Stories. Oxford World’s Classics, Oxford University Press, London 1953. Die Erzählung thematisiert das Erleben der Brüchigkeit des Glücksgefühls in der Konfrontation der jugendlichen Protagonistin mit dem Tod in einem ihr fremden sozialen Milieu.
Inhalt Wie in den anderen Erzählungen von Katharine Mansfield und in den zwanzig Jahre zuvor veröffentlichten Kurzgeschichten von James Joyce ist die äußere Rahmenhandlung der Geschichte eher schlicht oder unbedeutend und dient überwiegend dazu, den Rahmen für menschliche Begegnungen zu schaffen, deren Eindrücke auf die Hauptfigur einen entscheidenden Wandel in ihrem Verhältnis zur Umwelt bewirken.Robert Fricker: Karl Heinz Göller und Gerhard Hoffmann (Hrsg.): Die englische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02222-0, S. 205.
Mrs. Sheridan, Laura, die Hauptfigur, ihre beiden Schwestern und das Hausgesinde bereiten bei schönstem Wetter ein Gartenfest vor. Einige Arbeiter sind gekommen, um ein großes Zelt für die Feier aufzuschlagen. Im Auftrag der Mutter erteilt Laura den Arbeitern genauere Anweisungen für das Aufstellen des Zeltes im Garten. In dem Gespräch mit den Arbeitern findet sie diese ausgesprochen nett und freundlich. Sie bedauert, nicht solche Freunde zu haben, hatten die Eltern ihr und den Geschwistern doch in der Kindheit den Umgang mit Menschen aus einem solchen sozial tieferstehenden Umfeld streng untersagt.
Ein Blumenhändler bringt einen von Mrs. Sheridan für das Fest bestellten Korb blassroter Lilien vorbei. Laura zeigt sich darüber verwundert, steht der Garten doch wunderbar in voller Blüte. Während die Köchin mit der Zubereitung der Speisen für die Feier beschäftigt ist, bringt ein Lieferant die ebenfalls bestellten Windbeutel vorbei. Er berichtet von einem tragischen Unglücksfall mit tödlichem Ausgang: Der junge Fuhrmann Scott, der in einer kleinen ärmlichen Siedlung entlang der Straße zum großbürgerlichen Anwesen der Sheridans wohnte, stürzte unglücklich auf den Hinterkopf, als sein Pferd vor einer Zugmaschine scheute.
Bestürzt über diesen Todesfall möchte Laura das Gartenfest absagen, da es sich nicht schicke, ein munteres Gartenfest mit einem Toten direkt vor der Tür zu feiern. Zu Lauras Erstaunen reagieren jedoch sowohl ihre Schwester Jose als auch ihre Mutter auf dieses Ansinnen kaltherzig; verärgert bezeichnen sie Laura als „albern“ und „überspannt“. Man habe ja nur zufällig von dem Todesfall erfahren, so die Mutter, es gebe daher keinen Anlass, die Feier ausfallen zu lassen, und es zeuge auch nicht von sehr viel Mitgefühl, allen das Vergnügen zu verderben, wie Laura es jetzt tue.
Als die Mutter ihr einen neuen Hut schenkt, um sie zu besänftigen, vergisst Laura vorerst den Todesfall. Nach dem erfolgreichen Verlauf des Gartenfestes erwähnt der in der Zwischenzeit heimgekehrte Mr. Sheridan nochmals das tragische Unglück. Mrs. Sheridan beauftragt daraufhin Laura, die leckeren Essensreste ihrer Feier der Familie des Verstorbenen vorbeizubringen.
Nach anfänglichem Sträuben begibt sich die Protagonistin auf den Weg durch die dunkle und verräucherte Siedlung zu dem kärglichen Katen der Familie Scott. Auf Drängen der Schwester von Mrs. Scott tritt sie in das Totenhaus ein und sieht den Verstorbenen, der scheinbar friedlich schlafend und träumend auf seinem Totenbett liegt. Laura empfindet seinen Anblick als wunderbar und schön, dennoch muss sie weinen. Auf dem Rückweg trifft sie auf ihren Bruder Laurie, der sie nach Hause begleitet.
