Sahl ibn ʿAbdallāh at-Tustarī (; geboren wahrscheinlich 818 in Schuschtar, gestorben 896 in Basra) war ein irakischer Sufi und Koranexeget. at-Tustarī war bekannt mit dem einflussreichen Mystiker Dhū’n-Nūn al-Miṣrī und zeitweise ein Lehrer von Hallādsch. Seine Lehre, die sich größtenteils aus seinem Korankommentar erschließen lässt, stellt sich als Ineinandergreifen verschiedener Konzepte von Kosmologie, Aufbau der menschlichen Seele und spiritueller Praxis dar.
At-Tustarīs Kosmologie geht von der Grundannahme aus, im Propheten Mohammed komme göttliches Licht vor, welches auf den Rest der Menschheit in verschiedenen Formen ausstrahle. Am Anfang der Zeit schließt Gott einen Vertrag mit der Menschheit, welcher diese verpflichtet, den Geboten Gottes zu folgen. Dem Menschen wird dies durch die ihm innewohnende dunkle Seite der Seele (nafs) erschwert, welche ihn stets zum Bösen treibt. Demgegenüber stehen die positiven inneren spirituellen Kräfte, wie das Herz (qalb), die geistige Seele (nafs ar-rūḥ) und der Intellekt (ʿaql), mittels derer der Mystiker in Kontakt zum Göttlichen kommen kann. Hierzu sind bestimmte Lebensweisen erforderlich, wie der Verzicht auf irdische Genüsse, die Achtung des Koran und der Sunna sowie das Bekenntnis zur Einheit Gottes (Tauhīd) und das alleinige Vertrauen auf Gott. Dies mündet in der Praxis des Dhikr, der stetigen Wiedererinnerung des Prinzips Gottes durch den Mystiker. Auf der höchsten Stufe des mystischen Weges ist es dem Mystiker möglich, Gott selbst zu erfahren. Durch diese Erfahrung erlangt der Mystiker die Sicherheit, dass er von Gott aufgenommen wird. In der jenseitigen Welt wird der Mystiker in der permanenten Präsenz Gottes leben.
Leben Sahl at-Tustarī (mit vollem Namen auch Abū Muḥammad Sahl b. ʿAbd Allāh b. Yūnus b. ‘Īsā b. ’Abd Allāh b. Rafī‘ at-Tustarī) wurde wahrscheinlich im Jahre 203/818 im persischen Schuschtar (Chusistan) geboren. Hinsichtlich seines Geburtsdatums besteht Uneinigkeit, die Angaben schwanken zwischen 200/815 und 203/818.Böwering, Mystical Vision, 44. Ebenso besteht Unklarheit darüber, ob er persischer oder arabischer Abstammung war. Für eine persische Abstammung spricht, dass er das Persische oft in Kombination mit klassischem Arabisch verwendete, für eine arabische, dass seine Familie mütterlicherseits vom Propheten abstammte.Böwering, Mystical Vision, 44-5. Er starb im Jahr 283/896. In seinem ersten Lebensjahrzehnt wurde er von seinem Onkel mütterlicherseits Muḥammad b. Sawwār in die islamische Mystik eingeführt, welcher möglicherweise Verbindungen zu dem Sufi Maʿrūf al-Karkhī hatte.Keeler, Tafsir, XV. Ebenfalls erlernte er die Exegese von Koran und Hadith. Er soll zu dieser Zeit bereits Frömmigkeitsrituale durchgeführt haben, wie zum Beispiel das nächtliche Wachen. ʿAttār und Quschairī überliefern einige episodische Erzählungen hierzu.Keeler, Tafsīr, XVI.
