Hans (Johannes Siegfried) Richter (* 6. April 1888 in Berlin; † 1. Februar 1976 in Minusio, Schweiz) war ein deutscher Maler, Graphiker, Kunstschriftsteller und Filmkünstler. Er emigrierte aus Nazi-Deutschland und erhielt 1951 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.
Er orientierte sich zunächst am Kubismus und Expressionismus. 1916 schloss sich Richter in Zürich den Dadaisten an. 1921 kam er zum experimentellen Film, wobei Richter dessen abstrakte Spielart (Film als musikalische Analogie) wesentlich weiterentwickelte. Neben Oskar Fischinger, Walter Ruttmann und dem Schweden Viking Eggeling zählt Richter zu den bedeutendsten Vertretern des frühen abstrakten Films in Deutschland.
Hans Richter, der aufgrund der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik zur Emigration gezwungen war, gelangte im Jahr 1941 über Frankreich und Portugal in die Vereinigten Staaten von Amerika. Richter war ein „Netzwerker“, der stets Kontakt zu seinen alten Künstlerkollegen und Freunden hielt und diese Freundschaften nach seiner Rückkehr nach Europa 1958 intensivierte.
Leben mini|Hans Richter auf einem Gruppenfoto zum Ersten Internationalen Kongress fortschrittlicher Künstler in Düsseldorf, 29. bis 31. Mai 1922. Von links nach rechts: unbekannter Junge, Werner Graeff, Raoul Hausmann, Theo van Doesburg, Cornelis van Eesteren, Hans Richter, Nelly van Doesburg, unbekannt (De Pistoris?), El Lissitzky, Ruggero Vasari, Otto Freundlich (?), Hannah Höch, Franz Seiwert und Stanisław Kubicki.
Jugend Hans Richter, Sohn des Legationsrates Moritz Richter und der Ida Gabriela Rothschild, begann bereits im Alter von 14 Jahren mit ersten grafischen Arbeiten. Schon als Kind wollte er Maler werden. Sein Vater verbot ihm zunächst das Studium der Malerei und überredete ihn, stattdessen Architektur zu studieren. Als Voraussetzung dafür absolvierte er eine zweijährige Zimmermanns- und Tischlerlehre im väterlichen Betrieb in Berlin. Nach Abschluss der Lehre 1908 ermöglichte ihm sein Vater die Aufnahme an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin, wo er ein Jahr blieb. Danach wechselte er an die Kunstakademie in Weimar. Zunächst zeichnete er vor allem seine Familie und Freunde und fertigte Kopien alter Meister an. In der Kunst des Kopierens entwickelte er solche Fähigkeiten, dass 1913 eine Bielefelder Galerie seine Kopien von Wilhelm Leibl, Franz von Lenbach und anderen in einer Ausstellung zeigte.
Neuorientierung seiner Kunst Doch noch vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs durchbrach Richter die Schranken des Traditionalismus und schloss sich 1913 der Avantgarde um Herwarth Walden, dem Herausgeber der expressionistischen Zeitschrift Der Sturm in Berlin, an. Durch Walden traf Richter die Mitglieder der Brücke und des Blauen Reiter sowie die Futuristen. Marinettis Futuristisches Manifest verteilte er an Droschkenkutscher am Potsdamer Platz.
Über die 360 Gemälde, die 1913 im Herbstsalon der Sturm-Galerie ausgestellt wurden, schreibt er: „Ich ging voller Erwartung hin. Da sah ich dann zum ersten Mal, worum es bei der modernen Kunst überhaupt geht. Vielleicht war ich durch Die Badenden von Cézanne darauf vorbereitet, aber das geschah mehr im Unterbewusstsein. Beim Herbstsalon sah ich moderne Kunst in ihrer ganzen Pracht: sowohl Picasso, Braque als auch die Futuristen und andere.“ Und: „Was mich am Kubismus beeinflußte, war nicht nur die neue Ausdrucksform, sondern der Mut und die Kühnheit, diesen Schritt zu wagen: Sie (die Kubisten) sprangen von der Welt der natürlichen Objekte in die Zerlegung der Objekte; also sprang ich auch. Ich entwickelte meine eigene Art von Kubismus. Die Struktur des Kubismus, der Kubismus als konstruktives Prinzip, schien mir bei weitem der bedeutendste Schritt in der Malerei in unserem Jahrhundert zu sein.“
Hans Richter stieß 1914 zum Kreis um Franz Pfemfert. Für die Zeitschrift Die Aktion porträtierte er Schriftsteller und Dichter, deren Beiträge in der Zeitschrift erschienen. Deren sozialistische Neigungen und Anti-Kriegsgedanken entsprachen Richters anarchistischen Neigungen: „Der aufgeschlossene Verleger und Herausgeber der Aktion, der Schrift der neuen deutschen Literaturgeneration zwischen 1912 und 1920, war aktiv gegen den Kaiser und gegen den Krieg eingestellt und ein Beschützer und Bewunderer der jungen Dichter und Künstlergeneration. Pfemfert hatte einen unbeirrbaren Sinn für Qualität und eine unbestechliche Intelligenz. Für all diejenigen von uns, die nach einem neuen Maß suchten, einem neuen Menschenbild, war er der Schutzheilige. In seinem ständig überfüllten kleinen Büro begegnete man Liebknecht und Rosa Luxemburg, Carl Einstein, Däubler…“ und anderen.