Interpretationsansatz Ähnlich wie in James Joyce’ The Dead stellen frohe Festlichkeit und der Tod in einem gänzlich anderen sozialen Milieu die beiden Pole dar, zwischen denen gleichsam eine Initiation erfolgt; die Protagonistin wird in eine Wirklichkeit eingeführt, die ihr bisheriges Dasein als eng und fragwürdig erscheinen lässt.Vgl. Robert Fricker: Karl Heinz Göller und Gerhard Hoffmann (Hrsg.): Die englische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02222-0, S. 205, sowie ähnlich Manfred Durzak: Die deutsche Kurzgeschichte der Gegenwart: Autorenporträts – Werkstattgespräche – Interpretationen, Reclam-Verlag, Stuttgart 1980, 2. Auflage 1983, ISBN 3-15-010293-6, S. 281 f. Auch Wolfgang Staek deutet das Gartenfest als eine „story of initiation“. Vgl. derselbe: Stories of Initiation · Model Interpretations. Klett Verlag, Stuttgart 1979, ISBN 3-12-578430-1, S. 95 f.
Ebenso wie in anderen Initiationsgeschichten zerfällt die Handlung in eine Episodenkette, in der jedes Glied auf den Wandel in den Einstellungen der Hauptfigur bezogen ist. Das erzählerische Geschick Mansfields zeigt sich laut Fricker darin, dass dem Leser bei oberflächlicher Lektüre dieser Zusammenhang, der das Strukturgerüst der Geschichte bildet, kaum bewusst wird.Vgl. Robert Fricker: Karl Heinz Göller und Gerhard Hoffmann (Hrsg.): Die englische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02222-0, S. 205.
Die knappe Schilderung des wundervoll aufgeblühten Gartens zu Beginn der Erzählung bildet den Hintergrund und zeigt eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen des Festes. Lauras kurze Unterhaltung mit den Arbeitern, die das Zelt aufstellen, enthüllt ihre kindliche Unvoreingenommenheit gegenüber den Angehörigen aus einer anderen sozialen Schicht sowie ihren unverdorbenen Sinn für den Menschen an sich und bereitet zugleich ihren späteren Gang in die armselige Arbeitersiedlung vor.
So stellt sie fest: „Ach, wie ausgesprochen nett Arbeiter doch waren […]. Warum konnte sie nicht Arbeiter als Freunde haben anstatt dieser albernen Jungen, mit denen sie tanzte und die sonntagabend [sic] zum Essen kamen? Mit solchen Männern würde sie sich viel besser verstehen. […] Schuld an allem [sind] diese absurden Klassenunterschiede. Nun, was sie betraf, sie empfand sie nicht. Kein bißchen [sic], kein winziges bißchen […] Sie kam sich richtig wie ein Arbeitermädchen vor.“ (S. 61 f.)Zitiert nach Katherine Mansfield: Das Gartenfest und andere Erzählungen, übersetzt und herausgegeben von Heide Steiner im Insel Verlag 1995, ISBN 3-458-33424-6. Vgl. zu dieser Deutung Robert Fricker: Karl Heinz Göller und Gerhard Hoffmann (Hrsg.): Die englische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02222-0, S. 205, sowie Manfred Durzak: Die deutsche Kurzgeschichte der Gegenwart: Autorenporträts – Werkstattgespräche – Interpretationen, Reclam-Verlag, Stuttgart 1980, 2. Auflage 1983, ISBN 3-15-010293-6, S. 282.
Demgegenüber sind die Klassenunterschiede sowohl für ihre Mutter als auch für ihre ältere Schwester Jose eine selbstverständliche, nicht in Frage zu stellende Gegebenheit. Perspektivisch setzt, wie Durzak in seiner Analyse der Geschichte herausstellt, „das große Fest, das im Garten der Sheridans für die Kinder und deren Freunde vorbereitet wird, mit einem Festzelt, mit Blumenpracht, festlicher Bekleidung und Schleckereien […] einen materiellen Reichtum der Lebensform voraus, der von den meisten Familienmitgliedern und besonders der zum Luxus neigenden Mrs. Sheridan als quasi naturgegeben empfunden wird“.Manfred Durzak: Die deutsche Kurzgeschichte der Gegenwart: Autorenporträts – Werkstattgespräche – Interpretationen, Reclam-Verlag, Stuttgart 1980, 2. Auflage 1983, ISBN 3-15-010293-6, S. 282. Dieser Aspekt wird auch eingehend unter Angabe diverser Textbelege in der Analyse von Staek hervorgehoben. Vgl. Wolfgang Staek: Stories of Initiation · Model Interpretations. Klett Verlag, Stuttgart 1979, ISBN 3-12-578430-1, S. 86 und 89 ff.