Im Alter von 13 Jahren soll Tustarī in eine spirituelle Krise geraten sein. Hierauf suchte er zunächst ergebnislos Rat in Basra und reiste dann zum ribāt des Hamza al-ʿAbbādānī, welches in der Tradition von Hasan al-Basrī stand. Hier erlernte er, gemäß der Tradition des ribāt, die Einstellungen und Verhaltensweisen eines Sufis. Hier soll er auch eine Leuchtschrift am Himmel gesehen haben, die einen Vers aus dem Koran wiedergab.Keeler, Tafsir, XVI Anschließend kehrte er zurück nach Tustar, wo er als Asket ohne große persönliche Bindungen lebte; allerdings heiratete er und wurde Vater eines Sohnes. Im Jahre 219/834 unternahm Tustarī die Pilgerreise nach Mekka (Haddsch). Dort traf er auf Dhū’l-Nūn al-Miṣrī, mit welchem ihn ein weitreichender spiritueller Austausch verband. Ob eine Lehrer-Schüler-Beziehung zwischen beiden bestand, ist unklar, die Islamwissenschaftler Annabel und Ali Keeler sehen aber Hinweise hierauf im Kitāb al-Lumaʿ des Sufi-Gelehrten Abu Nasr as-Sarradsch, Böwering nennt ebenfalls einige Hinweise.Böwering, Mystical Vision, 50-1; Keeler, Tafsīr, XVI. Ebenfalls ist es möglich, dass Dhū’l-Nūn die der griechisch-römischen Antike entstammende Hermetik an Tustarī vermittelte.Keeler, Tafsīr, XVII. Tustarī scheint Wissen über Astrologie, Alchemie und Medizin besessen zu haben, das er möglicherweise während dieser Zeit erwarb. Dhū’l-Nūn vermittelte ihm auch die Idee des Vertrauens in Gott (tawakkul).Keeler, Tafsīr, XVI
Nach dem Tode Dhū’l-Nūns im Jahre 245/860 begann Tustarī mit der Verbreitung seiner Lehre. Zu diesem Zeitpunkt mag er schon erste Schüler um sich gehabt haben, unter anderem den berühmten Sufi Ḥallādsch. BöweringBöwering, Mystical Vision 62 datiert die Entstehung von Ḥallādschs Schülerkreis auf die Jahre 873 bis 875. Zwischen 262/876 und 264/878 musste er nach Konflikten, die seine Lehre betrafen, nach Basra fliehen.Keeler, Tafsīr, XIX. Kriegswirren, die in der Einnahme Tustars durch die Saffariden gipfelten, mögen zu Tustarīs Abreise beigetragen haben.Böwering, Mystical Vision, 61 In diese Zeit fällt ein Bericht, wonach Tustarī den Saffaridenherrscher Ya’qūb b. al-Laith durch sein Gebet heilte. In Basra entstand ebenfalls ein Konflikt mit zwei schafiitischen Gelehrten, Abū Zakariyya al-Sādschī und AbūʿAbd Allāhal-Zubayrī. Sie nahmen Anstoß daran, dass Tustarī für sich den Status eines Heiligen beanspruchte. Der Islamwissenschaftler Gerhard Böwering vermutet, dass Tustarī bei den Malikiten und Hanbaliten in gutem, bei den Schafiiten hingegen in schlechtem Ruf stand.Böwering, Mystical Vision, 65. Tustarī selbst ordnete sich selbst keiner der Rechtsschulen zu, mag sich aber teils an hanafitische Sichtweisen angelehnt haben.Böwering, Mystical Vision, 66. Tustarī nahm zu dieser Zeit für sich in Anspruch, der Beweis Gottes (ḥudschdschāt Allāh) zu sein.Böwering, Mystical Vision, 64.
Tustarīs Schüler und die Sālimīya Tustarīs Schülerschaft gliederte sich nach seinem Tod neu. Eine Gruppe um Abū Muḥammad ad-Dschurayrī and Abū l-Ḥasan al-Muzayyin at-Tirmidhī schloss sich der Tradition al-Dschunaids in Bagdad an, während in Basra aus Tustarīs Lehrtradition die Schule der Sālimīya entstand, benannt nach Muḥammad b. Sālim, einem der engsten Schüler Tustarīs. Hierbei wird Muḥammads Sohn Aḥmad als zweiter Gründer neben seinem Vater genannt. Die Gruppe soll sich, gemäß dem Geographen al-Muqaddasī, nicht viel für das islamische Recht (fiqh) interessiert haben, sondern stärker auf Askese und die Lehren der eigenen Schule bedacht gewesen sein.Tunc, Tustarī, 23-4. Falls sie sich mit fiqh beschäftigten, sollen sie malikitisch geprägt gewesen sein, obwohl der Gründer der Schule hanafitisch orientiert gewesen sein soll.Tunc, Tustarī, 24; Böwering, Mystical Vision, 66. Weitere Schüler Tustaris waren Abū Bakr al-Sidschzī, welcher Tustaris Tafsir übermittelte, ʿUmar b. Wāṣil al-ʿAnbarī und der hanbalitische Theologe Ḥasan b. Chalaf al-Barbahārī. Die zwei letzteren predigten nach Tustaris Tod nach Bagdad.
Die Lehren der Sālimīya sind nur durch ihre hanbalitischen Gegner überliefert. Sie umfassten die Ansicht, dass Gott verschiedene Attribute wie Sein und Nichtsein von Ewigkeit her in sich enthält, dass er von Ewigkeit her Schöpfer ist, und dass er am Tag der Auferstehung allen Geschöpfen sichtbar wird, hierbei teilweise in menschenähnlicher Gestalt. Außerdem gab es eine divergierende Auffassung über die Geschichte von Iblis. Keeler und Keeler merken an, dass die Ablehnung der Lehre der Sālimīya teilweise auf Fehlinterpretationen zurückzugehen scheint.Keeler, Tafsīr, XXII. Ebenso lässt sich die eigentliche Lehre der Schule nicht mit Sicherheit rekonstruieren, da die Überlieferung ihrer Lehre durch Gegner derselben keine vertrauenswürdige Quelle ist. Zum Verhältnis zwischen der Lehre der Sālimīya und der Lehre Tustarīs merkt der Islamwissenschaftler Tunc an, dass letztere eher dem orthodoxen sunnitischen Verständnis gleichkommt.Tunc, Tustarī, 35. Weite Teile der Lehre der Sālimīya werden von Tustarī nirgendwo angesprochen.Tunc, Tustarī, 43. Angesichts der erwähnten Problematik in der Quellenlage zur Sālimīya und der zunächst nur mündlichen Wiedergabe der Tradition Tustarīs (die Auslassungen in der Lehre Tustarīs, die später bei der Sālimīya aufgetreten sein könnten, sehr wohl möglich macht) muss jeder Vergleich hier mit Vorsicht betrachtet werden.