Im Ersten Weltkrieg Am 15. September 1914, kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, wurde Richter als Soldat eingezogen. Seine Freunde, die Dichter Ferdinand Hardekopf und Albert Ehrenstein, gaben ihm zu Ehren ein Abschiedsfest. „Um mir Hoffnung und Trost zu spenden, schlugen sie vor, daß, wenn wir nach zwei Jahren noch am Leben seien, wir uns um drei Uhr nachmittags, am 15. September, im Café de la Terrasse in Zürich treffen sollten“. Wenige Monate später wurde er in Vilnius/Litauen schwer verwundet. Teilweise gelähmt wurde er in ein Krankenhaus in Tilsit gebracht und später in das Lazarett Hoppegarten bei Berlin verlegt. Dort lernte er seine spätere Frau, eine Krankenschwester, kennen.
DADA in Zürich Auf Empfehlung seiner Ärzte begab sich Richter 1916 wegen seiner Kriegsverletzung in die Behandlung eines Spezialisten in Zürich. Dort kam er in Kontakt mit der Dada-Bewegung. Bereits im Februar 1916 hatten sich die Dadaisten zu einer Gruppe zusammengeschlossen. Ihre Mitglieder waren Hugo Ball, Emmy Hennings, Hans Arp, Richard Huelsenbeck, die Gebrüder Janco und Tristan Tzara. Am 15. September 1916 wurde er von Ferdinand Hardekopf und Albert Ehrenstein im Café de la Terrasse in Zürich Tristan Tzara, Marcel Janco und dessen Bruder Georges vorgestellt. Danach wurde er als Mitglied der Gruppe betrachtet und entwarf im Januar 1917 ein Plakat zur ersten Dada-Ausstellung in der Galerie Corray in der Bahnhofstraße. Seine Bilder wurden zusammen mit Werken von Otto Van Rees, Janco, Johann Wilhelm von Tscharner, Oscar Lüthy und Walter Helbig sowie Beispielen afrikanischer Skulptur ausgestellt. Wenig später übernahmen die Dadaisten die Galerie von Han Coray und führten sie als Galerie DADA weiter. 1917 beteiligte sich Hans Richter an der dritten Ausstellung in der Galerie Dada (vom 2. bis 29. Mai). Ausgestellt wurden Arbeiten von 20 Künstlern, darunter Hans Arp, Marcel Janco, Arthur Segal, Hilla von Rebay, Paul Klee, August Macke, Amedeo Modigliani, Marcel Slodki und einige Zeichnungen von Kindern (u. a. von Annemarie Hennings).
Am 9. April 1919 fand die achte Dada-Soirée, die letzte Dada-Veranstaltung in Zürich, im Saal zur Kaufleuten vor einem Publikum von über tausend Menschen statt. Hans Richter dozierte über Hans Arps Dichtkunst und las aus seinem Manifest Gegen ohne für Dada. Tristan Tzara empfand die Rede als »maliziös und elegant, Dada, Dada, Dada«. Für diese letzte Dada-Veranstaltung in Zürich malten Hans Richter und Hans Arp Bühnenbilder für Tänze, die von Rudolf-von-Laban-Schülern nach einer Choreographie von Sophie Taeuber aufgeführt wurden. »Auf endlos langen Papierstreifen, ca. 2 m hoch, begann Arp von einer Seite und ich von der anderen mit schwarzer Farbe Abstraktionen hinzumalen. Arps Formen sahen wie riesige Gurken aus. Ich folgte seinem Modell, und wir malten schließlich kilometerlange Gurkenplantagen, wie ich sie nannte, bis wir uns in der Mitte trafen. Dann wurde das Ganze auf Holzstücke genagelt und bis zur Vorführung aufgerollt.« Tristan Tzara ging im Dezember nach Paris und beendete damit die Dada-Aktivitäten in Zürich.