Behutsam werden von der Autorin an verschiedenen Stellen weitere Hinweise auf die, wie Durzak es nennt, „von viktorianischer Selbstüberzeugtheit durchdrungene […] großbürgerliche Arroganz“ in der Welt der Sheridans eingestreut.Manfred Durzak: Die deutsche Kurzgeschichte der Gegenwart: Autorenporträts – Werkstattgespräche – Interpretationen, Reclam-Verlag, Stuttgart 1980, 2. Auflage 1983, ISBN 3-15-010293-6, S. 282 f. So beleuchtet u. a. das Eintreffen der Blumenpracht die Bedeutung der Feier für Mrs. Sheridan: Sie liefert den Vorwand für die Befriedigung ihres eigenen Luxusbedürfnisses sowie ihrer extravaganten Launen. Ebenso ist von den „gastronomischen Köstlichkeiten“ die Rede, die Laura später als Verlegenheitslösung gleichsam wie „Brosamen vom Tisch des Reichen der armen Trauerfamilie bringen wird“.Vgl. Robert Fricker: Karl Heinz Göller und Gerhard Hoffmann (Hrsg.): Die englische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02222-0, S. 206, sowie Manfred Durzak: Die deutsche Kurzgeschichte der Gegenwart: Autorenporträts – Werkstattgespräche – Interpretationen, Reclam-Verlag, Stuttgart 1980, 2. Auflage 1983, ISBN 3-15-010293-6, S. 282 f.
Gleichermaßen steht Lauras spontanem sozialem Mitgefühl nach der Unglücksbotschaft die Hartherzigkeit und das Klassenbewusstsein der Schwester („>Ach, Laura!< Jose wurde nun richtig ärgerlich. […] Ihre Augen wurden hart.“, S. 70) gegenüber. Jose hält Lauras Anteilnahme für „überspannt“ und „albern“ (s. 69). In gleicher Weise reagiert die Mutter:
„Aber, mein liebes Kind, wo bleibt denn dein gesunder Menschenverstand. Wir haben doch nur zufällig davon erfahren. Wenn dort jemand ganz normal gestorben wäre – und ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie sie in diesen engen kleinen Löchern überhaupt am Leben bleiben können – würden wir doch trotzdem unser Fest feiern, nicht wahr?“. (S. 71)
Mrs. Sheridan ist vorrangig mit dem Ausprobieren ihres neuen Hutes am Toilettentisch beschäftigt – ein Hut, der jedoch zu jugendlich für sie sei. Sie zeigt sich erleichtert, als sie erfährt, dass der Mann „[d]och nicht etwa im Garten“ der Sheridans verunglückt ist. Lauras Mitempfinden weist sie amüsiert als absurde, nicht ernstzunehmende Albernheit ab:
„Sie nahm Laura einfach nicht ernst. […] >Du bist aber albern, Laura<, sagte sie kalt. >Solche Leute erwarten keine Opfer von uns. Und es zeugt nicht von sehr viel Mitgefühl, allen das Vergnügen zu verderben, wie du es jetzt tust.<“ (S. 71 f.)Vgl. zu diesem Deutungsansatz ausführlicher Robert Fricker: Karl Heinz Göller und Gerhard Hoffmann (Hrsg.): Die englische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02222-0, S. 206. Ebenso Wolfgang Staek: Stories of Initiation · Model Interpretations. Klett Verlag, Stuttgart 1979, ISBN 3-12-578430-1, S. 88, und Manfred Durzak: Die deutsche Kurzgeschichte der Gegenwart: Autorenporträts – Werkstattgespräche – Interpretationen, Reclam-Verlag, Stuttgart 1980, 2. Auflage 1983, ISBN 3-15-010293-6, S. 282.
In der deutschen Übersetzung von Heide Steiner geht allerdings in diesen Passagen ein wesentliches strukturierendes Bedeutungselement der ursprünglichen Fassung Katherine Mansfields verloren. Im Originaltext bezeichnen sowohl Jose als auch Mrs. Sheridan Lauras Reaktion auf die Todesnachricht mehrfach englisch als „absurd“.Vgl. z. B. den Abdruck des Originaltextes bei Wolfgang Staek: Stories of Initiation · Model Interpretations. Klett Verlag, Stuttgart 1979, ISBN 3-12-578430-1, S. 74 f.