Werke Tustarī werden eine Reihe von Werken zugeschrieben. In den Hauptquellen der Sufis (zum Beispiel ʿAṭṭār) tritt er als Verfasser von Aphorismen und Sprichwörtern auf.Keeler, Tafsīr, XXIV. Seine Aussprüche wie auch sein Lebensstil scheinen zum Teil von seinen Schülern überliefert worden zu sein, die teils eine Generation nach ihm schrieben. Hierbei wurden wohl Kürzungen im Wortlaut vorgenommen, der nur in Stichpunkten notiert worden war. Tustarī selbst legte nichts schriftlich nieder.
Tustarī wurden in bibliographischen Quellen der Sufiliteratur eine Reihe heute verschollener Werke zugeschrieben. Ebenso existiert eine beträchtliche Auflistung noch vorhandener Werke. Böwering, Mystical Vision, 8-18. Bei einigen frühen Zuschreibungen kann jedoch nicht sicher von der Autorschaft Tustarīs ausgegangen werden.Böwering, Mystical Vision, 18. Spätere Evidenz ist fragmentarisch und selektiv.Böwering, Mystical Vision, 34 Die Quellen ab dem späten 11. Jahrhundert enthalten vergleichsweise wenig Neues (und dieses Neue besteht womöglich in der Wiedergabe heute verlorener früherer Quellen).Böwering, Mystical Vision, 35. Keeler und Keeler meinen, dass unter Tustarīs Werken der Tafsīr sowie ein Buch über die Geschichte der Propheten (Qiṣaṣ al-anbiyāʾ) seine Lehre besonders deutlich beinhalten. Aufgrund der vorrangigen Bedeutung des Tafsīr und der Kürze der vorliegenden Arbeit wird hier seine Lehre hauptsächlich anhand des Tafsīr dargestellt.Keeler, Tafsīr, XXIII.
Der Tafsīr Tustarīs wurde mündlich an seine Schüler weitergegeben und wurde von diesen mit Erweiterungen zu Papier gebracht.Keeler, Tafsīr, XXV. Die frühesten überlieferten Manuskripte entstammen dem 9./15. Jahrhundert und dem 10./16. Jahrhundert. Manches hiervon findet sich aber wörtlich schon bei Sulamī (gestorben 412/1021), sodass mit einiger Sicherheit vermutet werden kann, dass die Werke schon im 11. Jahrhundert existierten. Keeler und Keeler vermuten, dass noch ein weiterer Text existiert haben muss, da Sulamī Äußerungen zitiert, die nicht in den überlieferten Versionen des Tafsīr auftauchen.Keeler, Tafsīr, XXV.
Aufgrund der Überlieferungslage geht Böwering von drei Überlieferungsschichten in Tustarīs Tafsīr aus. Die erste besteht in authentischen Worten Tustarīs, die dieser bei seiner mündlichen Kommentierung des Korans äußerte. Die zweite sind Aphorismen und Sprichwörter sowie mystische Exkurse, die vermutlich von seinen Schülern eingefügt wurden (wahrscheinlich Abū Bakr al-Sijzī und ʿUmar b. Wāṣil). Drittens finden sich Exegese des Koran und der Hadithe sowie kurze Episoden aus Tustarīs Leben, die von späteren Bearbeitern eingefügt wurden.Böwering, Mystical Vision, 129.30.
Vorgehensweise bei der Koraninterpretation in Tustaris Tafsīr Der Tafsīr kommentiert etwa 1000 Verse (nach kufischer Zählung also etwa ein Sechstel aller Verse), entnommen aus allen Suren des Korans.Keeler, Tafsīr, XXV. Eine Zusammenstellung der wichtigsten Verse in Zusammenhang mit den ihnen zugeordneten Lehrmeinungen Tustarīs bietet Böwering, Mystical Vision, 273-6. Wie Tustarī den Koran auslegte, lässt sich aus dem Kontext im Tafsīr verstehen: Der Vortragende (Tustarī) gerät nach eigenem Verständnis in einen Zustand der mystischen Inspiration, während er den Koran vor seinen Schülern rezitiert. In diesem Zustand wird ihm Erkenntnis über Dinge zuteil, die teils nicht in Worten fassbar ist. Zunächst erklärt Tustarī den wörtlichen Gehalt der Verse. Anschließend wird schließt der in mystischen Themen geschulte Rezitierende an einzelne Versen, Termini oder Sätze eine assoziative Äußerung an, die häufig stark metaphernlastig ist und somit die Deutung erschwert.Böwering, Mystical Vision, 136-7. An eventuelle Nachfragen schließt sich eine weitere Erläuterung an.Keeler, Tafsīr, XXIX.