Avantgardefilm mini|Internationaler Kongress der Konstruktivisten und Dadaisten in Weimar. (Von links nach rechts) - Obere Reihe: Max und Lotte Burchartz, Peter Röhl, NN. Vogel, Lucia und László Moholy-Nagy, Alfred Kemeny. Zweite Reihe: Alexa Röhl, El Lissitzky, Nelly und Theo van Doesburg, NN. Sturtzkopf. Untere Reihe: Werner Graeff, Nini Smit (=Sophie Taeuber), Harry Scheibe, Cornelis van Eesteren, Hans Richter, Tristan Tzara, Hans Arp. Nach seiner Rückkehr aus Zürich (1919) begann Richters Zusammenarbeit mit dem acht Jahre älteren Viking Eggeling. Auf der Suche nach einem tieferen Verständnis ihrer unabhängig voneinander gemachten Entdeckungen zum Prinzip der Polarität intensivierten sie im Herbst ihre Experimente, nun in gemeinsamer Arbeit. In Klein-Kölzig (in Richters Elternhaus) experimentierten die beiden Freunde mit geometrischen Kompositionen. Eggeling reduzierte seine Formen mit wenigen Strichen und Linien auf einfache, elementare Einheiten, während Richter mit dem Zusammenspiel von Flächen und Ebenen arbeitete. Damit leiteten sie den Übergang von Dada zum Konstruktivismus ein. Eggeling und Richter verfassten 1920 die Proklamation »Universelle Sprache«. Sie hielten die abstrakte Form, die Auflösung des Gegenständlichen, für die einzige allgemein verständliche Sprache, mit der die Kunst ihre gesellschaftliche Aufgabe zurückgewinnen könne. Die achtseitige Proklamation, in dem sie ihre Theorien darlegen, verschickten sie an einflussreiche Persönlichkeiten und baten diese um Unterstützung bei der UFA, die ihnen ein Trickfilmstudio und einen Techniker für ihre Filmexperimente zur Verfügung stellte. Doch das Ergebnis war völlig unbefriedigend. Für einen Trickfilm von 10 m Länge und einer Dauer von nur 60 Sekunden wurden 10 Tage benötigt. Trotz dieser Enttäuschung setzten sie ihre Filmexperimente fort.
Ab 1922 kam Richter erneut nach Berlin. In dieser Zeit schloss er sich der Gruppe De Stijl sowie den Konstruktivisten an. Kurze Zeit später (1923–1926) gab er mit Werner Graeff und Mies van der Rohe die Zeitschrift G heraus. In der Folgezeit entstanden einige innovative Filme. 1926 verwendete Richter in Filmstudie erstmals Bestandteile aus der gegenständlichen Welt, die er jedoch durch geschickte Montage zu abstrakten Stilelementen umfunktionierte. 1928 beauftragte die Gesellschaft für Neue Musik Hans Richter, einen Film für das Musikfestival Deutsche Kammermusik Baden-Baden zu drehen. In Vormittagsspuk, der in Zusammenarbeit mit Werner Graeff entstand, ließ er sich von Dada inspirieren, indem er den Aufstand von Gegenständen, Hüten, Revolvern und Schläuchen gegen den Alltag zeigte und damit die Loslösung des Gegenstandes von seinem Besitzer symbolisierte. Bei der Aufführung von Vormittagsspuk spielte ein Orchester synchron dazu eine eigens von Paul Hindemith komponierte Musik.
In Alles dreht sich, alles bewegt sich! (1929) verwendete Richter eine Tonmontage, in der Musik, Sprache und Geräusche in ein rhythmisches Schema eingebunden sind. Die Uraufführung fand in Baden-Baden statt, und SA-Männer, die den Film sahen und seine moderne Intention missbilligten, erklärten Richter zum „Kulturbolschewisten“. Als der Film 1936 an der Lessing-Hochschule zu Berlin den ersten Preis für künstlerische Gestaltung gewann, wurde Richters Name verschwiegen.
Im selben Jahr wurde Hans Richter zum Leiter der Internationalen Film- und Fotoausstellung des Deutschen Werkbundes in Stuttgart (18. Mai bis 7. Juli) berufen. Er lud die avantgardistischen Filmemacher aus Ost und West zur Teilnahme ein. Die russische Avantgarde war stark vertreten. Für diese Ausstellung schrieben Richter sein erstes Buch Filmgegner von heute, Filmfreunde von morgen. Der russische Einfluss und die Tendenz zum sozialen Film in Form des expressionistischen Dokumentarfilms gewannen gegenüber dem poetischen Film an Bedeutung.